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Full text of "Das malerische und romantische Westphalen"

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rRRlLlGEATH n. S^aÜCKtKiü^. 




Das 



malerische und romantische 







Von 



Ferdinand Freili^ratli 



und 



Levin l^chückins:. 



Mit 30 Stahlstichen. 



BARMEN, 



LEIPZIG, 



bei W. Langewiesche. bei Friedr. Voickmar. 



Gedruckt bei Sam. Lucas in Elberfeld. 



Annex 

DD 

Seiner M^estät 



dem 



^öniflf »an |lreu(?fn 



FRIEDRICH WILHELM IV. 



ehrfurchtsvoll und unterthäniffst 



iiewiamei. 



Äonrr' 



Stock, Stein, Gras, Grein. 

I.Dsiiiifi der l'e/itiic. 

MJics sind die Linden; — beide morsch und alt! 

Rechts die zerbarst: — sie khitft mit jähem Spalt 

Auf von der Wurzel bis zur Splitterhaube. 

Weit aber greift sie mit den Aesten aus; 

Fast wie die Schwester prangt sie grün und kraus, 

Und schmückt die Stirn mit frühlingsfrischem Laube. 

Dies ist der Tisch; — hart imter'm Lindenpaar 
Erhebt er sich; — du kannst des Reiches Aar 
Zur Stunde noch auf seiner Platte schauen. 
Der Stadt des Reiches flog sein Adler vor; 
Hier auf dem Tische, dort auch überm Thor, 
Und in den Kirchen weist er seine Klauen. 



n Titel Vignette. 



Ein todt Gcthici! — Der Welschland übcrllog, 

Um Syriens Palmen kühne Kreise zog-, 

Das heil'gc Grab und Golgatha beschirmte, 

Der mit dem Wappenleu'n Castilia's 

Auf Einem Deck^ auf Einer Flagge sass, 

Und durch die Wälder der Kaziken stürmte: — 

Die Zeit erlegt' ihn ! — Steine sind sein Pfühl ! 
Wer weckt des Kaisers trotzig Federspiel? 
Im Steine träumt es, wie der Falk im Ringe. — 
Sein Träumen aber? — Schlachtfeld und Gelag, 
Blulbann und Blut: — auf diesem Tische lag 
Das nackte Schwert einst und die Weidenschlinge 

0, träume zu! — Der Wandrer stört dich nicht! 
Und doch — auch Er will hegen ein Gericht! 
Er weiss das Wort; er ist befugt, zu schlichten! 
Ein neuer Freigraf tritt er Jiühn heran; 
Sein Auge blitzt: — in rother Erde Bann 
Die rothe Erde selber will er richten! 

Sein eigner Frohne schritt er durch das Land! 
Er that den Schlag an jede Trünimerwand, 
Er hieb den Span aus jeder Thurmespfortc, 
In Burg und Kloster flog sein Ladungsbrief, 
Um Mitlernacht zu dreien Malen rief 
Auf jedem Kreuzweg dräuend er die Worte : 



„Horch auf! — Die Ladung-! — Du verschiie'ncr Slrich, 

Land meiner Väter^ ich berufe dich! 

KccJv vor dem Stuhle lass dein Banner strahlen! 

Wie Forst und Strom und frischgepflügtes Land 

Dreiftirbig scJiimmern lassen dein Gewand, 

Grün, weiss und schwarz — so stelle dich, Westphalen! 

Du bist vcrvehmt, es ruht auf dir die Acht, 

Es hat das Reich dich in Gerücht gebracht; 

Begegn' ihm stolz! was schlummerst du am Hcerdc? 

Die Rüger harren — rings die Lande sind's! 

Sie rufen laut: das Fohlen Wittekinds, 

Ein Schlachtross weiland^ sank zum Ackerpferde! 

Nicht schallt sein Wiehern wild mehr im Gefecht; 
Nicht zäumen Freiherr mehr und Edelknecht 
Sein trotzig Haupt zu ritterlichem Stephen. 
Sein Aug' ist glanzlos, und sein Mund ist stumm; 
Auf öden Haiden treibt es sich herum, 
Und weidet trag an namenlosen Bächen. 

Auf seinem Nacken herrscht ein rauher Stamm; 
Er treibt es ab auf steiler Berge Kamm, 
Er lässt es träumend über Moore schwanken. 
Zahm und geduldig -schirrt er's vor den Pflug; 
Des gelben Haarrauchs dunstig Nebeltuch 
Umweht als Decke flatternd seine Flanken. 



6 

Wo sich der Thorweg hebt^ von Rauch gebräunt, 
Vom grünen EicJikanip sassisch noch umzäunt; 
Wo des Gehöftes Halmendäclicr ragen; 
Wo, von dem Kranz der Pilgerin umweht, 
Der Schrein des Heil'gcn dicht am Wege steht, 
Da lebt es dumpf, und hat verlernt das Schlagen! 

Kannst du es hören? — In den Klageruf, 
Der dich befehdet, donnert nicht dein Huf? — 
0, jag' heran, lass deine Mähne fliegen! 
Mit deinen Eidcshelfern: Berg und Fluss, 
Tritt vor den Richter, der dich richten muss. 
Und übersieb'ne deiner Feinde Rügen! 

In ihr Gescheit und in ihr lautes Drohn 

Mische des Felsbachs und der Quelle Ton, 

Die um das Eisen deiner Hufe lecken! 

Wirf ab die Hülle — deiner Thalc Duft! 

Lass deine Berge steigen in die Luft, 

Wie Zeugenfinger, die zum Schwur sich recken! 

Lass deine Wälder llüsternd dich umwchn, 
Lass deine Klippen dir zur Seite stehn, 
Lass deine Burgen sich in's Stromthal neigen! 
Lass deiner Dome farb'ge Scheiben glühn, 
Lass deiner Gilden alte Pfeile sprühn — 
Air deine Helfer, lass sie uahn und zeugen! 



7 

Mein Ruf gilt allen, ernst und richterlich! 
Durch deine Pforte , blaue Weser, brich, 
Und lluthe sanft um deine Buchenhügel! 
Die Heerde blockt, das weisse Segel schwillt. 
Auftaucht die Stadt — o so, wie einen Schild, 
Zeige den Klägern deinen Wellenspicgel! 

Und ihr — geröthet von der Hämmer Gluth, 

Als färbte Zornesfeuer eure Fluth; 

Umblitzt von Schlacken, und geschwärzt von Kohlen! - 

Ruhrstrom und Lenne, wild und mit Gebraus 

Vernehmt die Rüge! schäumend tretet aus, 

Die Schmach zu waschen von Altsachsens Fohlen ! — 

Dann ihr im Sande! — Springt und wühlt euch durch! 
Frisch durch den Schutt der Tempelherrenburg! 
Friscii durch der Senne dorniges Gestrippe! — 
Lasst Walfen reden: — an das Ufer werft 
Hastatenschwerter, die einst Rom geschärft! 
Lasst eure Schädel reden, Ems und Lippe! — 

Und nun ihr Berge, steil und laubverkappt! — 

Wie ihr voll Trotzes euch gelagert habt 

Rings an der Flüsse kiesigen Gestaden; 

VMo euch umtönt des Habichts kurzer Schrei, 

Wie euch durchbricht des Hirsches braun Geweih: 

So kommt und zeugt, und so auch seid geladen! 



8 

Nicht ihr allein: — auch, was auf euch g^ebaul! — 
Die von den Berg-en ihr herniederschaut, 
Graustirn'ge Mahner dem Geschlecht im Thale, 
In eurer Trümmer moosbewachsner Pracht 
Hört meine Stimme schallen durch die Nacht, 
Burg und Kapelle, Schloss und Kathedrale! 

Und euch auch mein' ich, morsche Bilder ihr! 

Sei's unter Harnisch, Helmbusch und Visir, 

Sei's mit der Inful und dem Hirtenstabo, 

Verschrt vom Regen und vom Wetterstrahl — 

Verlasst des Münsters und der Burg Portal, 

Und schreitet her, umkreist von Dohl' und Rabe! — 

Wandeln die Steine, mag das Erz auch nahn! 
Weithin erglänzt es: — Male ruf ich an 
Der Patrioten und der Volksbefrcier! 
Das Schwert in Händen und die „Phantasie'n," 
Legt ab eu'r Zeugniss: Moser und Armin! 
Du schon erhöht, — du noch im Essenfeuer! 

Und du zuletzt, der Alles inne hält: 

Wald und Gebirge, Strom und Ackerfeld, 

Aus deinen Häusern komm, aus deinen Hütten! 

Ob du verdienst des bösen Leumunds Schmach,' 

Zeig' es dem Stuhle, kräft'ger Menschenschlag, 

Einfach von Wesen, schlicht und derb von Sitten! 



9 

Lass dich erschau'n, wie du die Hand mir drückst, 
Wie an den Heerd du meinen Sessel rückst, 
Wie du mich bittest: Iss, als wär's dein eigen! 
Wie du der Väter Brauch und Vorgang ehrst, 
Wie du den Stahl reckst und die Erndte fährst, 
Wie du dich schwingst im lust'gen Schützenreigen! 

Ich lad' euch vor, ich lad' euch allcsammt! 

Die Nacht ist um, die Morgenröthe flammt. 

Das Schwert ist nackt, der SchöfTenkreis geschlossen! 

Er ist mein Volk! Er steht und wartet still. 

Dem Munde lauschend, der euch richten will, 

Baarhäuptig stehn sie, meine Vehmgenossen!" — — 

So scholl sein Ruf! Die Ladung ist geschehn! — 

Und jetzo harrt er wo die Linden stehn; 

Die Sonne wirft ihr Streiflicht durch die Blätter. 

Wohin er schau'n mag, Licht und Leben nur! 

Vor ihm des Hellwegs reiche Aehrenflur, 

Und über ihm des Lerchenlieds Geschmetter! 

Und dort die Mauer, zackig einst umzinnt. 
Die Reinold schülzt, das kühne Heymonskind, 
In die er einzog, eine blut'ge Leiche! 
Auf der, ein licht ujid strahlend Heldcnbild, 
Er oft erschienen ist mit Schwert und Schild, 
Und abgewehrt hat der Belagrer Streiche! — 



10 

Die Sag-c dringt^ das Leben auf ihn ein! m^ > , : i 
Die er berief^ sie nalin in dichten Reih'n; '^^ u')\. ,.-; 

Durch seine Seele dröhnen ihre Schritte. ''■'<'■ ub ,. .. 

Er liört des Fohlens trotzig- Hufgepoch; ub aVN 

Die Sonne blitzt — so sass kein Richter noch»')!) iib oi7/ 

Auf diesem Stuhl in der Geladnen Mitte! -f. nf: .;7/ 

Und so denn freudig hegt er sein Gericht! — 

Den Boden wechselnd, die Gesinnung nicht y 

Wählt er die rothe Erde für die gelbe! 

Die Palme dorrt, der Wüstenstaub verweht: — »Vv'^m 1?!» lA 

An's Herz der Heimath wirft sich der Poet, 

Ein Anderer und doch Derselbe! 



Porta H^estphalica bis Herstelle. 



Uie Porta Wesiphalica ist die Pforte meines Buchs. Habt 
iiir zuerst den Brückenkopf des einleitenden Gedichts genommen, 
so müsst ihr nun noch das Thor der Festung erstürmen. Durch 
die Porta führ' ich euch in das Land, nach dem sie heisst. 

Wer von euch stand bei Sonnenuntergang auf der Weser- 
brücke bei Minden? Aus den Moor- und Haidestrecken des 
nordwestlichen W^estphalens kommend, deren ödes Grau in Grau 
nur zuweilen ein Architecturblitz aus dem I\Iittelalter durchleuch- 
tet, der Osnabrücker Dom etwa oder der lichte, giebelzackige 
Strahl des Rathhauses zu Münster, schritt er vielleicht trüb genug 
in die alte Stronistadt Minden hinein, und Aveder das buschige 
Glacis noch der stattliche Simeonsplatz, weder der freundliche 
Domhof noch die engen, alterthümlich düstern Strassen waren im 
Stande, ihn eine nahe glänzende Verv>irkiichung seiner bisher 
meist unerfüllt gebliebenen Träume von einem „malerischen 
und romantischen Westphalen" hoffen zu lassen. Endlich hat er 
das Thor an der Wasserscite der Stadt erreicht. Kühler Hauch 
des Stromes Aveht ihm entgegen. Noch ein paar Schritte und er 
steht auf der siebenbogigen Brücke; unter ihm, nordwärts hinab 
in die weite, unabsehbare Fläche, schiesst die Weser, und wen- 
det er das Gesicht stromauf, rechts nach Süden, so sieht er die 
Berge, die der Prall der Wasser vor .Jahrtausenden durchbrochen. 



12 

stolz und trotzig sich erheben. Die Porta Westphalica*) liegt 
vor ihm, nicht ein enges, zu beiden Seiten schroff und steil in 
den Strom herabfallendes Felsenthor (nur der östliche, der An- 
tonius- oder Jakobsberg, wird unmittelbar von der Weser bespült), 
sondern ein nicht allzu schmales Querthal , das ausser dem Strome 
Wiesen und Ackerland anmuthig ausfüllen, dessen Benennung 
aber, zumal von dieser Seite und in dieser Entfernung, durchaus 
passend und gerechtfertigt erscheint. Es ist nämlich noch eine 
gute Stunde bis dort, wo die Weser den Gebirgsrücken zerschnit- 
ten hat; links und rechts, dort unter den Namen des Süntels 
oder des Wesergebirges y.ar k'S.oyi]v , hier unter dem des Wie- 
bengebirges streichend, zeigt er dem Blicke des Beschauers keine 
einzige Kerbe, keinen einzigen tieferen Einschnitt; nur der ge- 
waltige, weitklaffende zwischen Jakobs- und Wittekindsberg liegt 
vor Augen, und ist nun, abgesehen davon, dass durch ihn der 
Fluss aus dem Gebirgsland in die Ebene sich ergiesst, in seiner 
Einsamkeit um so mehr einem imposanten Thore, einer Weser- 
scharte, wie die umwohnenden Landleute die Pforte nennen, 
vergleichbar, als die Entfernung ein scheinbares Aneinanderrücken 
der getrennten Bergmassen bewirkt, und das Wiesengelände da- 
zwischen in so geringer Breite zeigt, dass nun fast Berg neben 
Berg emporzuragen, und die Weser hart am Fusse beider sich 
zu schlängeln scheint. — Das ist die Porta, und wer sie so ge- 
sehen hat, nach mühsamer Durchwanderung des Flachlandes von 
der Mindener Brücke aus, felsig und waldig, und von den heis- 
sen, sehnsüchtigen Tinten eines Sonnenuntergangs zu Ende Mai's 
magisch beleuchtet, wohl schlug dem das Herz hochauf vor 
Freude, und er lauschte lechzend hinab in das murmelnde Ge- 
schwätz des Flusses, der alle Mährchen und Heimlichkeiten des 
eben verlassenen Waldgebirges ihm erzählen zu Avollen schien. 
Silberfarben , hier und dort einen Scheideblitz der Sonne zurück- 
werfend, kam er durch Wiesen und Weiden herangeschossen; 
einsame Kähne schwammen stromunter; drüben noch eine voll- 
ständige Mast, „Bock" und „Hinterhang" und „Bulle", die von 
keuchenden Pferden sich hinauf ziehen Hess nach Hausberge; 
Heerden am Ufer; — ein heiteres, lachendes Idyll lag vor ihm, 



*) Die Ansicht stellt sie von der entgegengesetzten Seile, Minden im 
Hintci'siunde, dar. 



— 13 — 

dessen Grundton, den der Ruhe und des stillen ländlichen Frie- 
dens selbst der am Fluss gelagerte Kriegsmann — Minden — 
nicht zu stören vermochte. 

So und in solcher Stimmung war's, dass ich selbst vor ein 
paar Monaten zum ersten Mal die Porta erbliclvte. Die Fläche 
lag hinter, die Berge lagen vor mir, und es trieb mich, den 
Staub der einen mit den Büschen der andern von den Kleidern 
zu streifen. Noch eine Nacht und einen Vormittag in Minden, 
und nun unter dem fernen Gegroll mälig sich aufthürmender Ge- 
witter auf den Witlekindsberg, die westliche Pfortensäule, die 
neben jenem Namen auch noch den üblicheren der Margarethen- 
klus führt! — Wollt ihr sie mit mir besteigen? — Ich führe euch 
gleich auf die Spitze. Dicht mit Buchen bewachsen, lässt sie 
euch auf trocknem Laubfall einen kühlen, schattigen Waldweg 
entlang gehen. Zweige schlagen euch in's Gesicht, Waldmeister 
duftet um eure Füsse, und wenn ihr den Hut mit Geisblatt oder 
mit einer keck geschwungenen Farrnkrautfeder schmücken wollt, 
so braucht ihr nur die Hand auszustrecken. Plötzlich steht ihr 
vor einem mächtigen Wartthurm ; nicht vor einer grauen, mit 
Moos und Epheu bewachsenen Ruine , einer zerbröckelnden Trüm- 
mer aus den Zeiten des Feudalwesens, die euch, wenn ihr sie 
besteigen wollt, ein geharnischter Thürmer erschliesst oder ein 
buntjackiger Schlosszwerg: ein Werk der letzten Jahre ist's, das 
euch zur Rundschau auf seine Zinnen ladet, und ein Müllerchen, 
das im Schalten einer benaclibarten Buche die ärgste Schwüle 
des Mittags bei'm Spinnrade verslreichen lässt, öffnet euch freund- 
lich die Thüre des modernen Lug in's Land. Dir tretet ein, eine 
Wendeltreppe empfängt euch, zwei und siebenzig Stufen ' fliegt 
ihr hinan — und nun steht ihr oben auf der Plateforme, und 
biegt euch hinab über das schützende Geländer. Welch' ein 
Anblick! Nördlich das Flachland bis zum Meere, südlich ein 
beschränkteres, dafür aber auch bunteres und von Wald und Fluss 
mannichfach belebteres Gebiet, und zwischen beiden, eine Tlmrm- 
höhe unter euch, knochig und langgestreckt, und von der ge- 
witterschwülen Sonne des Mittags stechend beschienen, der Rücken 
des Gebirges. Ein zusammengesunkenes Ross, liegt es euch zu 
Füssen, seine Laubflanken zittern vor Erschöpfung — war' ich 
ein Gigant, ich sprang' ilim auf den Nacken, und ritt' es in die 
Nordsee — zur Schwemme! 



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14 

Und hier, eh' ich euch ein Führer werde durch den Land- 
strich, der tief unter euch wie eine Karte aufgerollt daliegt, eh' 
ich mit dem Finger auf seine Berggipfel und auf seine Tiiurm- 
spitzen deute, eh' ich seine Burgen mit euch durchklettere, und 
mit euch eintrete in seine Hallen und Kreuzgänge, lasset mich 
ein Wort der Verständigung zu euch reden! Wenn ich eucli zu 
einer Schweizerreise aufforderte, oder zu einem Ausflug in's 
Tyrol, oder gar zu einem pittoresken Zuge durch beliebige Wü- 
sten, so bedürfte es dessen nicht. Ihr wüsstet dann von vorn- 
herein selbst, was ihr zu erwarten hättet, und wenn die Reise 
niciitsdestoweniger euren Erwartungen nicht entspräche, so könn- 
tet ihr desswegen nur mit dem Ungeschick oder der Unwissenheit 
des Führers rechten, nicht aber mit der Gegend selbst, durch die 
ihr euch führen liesset. Ein Anderes ist es, wenn ich euch eine 
Wanderung durch Westphalen vorschlage , durch ein Land, dessen 
Loos es seit Jahren gewesen ist, mehr gescholten und geschmäht, 
als gepriesen zu werden. Seit Justus Lipsius im Jahr 1586 
seine schweinsledernen Briefe über Westphalen bald „aus der 
Barbarei bei den Breifressern", bald „aus dem ScliAvcinstall, den 
sie Wirthshaus nennen", datirte, hat sich die Schärfe einer Un- 
zahl von Federspitzen an uns versucht, und wir haben uns end- 
lich so daran gewcihnt, dass es uns ordentlich freut oder gar 
rührt, wenn es mit solcher Eleganz geschieht, wie noch neuer- 
lich in Kühne's Briefen an Dina. *} Lipsius und Kühne, die alte 
Literatur und die „junge!" Die alte litt am nordwestlichen Saum 
unserer Wildnisse, die junge am südöstlichen, und ich, der ich 
weder zur alten noch zur jungen gehöre , und mich nur ärgere, 
dass ein Poet heut zu Tage überhaupt zur Literatur gehören muss, 
will euch nicht bloss an die Ränder , mitten hinein will ich 
euch führen, wo es möglicher Weise noch schlimmer ist. Ich 
glaube wirklich, dass ich euch vorher Muth einsprechen muss, 
und dazu ist grade hier, wo wir aus einer Höhe von 800 Fuss 
auf einen grossen, und wahrlich nicht den schlechtesten, Theil 
des verschrieenen Gebiets hinabschauen, der rechte Ort, wie mich 
dünkt. Setzt euch drum in die Runde; stosst mir aber die 
Reisetasche nicht von der Brüstung, und um euch von vornher- 



*) Münnliclie und weibliche Charactere. Tlieil I. 



>#»it^A.A.jL 



— 15 

ein mit westphäliscber 3Iund- und Landesart zu befreunden, so 
thut erst einen „Schluck" aus meiner ledernen Feldflasche. 

Bestimmen wir zuerst die Grenzen unseres Terrains. West- 
phalen — mag der Name nun von Falen d. h. Fohlen, dem 
springenden Pferde in Wittekinds Banner abzuleiten sein, das wir 
noch heute sein : Niuiquam retrorsum auf dem Braunschweigschen 
Wappen wiehern hören; (Schade grade jetzt, dass es nicht auch, 
mit derselben Devise, das Symbol des Hauses Hannover geblie- 
ben ist!} oder von dem Grenzpfahl, der die West- von den 
Ostphalea getrennt haben soll; oder von einem altdeutschen, dem 
englischen fellow entsprechenden Worte Phal; oder von einem 
andern Worte: Falen d. i. Gegend, plaga, regio; oder gar, wie 
einige Etymologen wollen, von den Yandalen — Westphalen 
ist uns, wie Karl dem Grossen, das gesammte Land zwischen 
Khein, Weser und Ems, wie wir dagegen die Striche zwischen 
Weser und Elbe unter dem Namen Ostphalen zusammenschlagen, 
und von dem, zwischen beiden in der Enge liegenden, dritten 
Haupltheile des alten Sachsenreiches, Engern, für den ZwTck 
unserer Wanderung s o viel noch zu Westphalen rechnen , wie wir 
nach Strich und Lauf des Gebirgs und des Flusses sowohl, als nach 
Uebereinstimmung in Gesittung, Yolkscharacter und Mundart für 
gut finden und verantworten zu können glauben. Es ist uns das 
Land, das zu Tacitus Zeiten Bructerer und Sigambrer, Marser, 
Angrivarier und Cherusker inne hatten; das ganze, von den Le- 
gionen zertretene Gebiet im Nordwesten Deutschlands, das dem 
Historiker zu seinem Bilde von den Sitten und dem Culturzuslande 
des alten Germaniens vorzugsweise die Umrisse lieferte. Es ist uns 
der gesammte Strich um Weser und Ems, Ruhr und Lippe, der 
in der rohen Kraft und der schlichten ursprünglichen Weise seiner 
Bewohner, zumal aber in dem Eichengrün und der Weltabge- 
schiedenheit seiner einzeln an Quell oder Bach lieirenden Bauer- 
höfe — ut fons, iit nemus placuit — , an deren rauchgeschwärz- 
tes, erndtekranzgeschmücktes Scheunenthor die Zeit und der 
Fortschritt nur leise und in grossen Zwischenräumen angepocht 
haben, ganz an jene Schilderungen in der Germania uns erin- 
nert. Es ist ein derber, urkräftiger Menschenschlag, die West- 
phalen. Als der Kronprinz von Preussen auf seiner letzten Reise 
durch die Provinz (Sommer 1839) einen Tag in Soest sich auf- 
hielt, ritt auch eine Deputation aus der „Börde" bei ihm vor, an 



16 

die zwei bis dreihundert Bauern stark. Ein prächtiger Zug! 
Stämmige Männer und stämmige Pferde, hellblaue Röcke und 
breitkrämpige Hüte, wenig Sporen und die Zügel meist in der 
rechten Hand, aber die Fersen in den Flanken, die Linke mit 
dem Hut hoch in der Luft, und so in Trab oder Galopp, wie es 
dem Gaul eben anstand, mit Hurrahruf bei dem Prinzen vorbei. 
Ich habe lange Nichts gesehen, was mich mehr gefreut hätte. 
So, denk' ich mir, muss ein Reiterangriff der Bructerer gewesen 
sein: wenig Ordnung, aber Muth und Feuer, und wo er einhaut, 
da wirft er. Es mag dem Kronprinzen Glänzenderes und Feine- 
res auf seiner Reise veranstaltet worden sein , aber Ehrlicheres 
und Nationaleres schwerlich. Er hat auch herzlich gelacht, als 
er aus dem Fenster herab dankte, und es war nicht das Lachen 
des Spottes oder der Geringschätzung. Wie wollt' es auch? Aus 
solchen Stämmen haut sich die Staatsburg ihre Palisaden zurecht: 
das siebente Armeekorps ist eins der stämmigsten und markig- 
sten im ganzen Heere. 

Wir halten uns also an's Volk und an die Gesittung. Wo 
wir den Hof des Tacitus , wo ' wir die Kämpe des Sachsen noch 
finden, da ist Westphalen. Wir beschränken uns demnach weder 
auf das Herzogthum Westphalen, das sogenannte Sauer- oder 
Süderland, früher ein Besitzthum Heinrichs des Löwen, und nach 
dessen Tode von Friedrich Rothbart an das Erzstift Cöln geschenkt, 
noch auf die jetzige Preussische Provinz Westphalen, noch greifen 
wir über' in die überrheinischen Bestandtheile des ehemaligen 
Westphälischen Kreises, zu dem u. A. selbst Lüttich, Cambrai, 
Utrecht und Aachen gehörten, woraus, wie der alte Merian sagt 
(beiläufig der erste Herausgeber eines „malerischen Westphalens", 
wenn wir seine westphälischen Städteansichten so nennen wollen), 
„woraus zu ersehen, dass dieses ein weitschweiffiger Cräiss" 
gewesen sein müsse. An das Länder- und Ländchenaggregat zu 
denken, das unter Jerome den Namen eines Königreichs West- 
phalen führte, kann uns vollends nicht einfallen. — Lasset uns 
den Bezirk abschreiten, den wir betrachten wollen! — Links, in 
südöstlicher Richtung, die Weser hinauf bis nach Herstelle, die 
Feste des grossen Frankenkaisers. Von dort südwestlich den 
Saum der Hessischen Gebirge entlang bis an die Quelle der Sieg, 
wo die Sprache des Volkes schon in der Weise des Oberlandes 
erklingt, und wo uns der Westerwald zur Gränze nach Süden 



— 17 — 

wird. Jetzt nordwestlich, immer den Rand der heutigen Preus- 
sischen Rheinprovinz hinab , in die wir gelegentlich einen kleinen 
Abstecher machen. Die Mündungen von Sieg und Wupper, von 
Ruhr und Lippe bleiben uns links, wo fast in paralleler Richtung 
der Rliein seine Wogen hinabwälzt. Haben wir die Lippe über- 
schritten, so wenden wir uns nordöstlich, da wo das Städtchen 
Anholt uns die Gränze der Marschen und Ebenen Hollands ge- 
zeigt hat, lassen später das Münsterland und Osnabrück im Süden, 
Ostfriesland und Oldenburg im Norden, bis wir zuletzt, etwa bei 
Petershagen, wieder auf die Weser stossen, an ihr hinaufschrei- 
ten bis zur Porta, und so Avieder zur Margarethenklus , zu dem 
Punkte gelangen, von dem wir ausgingen. 

Das ist der Ländercomplex , den wir unter der Gesammtbe- 
nennung Westphalen für uns in Anspruch nehmen, und ich 
denke, dass man uns ungefährdet in seinem Besitz lassen und 
die grün -weiss- schwarze Fahne, die wir rings auf Berg und 
Burg aufpflanzen, ruhig flattern lassen wird. Möchte man uns 
irgendwo eines Einfalls in fremdes Gebiet beschuldigen, so 
könnte es nur drüben am rechten Weserufer sein, wo die Schaum- 
burg hell und freundlich aus dem Grün des Nesselberges hinter 
Rinteln hervorschaut, wo der Hohenstein mit seinen Klüften und 
Felsenrissen, mit seinen Wichtelmännchen und seinem Druiden- 
ringe ernst und düster sich erhebt, und wo der Langenfelder 
Wasserfall schäumend hinabstürzt in die Tiefe. Es sind das 
Alles Punkte, die in der Sachsenzeit zu Engern, zum Buckigau 
gehörten, und die jetzt post varios casus einem Ländchen zu 
eigen sind, das sich die Grafschaft Schaumburg hessischen An- 
theils nennt. Und fast furcht' ich, dass der goldene Löwe seine 
Errungenschaft wahren und mein dreifarbig Banner mit gehobner 
Klaue antasten wird. Ein malerisches und romantisches Weser- 
thal ist angekündigt. Franz Dingelstedt ist sein Schildhalter, 
und schon seh' ich den Kampf entbrennen in den wiederhallen- 
den Schluchten des Süntels. Die Fähnlein flattern , die Trom- 
peten schmettern, die Schaumburg wird berannt hiiben und drü- 
ben, und wessen Banner oben fliegen wird, bleibt den Schwertern 
überlassen. Es soll aber ein ehrlicher und lustiger Kampf sein; 
wir wollen uns Lieder zusingen Avährend des Streites, und zu- 
lezt, denk' ich, sprengen wir mitten im Gefecht auf einander 
los, lüften den Helm, und machen es, wie Wittekind und St. 

2 



— 18 — 

Henimbertus , der erste Bischof von Minden. Ich weiss nicht 
recht, sprach Wittekind es aus oder der Bischof — so viel 
aber etymologisirt die Sage: als der Herzog den Mönch ein- 
führte in seine Burg am Weserstrand, da fiel zwischen ihnen 
das Wort: Min — Din, d. h. der Fleck sei mein, wie er 
dein ist! Und so, rath' ich, halten wir es auch mit der Graf- 
schaft Schaumburg hessischen Antheils! Einst den Cheruskern, 
ist sie nun den Katten; ehedem sächsisch, ist sie nun frän- 
kisch; — mögen darum beide Banner ruhig nebeneinander auf 
den Zinnen der Schaumburg flattern, Dingelstedts neben dem 
meinigen, der Löwe des Hessen neben der Tricolore des West- 
phalen! — 

Ungehärmt und unter sicherm Geleit aber werden wir dann 
weiter ziehen können, so weit die rothe Erde sich erstreckt, 
durch ihre Wälder und Thalschluchten, über ihre Berge und 
Ströme, mit dem Wanderslabe als Wünschelruthe, die stille 
steht, wo das Gold der Poesie versteckt als Sage in den Trüm- 
mern alter Schlösser und Burgen ruht, wo Dome sich wölben 
und Städte mit ihrem Mauerkranze sich aufthürmen, als Wächter 
des Hortes, den die Geschichte sich dort gesammelt hat. Das 
ist das Romantische, das wir suchen: die Erinnerungen der 
grossen Zeil, auf welcher die unsere gebaut ist, als ein zweites 
und höherstehendes Fachwerk, abgetrennt Avohl und ohne Stiege, 
die zu jener uns zurückführen könnte, aber auf ihr beruhend 
und ohne Basis ohne sie. Darum blicken wir gern aus unsern 
hellen hohen Räumen durch den Boden unter unsern Füssen, der 
noch nicht fest und recht gefügt ist und Lücken und Spalten 
weisst, hinunter in die alten dunklen und massiven Kammern, 
wo an den rothbekreuzten Wänden Speer und Tartsche hangen 
und die verrosteten Rüstungen über den zerfetzten Bannern lie- 
gen. Und wenn der Sturm da unten durch die zerbrochenen 
Bleifenster hineinzieht und durch den mächtigen Kamin gröhlt 
und ächzt, dann ist uns, als hörten wir aus dem Rasseln der 
Waffenstücke das Schliessen der Visiere heraus und wie Schwert 
und Helm, Pfeil und Tarische zusammenklirren, eine wilde Kampf- 
musik voll rauher Melodien, zu der wir stolz gehoben uns die 
Worte und Lieder selber dichten, die Lieder von Liebe und Hass 
der starken Zeit, von ihrer Heldenherrlichkeit und der Freiheit, die 
auf dem Bewusstsein ihrer Kraft als dem Königsschilde emporgeho- 



— 19 — 

ben, ihre Herrscherin war. Das ist es, was wir in ihr suchen, 
was ihre Geschichte uns so theuer macht. — 

Aber bei all' diesem Schwertgeklirr und Wagengerassel , bei 
all' diesem Gewühl, das mit eisernem Fusstritt die Geschichte 
an euch vorüberzieh'u lässt, hört ihr auch andere, mildere Klänge, 
die wie fernes Glockengeläut an einem schönen Sommerabend 
warm und innig euch zum Herzen dringen. Aus den Gründen 
steigen sie empor, von den Bergen tönen sie herab, FelsAvand 
und Gestein hallen sie wieder, und unter den Wohnungen der 
Menschen sind es zumeist die niedrigen, die von Holz gebauten, 
mit strohgedeckten Dächern, in die sie einzielin und in denen 
sie fortvibriren. Die Silberglocken der Sage sind's, von denen 
ich rede. Auch unser Westphalen durchzittern sie, und wenn 
ihr das Land mit mir durchhorchen wollt, so könnt ihr überall, 
wo ein abgeschlossenes Waldthal euch aufnimmt, oder wo 
ihr einsam über die braune, baumlose Haide einherschreilet, oder 
wo raschelnder Epheu ein morsches Gemäuer umklammert, ihre 
Töne vernehmen. Wahr ist's, die Sagen unsres Landes haben 
nicht ganz das Tiefe und Poetische , das die Sagen anderer Gegen- 
den Deutschlands , namentlich die des Rheines, auszeichnet. Keine 
Lurlei singt auf einem Felsen des Ruhr- oder Weserthals ihre 
verlockenden Weisen , keinen Roland hat Westphalen , der düstern 
Blicks im hohen Fensterbogen steht, und hinunter sieht auf das 
Eiland seiner Liebe, und wenn ihr Nachts an einen schwarzen, 
schilfumrauschten Waldteich tretet, so harrt ihr vergebens auf 
die weisse Nonnenhand , die , wie jene des Laacher Sees , flehend 
emportaucht aus der Tiefe. Die Sagen Westphalens sind derber 
und einfacher, als die des übrigen Gesammtvaterlandes, ausgestreut 
aber sind sie, wohin ihr immer lauschen mögt, eine allzeit frische, 
nie verwelkende Volkspoesie. Durch die Strassen Hamelns zieht 
Bundting, der seltsame Rattenfänger; in den Kirchenstühlen 
Corvey's glänzt die todweissagende Lilie; durch die Schlösser 
des Hauses Lippe schreitet gespenstisch die weisse Frau; tief 
im Köterberge blitzt es von Gold und Schätzen , und im Desenbcrge 
bei Warburg sitzt verzaubert Karl der Grosse, mit der Krone 
auf dem Haupte, und dem Scepter in der Hand. In Westphalen 
schlug er seine Schlachten, am Rhein aber pflanzte er seine 
Reben, bau'te- er seine Pfalzen und Palläste, und ruhte er aus 
in den Armen der Liebe. Darum auch lässt ihn der Rhein bei 

2* 



— 20 — 

nächtlicher Weile durch die "Weinberge schreiten , und seine Trau- 
ben segnen; darum lässt er ihn bei Aachen am stillen Wasser- 
spiegel sitzen, und Fastradens gedenken, Westphalen aber bannt 
ihn in den Desenberg, wo er einst im Sachsenkriege ein unter- 
irdisch Hoflager gehabt haben soll. Da sitzt er und träumt, der 
Bart wächst ihm durch den Tisch, wie Friedrich dem Rothbart 
im Kyffhäuser, und gleich diesem wird auch er einst wiederkeh- 
ren, um Land und Leute von Neuem zu regieren. — 



Wenden wir uns nun zuerst nach Minden zurück, das wir 
von unsrer Höhe herab mit seinen Thürmen und seiner massiven 
Weserbrücke tiberschauen. Eine andere Derivation wie die schon 
angeführte leitet den Namen von dem Worte „Minnen" her, um 
der „minniglichen" Lage der Stadt willen, und stützt sich dabei 
auf das nahe „Himmelreich," „Amorkamp" und „Venusbach," 
(Yenebeck jetzt.) eine Erklärung die gewiss so gut ist, wie so 
manche andre ohne alle Kenntniss der Geschichte und regelrech- 
ten Entwicklung unsrer Sprache unternommene. Hat doch schon 
Meibom, der alte Historiker, ein Gedicht auf Mindens schöne 
Lage, worin es heisst: 

^Ibi rivi, ibi fontes , 
Ibi aquae nee non montes, 
Et brutorum pascuae; 
Inibi videntur frontes 
Dominarum et insontes, 
Ibi torrens Wiserae. — 

Dort sind Bäche, dort sind Quellen, 
Berge, draus die Wässer scliAvelien, 
Für die Heerden Weideaun; 
Dort sind Frauen mit der hellen 
Reinen Stirne, dort die Wellen, 
Die die Weser strömt, zu schaun. " — 

Die ältföten historischen Erinnerungen der Stadt knüpft die 
Sage an den Sachsenherzog Wittekind , der hier , im Engernlande, 
seine hauptsächlichsten Besitzungen, auf den Bergeshöhen, welche 
von der Weserscharte aus gegen Nordwesten sich erstrecken, 
seine Burgen hatte, bleibt auch sein eigentlicher Wohnsitz unge- 



21 

wiss. Da, wo der Dom in Minden steht, habe er, heissl es, 
ein festes Schloss gehabt, von dem noch ein stariier Thurm bis 
zum Jahre 1613 erhalten ^vorden, wo ihn der Domprobst habe 
wegräumen lassen; da seien in seinen unterirdischen Yerliessen 
steinerne Särge, Gerippe und irdene Gefässe gefunden worden. 
Dass aber Wittekind seinen Hof hergegeben habe zur Erbauung 
des Christentempels, sei also gekommen: der gewaltige Sach- 
senführer hatte einst in das Gewand eines Bettlers sich gewor- 
fen und so einen Weg in das Lager Karl's, des verderblichen 
Feindes seines Volk's, des „Kerl's"^, gefunden. Hier feierte man 
das Fest der Auferstehung und Wittekind sah, wie dem Fran- 
kenkönige und den Seinen das Brod des Abendmahls gereicht 
wurde. Bei diesem Anblicke wurden seine Augen aufgethan und 
er sah in jeder dargereichten Hostie ein wunderschönes Knäblein, 
bald freundlich, bald traurig, je nachdem der J^Iensch war, der 
die Hostie empfing. Da warf der heidnische Held zerknirscht 
seine Verhüllung ab und trat vor seinen Feind hin, um ihm die 
Friedensrechte zu bieten, und ihn um Priester zu bitten, die 
solche Wunder wirken könnten. Karl versprach sie ihm und 
einen Bischof obendrein: eine weisse Gans bezeichnete den Ort, 
w^o die Cathedrale des Bischofs zu erbauen sei. 

Eine gelungene Bearbeitung dieser Sage hat der Graf Platen 
geliefert, wie sie hier nachfolgt: 

Da kaum die Hügel matt erhellte 
Der morgenrothe, liclite Schein, 
Wer schleicht sich in die Zelte 
Des Frankenlagers ein? 
Mit Schritten leise, leise, 
Wie Späherschritte sind, 
Verfolgt er die geheime Reise ; 
Das ist der Sachse Wittekind. 

Schon focht er wider mulh'ge Franken 
Durch lange Jahre blut'gen Streif, 
Und grollte sonder Wanken 
Dem Herrn der Christenheit; 
Nun schlich «r kühn und schnelle 
Zum Feinde sich bei Nacht, 
Vertauschend seine Heldenfelle 
Mit einer feigen Bettlertracht. 



22 

Da fühlt er plötzlich sich umrungen 
Von Melodien sanft und weich, 
Gesungen wird, geklungen 
Wird um ihn her zugleich; 
Verwundert eilt er weiter, 
Durchzieht das rüst'ge Heer, 
Da sieht er Beter statt der Streiter, 
Das Kreuz als ihre ganze Wehr. 

Weihnachten war herangekommen, 
Der heil'ge Morgen war entglüht, 
Und innig schwoll des frommen , 
Des grossen Karl's Gemüth: 
Zum hohen Tempelbaue 
Liess wölben er sein Zelt, 
Dass er im Land der Heiden schaue 
Die Glorie der Christenwelt. 

Hoch über'm Altar prangt und raget 
Ein blauer golddurchwirkter Thron, 
Drauf sitzt die reine Maget, 
Und ihr im Schoss der Sohn. 
Hell schimmert rings das schöne , 
Das heilige Geräth, 
Und alle Farben, alle Töne 
Begrüssen sich mit Majestät. 

Schon kniete brünstig, stillandächtig 
Der Kaiser vor dem Hochaltar, 
Mit Grafenkronen prächtig 
Um ihn die Heldenschaar; 
Schon fällt vom Spiel der Lichter 
Ein rosenfarbner Schein 
Auf ihre klaren Angesichter,, 
Da tritt der Heide kek hinein. 

Er staunt, als er die stolzen Päre 
Mit Karl auf ihren Knien erkennt , 
Damit sie himmlisch nähre 
Das ew'ge Sakrament; 
Doch staunt er dess nicht minder. 
Da sich kein Priester fand. 
Und sieh! es kamen Engelkinder 
Im blüthenweissen Lichtgewand. 



— 23 — 

Sie boten zum Versöhnungsmahle 

Die Hostie dem Kaiser dar, 

Die auf smaragdner Schaale 

Sie trugen wunderbar: 

Und Jubel füllt die Seelen 

Empfahend Brod und Wein, 

Es dringt ein Lied aus tausend Kehlen 

Vom göttlichen Zugegensein. 

Der Sachse steht betäubt, er faltet 

Die Hände fromm, sein Aug' ist nass, 

Das hohe Wunder spaltet 

Den heidnisch argen Hass: 

Hin eilt er wo der Haufe 

Mit frohem Blick ihn misst: 

Gib, Karl, dem Wittekind die Taufe, 

Dass er umarme dich als Christ! 

Die Sage bezeichnet einen „Königsborn" bei Minden als die 
Stelle der Taufe des Sachsenherzogs: da aber diese in Attigui 
statt fand, so schliesst man mit mehr Recht, dass der Born sei- 
nen Namen von Conrad dem Salier erhalten habe, der 1026 zwei 
Jahre lang in Minden war und einen Reichstag hielt. 

So wurde das Bisthum Minden gestiftet, im Jahre 803 oder 
780, und nachdem der erste Präsul der neuen Diöcese verschie- 
den war, folgten ihm noch 59 andere, bis Karl's des Grossen 
Werk umgestürzt wurde, und der Westphälische Frieden die sella 
episcopalis der hohen Domkirche zu Minden vor die Thüre stellte, 
nachdem sie so lange als Schlummerstuhl für die einst jugend- 
lich blühende, hehre Jungfrau mit dem Schwert in der einen, 
und dem Kreuz in der andren Hand, mit dem Palmenzweige der 
Yerheissung um das orientalisch dunkle, glänzende Haar, die 
Idee Karl's des Grossen, gedient hatte. Die Geschichte die- 
ser Bischöfe bietet wenig Interessantes dar: Erwerbungen 
von Grundeigenthum , Errichtung von Freistühlen der Fehme, 
Reibungen mit dem Domkapitel, mit der, nach demokrati- 
scher Regierungsform strebenden Hauptstadt , später die Un- 
ruhen, welche die Verbreitung der Reformation in ihrem Ge- 
folge hat, Fehden mit den Nachbarn u. s. w., das ist es, wo- 
von fast einzig ihre Annalen zu melden haben. Und das ist über- 
haupt die Geschichte eines solchen Westphälischen Bisthums, die 
in ihren Grundzügen fast immer dieselbe bleibt, bei Minden so wie 



— 24 — 

bei Paderborn, den Stiftern Engerns, bei Münster, so wie bei 
Osnabrück, den Stiftern des eigentlichen Westphalens. Zu- 
erst hat weite unendliche Waldung über der Gegend gelegen, 
nur gelichtet, wo ein einzelner Hof der Sassen sein Strohdach 
über den schlechtgefügten Quadern oder den moosverstopften 
Balken der rohen Wände erhebt; lange Zeit erst, nachdem das 
Christenthum jenseits des Rhein's bei den Franken verbreitet 
worden, wagen seine Apostel sich bis hierhin^ um die Nacht der 
Gegend und den Sinn des Volks zu hellen, und das Wort zu 
bringen, wo man nichts, als die rohe That kennt. Das geschieht 
um die Zeit zumeist, wo die ersten Karolinger das Frankenreich 
beherrschen, im siebenten Jahrhundert. Die Apostel kommen aus 
Franken, am häufigsten aber aus Irland oder England herüber, 
wo schon seit Pabst Gregor dem Grossen, durch die Ueberzeu- 
gung und friedliche Belehrung verbreitet, das Christenthum blüht: 
es ist wunderbar, wie überhaupt jene britischen Inseln uns vor- 
aus gewesen sind, wo immer ein neues Werden, eine neue Er- 
scheinung der welthistorischen Idee für Jahrhunderte sich vor- 
bereitet. Sie haben uns aus Irland die ersten Apostel des Chri- 
stenthums gesandt: sie haben in Wicklef den Anfang der Refor- 
mation bezeichnet, dann in Baco von Verulam und Locke die 
beiden Thorsäulen am Tempel der äusseren Philosophie der 
neuern Zeit, in Bolingbrocke , Shaftesbury und Andren die ersten 
Pechfackeln der Aufklärung des achtzehnten Jahrhunderts, woran 
später die Französischen Materialisten ihre thörichten Jungfrauen- 
Lämpchen entzündeten, aufzuweisen: und jetzt, sind sie nicht 
wieder die Ersten gewesen, welche die industrielle und mate- 
rielle Richtung unsrer erfindungsreichen Zeit eingeschlagen haben ? 
Ihres politischen Vorgängerthums nicht einmal- zu gedenken. 
Doch dies im Vorübergehen — obwohl wir bei unsrer Wande- 
rung durch Westphalen noch auf Manches stossen werden, was 
in Clima, Charakter der Einwohner, Sprache und Physiognomie 
der Gegend an England uns erinnert. 

Die christlichen Missionare gewinnen nun durch die begei- 
sterte Macht ihres Wortes, durch die Kraft, die der Wahrheit 
innewohnt, und den Muth, der sie die Hand an die geweihten 
Irmensäulen oder die heiligen Eichen legen lässt, dem harten 
Sinn des Volkes einen Glauben ab, der zuerst noch störrisch 
mit allerlei wunderlichem Heidenthum gemischt, der christlichen 



— 25 — 

Lehre mannigfache Concessionen abdringt, dafür aber sich lau- 
fen lässt und mithilft an der Erbauung kleiner Waldkapellen, bei 
denen einer der frommen Männer zurückbleibt zum Dienste des 
erkannten Gottes. Oft aber werden die Apostel Opfer ihres 
Eifers : oder sie müssen Tagelang ohne Labung durch die Wäl- 
der ziehen, um vor der verfolgenden Rohheit sich zu retten. 
Fromme Frauen, bei denen ihre Lehre zuerst Eingang gefunden, 
beherbergen und pflegen sie; sie wirken ein Wunder zu deren 
Belohnung, wie bei ihrem Grabmale ebenfalls Wunder geschehen. 
Sagen erhalten uns das Andenken daran; sie verscheuchen die 
Unzahl schädlicher Yögel, wie Sankt Ludger die wilden Gänse 
zu Billerbeck, sie lassen Quellen in der Einöde aus Felsen ent- 
springen, heilen Kranke u. s. w., um mit äusserlichem Wohlthun 
die innere Wohlthat ihres Wortes anzudeuten. Die Poesie zieht 
in diesen Sagen zum erstenmal durch unsere Eichenwälder, aber 
nicht wie die spätere Poesie des Mittelalters, eine blühende, in 
Himmelblau gekleidete und verlockende Jungfrau, die voll 
selbstbewusster Schöne keck in dem Sattel ihres milchweissen 
Zelters sich schaukelt und mit ihm durch den Tann einhersprengt, 
den muthigen Falken auf der Faust, den liebesiechen Minnesän- 
ger und den begehrenden ungestümen Paladin in ihrem Gefolge; 
— es ist die weissverschleierte Gestalt der Legende, die in Non- 
nentracht und mit dem schwarzen Kreuz auf dem ruhig wallenden 
Busen ihren nakten Fuss scheu und doch voll tiefinnigen Yer- 
Irauens auf das Waldesmoos setzt, und zum Beten niederkniet, 
wo unter dem düstern Laubdach einer Linde die herzgeformten 
Blätter ein verwittertes Steinkreuz oder ein Marienbild beschatten. 
Sie hat keine Epheu- oder Eichenkränze, um ihre Getreuen 
damit zu krönen; aber wem sie segnend die weisse stigmatisirte 
Hand auf die Locken legt, um dessen Haupt leuchtet die Glorie 
des Heiligenscheines: so hat sie die Ewaldsbrüder, die heilige 
Ida, den heiligen Switbert, des Earl Siegfried von Northum- 
berland Sohn und viele Andre gesegnet. 

Karl der Grosse kommt, um mit geharnischter Rechte der 
Bannerträger des Kreuzes in diesen Gegenden zu werden: aber 
wenn auch als Eroberer seine Paladine durch die Waldungen 
Westphalens ziehen, so bringen sie den Krieg doch nur als den 
Diener des Friedens: nicht wie die Römer, die bis zum Rhein 
und zur Weser vordrangen, legt der Frankenkönig feste Plätze 



— 26 — 

und Castelle in dem eroberten Lande an, um es im Zaum zu 
halten, sondern Kirchen und Stifter Averden die Haltplätze seiner 
Gewalt, und wehrlose Priester die Burgmänner, die sie beschüt- 
zen sollen. Die Unterwerfung des Landes wurde um so dauern- 
der durch diese Festungen, welche die Gemüther in der Furcht 
Gottes hielten , nicht die Leiber in Furcht vor Fränkischem Wurf- 
geschiitz, das die Sassische Kraft nach Karl's Tode doch wie- 
der überwältigt hätte. — Auch an Karl's des Grossen Erschei- 
nung knüpft die Legende Wunderwirkungen, wie die Sage 
mannigfache Mähren; so schlägt er mit einer Gerte einen Fel- 
senblock bei Osnabrück in Stücke, der als heidnischer Opfer- 
altar gedient hatte. — 

Dem grossen Karl, dem „aisken Schlächter" wie ihn die 
Sachsen in ihren Verwünschungen nannten, soll Westphalen nach 
A. W. Schlegels Behauptung noch einen Vorzug verdanken, der 
sich seit vielen Jahren schon , was man auch sonst von dem 
Lande sagen mag, einer allgemeinen und gerechten Anerkennung 
erfreut. Schlegel hat davon in seinem Trinklied auf Karl den 
Grossen also gesungen: 



Es lebe Karl der Grosse, 
Ein echter deutscher Mann 
Und jeder Deutsche stosse 
Mit seinem Becher an! 



Am Rüdesheimer Berge 
Hat er den Wein gepHanzt, 
Wo Nixen sonst und Zwerge 
Um Hatto's Thurm getanzt. 

Wenn wir den Rheinwein trinken 
So werde sein gedacht; 
Auch die westphälschen Schinken 
Hat er erst aufgebracht. 

Er taufte ja die Sachsen; 
Es war ein strenges Muss; 
Er zog sie bei den Fachsen 
Wohl in den WeserHuss. 



— 27 — 

Die heidnischen Westphalen, 
Die schlachteten nicht ein ; 
Die Mönche drauf befahlen 
Ein fett St. Martinsschvvein. 

Den heil'gen Mann zu ehren , 
Hing man sie in den Rauch : 
So sah man sich vermehren 
Den lobenswerthen Brauch. 

Es lebe Karl der Grosse, 
Ein echter deutscher Mann! 
Und jeder Deutsche stosse 
Bei seinem Namen an ! 

Kehren wir zu unsrer historischen Skizze zurück. — Wo 
ein bedeutender Hof liegt, wie in Minden der Wittekinds, oder 
wo mehrere zusammenlagen, wie die vier Höfe an der Stelle, 
wo jetzt Münster steht, wo schon früher Gottesdienst, wenn auch 
heidnischer, gehalten wurde, da wird der Bischofssitz errichtet, 
und die Kirche erbaut , wo durch ein wunderbares Ereigniss , das 
nächtliche Leuchten einer Flamme z. B., die als second sight die 
ewige Lampe in dem zu erbauenden Gotteshause vorbedeutet, 
der Ort angezeigt wird. Wie nun eine Stadt umher ersteht, wie 
der Bischof zu der Ausübung seiner rein geistigen Mission nach 
und nach auch die weltliche des Grafenamts in seinem Gau 
fügt und endlich Landesherr wird : wie die alte Regel des Zu- 
sammenlebens der Domgeistlichen umgangen und Chrodegang's von 
Metz Vorschriften über die klösterliche Einrichtung der Stifter ver- 
gessen werden u. s. w. , wird in der allgemeinen Geschichte des 
Deutschen Reiches erzählt. Die Deutsche Reichsgewalt und ihr 
Träger hatten wenig Macht über die Westphälischen Verhältnisse; 
die Sitze der Kaiser waren entfernt, und der Weg zu ihnen weit: 
man sagt ja, ein Bischof von Osnabrück habe ein volles Jahr 
Zeit gebraucht , um sich gen Worms zu Kaiser und Reichstag auf 
den unwirthbaren und unsichern Strassen durchzuarbeiten : so hiess 
es auch für Westphalen: procul a Jooe , procul a fultnine, und 
Fehden und Raufereien, Sengen und Brennen durchtobten desto 
toller und wilder das Land. Die benachbarten Dynasten sind es, 
die unter sich oder verbündet gegen das Stift den Kampf begin- 
nen; die Bischöfe treten als friedenwirkende Vermittler oder als 
Sühner und Rächer begangener Unbilden darin auf, wenn sie 



— 28 — 

nicht selbst angegriffen — oft von dem eignen Schirmvogt ihrer 
Kirche — sich in den Stegreif erheben und den Hirtenstab mit 
dem Schwerte, die Infiil mit dem Helm vertauschen. Sie sind 
meist siegreich in diesen Fehden, wenn nicht etwa ein Friedrich 
von Isenburg meuchlerisch sie erschlägt, wie den heiligen Engel- 
bert von Köln ; — sie wissen dann auch den Sieg zu benutzen, 
wie davon die Burggrafschaft Stromberg, und die schönsten Be- 
sitzungen der Grafen von Tecklenburg zeugen, die unter die 
Herrschaft des Krummstabs gebracht wurden mit gewaffneter 
Hand. So auch Ottenstein, die feste Burg des Grafen von Solms, 
die Bischof Otto lY. von Münster acht Jahre lang belagerte und 
endlich durch Hunger zu der Capitulation zwang, die Weiber 
sollten frei mit so vielem ihrer Habe, als sie zu tragen vermöch- 
ten, ausziehen, die Männer aber sich gefangen geben. Als dar- 
auf das Thor der Feste sich erschloss, sah man eine schöne 
kräftige Jungfrau mit einem schweren Manne auf ihren Schultern, 
in ihrer Schürze werthvolle Urkunden und Geschmeide, heraus- 
schreiten: es war die Tochter des Grafen Heinrich, die so ihren 
Vater aus den Händen des grimmen Bischofs, den man den Hek- 
tor Westphalens nannte , rettete und gegen seinen Unwillen Schutz 
bei dem in der Nähe mit vielen Reisigen haltenden Geliebten, 
dem jungen Grafen von Steinfurt fand, der jetzt nicht zögerte, 
sie auf seine Burg heimzuführen. 

Einen langwierigen und öfter gegen sie ausschlagenden 
Kampf hatten die Bischöfe mit den Hauptstädten ihres Landes zu 
bestehen : die Westphälischen Städte waren fast alle in den Bund 
der Hansa aufgenommen und wurden blühend und reich dadurch; 
das Bcwusstsein ihrer immer wachsenden Macht leitete sie bald 
zu dem Streben nach der Freiheit, welche die corporative Ten- 
denz des 3Iitlelalters im Auge hatte , und welche so manche 
unabhängige Stadt im deutschen Reiche besass : so entzogen sie 
sich nach und nach dem Grafenamt, oder der Territorial-Hoheit 
des Bischofs und beförderten die Fehmgerichte, um der geistli- 
chen Jurisdiction sich zu entziehen: unterdess bildete sich, meist 
nach dem Muster des Soester oder Magdeburger Stadtrechts, ihre 
innere Verfassung aus, gewöhnlich von aristokratischen Formen 
zu demokratischen übergehend; den Bischöfen aber blieb in 
ihrer eignen Hauptstadt oft nicht das Recht des Uebernachtens 
und daher kam es , dass die von Minden in Petershagen , die von 



— 29 — 

Osnabrück in Iburg, Fürstenau, auf der Petersburg, die von 
Paderborn in Neuhaus, die von Münster endlich allenthalben, 
nur nicht in Münster residirten. Doch wusste in dem letztge- 
nannten Stifte die Energie Christoph Bernhards von Galen alle 
Rechte und Ansprüche des bischöflichen Stuhles gegen die Haupt- 
stadt auf eine so unwiderstehliche Weise geltend zu machen, dass 
der stolze Senat sich endlich sogar gefallen Hess, einmal im 
Jahre bei einer Prozession hinter den Schülern einherzuschreiten. 

Die Reformation dringt endlich auch bis in das gläubige 
Westphalen und mit ihr kommt eine Zeit voll Wirren und Unruhe; 
das neue Licht geht nicht wie eine milde Sonne in ruhiger, un- 
nahbarer Majestät auf, sondern es offenbart sich wie ein Wet- 
terleuchten im Sturme, es kommt dem Blitze gleich, der ein blu- 
tigrothes Kreuz durch die Wolken wettert: dem geschichtlichen 
Verlaufe dieser Erscheinung aber haben wir im allgemeinen hier 
nicht mehr zu folgen, hier, wo wir das Pittoreske und die Ro- 
mantik des Landes und seiner Geschichte aufsuchen; die Refor- 
mation ist ja das Antiromantische. 

Die Geschichte des Bisthums und der Stadt Minden ist von 
diesem allgemeinen Verlaufe durch wenig andres ausgenommen, 
als eine Achtserklärung etwa, die Karl V. über die Bürger, als 
Genossen des Schmalkaldischen Bundes und Räuber an den Be- 
sitzthümern der Kirche , verhängte. Nach der Bestimmung des 
Westphälischen Friedens kam die Stadt und das Fürstenthum an 
Churbrandenburg ; am 15. October iG49 trat der schwarze Adler 
an die Stelle der zwei gekreuzten silbernen Schlüssel im rothen 
Felde, dem Wappen der Stadt, und am 1. Februar 1650 nahm 
der grosse Kurfürst persönlich die Huldigung entgegen. — Im 
lahre 1759 wurde ein Französisches Heer unter Contades, 85000 
Mann stark, in der Ebene südlich von Minden vom Herzog 
Ferdinand von Braunschweig geschlagen. 

Unter den Gebäuden Mindens zeichnet sich nur der Dom aus, 
und auch der ist eben kein Muster von der hohen A'ollendung, 
w^elche die Baukunst des Mittelalters da, wo sie, „versteinerte 
Musik" schaffte, sonst erreichte. Im Jahre 1062 zerstörte eine 
grosse Feuersbrunsl, als. gerade Kaiser Heinrich IV. in ]\Iinden 
sich aufhielt, die früher an der Stelle stehende kleinere Kirche, 
die dem heiligen Gorgonius , Laurenfius und Alexander geweiht 
war: da bauete man die jetzige Calhedralc in ungefähr zehn Jah- 



— 30 — 

ren auf und suchte den einfachen Struckturen im vorgothischen 
Geschinacke durch grossartige Dimensionen das Imponirende zu 
geben, das uns anweht, wenn die hohen gelben Quadermauern 
der Wände und die Kreuzgewölbe der von hohen Pfeilern getra- 
genen Decke uns umfangen. Das Domkapitel hat das Bisthum 
überlebt. In dem Homagialrecesse von 1650 bestätigt, ward es 
erst 1808 aufgehoben. Andre Stifter hatte Minden mehrere, dar- 
unter das Chorherrnstift zu St. Martin und das (seit der Refor- 
mation) freiweltliche adliche Fräuleinstift zu St. Marien. In der 
Martins -Kirche wird ein Gemälde gezeigt, das man Lucas Kra- 
nach zuschreibt. In Minden befindet sich ausserdem eine Privat- 
Sammlung ganz ausgezeichneter Bilder altdeutscher Schule, auf 
welche wir beim Geburtsorte Israel's von Meckenem, des Gold- 
schmids von Bocholt und bei Gelegenheit des Liesboruer Mei- 
sters zurückkommen werden. — Wenden wir nun das Auge ab 
von den Thürmen und Bastionen der besprochenen Stadt und von 
den Erinnerungen aus alter Zeit, welche sich für uns daran ge- 
knüpft haben und lassen es den ruhigen Spiegel der Weser hin- 
aufgleiten, die von der Porta an durch eine fruchtbare bebaute 
Ebene ihre Wässer den Bogen der Mindener Brücke zuwälzt. 
Vor uns in der Porta, höchst malerisch am rechten Weserufer 
an dem Berge sich hinaufziehend , welcher der letzte Höhenpunkt 
des Süntelgebirges ist und den man nach einem früher darauf 
angesiedelten Invaliden den Jacobsberg genannt hat — liegt 
Hausberge , das „Haus der edlen Herrn vom Berge", eines mäch- 
tigen Geschlechts, das bis zu seinem Erlöschen am Ende des 
14. Jahrhunderts die erbliche Schutzvogtei über die Mindensche 
Kirche besass, und als Nachkommen Wittekinds, dessen Namen 
fast alle Glieder der Familie trugen , betrachtet wurde. Es ge- 
hörte wenigstens zu den wenigen altsächsischen Geschlechtern, 
die sich trotz der karolingischen Eroberung und des Fränkischen 
einwandernden Adels in ihren Sitzen erhielten : denn unser West- 
phälischer Adel ist fast insgesammt fränkisch. Der Stammsitz 
der Herrn vom Berge scheint ursprünglich auf der Höhe gelegen 
zu haben, welche uns als Warte dient, und in Urkunden als 
mons Wedigonis mit einem castellum Widegenborch vorkommt. 
Dieser Berg hat uns fast 800 Fuss über den Weserspiegel em- 
por getragen , und bildet die erste wie die höchste Spitze des 
„Wiebengebirgs/^ Minoritenmönche erbauten im 13. Jahrhundert 



— 31 — 

die Margarethenklause darauf: im 10. Jahrhundert lebte amWedi- 
gensteine, wie noch jetzt das amFusse des Wittekindsberges halb 
im Walde versteckte Gehöft heisst , eine fromme Frau , Theut- 
wif, welche gleichgesinnte Frauen um sich sammelte, um mit 
ihnen nach der Regel des heiligen Benedikt dort ihr Leben dem 
Gebete zu weihen. Bischof Milo baute ihnen ein Kloster, das 
aber bald verlassen wurde, um in der Stadt selbst sich anzusie- 
deln, wo das Fräuleinstift zu St. Marien daraus entstanden ist. 
Man hat das bekannte schöne Volkslied vom Fräulein vom Berge 
an diese Oertlichkeit, die Ruinen des Schlosses in Hausberge 
und das jetzt verschwundene Kloster vom Wittekindsberge, ge- 
knüpft. 

Wir wandern nun an den Gestaden der Weser hinauf in süd- 
licher Richtung, und gelangen so zuerst nach Rehme , einer rei- 
chen Saline, in deren Nähe die aus dem Teutoburger-Walde an 
Herford vorbeifliessende Werre sich in die Weser mündet — 
dann nach Vlotho, der ,,Fluthau", einem reizend liegenden Städt- 
chen am Fusse eines Berges , der die Ruinen eines früheren Ami- 
hauses trägt. Die Gebirge engen den Strom hier ein und bilden 
eine der schönsten Stellen seines Thaies. W^eiter schreitend in 
den alten Gau Osterburg hinein, den die W^eser vom jenseiti- 
gen Buckigau scheidet, gewahren wir die Höhe von Yarenholz 
auf Lippischem Gebiete, mit seinem Schlosse, das 1595 Graf 
Simon VL von der Lippe mit Benutzung der Reste einer alten 
sächsischen Burg erbaute, welche hier vor dem Walde, „vor'n 
Holte" stand, woher der jetzige Name. Die Berge weichen 
hier von der Weser auf dem linken Ufer zurück ; die nächste 
Stadt, welche der Fluss bespült, Rinteln, liegt in einer 
Ebene. In dem Schlosse zu Yarenholz soll sich die weisse Frau 
zeigen, die auch in den andern Schlössern des Lippeschen Für- 
stengeschlechts umgeht. Die Stadt Rinteln war lange der Sitz 
einer Universität, aber es scheint nicht, dass das Licht, welches 
von ihr ausging je ein hellleuchtendes gewesen sei, es würde 
sonst die blutigen Flammen der Scheiterhaufen nicht neben sich 
geduldet haben, die man im siebenzehnten Jahrhundert mit sol- 
cher Wuth in dieser Musenstadt schürte, dass kein altes Mütter- 
chen ihres Lebens sicher war. In den Jahren 1653 bis 60 soll 
der weise und fürsichtige Stadtrath von Rinteln diese evange- 
lisch-lutherischen Auto-da-fe s in solcher Anzahl und mit einer 



Grausamkeit gefeiert haben, dass sie den Blutfesten des spani- 
schen Wuthglaubens nichts nachgeben. War es deshalb, dass 
grade in Rinteln der edle Spee 1631 sein berühmtes Werk: 
caiiHs criminalis contra sagas , herausgab? Man weiss nur, dass 
es dort wenig fruchtete. 

Hinter Rinteln bilden auf dem rechten Weserufer die jähen 
und steilen Höhenzüge des Süntels (Sunthal, Sonnenthal, wie 
man etymologisirt} , auf dem linken die mehr sich abflachenden 
Gebirge, die vom Osning oder Teutoburger Walde aus durch 
das Lippische bis hierher sich ziehen, eines der schönsten 
Stromthäler in Deutschland. Die höchst malerischen Punkte des 
Paschen- oder Osterberges mit dem alten Schlosse, die Schaum- 
burg, des Hohenstein's , der wie der Stammvater des ganzen 
Süntelgebirgs ragt, des Wasserfalls bei Langenfeld darzustellen, 
muss ich dem Crayon und dem Grabstichel überlassen ; und auch 
sie können den Zauber nicht Aviedergeben , den dies gesegnete 
wunderschöne Thal mit seinen frischen reichbelaubten Waldhöhen, 
mit seinen fruchtbaren Stromgestaden auf uns übt. Der Blick 
schweift von der Höhe des Paschenberges über die ganze 
herrliche Landschaft von den Porta -Bergen bis nach Hameln, 
das mit seinen Thürmen am Horizonte auftaucht: gegen Nordost 
ragen die Gipfel des Deistergebirges, südwestlich ihnen gegen- 
über die Hügelrücken Pyrmonts und des Lipper Waldes, ja bei 
heitrem Himmel im Osten wolkenhaft, ganz in die blaue Ferne 
gerückt, die Spitze des Brockens empor; unten schlängelt sich 
in behaglicher Ruhe der Fluss, von Hameln bis Rinteln nach 
Nordwesten, von da bis gen Ylotho ganz nach Westen strebend. 
— Aber man wähle, welchen Standpunkt man will, auf der 
Lüdener Klippe, auf dem Hohenstein, auf der kahlen Halde des 
Papenbrinks , überall blickt man hinab auf ein Gefilde , das mit 
Recht das des Sonnenthals heisst. Die Geschichte und die Sage 
hat diese Landschaft sich geweiht; hier, wo das Gebiet der 
Cherusker mit dem der Angrivarier zusammenstiess, wurde die 
Schlacht des Germanikus auf dem Felde Idistavisus (von Stau, 
Marschland, Yisi, Wiese und Jda, Klippe, Fels, also Felsen- 
stauwiese?) geschlagen; an derselben Stelle wurden Karl's des 
Grossen Feldherren Adalgis Geilo und Warand sammt ihren 
Franken schaaren von Wittekind vernichtet; in neuerer Zeit blu- 
teten hier, beim Segelhorster Berg, 1633, die liguistischen Heer- 




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— 33 — 

häufen des Grafen Merodc unter dem Schwerte des protestanti- 
schen Herzogs Georg von Lüneburg. Die Sage lässt auf dem 
Pascha- oder Oslerberge, dem die flammende Feier des christli- 
chen Auferstehungsfestes seinen Namen gab, schon früher den 
heidnischen Lichtdienst der Gottheit des strahlenden Morgens, 
des aufsteigenden Lichts, der Ostara, halten. Sie war ja eine 
freudige, eine heilbringende Erscheinung, deren Begriff leicht 
für das Auferstehungsfest des christlichen Gottes von seinen 
Dienern verwandt werden konnte. Noch lange nachher be- 
hauptete der Yolksglaube, die Sonne thue beim Aufgehen am 
ersten Ostertage drei Freudensprünge, das Wasser, das man 
am Ostermorgen schöpfe , sei heilig und heilkräftig, wie das 
der Weihnacht. Weissgekleidete Jungfrauen , die sich auf Ostern, 
zur Zeit des einkehrenden Frühlings, in den Felsenklüften und 
auf den Bergen sehen lassen, gemahnen noch an die alte 
Göttin. (S. J. Grimm Myth. S. 182.) Auf den Bergen umher 
haben ehemals Riesen gewohnt, und sind hinüber und herüber 
geschritten über den Strom, oder haben sich Bälle zugewor- 
fen, von einem Berge zum andern. In der Nähe ist eine 
Höhle, das Mönken- oder Münckenloch; darin hauste einst eine 
wunderschöne Zwergin oder Wichtelweibchen ; das verliebte sich 
in den Grafen von der Schauenburg, der in ihren Gründen jagte, 
und warf ihre zauberhaften Netze um den schmucken Ritter so 
geschickt , dass er sich bethören liess und täglich sich wegschlich 
von seiner braven Gemahlin, um seine reizende kleine Buhlerin 
zu sehen. Die Gräfin aber war schlau und durchschaute ihren 
Gemahl; eines Tages folgte sie ungesehen seinen Gängen und 
fand in der Münckenhöhle ihn schlummernd, sein Haupt mit dem 
dunklen Lockenhaar auf dem Busen der verliebten Elfe , die ne- 
ben ihm schlafend auf dem Mooslager ruhte. Da schlich die 
Gräfin leise sich näher und schnitt eine Locke von dem langen 
Goldhaar der Verführerin und eilte rasch dann auf die Burg zu- 
rück, um weinend ihren Raub, den Beweis, dass er durchschaut 
sei, ihrem Gemahl zu zeigen. Da ging der Graf in sich und 
fühlte den Zauber gelösst und erhielt Verzeihung von seinem ed- 
len Weibe ; als er nun aber nicht mehr zu der Höhle kam , hörte 
man Nachts die herzzerreissenden Klagetöne der verlassenen 
Zwergin die Burg umschwirren, bis sie durch Gebet gebannt 
wurden. 

3 



— 34 — 

Diese Burg auf dem Nesselberge, einem Vorberge des Pa- 
schenberges, wurde 1030 von einem Grafen Adolph, der über den 
Bückigau gebot, erbaut und weil er von ihr seine Besitzungen 
überschaute die Schauenburg genannt. Später diente sie, als das 
Geschlecht dieses Grafen Holstein zum Lehn bekam, zum Jagd- 
schloss oder zum Wittwensitze. Merian bildet sie aus dem Jalire 
1640 noch mit Thürmen und Mauern ab. — 

Doch soll ich das ganze Thal beschreiben, die einzel- 
nen Trümmer seiner Burgen euch aufzählen und die Spitzen der 
Kirchthtirme, die ihr im Strom sich spiegeln seht? Soll ich 
beschreiben, wie es erscheint, wenn Regenwolken ihre flocki- 
gen Nebel um die bcAvaldeten Berggipfel ziehen , oder den Höhen 
ihr struppig Haupthaar über Nacht vom Reife gebleicht ist, 
als wäre ein unendlicher Kummer über sie gekommen , dass 
ihre goldene Zeit, die Zeit der Vergoldung vom Abendsonnen- 
schein und von dem schönen gelben und rothen Laube des 
Herbstes, nun geschwunden sei? Oder soll ich beschreiben, 
wie dunkle Gewitter drüber niederhängen und um die hell mit ih- 
rem Mauerwerk hervortretenden Burgruinen die Stürme tosen, 
dann auch das letzte Sonnenschlaglicht schwindet und nun die 
Blitze züngelnd um die gefesteten Riesenhäupter der Stromeswäch- 
ter zucken? Wie lachend endlich es am hellen Tage, wenn der 
Sonnenstrahl in den leise bewegten Wellen der Weser aufglitzert 
und das Auge weithin durch die Bläue der goldig heitern Lüfte 
dringt, vor euren Blicken daliegt? Ich vermag nicht, wie ein 
greiser Zauberer aus alten Gedichten Sturm und Ungewitter oder 
den heitern Sonnenschein des Lenzes zu beschwören, war' ich 
auch ein Gärtner im Lande des Frühlings, eines ewigen Früh- 
lings, ich könnte doch nur einzelne Knospen darin pflegen und 
für euch abbrechen, nicht den Frühling vor euren Augen in's 
Land ziehen lassen. Hir müsst selbst dies Thal und diese Höhen, 
den Osterberg und die Schaumburg und den Hohenstein, den 
Wasserfall zu Langenfeld und die in der Gebirgsschlucht ver- 
stekte Arensburg besuchen, um eure Brust von dem ganzen Zau- 
ber dieses Thaies anhauchen und durchziehen zu lassen, um die 
süsse Luft der Freiheit zu athmen und euch Flügel zu erträumen, 
die euch hinunter trügen bis auf die schaukelnde Woge des 
Stroms, die euch erlaubten, auf den dichten buschigen Laub Wip- 
feln euch zu wiegen, Tage, Monden lang, bis in „selige Ver- 



— 35 — 

schoUenheit " hinein! Ihr müsst selbst hier fühlen, was in den 
Versen ausgedrückt ist: 

— — dann in 

Die Luft zu dringen, in die Sonnenglulh 

Des Abends mich zu tauchen, Avie ein Geist, 

Der ird'schen Fesseln und des Staubes baar, 

Leicht alle Elemente zu diirchschweben, 

Des Himmels gold'nes Licht, der Ströme Fluth — 

Das All durchwebend, selbst das All zu sein 

Und wie der Urkraft Odem zu beherrschen — 

Drängt es mich wunderbar, wenn ich bewegt 

Vom Süller weit in diese Thäler sehe, 

Die in der Schönheit Leuchten sich gewandet. 

Oder wenn in den freien Lüften, die weich und schmeichelnd 
euch anwehen , die alte ewige Freiheit ihre Liebesboten an euer 
Herz sendet , dann sagt auch ihr euch hier wohl , was der tief- 
sinnige Brite Coleridge an einer solchen Stelle empfand : 

Nicht aus dem Joche kann der Sclav sich retten , 
Der willig fröhnt, der Wüstling, der zerschlägt 
In tollem Spiel die Fesseln nur und trägt 

Der Freiheit Namen auf gewicht'gern Ketten: 



Dort fühlt' ich Freiheit! — auf dem Klippenhang, 

Dess Fichtenhain, vom Lufthauch kaum berührt, 
Harmonisch mit des Meeres Murmeln sang, 
Stand ich und schaute, tief dem All verbunden. 
Durch Erd' und Meer und Luft, wie rings umwunden, 

Wie von der tiefsten Lieb' hinabgeführt; 
Dort, Freiheit, hat dich meine Seel' empfunden! 

Man nimmt in Deutschland gewöhnlich den Rhein mit seinen 
Gestaden zum Massstab für jedes andere schöne Stromthal. Mit 
ihm verglichen hat die Weser weniger grossartige und wildro- 
mantische Parthien; ihre Gebirgsmassen sind weniger zusammen- 
gedrängt; aber sie ist idyllischer und hat auch die tieflrüben 
Verliesse des Rheines nicht, wo die schwarzen Schieferfelsen, 
bedeckt von der höchst kümmerlichen Vegetation der Rebengär- 
ten euch in ihren engen Kesseln von der Welt für ewig zu son- 
dern scheinen ; die Weser ist überall ein freundlicher Fluss ; sie 
schlängelt sich durch ein offenes helles Gefilde, mit voller Frei- 
heit der Bewegung, denn die errichteten Grundgesetze für ihren 

3* 



— 36 — 

Lauf, die Bergeszüge, scheinen sich nach ihr gerichtet zuhaben, 
nicht sie von ihnen bestimmt worden zu sein. Ich möchte die 
Weser im Gegensatze zum Rheine desshalb den protestantischen 
Fluss Deutschlands nennen, und den letztern den katholischen. 
Wo der Weser die Autorität der Gewalt in deii Bergmassen der 
Porta westphalica entgegengetreten ist, da scheint sie ihren 
dreissigjährigen Krieg geführt und endlich die Anerkennung ihres 
freien Princips errungen zu haben; der Rhein dagegen ist der ka- 
tholische Strom Deutschlands ; er spiegelt nicht allein die schön- 
sten Dome , die Münster von Speier und Köln und Mainz in sei- 
nen Wogen, er gibt sich in seinen beengten Windungen den Ge- 
setzen hin, welche Gott ihm für seinen Lebenslauf in den stei- 
nernen Tafeln seiner Felsenwände offenbart hat: Avas er an Ber- 
gen und Klippen bespült , trägt zudem die Trümmer mittelaltriger 
Herrlichkeit , die finster und klagend hineinschauen in die mo- 
derne Völkerwanderung da unten, welche einen so bunten, schreien- 
den Contrast mit seinem einfach düstern Charakter bildet. Ich 
habe hier die pittoreske Parthie des Rhein's, welche am meisten 
bewundert wird, von Bingen bisGoblenz, im Auge, eine Strecke, 
die mir immer wie vor Gram und Galle über das neue modern- 
flüchtige und blaudunstige Leben, das tagtäglich jetzt auf tosen- 
den Dampfschiffen über die Wasserbahn zieht, alt und grau ge- 
worden schien. Ich glaube, man müsste den Rhein dort schliessen 
und ihn Jahrelang ungestört lassen , dass er an's Licht gebären 
könnte, was in den dunklen Klüften brütet; die zusammenge- 
sunkenen Felsen würden in jugendlicher Kraft sich aufrichten 
und mit lichterem üppigerem Laube neu ihre Wände begrünen 
und ein frisches blühendes Leben in ihre dunklen Kessel einzie- 
hen lassen. Was hätte die Lurlei Eiligeres zu thun, wenn man 
sie ungestört Hesse, als auf's Neue ihren alten romantischen 
Spuck mit aller Fährlichkeit der verlockenden tiefwehmüthigen 
Zauberklänge zu beginnen ? Und mit den Klängen aus der al- 
ten verschwundenen Zeit mit den tiefsinnigen Weisen, aus denen 
die mährchenhafte Poesie alter Jahrhunderte ihre Zauberdome 
baute , würde sie die alten Burgen wieder aufbauen , wie Am- 
phion Thebens Mauern einst; die zerfallenen Gewölbe würden 
neu sich schliessen, und der Donjon wieder hoch und stolz seine 
Zinnen recken, wenn er die alten bekannten Töne der Zauber- 
jungfrau vernähme. 



— 37 — 

Doch, kehren wir vom Rhein zur Weser zurück, und zwar 
zum linken Ufer des Flusses, denn jenseits ist nicht rothe Erde 
mehr und wir würden dort in das Land der Ostphalen überschwei- 
fen, wenn es überhaupt ein solches gibt. Denn ich glaube, dass der 
Name „Ostphalen" kein ursprünglicher Yolksname sei, sondern 
später gebildet, um „Westphalen" ein correspondirendes östliches 
Phalen - Land an die Seite zu stellen. Nun aber ist „Westphalen" 
kein zusammengesetztes, und „Phalen" gar kein Wort; daher 
kann natürlicher Weise auch keine Derivation für letzteres ge- 
funden werden ; sondern der Ursprung des Namens unsres Lan- 
des liegt in dem eines altsassischen Heroen, Westfalah, der im 
Angelsächsischen Yesterfalina genannt wird, wo man seine Ab- 
stammung durch Beldeg von Yoden (Odin) herleitet; er mag der 
Stammvater und das schützende Numen des Volksstammes gewe- 
sen sein, der nach ihm der Westphälische heisst. 

Einer der schönsten Punkte auf der linken Seite des Flusses 
ist die Anhöhe in der Nähe der jetzt restaurirten Kirche des alten 
freiadlichen Frauenstiftes Möllenbeck. Eine edle Matrone Hild- 
burg gründete im 9. Jahrhundert mit einem Priester Folkart aus 
Minden dies Gotteshaus , worin Jungfrauen und Frauen sich zu- 
rückziehen und ohne strenge Clausur, im schwarzen Gewände 
und weissen Schleier, nach des heil. Benedikt Regel, ihre Tage 
dem Gebete Avidmen sollten. Im 14. Jahrhundert war eine der 
Stiftsfrauen Adelheid vom Berge, von der eine seltene lateinische 
Druckschrift erzählt , dass sie so schön wie reich an Geist und 
Kenntnissen geAvesen. „Bei dem Auf- und Untergange der 
Sonne, heisst es darin, sah man sie auf dem benachbarten, 
damals mit einem Kreuze geschmückten Hügel Stundenlang mit 
gefalteten Händen regungslos dastehn , indem ihr Geist den Ban- 
den des Körpers entschwunden zu sein schien. Nach ihrem frü- 
hen Tode fand man von ihr mehrere Gedichte in lateinischer 
Sprache, welche einen tiefen Schmerz über ihr vernichtetes Leben 
aussprechen." — „Du bist", besingt sie eine Quelle, „das Sinn- 
bild meines Herzens: Deine schauerliche Grotte ist entfernt von 
den Stürmen und Leidenschaften der Welt; du hörst nichts als 
das Girren der Holztaube, und die Klagetöne der Nachtigall. Im 
Scheine des Abendroths umspielt dich das Eichhörnchen und 
der junge Hase; aber vergoldet die Gluth auch deine rieselnden 
Wellen — mein Herz umwölkt eine düstre Mitternacht. Der Duft 



— 38 — 

des Veilchens erstirbt unter meinen ermatteten Füssen und keine 
deiner Blumen erinnert mich an einen Freund: nur der Tod bie- 
tet mir den kalten Arm und wenn ich mit ihm gegangen , wird 
Niemand bald mehr wissen , wer Adelheid vom Berge war." 

Ich weiss nicht, ob acht ist, w^as ich hier mitgetheilt habe, 
denn ich kenne die Quelle nicht: aber wenn auch nicht, bleibt 
Adelheid vom Berge, wie sie dasteht auf der Höhe, die man 
jetzt den kahlen Berg nennt, umflattert von dem weissen Schleier, 
die hohe schlanke Gestalt und das Herz voll Poesie und Sehn- 
sucht unter die Falten des schwarzen Gewandes verhüllt , das 
scharf umrissen sich hervorhebt auf dem glänzenden Hintergrunde 
des abendlich glühenden Horizonts, bleibt Adelheid vom Berge 
nicht immer eine Wahrheit voll tiefer , voll unendlicher Wehmuth ? 
Sie steht traurend, das Bild eines vergrämten Nonnenlebens, an 
ihre öde Höhe gebannt, an ihr Kreuz gelehnt und darf nicht 
hinab in die Gefilde , die in der Ferne lockend sich mit dem 
Schmelze eines rosigglühenden Lebens und Lichtes gefärbt haben: 
sie fühlt, dass dort ihre Heimath sei, nach der alle Stimmen 
ihrer innersten Natur, alle Gottgegebenen Offenbarungen ihres 
jungfräulichen Wesens sie ziehen : aber sie darf nicht. Und 
weshalb nicht? — Wahrlich Seume mag oft Recht haben, wenn 
er sagt: „Leben heisst wirken und vernünftig wirken; nach 
unsrer Weise aber heisst es leiden und unvernünftig leiden." 
Adelheid vom Berge ist nicht das wehmüthige Bild eines ver- 
grämten Nonnenlebens allein ; und darum hängen unsre Blicke 
an der melancholischen Erscheinung mit desto innigerem Gefühle, 
und es mag uns eine Art Genugthuung geben , wenn wir hören, 
wie wenig Segen auf dem Kloster lag, das sie in seine Mauern 
schloss. Im Jahre 1441 war die Zucht des Convents so aus 
allen Banden und Fugen gekommen, dass Augustiner Mönche 
aus dem Münsterlande Besitz von dem Stifte nahmen ; diese 
mussten nach der Reformation protestantischen Conventualen 
weichen, bis der Westphälische Friede eine Domaine aus dem 
reichen Gotteshause schuf. 

Wir müssen die Weser hier verlassen, um nachzuholen, 
was wir von interessanten Punkten in ihrem Wassergebiet bisher 
zur Rechten hinter uns Hessen. Fast parallel mit ihrem Laufe 
erstreckt sich vom Ravensbergischen her bis in's Paderbornische 
der Teutoburger Wald; im Paderbornischen zieht sich seine Ver- 



— 39 — 

längerung, das Egge-Gebirge, bis zu den rauheren Höhen des Sü- 
derlandes hinüber; es ist die Wasserscheide zwischen der We- 
ser und dem Rhein oder der Lippe, und die Gränze zwischen 
den lachenden fruchtbaren Fluren des Fürstenthums Lippe und 
der dürren Steppe der jenseits gelegenen Senne. Der mittelalter- 
liche Name des Teutoburger Waldes ist Osning oder Osuegge ; der 
jetzt gebräuchliche ist nach einer Stelle in Tacitus Annalen (L 60.) 
gebildet, um des deutschthümlicheren Klanges Willen, und in 
Folge der wohl völlig bewiesenen Hypothese, dass in den Schluch- 
ten dieses Gebirges die deutschen Wölfe Roma's stolze Aare zer- 
rissen haben. Der arme geschlagene Yarus ist nämlich seitdem 
wie ein quasi pecuUum castrense des Lippischen Landes geAvor- 
den , auf dessen ausschliesslichen Besitz es eifersüchtig genug 
ist, um sein Recht daran durch Derivationen wie Varenholz 
(^vor'n Holte) von Yarusholz, Feldrohm von Fall -Rom, Her- 
mannsburg (erbaut 1187 von Hermann von Schwalenberg) von 
Arminiusburg zu verstärken. Und doch bedurfte es dessen nicht, 
um den Beweis zu führen, dass der Osning klassischer Boden 
für die deutsche Geschichte sei, wie der verdienstvolle Archiv- 
rath Clostermeier zu Detmold in seiner gediegenen Erörterung 
der Frage , „wo Herrmann den Yarus schlug " dargethan hat. 
Ich muss auf ihn verweissen , in Beziehung auf diese vielfach 
discutirte Controverse, denn es gestattet der Raum nicht, den 
mannigfachen Spuren des grossen Ereignisses hier nachzugeheji, 
um endlich voll überzeugter oder gläubiger Andacht in der Schlucht 
stehen zu bleiben , wo Yarus seine Legionen vernichtet und 
hingeschlachtet sah von der nordischen Berserkerwuth, die in 
den Schnäbeln seiner Adler den Oelzweig nicht entdecken konnte, 
w^elchen sie doch auch als erste Boten einer nahenden Cultur 
neben den Blitzen drohender Waffenmacht in ihren Fängen trugen. 
Ich weiss nicht, ob wir so stolz die Herrmannsschlacht als die 
grösste deutscher Waffenthaten in die Bücher unsrer Geschichte 
eintragen dürfen: und zwar nicht allein deshalb, w^il sie jenseits 
eines Stromes liegt , der ein jenseitiges und diesseitiges Ufer 
unsrer Historie so von einander abtrennt, dass keine Beziehung 
zwischen beiden mehr Statt hat ; jenseits der Yölkerwanderung 
nämlich. Wenn man aber auf einer der Höhen, welche das 
Gefilde der Yarusschlacht überschauen, auf der Grotenburg bei 
Detmold, einem der höchsten Punkte des Osnings, dem Herrmann 



— 40 — 

eine colossale Ruhmessäule in einem Kupfernen Standbilde auf- 
richtet, so ist das eine Idee, der man um des deutschen Gemein- 
gefühls willen, alles Gedeihen wünschen muss. Mag Herrmann 
immerhin mehr ein Moment unserer Urgeschichte sein , als eine 
bestimmte Individualität, die im Bew^usstsein des Volkes lebte; 
das Denkmal wird dazu dienen , das GesammtbeAvusstsein zu 
beleben, oder auch nur momentan, bei dem Feste der Enthüllung 
eine nationale Begeisterung zu wecken , wie wir ihrer bedürfen. 
Auch Gutenberg war keine im Volke lebendige Individualität mehr: 
und w^enn man den Cultus des Genius einmal die Standbilder 
seiner Heiligen auf ehernen Altären, wie überall jetzt im deut- 
schen Vaterlande, errichten lässt, so ist der Cultus eines Herr- 
mann, solch eine moderne Irminsul , gewiss weit unschädli- 
cher als die Apotheose einer noch im frischen Andenken 
stehenden Persönlichkeit mit allen ihren Schwächen. Denkmale 
sind wie Leichengepränge — für die Ueberlebenden, wenn man 
für eines stimmt, kann man sie alle gelten lassen, ja auch das, 
w^elches die Männer von Babylon dem Salaterfinder Nabuchodono- 
sor zu errichten im Begriffe stehen sollen. Das Denkmal Armin's 
wird nach dem Modell und unter der Leitung des Bildhauers von 
Bändel in den grossartigsten Dimensionen auf einem hohen gothi- 
schen Unterbaue ausgeführt. Die Höhe der Gestalt Avird 40 Fuss 
betragen. Der Ort der Errichtung könnte, auch abgesehen von 
den localen Traditionen , nicht besser gewählt werden , wenn eine 
poetisclfe Illusion uns in die Jahrhunderte der Deutschen Heroen- 
zeit versetzen soll. Das Gebirge ist hier mit den herrlichsten 
Buchenwaldungen bedeckt, die hochstämmig und schlank, wie 
stolz auf ihre reiche Vegetationskraft, die unbemoosten Stämme 
dicht aneinander emporrecken; der eigenthtimliche Zauber des 
Waldnachtlebens haucht euch hier an, wenn irgendwo, mit seinen 
träumerisch dunklen Stimmen, mit dem Girren ferner Holztauben 
und dem sachten V^icgen der windbewegten Aeste , Töne , die, 
wenn auch laut und vernehmlich an euer Ohr dringend, doch die 
tiefe Stille ringsum , die feierliche Andacht der Natur nicht unter- 
brechen, sondern sie heben. Und schreitet ihr unter diesen 
Laubhallen einher, über das Moos, das hier und dort, wo eine 
Lichtung ist , der grelle Sonnenschein fleckt , und die zarleren 
Schatten bewegter Blätter überhuschen , dann träumt ihr euch leicht 
das alte Leben wieder hinein in diese W^aldungen: wer sagt euch. 



ir 




— 41 — 

dass der Holzhauer, der dort mit der blankgeschliffenen Axt auf 
seiner Schulter, selbst eine patriarchalisch ungeschliffene Figur 
im groben Kittel , dem ausgefahrenen Geleise eines Hohlwegs 
folgt, nicht einer der deutschen freiheitschwärmenden Jünglinge 
sei, der zu seinen langlocldgen bärenhäutigen Brüdern eilt, um 
in der Dörenschlucht und im Pass am Falkenberge auch sein 
Trinkhorn mit Römerblute zu füllen? Hört, wie seine Stimme 
plötzlich des Echo der Berge weckt; ich glaube, er singt: „Was 
ist des Deutschen Vaterland, ist's Sachsenland, Westphalenland? 
nein, nein, sein Vaterland muss grösser sein!" Die Hlusion ist 
vollständig, denkeich. — Oder wollt ihr noch den Schatten der 
Seherin A^elleda heraufbeschwören? Hir könnt auch ihm in die- 
sen Wäldern begegnen oder wenigstens einem ähnlichen und 
verwandten Wesen, einer weissen Frau, deren Erscheinung und 
Existenz die Detmolder Volkssage behauptet. Vor nahen Todes- 
fällen in der regierenden fürstlichen Familie schreitet sie trau- 
rend durch die Gemächer und Gorridor's des Residenzschlosses 
zu Detmold: oder sie sitzt an einem Tische mit flammenden 
Wachskerzen und ist emsig mit Schreiben beschäftigt: so sahen 
sie zuletzt zwei Bediente, die in der Dämmerung gingen, die 
Fensterläden eines entlegenen Gemaches zu schliessen , Einer im 
Innern , der Andere von Aussen her durch die Scheiben blickend. 
Als jener bis in die Mitte des Gemaches getreten war, zerrann 
sie in Nebel und war dann spurlos verschwunden. 

Diese Sage von einer weissen Frau in so vielen Residenz- 
schlössern Deutschlands ist durch ihre weite Verbreitung und die 
Menge ehrenhafter Zeugnisse für die Existenz des räthselhaften 
Wesens eins der merkwürdigsten Momente unsres Volksglaubens. 
Jakob Grimm *) bringt sie mit der alten Göttin Frau Holda in 
Verbindung, die durch die christliche Auffassung des Mittelalters 
von dem Wesen der alten Gottheiten, nicht negirt, sondern zu 
einem dämonischen Wesen umgeschaffen wurde. Holda heisst in 
Süddeutschen Gegenden Frau Berchte und nimmt hier einen bös- 
artigeren Charakter an, geht aber wie jene in den Zwölften, 
zwischen W^eihnachten und Neujahr um, und wacht wie sie über 
die Spinnerinnen; ihr FesX muss durch eine- althergebrachte Speise, 
Brei und Fische, begangen werden. (Wie die weisse Frau in 



*) Deutsche Mythologie , Seile 169. S. auch dessen deutsche Sagen. 



— 42 — 

Böhmen auf ihrer Burg dies Fest und das jährliche Breiessen 
einsetzte, erzählt Jung Stilling in seiner Geisterkunde.) Als ein 
gutes günstiges Wesen, sagt Grimm, erscheint sie in manchen 
andern, gewiss hoch in das Mittelalter hinaufreichenden Yorstel- 
luiigen. Die weisse Frau ist ihr schon dem Namen nach völlig 
gleichbedeulig, denn pemht, ^er/tf drückt aus: glänzend, leuchtend, 
weiss. Diese weisse Frau pflegt zwar an bestimmte Geschlechter 
geknüpft zu werden (sie erscheint zu Neuhaus in Böhmen, zu 
Berlin, Baireuth, Darmstadt, Carlsruhe, und bei allen Geschlech- 
tern, die den dort residirenden durch Verheirathung verwandt 
geworden sind, in Westphalen zu Detmold und auf dem Schlosse 
zu Bentheim) aber den Namen Bertha fortzuführeu, z. B. Bertha 
von Rosenberg. Sie thut Niemanden zu Leide , neigt ihr Haupt vor 
wem sie begegnet, spricht nichts und ihr Besuch deutet einen nahen 
Todesfall an, es sei denn, dass sie keinen sclnvarzen Handschuh 
oder keinen schwarzen Gürtel um ihr schneeweisses Gewand trüge. 
Auch trägt sie einen Schlüsselbund und eine weisse Schleierhaube. 
Nach Einigen soll Bertha mit einem bösen störrischen Manne, 
Johann von Lichtenstein auf Neuhaus in Böhmen , vermählt gewe- 
sen sein. Nach ihres Gemahls Tode fing sie an, zu grosser Be- 
schwerde ihrer Unterthanen, die ihr frölmen mussten, ein Schloss 
zu bauen. Dafür stiftete sie ihnen das jährliche Essen und Fest, 
dessen Uebergehung sie durch Misshandlungen der Schlossbe- 
woliner rächt. Auch erscheint sie, um fürstliche Kinder zu pfle- 
gen, die von den Ammen vernachlässigt werden. Eine Fürstin 
war einst vor dem Spiegel mit ihrer Toilette für einen Ball be- 
schäftigt, und fragte ihre Kammerfrau, welche sie hinter einer 
Spanischen Wand in ihrer Garderobe glaubte: „wie viel Uhr 
ist's?" — „Acht Uhr, Ew. Liebden," versetzte eine unbekannte 
hohle Stimme, und als die Fürstin erschreckt aufsah, stand die 
weisse Frau in der Thüre der Garderobe. Acht Tage danach 
starb die Fürstin. — Nach einer andern Sage, welche Christian 
Graf zu Stollberg dichterisch bearbeitete, hat die weisse Frau 
in ihrem Leben als Wittwe Otto's Grafen von Orlamünde auf 
Plassenburg ihre zwei Kinder aus Liebe zum Burggrafen Albrecht 
dem Schönen von Nürnberg ermordet; denn er hatte gesagt, zwi- 
schen ihre Verbindung stellten sich vier Augen ; darunter verstand 
sie, als es ihr hinterbracht wurde, ihre Kinder, und tödtete sie 
durch Nadeln, die sie in ihre zarten Hirnschalen steckte, er aber 



— 43 — 

halte seine Eltern, die den Bund nicht wollten, gemeint. Eine 
dritte Angabe behauptet, sie habe in ihrem Leben mit solcher 
ausschliesslichen Liebe an ihren Kindern und den Ihrigen gehan- 
gen, dass sie darüber des lieben Gottes vergass und noch in 
ihrer Todesstunde für die Aussteuer einer Tochter allein Gedan- 
ken hatte. Dafür sei sie nun verwünscht, so lange in den Häu- 
sern ihres Geschlechtes umzugehen, bis eine Enkelin aus ihrem 
Stamme den Mulh habe, die gespenstische grauenhafte Ahnfrau, 
die nach ihrem Tode noch durch die Nacht einhersclnvebt, um 
zu suchen, wer sie liebe, — inbrünstig zu umarmen. — Es hat 
vieles für sich, sagt Grimm, dass einige in unsren Ueberlieferun- 
gen berühmte Frauen des Namens Berlha mit der geisterhaften 
Bertha zusammenhängen; sie sind aus der Götter- in die Hel- 
densage aufgenommen worden. Eine weit zurückliegende Ver- 
gangenheit pflegt man in Italien und Frankreich durch die Worte : 
„in der Zeit als Königin Bertha spann" anzudeuten: es ist wie- 
der die Vorstellung der spinnenden Hausmutter. Bertha des 
Königs Blume und der Weissblume Tochter, hernach Gemahlin 
Pipin's und Mutter des grossen Karls, verleugnet ihren mythi- 
schen Ursprung nicht. Sie heisst „Berthe mit dem Fuoze," au 
grand fied, ein Attribut, das aus alter Ueberlieferung hervor- 
geht von einer reine Pedauque, „regina pede aiicae/' [pied d'oie, 
Gänsefuss,^ deren Bild an alten Kirchen in Stein gehauen steht. 
Es scheint der Fuss einer Schwanjungfrau, den sie zum Zeichen 
ihrer höhern Natur nicht ablegen kann. Als Schwanjungfrau 
ist sie nun natürlich „die M'eisse Frau," die Perahta oder Berlha. 
Der Osning ist wahrscheinlich der heilige Wald, worin die 
Irminsul , das berühmte Götterbild der alten Deutschen, stand. Das 
Wort hat bei den Chronisten bald die Bedeutung von Heiiigthum, 
bald von Hain , bald von Bildsäule. Budolph von Fulda sagt 
von ihr: es war eine grosse hölzerne Säule aufgerichtet, unter 
freiem Himmel verehrt , ihr Name sagt aus : allgemeine , alles 
tragende Säule. Doch scheint sie einem besonderen Wesen halb- 
göttlicher Natur geweiht gewesen zu sein, wo der Begriff der 
Säule nicht in den eines heiligen Baumes überhaupt übergeht, 
wie sich oft nachweisen lässt. Spuren ihres Gullus Avill J. Grimm 
in der Osnabrückischen lledensart: „he ment, nse Herr Gott 
heet Herrn/' (sei gutmüthig und zürne nicht) finden, oder in 
der „use Herr Gott heet nich Herrn, he heet leve Herre un weet 



— 44 — 

tval to te griepen." Darin soll leise Sehnsucht nach der milden 
Herrschaft des alten heidnischen Gottes im Gegensatze zu dem 
strenge richtenden und strafenden christlichen Gotte unverhalten 
sich ausdrücken. In einigen Gegenden Westphalens und Hessens 
lebt unter dem Volke der Reim: 

Hermen, sla Dermen, 
Sla Pipen, sla Truminen, 
De Kaiser will kummen, 
Met Hamen und Stangen, 
Will Hermen uphangen. 

„Nicht unmöglich j dass sich in diesen, durch die lange Tra- 
dition der Jahrhunderte gegangenen und wahrscheinlich entstell- 
ten Worten Ueberreste eines Lieds erhalten haben, das zu der 
Zeit erscholl, als Karl die Irmensäule zerstörte. Auf den noch 
altern Arminius und die Römer lassen sie sich viel w^eniger deu- 
ten." (S. Grimm 1. c.) Man muss überhaupt den historischen 
Herrmann nicht mit dem mythischen Irmin verwechseln. Der 
Osning aber, der die geweihte Säule oder eine derselben, denn 
es scheint ihrer mehrere gegeben zu haben, beschatl^ete , mag 
daher seinen Namen haben, der „heiliger Wald" bedeutet, da 

05 gleich atis sein mag, ein Wort das „Gottheit" ausdrückt 
und die gothische oder althochdeutsche Form für das Skandi- 
navische Ase ist. Man hat seither die Irminsul in der Ehres- 
burg, (dem heutigen Stadtbergen an der Diemel, wie man 
glaubt) aufgestellt gehalten; doch gründet sich diese Annahme 
auf ein Missverständniss der betreffenden Stellen in den Geschicht- 
schreibern über Karl's Feldzüge; eine richtige Interpretation 
(Clostermeier's „der Eggesterstein"} zeigt, wie man die Stelle 

6 Stunden tiefer im Osning annehmen müsse. — 

Die grösste Merkwürdigkeit des Lippischen Waldgebirgs sind 
die sogenannten Extersteine, besser Eggestersteine. Es ist unend- 
lich viel über sie gefabelt und geschrieben worden: desshalb werdet 
ihr mir eine neue detaillirte Beschreibung erlassen, um so mehr, 
als das anliegende Bild den höchst pittoresken Anblick dieser selt- 
samen Felsengruppe gewährt. Sie liegt eine Viertelstunde von dem 
Lippischen Städtchen Hörn entfernt am Ufer eines Baches, die 
Lichtheupte genannt, über den die höchste Spitze des ersten 
Felsens (zur rechten Seite auf dem Bilde) 125 Fuss hoch riesig 



— 45 — 

emporragt; wie nackte Grundsäulen der Erde, von denen das ver- 
hüllende Gewand, das andre Berge umkleidet, forlgeschwemmt 
scheint, stehen sie da, ein imponirender phantastischer Anblick! 
Die einzelnen Massen sind ganz von einander getrennt; durch 
die beiden letzten der fünf Felsen führt die Chaussee zwischen 
Hörn und Paderborn; den zweiten und dritten verbindet oben 
eine eiserne Brücke. Sie bestehen aus feinkörnigem Felssand- 
stein, der, mit Eisenocher als Bindungsmittel gemischt, ihnen eine 
gelblich graue Farbe gibt. Auf dem vierten Felsen hängt ein 
Stein, der jeden Augenblick herabzustürzen droht und der Sage 
nach einst eine Lippische Gräfin zerschmettern Avird. Die drei 
ersten gewähren von ihrer Höhe eine weilgedehnte herrliche 
Aussicht über das ganze anmuthige blühende Land, über die Ge- 
birgszüge vom Köterberge in der Nähe der Weser bis zu den 
Höhen im Osnabrückischen. Im Innern des ersten und des zwei- 
ten Felsens sind kleine Hallen oder Kapellen ausgehauen, dort 
unten , hier oben , unter dem Gipfel , an dem ersten Felsen ist 
ausserdem in uralter Arbeit unten, nach aussen hin, eine Kreuz- 
abnahme in Hautrelief angebracht ; die Darstellung ist ziemlich 
wohl erhalten und nur von Menschenhänden hier und da ver- 
stümmelt; an beiden Seiten des Bildwerkes führen Oeffnungen in 
das Innere ; zur linken Seite der Oeffnung links ist noch ein 
Bild des heiligen Petrus in Basrelief ausgehauen, aber bis zur 
Unkenntlichkeit verwittert. l^Ian hat den Namen Exter- oder 
Externstein. von dem Worte Exter, das im Plattdeutschen Elster be- 
deutet, ableiten wollen und desshalb auch rupes picanim übersetzt. 
Besser aber ist die Derivation von Egse, Spitze, Kante, (daher 
Egge-Gebirge, der Name des Paderbornischen Osnings} und 
die Schreibart Eggesterstein. Das man heidnische Gottheiten an 
diesem Steine verehrt habe, ist freilich möglich, aber eine durch- 
aus unbewiesene Hypothese, wenn sie sich auf eine Stelle in 
H. Hamelmanns Schrift: „Beschreibung der Westphälischen Städte'^ 
gründet. Nach ihm soll nämlich Karl der Grosse hier an der 
Stätte eines heidnischen Heiligthums einen christlichen Altar mit 
den Bildsäulen der Apostel errichtet haben. Es ist allerdings 
faktisch, dass Karl in der Nähe von Thietmelle, d. h, die Volks- 
Gerichtsstätte , (von Thiet, Volk, und Mal, Gerichtsstätte,) dem 
heutigen Detmold emen Sieg erfocht, worauf die Schlacht an der 
Hase im Osnabrückischen erfolgte, welche 783 die Unterjochung 



— 46 — 

Westphalens entschied , dass 785 Karl der Grosse selbst , nach- 
dem er bei dem nahen Schieder und Lüde das Weihnachtfest 
gefeiert hatte , durch den ganzen Gau bis nach Rehme an der 
Weser gezogen sei: aber nirgends findet sich eine Andeutung, 
dass er zu den Eggestersteinen gekommen sei. Auf alle die 
andern fabelhaften Sagen und Behauptungen über die Eggester- 
steine, dass die Göttin des Morgens und des Aufgangs, Easter 
oder Ostara dort verehrt sei, dass sie ein Hauptsitz deutschen 
Lichtdienstes gewesen , dass Drusus bei ihnen in Gefahr gerathen, 
dass auf ihnen die gefangenen Römeranführer nach der Varus- 
schlacht geopfert seien, dass Yelleda in dem zweiten Felsen 
gehaust habe — können wir hier nicht eingehen ; sie sind hin- 
länglich von Clostermeier in seiner schon genannten Beschrei- 
bung widerlegt worden. Nach ihm ist so viel gewiss, dass 
die Felsen von einer edlen Familie des elften Jahrhunderts an 
das Kloster Abdinghof in Paderborn verkauft Avorden seien, und 
dass dieses sie zu einer Stätte christlicher Andacht hergerichtet 
habe, vielleicht um einen Wallfahrtsort daraus zu schaffen. Zu 
dem Ende scheinen nun die Kapellen im ersten und zweiten 
Felsen ausgehauen worden zu sein ; doch mochte der Hauptgot- 
lesdienst unter freiem Himmel gehalten werden, so dass die 
Steinhauerarbeit am ersten Felsen als Altarbild diente und unter 
ihr der Altar errichtet war. Die Bildhauerarbeit umfasst eigent- 
lich zwei horizontal geschiedene Felder, von denen das obere 
besser erhalten als das untere, die Kreuzesabnahme darstellt, 
das andere kaum noch erkennbare den Sündenfall Adam's und 
Eva's; der Baum der Erkenntniss , um den sich die gewaltige 
Schlange unten in vielen Verschlingungen windet , bildet auf dem 
oberen Bilde den Stamm des Kreuzes, um symbolisch die Ver- 
bindung zwischen Sündenfall und Kreuzestod anzudeuten. Die 
Figuren sind schlecht gezeichnet, unnatürlich lang und hager, 
ihre Formen jedoch kräftig behandelt und scharf hervorgehoben ; 
auch kündet sich einige Kenntniss der Perspective an; sie stam- 
men gewiss aus dem zwölften Jahrhundert, denn der Abt Gum- 
bert von Abdinghof liess sich im Jahre 1093 erst seine Erwer- 
bung der Eggestersteine bestätigen, und wenn er auch sofort die 
Arbeit an denselben beginnen liess, so kann deren Vollendung 
doch schwerlich vor dem folgenden Jahrhundert angenommen 
werden , da das Aushauen der Kapellen gewiss mühsam von 



— 47 — 

Statten ging. Zwar findet man in Otfried's Evangelienharmonie 
aus der zweiten Hälfte des neunten Jahrhunderts (S. Schilter 
Thes. Antiq. Teut. I.) ein Seitenstück zu der Abbildung an den 
Eggestersteinen , das die rohen Umrisse eines am Kreuze han- 
genden Erlösers in ähnlichem Style darstellt. Aber zwei Jahr- 
hunderte mehr mögen in jener Zeit die Künste nicht um ein 
sehr Bedeutendes gefördert haben; ausserdem zeigt sich aber 
auch in der Arbeit an den Eggestersteinen schon ein grösserer 
Reichthum von Ideen. Die ganze Architektur der Kapellen mit 
ihren Hufeisenförmigen Bogen gehört zudem der Byzantinik an, 
oder dem Neugriechischen mit arabischen Ideen befruchteten 
deutschen Baustyle, der vom Ende des zehnten und vom elften 
Jahrhundert an bis in das erste Yiertel des dreizehnten Jahrhun- 
derts bei uns herrschte und vorzüglich am Rhein die Menge 
seiner ausgezeichnet schönen Basiliken sich als Monumente setzte. 
Meister aus Paderborn mögen die Arbeit an unsren Felsen aus- 
geführt haben, denn dort hatte die Bauliebhaberei des Bischofs 
Meinverkus schon früher, im Anfang des elften Jahrhunderts 
eine Schule gestiftet , aus der erfahrene Werkmeister hervor- 
gingen. 

Die Reformation beendete die Andacht an den Eggesterstei- 
nen, die früher durch Zeichen und \Yunder unterstützt wurde; 
in der That mag keine Stätte sich besser zu einem wunderthätigen 
Wallfahrtsort eignen , als die Kapelle in diesen , ich möchte sagen, 
gespenstischen Felsen, die so mächtig auf die Phantasie wirken 
und unwillkührlich düstere Ideen von altem heidnischen Götter- 
dienst und seinen Menschenopfern in uns heraufbeschwüren. 
Weisst doch die Sage an der einen Seite des ersten der Steine 
die Spuren einer Flamme in dem braungelben Eisenocher nach, 
welche die Stelle bezeichnen soll, wo sich der Teufel gegen die 
Wand gestemmt, um das christliche Heiligthum zu stürzen und 
zu zerstören. Das unendlich Düstre, Grauenhafte, tief auf die 
Phantasie wirkende , das gewöhnlich in den Physiognomien wun- 
derthätiger Bilder liegt (bei der ganz schwarzen Madonna von Lo- 
retto liat z. B. die Farbe diese Wirkung; am gräulichsten mag wohl 
Nofre Dame de Puy in Süd -Frankreich sein, wahrscheinlich ein 
heidnisches Idol ursprünglich) , läge hier in der ganzen Umgebung. 

Im Jahre 1659 bekam der Grossherzog Ferdinand von Flo- 
renz den seltsamen Einfall den Eggesterstein zu kaufen; die 



— 48 — 

Verhandlungen darüber wurden zwischen einem Domdechanten 
von Paderborn und einem Landdroslen Levin von Donop geführt; 
die gebotenen 60,000 Kronen wurden aber nicht angenommen 
und der Handel zerschlug sich, vielleicht weil man die Absicht 
entdeckte , die frühere katholische Andacht dort wiederherzu- 
stellen. Um die jetzige Zugänglichkeit der Felsen durch Treppen 
und Brücke haben sich der Graf Herrmann Adolph von der Lippe 
im siebzehnten Jahrhundert, der sie durch Thürme und Mauern 
befestigte, und, nach der Zerstörung von dessen Vorrichtungen, 
die unvergessliche Fürstin Pauline von der Lippe verdient gemacht. 
Eine Sammlung der vielfältigen Bilder in Kupfer- und Stein- 
druck, welche die Eggestersteine darstellen, habe ich die Wände 
des Zimmers schmücken sehen , welches Grabbe in seinem Hause 
zu Detmold bewohnte; ich dachte dabei an seine Werke, die 
mir immer wie im Angesicht der Eggestersteine, oder in ihren 
düstren Kapellen concipirt schienen; ja, ich möchte sie selbst 
die Eggestersteine unsrer Literatur nennen, so massenhaft phan- 
tastisch, so nackt und enlblöst von den umhüllenden Gewändern 
einschmeichelnder weicher Phrasen stehen sie da; die Hand der 
Cultur hat sie nicht geglättet, nicht gefeilt, sondern die Umrisse 
mit gewaltiger Hand und schmetterndem Meissel scharf aus dem 
Rohen herausgehauen, wie jene Kreuzabnahme der Byzantinik. 
Wenn ihr das trunkene Genie dieses Dichters aus seinen gigan- 
tisch grossartigen Schöpfungen verehren, aus seinen Hohen- 
staufen-Tragödien , wo er mit Wolfram von Eschenbach so un- 
endlich weiche und liefe Klänge Avie verwehte Geisterstimmen 
aus seinen Saiten lockt, lieben gelernt habt, so kümmert euch 
vor Allem nur nicht um ihn hier, wo wir in seiner Heimath 
sind. Soll euch die Wahrheit und das Verständniss des viel 
angefochtenen Wortes: „Der Dichtung Flamm' ist allezeit ein 
Fluch!" mit all seiner unsagbaren Wehmuth aufgehen? Lasst 
es lieber unverstanden, lasst das irdische Sein des Dichters 
und alle Erinnerungen daran in den weiten Wäldern der Teuto- 
burger Berge verschollen sein , in die er ja heimzog vom fernen 
Rhein, um in ihnen zu sterben. Es sind so manche Erinnerun- 
gen schon in ihnen verschollen; aus dem Säussein in ihren 
Aesten hört Niemand mehr das Aechzen erschlagener Römer, das 
Flehen sterbender Sachsenhelden heraus, die unter zuckenden 
Frankenbeilen zu ihren Göttern riefen; lasst in ihren Wehen 



^49 — 

auch den Hülferuf ihres letzten Helden zerrinnen, der in einen 
grimmen Streit gestellt wurde, in den Kampf mit dem Leben, 
aber keine Waffen hatte, um ihn zu bestehen; konnte er anders, 
als nach dem nächsten greifen, um sich zu wehren und es dem 
Gegner an den Kopf zu schleudern, nach dem Nächsten, das bei 
ihm stand und das unglücklicher Weise eine Rumflasche war ? — 
In einem andren Lippischen Städtchen, Blomberg, war früher 
ein berühmtes Kloster bei einem Wunderbrunnen, zu dem von 
Nah und Fern die Siechenden strömten, um Genesung und Heil 
aus ihm zu schöpfen; die wunderbare Kraft aber war also über 
den Brunnen gekommen: es lebte eine arme Frau in Blomberg, 
die trieb ein gleiches Gewerbe mit ihrer Nachbarin, und blieb 
arm, während jene täglich reicher wurde; da fragte sie: „Wie 
macht Hir es, Nachbarin, dass Euch alles gelingt, was Ihr vor- 
nehmt, und mir nichts, obwohl auch ich nicht faul bin?" Die 
Nachbarin versetzte lächelnd: „Ihr müsst einen Gott im Kasten 
haben, wenn Euer Gut gedeihen soll; die Arbeit allein thut es 
nicht." Das lag der armen Frau lange im Sinn ; endlich entschloss 
sie sich, den Gott, der in der Kirche auf dem Altar stehe, zu 
nehmen und ihn in ihren Kasten zu legen ; desshalb Hess sie sich 
in der Kirche nach dem Gottesdienste einscliliessen, nahm die 
Hostie aus der Monstranz und schlich zitternd, als die Kirche 
wieder geöffnet Avurde, nach Hause. Bald darauf aber wurde 
der Kirchenraub entdeckt, und die Untersuchung sollte mit einer 
Haussuchung beginnen ; dess erschrack die arme Frau sehr, nahm 
ihre Hostie und warf sie in den Brunnen ; aber sie wollte natür- 
lich nicht untersinken , und wie jene auch rühren mochte , 
die Hostie wurde von den suchenden Mönchen entdeckt, und 
die Frau gefoltert und verbrannt; der Brunnen jedoch empfing 
von ihrer That eine Wunderkraft, dass er die Segnung der 
Gegend wurde. Das ist eine Mähr aus alter Zeit, in der man 
einen tieferen Sinn suchen könnte , als die Mönche , welche sie 
aufbewahrt und benutzt haben , darin ahnten. Die Alte , die 
es wagte, den Gott von dem Altar zu nehmen, worauf man 
ihn nun einmal gestellt, die es wagte, mit der ganzen heiligen 
Kraft seines wunderbaren Wesens das Wasser ihres Brunnens 
zu weihen, dass Genesung und Heil für alle Leidenden daraus 
entquoll — ward gefoltert und verbrannt. Ist nicht der Dichter 
so der Herr eines Wunderbrunnens , dessen Gewässer er durch 

4 



— 50 — 

einen Strahl der Göttlichkeit und mit der ganzen heiligen Kraft 
eines wunderbaren Wesens zu weihen die Kühnheit hat, dass 
nun Alle Heil daraus trinken oder magische Labung, während 
ihn selbst das Leben foltert, der Dichtung Flamme verzehrt? 
Last ihm dann mindestens die Weise, wie er seiner Qualen Herr 
zu werden, wie er sie zu übertäuben glaubt; lasst auch dem 
armen Grabbe , der euren Gott in den Brunnen warf , seine Weise, 
seine Rumflasche und sonstige Unanständigkeiten — er ist ja todt, 
das Leben hat über ihn gerichtet — er ist verbrannt ! 

Auch Christian von Dohm's muss ich an dieser Stelle er- 
wähnen, der 1751 zu Lemgo geboren ward und dort seine für 
die Geschichte des vorigen Jalirhunderts so wichtigen Denkwür- 
digkeiten schrieb. Dohm gehört zu dem Triumvirate Memoiren- 
schreibender Diplomaten, die unwillkührlich durch die Aehnlich- 
keit ihrer Schreibart, durch die gleich sorgsam behandelte Ge- 
wandung ihrer Gedanken an einander erinnern; es sind William 
Temple und Varnhagen, der sich von Ense schreibt, ausser 
Dohm ; ihr Styl ist so glatt wie Eis , aber es steht kein Wasser 
unter diesem Eise ; der Varnhagen's hat dazu oft die buntfarbigen 
Crystallblumen, welche entstehen, wenn man heftig beim Hin- 
überrutschen über Eis auf den Kopf fällt. — 

Uns bleibt noch übrig, auf die mittelaltrige Vergangenheit 
des Fürstenthums Lippe zurückzublicken. Die Herrscher dieses 
kleinen blühenden Landes, voll einer dicht gedrängten betriebsa- 
men Bevölkerung, stammen von einer edlen Familie her, die unter 
Kaiser Lothar dem Sachsen als an der Lippe begütert genannt 
wird; desshalb heissen sie Jungherrn oder edle Herrn „tho der 
Lippe". Ihr ältester Sitz soll Lipperode, ein Ort jenseits des 
Osnings gewesen sein, und Lippstadt ihnen seine Entstehung 
verdanken. Die Herrschaft diesseits des Osnings, das Fürsten- 
thum Lippe erhielten sie als ein Lehn der Paderbornischen Kirche 
im zwölften Jahrhundert, in welchem der Stammvater der jetzigen 
beiden Linien, der Fürsten von Lippe -Detmold und der von 
Lippe -Bückeburg oder besser von Schaumburg C-Holstein), 
Bernhard IL auftritt. Nach ihm war das Geschlecht besonders 
reich an Gliedern , die sich dem Dienste der Kirche widmeten ; 
man zählt zwei Erzbischöfe , sechs Bischöfe, sechs Dompröbste' 
einen Kreuzritter darunter in einem Zeitraum von 150 Jahren! 
Diese kirchliche Richtung mochte der Ahnherr Bernhard selbst 



— 51 — 

seiner Familie gegeben haben, ein Mann, der ein so Ereigniss- 
und Thatenreiches Leben führte, dass man ihn den Lippischen 
Odysseus genannt hat, und in ihm den Vorwurf zu einem epi- 
schen Gedichte sehen konnte. Der Verfasser desselben hiess 
Justinus und verdankte seine Erziehung wie seine Stiftspfründe 
zu Höxter einem Gliede der Lippischen Dynastenfamilie; aus 
Dankbarkeit dafür scheint er den Ahnherrn derselben besungen 
zu haben, wie auch Dankbarkeit gegen einen spätem Bernhard 
eine Uebersetzung des Gedichts durch die Stiftsjungfrauen zu 
Lippstadt veranlasste. Es ist nämlich in Lateinischer Sprache in 
regelrechtem elegischen Versmasse geschrieben und erzählt, wie 
der Graf Bernhard , anfangs dem geistlichen Stande gewidmet, 
durch den Tod eines altern Bruders zur Regierung berufen, sich' 
in allem ritterlichen Werke ausgezeichnet, dann von Feinden 
aus dem Lande getrieben , durch eine List sich wieder zu seinem 
Rechte verhelfen habe : er bot nämlich das Landvolk auf und 
rückte damit wieder in seine Gränzen ein, nachdem er den 
Bauern befohlen , ihre Pflugschaaren und eisernen Ackergeräthe 
glänzend blank zu scheuren und wie ritterliche Waffen zu erhe- 
ben. Als nun seiner Feinde Späher von den besetzten Warten 
herab ihn anrücken sahen , glaubten sie, ein Heer gerüsteter Ritter 
ziehe heran , und Alles begab sich in panischem Schrecken auf 
die Flucht. So erhielt Graf Bernhard sein Land wieder. Er 
zieht darauf zum Reichstag, was seinem Sänger Veranlassung 
zu der schönsten Episode gibt, welche die Pracht des kaiserli- 
chen Hoflagers , den Reichthum und die Tugenden der Grossen 
des Reichs, den Prunk und die Anmuth ihrer Gezelte, ihrer 
Mahlzeiten , ihrer Gewänder beschreibt. Vor dem versammelten 
Hofe erscheint Graf Beruhard mit würdiger Repräsentation: 
Justinus lässt vor ihm her die Hörner tönen, die Laute erklingen, 
die Flöten lispeln und die Pauken schlagen, dass alle ob der 
Herrlichkeit staunen. Der Kaiser forscht , wer und von wan- 
nen die Kommenden seien, und heisst sie sich setzen; sie aber 
werfen ihre reichgestickten Mäntel ab , um sich darauf nieder- 
zulassen. Nachdem nun die Reichsgeschäfte beendet sind und 
Alle zum Fortgehen sich erheben, lassen Bernhard und seine 
Begleiter ihre Mäntel am' Boden liegen, und daran gemahnt, 
spricht Bernhard: „es ist nicht Sitte in unserm Lande, dass ein 
ehrlicher Mann die Sessel mit sich forttrage, auf denen er sass. 

4* 



— 52 — 

Durch solches ritterliches Gehaben erwirbt er nun die Gunst des 
Kaisers sich bald und erhält von ihm, was er am Hofe suchte, 
die Erlaubniss eine neue Burg in seinem Lande erbauen zu dür- 
fen. Da errichtet er an der Lippe die Burg gleiches Namens. 

Eine haile Krankheit raubt ihm nicht lange nachher den 
Gebrauch seiner Glieder, aber er lässt sich in einem Tragsessel 
umhertragen, um so bei den Kämpfen in seinen Fehden gegen- 
wärtig zu sein. Doch erinnern ihn seine Leiden an seine frühere 
Bestimmung für den Dienst Gottes und der Kirche; desshalb 
entsagt er der irdischen Hoheit und der Herrschaft, die er sei- 
nem Sohne Herrmann anvertraut , trennt sich von seiner Gemahlin, 
einer Gräfin von Are, und von seinen elf Kindern, um sich in 
den Orden der Cistercienser zu begeben und ein Mönch in der 
Abtei Marienfeld im Münsterlande zu werden. Aber hier das 
stolze Ritterhaupt kahl geschoren unter die Obedienz drücken 
zu müssen und die rauhe Kutte statt des goldgestickten Sammts 
zu tragen, dünkt ihm bald nicht Ascese genug; er will auch 
noch um seines Erlösers willen aus dem Vaterlande verbannt 
sein und lässt sich nach Dünamünde versetzen, wo die Mönche 
ihn zum Abte erwählen. 

Auch in Dünamünde lässt es den Lippischen Odysseus nicht 
lange ruhen ; bald sieht ihn der römische Stuhl auf seinen Stufen 
knien , um die Erlaubniss vom heiligen Vater auszuwirken, das 
Kreuz gegen die heidnischen Liefländer predigen zu dürfen ; denn 
er hatte in seiner neuen Heimath, am Baltischen Meere, von 
den harten Verfolgungen vernommen , welche über die Christen 
in Liefiand gebracht seien. Die Bitte wird ihm gewährt und er 
selbst wird zum Bischof von Semgallen ernannt; sein zweiter 
Sohn, Otto, der schon Bischof von Utrecht ist, während sein 
ältester Sohn Gerhard den erzbischöflichen Stuhl der Domkirche 
zu Bremen inne hat, weiht den Vater dazu mit dem heiligen Oele 
ein, und setzt ihm die Inful auf die hohe, von lichter Begeiste- 
rung glühende, auf die väterliche Stirn! — Bei Gott, ich kann 
dem Justinus nicht weiter folgen — ich hätte der Bischof von 
Utrecht sein mögen, der seinem eignen Vater die Mitra auf das 
geliebte, theure Haupt setzt! Seht ihr sie vor dem Hochaltar ihrer 
Cathedrale, die beiden Männer, wie die hohe , von ihren Jahren 
ungebeugte Gestalt des Vaters vor dem Sohne kniet , Avie er 
in frommer Andacht und voll Ehrfurcht vor der höheren Würde 



— 53 — 

des schon Gesalbten, zu ihm aufblickt, ein Haupt mit helden- 
kräftigen und doch weichen Zügen, denen eine Idee voll unend- 
licher Begeislerungsmacht ihr flammendes Siegel aufgeprägt hat, 
dass es aussieht, als ob der goldne Hintergrund, welchen das 
Gewand seines Sohnes bildet, der Heiligenschein sein müsse, 
der in voller Glorie um dies Haupt loht ! Und seht ihr den 
Sohn, wie seine Hände zittern, in denen er die Inful hält, wie 
der Rubinenblitzende Hirtenstab ihm an die Brust zurückgefallen 
ist, wie Thränen sein blühendes Gesicht netzen, als nun in 
Triumphesfreudigen Klängen das donnernde Tedeum durch die 
Gewölbe der Cathedrale schwillt? — Es war ein glücklicher 
Mann, dieser Bischof Otto von Utrecht! glücklicher vielleicht 
als ein Kaiser, der seiner Liebe das Diadem durch die Locken 

schlingen kann! — Der Bischof Bernhard predigte nun 

das Kreuz, sammelte Ritter, Waffen und Rosse und stritt sieg- 
reich zu Gottes Ehre gegen die Heiden: alt und lebenssatt legte 
er sich zu Lehal in Liefland endlich zum Sterben hin, und 
hauchte seine Seele in Gottes Hände aus ; seine Leiche ward 
nach Dünamünde gebracht und harrt dort einer fröhlichen Auf- 
erstehung. — (S. H. Meibom. Script. Rer. Germ. /.) 

Die folgenden Herrn zu der Lippe Avaren besonders glück- 
lich in ihren Heirathen, welche ihnen den Besitz der Herrschaft 
Rheda, eines Theils der Grafschaft Schwalenberg, der Herr- 
schaft Stoppelberg, und die beiden Grafschaften Pyrmont und 
Spiegelberg verschafften ; unglückliche Fehden brachten sie jedoch 
um fast alle diese Acquisitionen wieder. Doch hatte Bernhard YL 
das Glück , in einer Fehde mit Herzog Heinrich von Braunschweig, 
der ihn bekriegte , weil er auf seiner Burg Yarenholz ungetreuen 
Vasallen des Herzogs Schutz gegeben hatte, diesen mächtigen Feind 
am Odernberge, den 19. November 1404, aufs Haupt zu schlagen 
und den Herzog selbst gefangen zu bekommen. Dieser wurde 
in das feste Bergschloss auf dem Falkenberge , einer der Höhen 
des Osnings eingesperrt, und zwar in so harter Haft, dass er 
den Gebrauch seiner Glieder dadurch verlor : an7io domini ii04, 
sagt eine alte Chronik , do wart Hinrick van Luneborch gefangen 
van Her Bernde van der Lippe unde wart gefort tip den Valken- 
berg, dar helt en de Here strenglicken ein jar iimb , dat he na 
up Krücken moste gan, do he los loart. Diese grausame Be- 
handlung mag die Gemahlin des Gefangenen bewogen haben, 



— 54 — 

persönlich bei dem Sieger um die Befreiung des Herzogs zu 
flehen, ein Schritt, welcher der Geschichte unbekannt, aber von 
dem folgenden Yolksliede verherrlicht ist: 

Jk sag minen Heren van Falkensteen 
To siner Borg op rieden, 
En Schild forte he beneven sik her, 
Blank Schwerd an siner Sieden. 

„God gröle ju Heren van Falkensteen; 
„Syji des Land's en Here? 
„Ei so gebet mek weder den Gefang'nen min, 
„Um aller Jungfrou'n Ere; 

De Gefangene, den ik gefangen hebb', 
De is nü worden suer, 
De liegt tom Falkensteen in dem Thoorn, 
Darin sal he vervulen. 

„Sal he dan tom Falkensteen in dem Thoorn, 
„Sal he darin vervulen? 
„Ei so wil ik wal jegen de Muren treen, 
„Un helpen Leefken truren. 

Un as se wal jegen de Muren trat, 
Hört se fien Leefken d'rinne. 
„Sal ik ju helpen? dat ik nig kan, 
„Dat nimt mi Wit un Sinne. 

Na Hus, na Hus, mine Jungfroue, zart, 
Un tröst jue arme Weysen. 
Nemt ju op dat Jar enen andern Man, 
De ju kan helpen truren. 

„Nem ik op dat Jar enen andern Man, 
„By eme möst ik slapen. 
„So leet ik dan ok jo min Truren nig. 
„Slög he mine arme Weysen. 

„Ei so wolt ik, dat ik enen Zelter hedd, 
„Un alle Jungfrou'n rieden, 
„So wolt ik met Heren van Falkensteen, 
„Um min fien Leeflten strieden. 

Oh ne, oh ne, mine Jungfrou zart; 
Des möst ik dregen Schande, 
Nemt ji ju Leefken Aval by de Hand , 
Trek ju met ut' dem Lande. 



— 55 — 

„Ut dinem Lande trek ik so nig, 
„Du gifst mi dan en Scliriven, 
„Wenn ik nu komme in fremde Land, 
„ Dat ik darin kann bliven. — 

As se wal in en grot Ilede kam 
Wal lüde ward se singen: 
„Nu kau ik den Heren van Falkensteen 
„Met minen Worden tvvingen. 

„Do ik dit nu nig hene segen kan, 
„Do Avill ik doen hen sclirif'en, 
„Dat ik den Heren van Falkensteen 
„Met minen Worden kont twingen. 

Die Befreiung des Herzogs wurde jedoch seiner Gemahlin nicht 
so leicht, wie es das Lied angibt; erst im Juni 1405 wurde er 
gegen das Versprechen eines Lösegelds von 100,000 Rheinischen 
Goldgulden und nach Stellung von zwei Landesherrn und 26 Kit- 
tern als Bürgen, nachdem er eidlich die Urfehde gelobt, sei- 
ner Haft entlassen von dem „Herrn von Falkenstein", der in der 
Volksromanze so edelmüthig ist. Aber wieder in seine Burgen 
heimgekehrt und unter seinen Baronen, scheint der Vertrag sich 
ihm in ganz andrem Lichte gezeigt zu haben wie damals, als er 
noch in der engen Fürstenkammer auf dem Falkenberge sass, 
die man noch im vorigen Jalirhundert unter den Ruinen des 
Schlosses zeigte , als sprechenden Beweis , mit welch' unbeque- 
men, von allem Luxus entblössten Räumen die Fürsten des 
fünfzehnten Jahrhunderts sich zu begnügen wussten — ein Ge- 
mach, um den leidenschaftlichsten Rococo- Liebhaber sein Ste- 
ckenpferd für immer darin aufstallen zu lassen. Genug, der 
Herloghe Hinrick, de toch lo liome unde leyt sich von dem eijd 
absolveren tmde toch in des greoen van der Lippe Land unde 
brende reyn äff dal do was, dar wart nich vele gerovet. Zudem 
wurde die Reichsacht über Bernhard VL und seinen Sohn Simon, 
die edlen Herrn zur Lippe verhängt; ganz Westphalen und Nie- 
dersachsen stand gegen sie auf und ihr Gebiet wurde mit Feuer 
und Schwert verwüstet. Nur der Churfürst Friedrich von Cöln, 
der Grossohm der Gemahlin Bernliard's , einer Gräfin von Moeurs, 
verwandte sich für sie , und so gelang es ihnen endlich , dem 
völligen Untergange und der verdienten Strafe für die unritter- 



— 56 — 

lieh grausame Behandlung ihres Gefangenen durch Vergleichsver-- 
iräge zu entgehen. 

Bernhard YIL, der kriegerische , (f 1511) verkaufte die schon 
früher verpfändete Hälfte von Lippstadt an den Herzog von Cleve, 
wodurch dieser Gebietstheil an Preussen, den Erben der Glevi- 
schen Lande gekommen ist. Unter ihm verwandelte der Böhmer- 
krieg das Land in eine Einöde, 60,000 raublustiger wilder Böh- 
men, welche der Erzbischof von Cöln, Graf Dietrich von Moeurs, 
als Hülfstruppen in seiner Fehde mit der Stadt Soest brauchte, 
fielen von Höxter her im Jahre 1447 in das Land ein; denn 
Bernhard VH. war der Bundesgenosse des Herzogs von Cleve, 
in dessen Schutz sich die angegriffene Reichsstadt während dieser 
berühmten „Soester Fehde'' gestellt hatte. Der damals erst 
18jährige Edelherr zur Lippe musste bei diesem Einfall in eine 
Tonne verschlossen zu Schiffe sich die Weser hinunter retten, 
bis ihn schützend die Schauenburg in ihren Mauern aufnahm. — 

Seit dem 16. Jahrhundert verlegten die um diese Zeit erst den 
Grafentitel annehmenden Herrn zur Lippe ihre Residenz nach 
Detmold, nachdem sie früher auf ihren Burgen zu Lipperode, 
Bracke, Blomberg, Rheda u. s. w. gehaust. Ihre Herrschaft 
zeichnete sich durch ihre Milde aus; noch jetzt mag das Land 
das einzige Deutschlands sein , welches fast gar keine direkte 
Steuern kennt. Viel seines Wohlstandes verdankt es dem gross- 
artigen und wahrhaft ehrwürdigen Regentengeiste der Fürstin 
Pauline, geborenen Prinzessin von Anhalt -Bernburg, einer Frau, 
die selbst Napoleon Achtung vor ihrem Geiste abdrängte — wie 
das jetzt sprichwörtlich geworden ist , wenn man von den Regen- 
tentugenden eines Deutschen Fürsten der vorigen Generation 
redet. 

Die schönsten Parthien, die man von Detmold aus machen 
kann, sind die zum Falkenberge, auf die Grotenburg oder den 
Teut, und die, welche diesen Berg zur Linken lassend, durch 
die Schlucht, welche er mit seinem westlichen Nachbar bildet, 
dann links um die Grotenburg herum , immer durch die herrlichsten 
Buchenwaldungen und Eiciienhaine, zum Petri- Stieg führt, wo 
eine schöne weitgedehnte Aussicht sich bietet auf ein reich bevöl- 
kertes und bebautes Land, dem nur die Windungen und Gestade 
eines grossen silberwogigen Stromes fehlen, um sich kühn den 
berühmtesten Aussichten unsres Vaterlandes an die Seite stellen zu 



— 57 — 

dürfen. Zunächst im Thale unten liegt das Dorf Heiligenkirciien, 
das aus seinem grünen Laube mit den rothen Ziegeldächern, dem 
hohen Thurme und der pittoresken alten Kirche freundlich her- 
vorschaut; das herrliche Thal der „Berlebecke" führt unten von 
Detmold her zu diesem reizend gelegenen Orte, der, einer der 
ältesten im ganzen Ländchen, schon 1036 in einer Urkunde vor- 
kommt; ja Karl der Grosse selbst soll die Kirche den Heiligen 
gestiftet haben, welche ihm zu seinem Siege über die Sachsen 
bei Thietmelle beistanden. — 

Aber eine noch romantischere Parthie, eine kühne Wanderung 
ist die, welche ich jetzt euch vorschlage; es gilt nämlich nichts 
geringeres, als die erste beste der Höhen des Osnings zu erklim- 
men, welche das Thal von Detmold gegen die Stürme des Süd- 
wests beschirmen und dort oben von Kuppe zu Kuppe, durch 
Schlucht und Hain, und Busch und Stein einen Weg uns zu 
brechen, immer dem Zuge gen Nordwesten nach, welchem die 
Berge folgen. Sie ist mühsam, die Reise, aber wir stehen auf 
dem Boden altdeutscher Kraft und altdeutschen Siegesstolzes; 
wie ein Gefolgsherr, der durch die Wälder seinem Drange nach 
Abentheuer folgt, schreit' ich voran, das Eichenlaub meines Hu- 
tes unser grünes Banner, und ihr folgt mir als getreue Gesaljo's, 
die Gesellen nach dem Rechte der Waffenbrüderschaft, das euch 
verbindet, mit mir zu stehen und — zu fallen, ein Umstand, der 
leicht eintreten kann. Oben auf der Höhe winkt der Lohn, der 
Blick in die weiteste Ferne, die wir mit den im Sonnenstrahl 
leuchtenden Waffen siegreicher Gedanken uns unterthänig machen, 
um dem überwundenen Volke der Philister, das da unten haust, 
den dritten Fuss seines Gebietes abzunehmen; wir wollen es für 
uns, für die Romantik und die Poesie. Seht ihr es daliegen das 
bunte Panorama mit Wies' und Wald und Berg und Burg, mit 
Thurm und Thor? Gen Süden dehnt, von ihren wilden Rossen 
durchflogen, die Senne sich aus, eine unendliche Ebene, sandig, 
wenig bebaut, mit einzelnen Dörfern und Höfen, welche der 
Eichenhain oder die Tannengruppe birgt. Nur gegen Südwesten 
hin erspäht ihr weitgedehnte Waldungen ; sie hegen das alte 
Schloss der Grafen von Rittberg, die Holte, mit ihren zerfallenen 
Thürmchen und verschütteten Gräben; lasst mich den Schlossherrn 
aus der Ferne grüssen, der jetzt dort mit bespornten Schritten 
das nachklirrende Echo des öden Rittersaales weckt und sinnend 



— 58 — 

das blonde Haupt schüttelt, wenn es zu laut wird, dies Echo, 
wenn es gespenstisch in den bestaubten Räumen des einsamen 
Waldkastel's zu rumoren beginnt; denn es ist nicht geheuer dort 
und eine Sage knüpft an die Burg ein Ereigniss, welches mit 
verändertem Namen die folgende schöne dichterische Bearbeitung 
erzählt: 

Das Fräulein von Rodenschild. 

Sind denn so schwül die Nacht' im April? 
Oder ist so siedend das junge Blut? 
Sie schliesst die Wimper, sie liegt so still, 
Und horcht des Herzens pochender Fluth. 
„0, will es nimmer und nimmer tagen? 
0, will nicht endlich die Stunde schlagen! 
Ich wache, und selbst der Seiger ruht." 

Doch horch! es summt, Eins, Zwey, und Drey, — 
„Noch immer fort?" — Sechs, Sieben, Acht, 
Elf, Zwölf, — Himmel, war das ein Schrey? 
Doch nein, Gesang erhebt sich sacht, 
Nun wird mir's klar, mit frommem Munde 
Begrüsst das Hausgesinde die Stunde, '•) 
Anbrach die heilige Osternacht." 

Seitab das Fräulein die Kissen stösst, 

Und wie ein Reh von dem Lager setzt, 

Des Mieders engende Schleifen lösst, 

Jn's Häubchen drängt sie die Locken jetzt. 

Das Fenster öffnend, leise leise, 

Sie horcht der mählig schwellenden Weise, 

Seltsam vom Schrey der Eule durchsetzt. 

dunkel die Nacht! und schaurig der Wind! 

Die Fahnen wirbeln am knarrenden Thor, — 

Da aus der Halle das Hausgesind, 

Mit Blendlaternen, tritt einzeln vor. 

Der Pförtner dehnet sich, halb schon träumend, 

Am Dochte zupfet der Jäger säumend. 

Und wie ein Oger gähnet der Mohr. 



*) Es bestand, und besteht hier und dort noch in katholischen Ländern 
die Sitte, am Vorabende des Oster- und Weihnachlfages den 
zwölften Glockenschlag abzuwarten, um den Eintritt des Festes 
mit einem frommen Liede zu begrüssen. 



— 59 — 

Was ist? — wie das aus einander schnellt! 

In Reihen ordnen die Männer sich, 

Und, eine Wacht, vor die Dirnen stellt 

Die graue Zofe sich ehrbarlich , 

„ Ward ich gesehn an des Vorhangs Lücke ? 

Doch nein, zum Balkone starren die Blicke, 

Nun langsam wenden die Häupter sich." 

„ Weh meine Augen I bin ich verrückt ? 
Was gleitet entlang das Treppengeländ'? 
Hab ich nicht so aus dem Spiegel geblickt? 
Das sind meine Schritte — welch ein Geblend! 
Nun hebt's die Hände, wie Zwirnes Flocken, 
Das ist mein Strich über Stirn und Locken! — 
Weh! bin ich toll? oder naht mein End?" 

Das Fräulein schaudert, und hält sich doch, 

Das Fräulein wendet die Blicke nicht. 

Und leise rührend die Stufen noch 

Am Steingelände fährt das Gesicht, 

In seiner Rechten den Leuchter tragend, 

Und pfeilrecht drüber die Flamme ragend, 

Blau, regungslos, wie ein Elfenlicht 

Nun langsam unter dem Sternendom, 
Nachtwandlern gleich in Traumes Geleit, 
Entlang die Reihen schwebt das Phantom, 
Und Jeder tritt einen Schritt zur Seit'. — 
Nun lautlos gleitet's über die Schwelle — 
Und wieder drinnen erscheint die Helle, 
Hinauf sich windend die Stiegen breit. 

Das Fräulein hört das Gemurmel nicht, 
Sieht nicht die Blicke, stier und verscheucht, 
Fest folgt ihr Auge dem blauen Licht, 
Wie's dunstig über die Scheiben streicht, 
— Nun ist's im Saal — nun im Archive — 
Nun steht es still an der Nische Tiefe — 
Nun matter, matter — hal es erbleicht I 

„Du sollst mir stehen! ich will dich fahnl" 

Und wie ein Aal die beherzte Maid 

Durch Nacht und Krümmen schlüpft ihre Bahn, 

Hier droht ein Stoss, dort häkelt das Kleid, 

Leis tritt sie auf, o Geistersinne 

Sind scharf! — dass nicht das Gesicht entrinne! 

Ja, muthig ist sie, bei meinem Eid! 



60 



Ein dunkler Rahmen , Archives Thor ; 

— Ha, Schloss und Riegel! — sie sieht gebannt. 

Sacht sacht das Auge und dann das Ohr 

Drückt zögernd sie an der Spalte Rand, 

Tiefdunkel drinnen — doch einem Rauschen 

Der Pergamente glaubt sie zu lauschen, 

Und einem Streichen entlang der Wand. 

So niederkämpfend des Herzens Schlag, 

Sie hält den Odem, sie lauscht, sie neigt, 

Was, -ihr zur Seite, entglimmt gemach'!* 

Ein Glühwurmleuchten, — es schwillt, es steigt — 

Und, Arm an Arm, auf Schrittes Weite, 

Der Schemen lehnt an der Pforte Breite, 

Gleich ihr, zur Nachbarspalte, gebeugt. 

Sie fährt empor, — das Unding auch — 
Sie tritt zurück — so die Gestalt — 
Nun stehn die Beiden, Aug' in Aug', 
Und bohren sich an mit Vampyres Gewall, 
Das gleiche Häubchen deckt die Locken , 
Das gleiche Linnen, wie Schnees Flocken, 
Nachlässig gleich um die Glieder wallt. 

Langsam das Fräulein die Rechte streckt, 

Und langsam, wie aus der Spiegefwand, 

Sich Linie um Linie entgegen reckt 

Mit gleichem Rubine die gleiche Hand ; 

Nun rührt sichs — die Lebend'ge spüret, 

Als ob ein Luftzug sie schneidend rühret. 

Der Schemen bleicht, — zerrinnt, — entschwand. 

Und wo im Saale der Reihen fliegt, 
Da siehst ein Mädchen du, schön und wild,— 
Vor Jahren hat's eine Weile gesiecht — 
Das stets in den Handschuh die Rechte hüllt. 
Man sagt, kalt sey sie wie Eises Flimmer, 
Doch lustig die Maid, sie hiess ja immer: 
„Das tolle Fräulein von Rodenschild " 



Im Siiden am Rande der Senne erblicken wir die Thürme 
von Paderburn und darüber emporragend die blauen, vvolken- 
gleicheii Höhen der Süderläiidischen Gebirge; links begränzt die 
Egge mit ihren waldigen Kuppen die Aussicht, rechts sieht man 
in eine endlose Ebene hinein und darin bei sehr heiterm Hirn- 



— 61 — 

mel die Thürme von Münster. Wenden wir uns aber und bli- 
cken gen Norden, so fällt vor allen nebst Lemgo, und dem links 
von seinem Sparrenberge halb versteckten Bielefeld, Herford in's 
Auge und ein Theil des Ravensberger Landes, in dem es die 
zweite Hauptstadt ist. Herford hiess wegen seiner vielen Heili- 
gengebeine und der Menge seiner Klöster ehemals „dat hilge Her- 
vede" , Sancta Herfordia: es gehörte im 16ten Jahrhundert unter 
die Reichsstädte und spiegelte stolz die Menge seiner spitzen 
Thürme in der freundlichen Werre, die hier die kleinere Aa auf- 
nimmt. Wir müssen die Blicke für eine Zeitlang darauf haften 
lassen. Die Stadt liegt in einem reich bebauten fruchtbaren 
Thale, dem nach Osten hin die Berge des Osnings, hier mehr 
Hügel von etwa 4 bis 500 Fuss Höhe, die nächste Begränzung 
geben; doch liegt auch noch an der Südseite des Ortes ein 
Hügel, den man den Luttenberg nennt und darauf die Kirche 
und Gebäude des ehemaligen Collegiatstiftes. Dies Gottes- 
haus wurde im Jahre 1012 erbaut und von Bischof 3Ieinwerkus 
von Paderborn eingeweiht, nachdem 1011 auf Sankt Gervasii 
und Protasii Tag die heilige Jungfrau einem armen nach Herford 
wandernden Schäfer erschienen war, und ihn geheissen hatte, 
zur Äbtissin des Klosters in Herford zu gehen und ihren Willen 
zu verkünden, dass auf dem Luttenberge ihr ein Haus der Ver- 
ehrung erbaut werde. Ein altes Bild in der Kirche erhielt früher 
das Andenken an diese Vision; auch zeigte man dort ein Stück des 
Baumes, auf welchem die heilige Jungfrau sich in Gestalt einer Taube 
niedergelassen hatte , um noch einmal dem Schäfer ihre AVorte 
zu wiederholen, als man ihm zuerst keinen Glauben beigemessen 
hatte. Das eben erwähnte Kloster in Herford war eine zur Zeit 
Wittekinds gestiftete Frauen-Abtei, die Reichsstandschaft besass 
und über die Stadt und ihr Gebiet herrschte, nachdem Kaiser 
Karl IV. 1377 der Äbtissin Hildegarde von Olgenbach die volle 
Jurisdiktion zuerkannt hatte: eine ihrer Nachfolgerinnen, Gräfin 
Anna von Limburg trat aber 1547 die Hoheitsrechte dem Herzoge 
Gerhard von Jülich ab und im Oktober dieses Jahres huldigte 
diesem die Stadt: 1802 wurde die Abtei aufgehoben, das CoUe- 
giatstift auf dem Luttenberffe erst 1810. 

Nordwestlich von Herford liegt ein unscheinbares kleines Dorf, 
welches gewiss das merkwürdigste AVestphalens ist: es heisst 
Enger und war einst eine stolze Stadt, die den ganzen Gau der 



— 62 — 

Augrivarier beherrschte, denn sie umschloss die Königsburg 
Wittekinds; (König nennt ihn allgemein die Yolkssage, obwohl 
Karl der Grosse ihm nach seiner Bekehrung nur ein erbliches 
Herzogthum über Westphalen und Engern übertrug.) Die Stadt 
Enger hatte sieben Thore, sie dehnte sich gen Süden bis an 
den Elsternbusch aus; Westerenger aber war die Vorstadt und 
hier hatte der König ein Vorwerk , dem auch noch der Name 
geblieben ist. Von dieser alten Stadt entdeckt man jetzt keine 
Spur mehr: die Kirche und an ihrer Südseite, am Raine des 
etwas erhöht liegenden Friedhofs, der die Kirche umgibt, ein 
kleines Mauerstück von Wittekind's Burg sind alles , was aus 
des Herzogs Tagen übrig geblieben ist. Die Entstehung der 
Kirche und der Burg wird nach der mündlichen Tradition des 
Volkes so erzählt: als Wittekind ein Christ geworden war und 
Frieden im Lande hatte, da beschloss er, einen Königsitz sich 
zu bauen, wo er in Ruhe, seine treuesten Genossen um sich, 
den Rest seiner Tage verleben könne. Drei Orte aber waren ihm 
vor allen lieb, die Höhe von Bünde, der Werder von Relime 
und das hügelichte Angerthal: unschlüssig über die Wahl, er- 
klärte er desshalb , er würde den Ort wählen, wo zuerst eine 
Kirche erbaut wäre. Nun begann man an allen drei Orten eifrig 
zu werken: aber der Baumeister im Angertheile war der listigste; 
er baute, sich buchstäblich an des Königs Wort haltend, eine 
Kirche ohne Thurm , und die stand ■ rasch und bald fertig da; 
so wählte Wittekind die Stelle für seine Burg aus und Hess zu- 
gleich der Kirche den noch fehlenden Thurm mit gehöriger Müsse 
ansetzen; die Stadt entstand umher und umschloss mit ihren 
Mauern das jetzige Marktfeld, wo sich der Hauptplatz befand 
und das Opferfeld , wo man zuvor den heidnischen Göttern Men- 
schenopfer gebracht hatte, nebst mehreren andren Feldstücken, 
über welche jetzt Pflug und Egge fahren. In der Umgegend aber 
siedelten sich die Sattelmeier an, wenn sie nicht schon aus 
älterer Zeit her ihre Sitze dort halten: das waren Wittekind's 
Gesaljo's, die Saalgenossen oder sein nächstes Gefolge: sie muss- 
ten ihn zu Pferde begleiten und noch lange nachher halten ihre 
Höfe die Verpflichtung, einen berittenen Mann in den Heerbann 
zu stellen. Es sind ihrer jetzt noch vierzehn vorhanden, sieben 
in der Nähe von Enger, die andren Aveiterhin nach Werlher, 
Dornberg , Schildesche und Heepen zu. Wenn sie mit dem Könige 



— 63 — 

ritten, so begann der zu Hiddenhausen den Zug und der Meier 
zu Hücker schloss ihn: einer war Aufseher des Marstalls, ein 
andrer Wildmeister und ordnete die Jagden; ein dritter war das 
Haupt der Hirten , welche die zahlreichen Sauheerden des Königs 
weideten : >Yindmeier war Wittekinds Jäger und nährte seine Hun- 
de. Die Sattelmeier hatten noch bis auf unsre Zeiten den Ge- 
nuss manches Vorrechts, das aus alten Tagen ihnen angestammt 
war: sie waren Zehentfrei und wurden besonders feierlich be- 
stattet: es wurde unter Andrem ein gesatteltes Pferd hinter ihrem 
Sarge hergeführt. 

Viele andre Erinnerungen an den grossen Heerführer be- 
wahrt in Namen und Anklängen die Gegend. Man zeigt im 
Dorfe Enger die Stellen, wo seine Küche und der Küchen- 
garten , w^o das Backhaus und der Hühnerhof lagen : Pferde- 
schwemme und Burggraben werden euch gewiesen, ja der acht- 
eckige ausgekehlte Stein, welcher einst über der Schlossespforte 
lag und die Krone trug; unfern des Ortes bei einem dornbe- 
wachsenen Hügel, sieht man den Platz von Wittekinds Vogel- 
heerd und Vogelhaus, bei dem er oft und gern verweilte und 
zwei junge Bursche zu Fang und Pflege der Thiere angestellt 
hatte. An der Stelle der Umgegend , wo gegenwärtig das Wahr- 
zeichen des Gaues, die heiligen (sieben} Buchen stehen, hatte 
er eine Warte zur Rundschau erbauen lassen neben einer Eiche, 
die ein Heiligthum aus alter Zeit war : er mochte dort in schwa- 
chen Stunden mit seinen Gedanken zu den alten Göttern zurück- 
wallfahrten, denen er untreu geworden war. An der Stelle des 
uralten heiligen Baumes wuchs später die wunderbare Buche auf, 
deren Ueberreste noch zu schauen sind: es war ein Stamm, der 
nahe an der Erde in sieben mächtige Aeste sich auseinander 
zweigte und, oben wieder vereinigt, mit den sieben Wipfeln die 
gewaltige Krone eines einzigen Riesenbaumes bildete. — Aber 
Wittekinds Gebeine selbst ruhen in der stillen Dorfkirche; man 
betritt dies einfache, ein hohes Alter in seinen etwas verwor- 
renen Strukturen verrathende Gotteshaus mit einer Art heiliger 
Scheu vor dem hier waltenden Numen des grossen Mannes, der 
so standhaft und muthig für sein altes gutes Recht sich stemmte 
gegen die fränkischen Eroberer, die auf's Neue mit einem neuen 
Glauben in das Land seiner Väter drangen: waren sie doch seit 
je Ketzer gewesen, wie seine Priester es lehrten: denn Sachsen 



— 64 — 

und Franken lebten seit uralten Tagen in verschiedener y,Ehe" 
oder gesetzmässigem Wesen [Eoa] und Bunde unter sich und 
mit ihren Göttern: mit der Glaubensspaltung aber war ein Na- 
tionalhass zwischen beide Völker gekommen, der ihre Kriege 
um so mörderischer, der Sachsen völlige Unterwerfung um so 
schwieriger machte. Es ist das ein Punkt, der unsrer Geschicht- 
forschung bisher noch entgangen ist. Der arme Wittekind aber 
ahnte nicht, dass es hier nicht galt, einem Eroberer die Stirn zu 
bieten oder dem Nationalhasse mit der nationalen Siegesgewohn- 
heit entgegenzutreten, sondern dass eine neue Phase der Geschichte 
über den dunklen ahnungsvoll flüsternden Buchenzweigen seines 
Angergaues aufgehe, wie eine dämmernde Aurora nach einer 
heiligen Weiht nacht, durch deren rosigangehauchte Morgennebel 
die Engel des Friedens schweben, um auf die schlummernden 
stillen Menschen unten ihre Blumen auszustreuen. Dem gewal- 
tigen Karl aber machten die Engel nicht rasch genug mit ihren 
Gaben; er reckte die kühne gigantische Hand bis zu ihnen 
empor und entriss die Blumen ihrem Schoosse; dann zog 
er sein Schwert und fuhr mit allen seinen Paladinen in Witte- 
kinds Wälder hinein, stach sein mächtig Waffen in den Grund 
und pflanzte so der Engel Blumen in die sächsische Erde. Das 
mochte nicht die rechte Art sein, denn was er als friedlich ver- 
söhnende Lilie setzte, entfaltete sich nur zu oft zur schmerzen- 
reichen Passionsblume , die zu ihrer Nahrung das beste Herzblut 
des germanischen Menschen verlangte und mit narkotisch über- 
wältigenden Düften in das Mark seiner Kraft drang : aber Blu- 
men der Engel und überirdischen Wesens blieben sie doch, und 
einmal zu vollem Erschliessen von dem Strahl der neuaufgehen- 
den Sonne der Geschichte, deren Tage und Nächte eine Reihe 
Jahrhunderte sind, wach geküsst, konnte kein Stahlarm eines 
Wittekind sie wieder ausreissen aus dem Boden, in dem sie 
Wurzeln geschlagen. 

Das hatte Wittekind nicht erkannt; und woher auch sollte 
ihm die Kunde gekommen sein in seine einsamen Wälder, woher 
das Verständniss einer neuen Zeit , die nie einen Herold sich vor- 
aussendet, der Brief und Siegel von Dem da oben vorweisst, 
dass ihre Idee ein Evangelium seie, und nun von bestimmtem 
Tag und Datum an die Welt in eine andere sich umzukehren 
habe. Wissen es doch so viele unter uns nicht, obwohl sie 



— 65 — 

nicht in einsamen Wäldern leben und täglich die Boten verneh- 
men, "welche die Cultur des einen Landes an das andere sendet, 
dass eine neue Zeit angebrochen sei und sacht emporsteige, nicht 
wie damals eine flammend erstehende Sonne über nächtig dunk- 
len Wipfeln und Waldesbergen, sondern ein ruhig scheinender 
Tag, der Nebel sich senken lässt und die Lüfte klärt: glauben 
sie doch jetzt noch, mit ihren Händen den Nebel festhalten, 
durch das Schwenken zerfetzter Bannerlappen die Unklarheit des 
alten Dunstes Avieder hineinarbeiten zu können in den blau-son- 
nigen Aether, wo er beginnt, sich zu zeigen. So machen *sie 
eine wunderbar verworrene Zeit, wo man wie Karl der Grosse 
eine riesige Hand emporrecken möchte, und den Engeln die 
Blumen zumal entreissen, mit denen sie über uns schweben, und 
die sie so sacht und so spärlich auf uns harrende Menschenkinder 
als die Knospen der Zukunftsblüthe ausstreuen: denn nur sel- 
ten fällt eine ihrer Himmelsgaben Avie ein leuchtend niederstei- 
gendes Meteor herab oder steht tiber uns, eine lohende Segens- 
flamme in ihrem Kelche. Und WTil wir kleingläubig sind und 
leicht verzagen , kommt eine nagende Wehmuth und eine schmerz- 
liche Ahnung über uns bei all dem Harren. 

Es blitzt am Horizonte hinter den Bergen auf: durchleuchtet 
ein Meteor die Naciit? Horch, das sind Geschützesschläge, 
die donnernd an den Felsenufern des Stromes hinabrollen. Auf 
den Halden und den höchsten Kuppen prasseln gewaltige Schei- 
ter auf, ein Flammen, als feiere es die Apetheose des eben 
verschiedenen Tages : durch die verschleierte Nacht schwingen 
sonor und feierlich die Glocken ihre metallnen Klänge; rings 
aus allen Thürmen die der breitrollende Rhein bespült, hallt 
es wieder, über meinem Haupte schwirrt es die Freudenkunde 
den majestätisch ernsten dunklen Bergen zu, bis in ihre inner- 
sten Klüfte: es ist eine Knospe der Zukunftbliithe auf die Erde 
niedergefallen und durch die Weihenacht, Avelche jetzt die Ge- 
schichte sich feiert, schoss sie wie ein leuchtendes Meteor her- 
ab , eine lohende Segensflamme in ihrem Kelche ! — Ihr fragt 
mich, wo ich sie sehe? auf dem Diadem eines Mannes, dem 
heute diese Reiche huldigten,*} der, so Gott, der Lenker der 



*) Geschrieben am Rheine den 15. Oktober IbtO. 



— 66 — 

Fürstenherzen will, unsre Wehmuth heilen und die düstre Ahnung 
von uns nehmen wird. 

Der Fluss meiner Rede geht wie ein Strom , der viele Win- 
dungen macht, oder besser wie die Prozession nach Kevelaer, 
welche nach jedem zweiten Schritt zum graden Ziele den dritten 
zur Seite springt. Es wird hohe Zeit, dass ich eure Gedanken 
zu Wittekinds Grabe zurücklenke , das auf dem Chore der Kirche 
zu Enger steht. Es ist eine im Styl der Renaissance von Kaiser 
Karl IV., der persönlich die Stätte besuchte, (1377) errichtete 
Tomba, auf welcher der alte Held in Stein ausgehauen liegt: 
man weiss nicht, ob nach einem altern Bilde oder nach dem, 
welches sich der Künstler von ihm machte. Er ist in eine Art 
Priestertalar gewandet, worauf Edelsteine angedeutet scheinen; 
die linke Hand hält den Scepter, die rechte ruhet auf der Brust. 
Wittekind ist ohne Bart, mit kurzem Haupthaar abgebildet, das 
zum Theil von einer mützenartigen Kopfbedeckung verhüllt wird: 
die Füsse stecken in einer Art Schnabelschuhe, die fast bis an 
die Zehen offengeschlitzt und ohne Bänder zur Befestigung sind. 
Das Monument trägt an der linken Seite des Würfels die 
Inschrift : 

Monumentmn Wittekindi, Warnechini ßii, AngriDariorum 
regis, XU. Saxoniae procerum ducis fortissimi. 
rechts liesst man: 

Hoc Collegium Dionisianum in Dei Opt. Max. honorem 
privilegiis reditibusque donatum, fundavit et confirmamt. 
Obiit anno Christi DCCCVIL, relicfo filio et regni herede 
Wigeberto. 
Oben auf dem Rande der vorspringenden Stein - Platte , in welche 
das Bildwerk ausgehauen ist, steht geschrieben: 

Ossa viri forlis — Cujus sors nescia mortis, 
iste locus munit — euge bene Spiritus audit 
Omnis mundatur — hunc regem qui veneratur 
egros hie morbis — rex salvat et orbis. 
Das letztere bezieht sich auf den Ruf der Wunderlhätigkeit, in 
welchem lange Zeit Wittekinds Grabmal stand: wenigstens wurde 
häufig dahin gewallfahrtet. — Noch jetzt wird jährlich am Drei- 
königsfeste eine Stunde lang, von 12 bis 1 Uhr, ihm zu Ehren 
wie einem Heiligen geläutet, ein Gebrauch, der nun über tausend 
Jahre lang bestanden hat , obwohl Wittekinds Gebeine wohl über 



— 67 — 

400 Jahre nicht hier, sondern in Herford waren. Witlekind hatte 
nänilich bei der Kirche in Enger dem heiligen Dionis ein Colle- 
giatstift fundirt und mit reichen Besitztiiümern ausgestattet: als 
aber im Laufe der Zeit der Ort verödete, gefiel es den Stiftsherrn 
nicht länger in dem einsamen Dorfe und das ganze Capitel zog 
nach Herford , nachdem es seine Ländereien und Güter vermiethet 
hatte. Nach Herford sollte nun auch Zins und Zehente abgelie- 
fert werden; aber die Pflichtigen weigerten sich allesammt und 
wollten nur beim Grabe ihres Königs ihre Gefälle niederlegen. 
Da nahmen die Kapitularen zur List ihre Zuflucht. Heimlich in 
stiller Nacht Hessen sie die Gruft öffnen, und die Ueberreste des 
Königs nach Herford schafl'en, wohin nun die Gefälle folgen 
mussten. Erst als das Stift aufgehoben Avorden war, Avurden die 
Gebeine Wittekinds den Engern wiedergegeben durch Urtheil und 
Recht; es haben die Sattelmeier sie von Herford eingeholt, um 
ihre Kirche getragen und dann, nicht in der alten Tomba, son- 
dern in einem Glas-Kasten in der Sakristei der Kirche beigesetzt. 
— Als die Ueberreste noch in Herford waren, befand sich 
neben ihnen ein alter Trinkbecher, oder vielmehr eine vierek- 
kige Schale ; sie ist aus grünem Stein , rings umher mit vergolde- 
tem Kupfer eingefasst, und trägt auf dem Rande die Inschrift: 
Munere tarn claro — ditat nos Affrica raro. 

Eine alte dazu gehörige Kapsel von fremdem bemaltem 
Holze zeigt die Worte: Yisdai de Affrica rex. Das ist Wittekinds 
Mundbecher, ein Geschenk Karl's des Grossen gewesen: er ist 
aus grünem Steine aber desshalb gemacht, weil der kein Gift 
vertragen kann. Wohl ursprünglich die Gabe eines afrikanischen 
Königs an Karl, und aus Agalmatolith gefertigt. 

Die Sage , die der Duft der Geschichte ist und wie ein bun- 
ter Sclimetterlingsstaub , flüchtig und leicht verwischt, auf ihren 
Blättern liegt, musste sich natürlich besonders reich und glän- 
zend um den Character lagern, welcher für die Sachsen und 
Westphalen den wichtigsten Uebergang in ihrer geschichtlichen 
Entwicklung darstellt; die Gebilde der Tradition mussten sich 
am liebsten um die Persönlichkeit cristallisiren, welche in sich 
das heidnische und das christliche Element zugleich umfasst, 
denn der Uebergang von einem der Gegensätze zum andren ist 
so gewaltsam und sprunghaft, dass es ein AYunder wäre, wenn 
man anders als durch Wunderwirkungen ihn zu motiviren ge- 

5* 



— 68 — 

w'usst hätte. Die Sage von einer dieser Wunderwirkungen haben 
wir oben kennen gelernt; eine andere erzählt Folgendes: einst 
ritt Wittekind über die Heerstrasse hin, über die Berghöhe, auf 
■welcher jetzt Bergkirchen liegt und erwog bei sich, welcher 
Glaube der beste sei , der Gottesdienst seiner Väter oder die 
neue Lehre der Franken. Und er sprach bei sich: ist diese die 
rechte, möchte ich dann ein Zeichen haben, wodurch ich gewiss 
würde! Siehe da, in demselben Augenblicke scharret das Boss 
und aus dem felsigen Boden springt ein mächtiger Quell. Darauf 
ist der König abgestiegen, hat von dem Wasser getrunken und 
gelobt, ein Christ zu werden: und in derselben Quelle wurde er 
getauft, der noch jetzt unter der Kirche entspringt; die Kirche 
hat Wittekind dahin bauen lassen und Pabst Leo selber hat sie 
eingeweihet: Karl der Grosse war der Pathe und zum Andenken 
an dies hochwichtige Ereigniss haben die Engern und Westpha- 
len statt des frühern schwarzen Bosses ein weisses zu ihrem 
Feldzeichen gewählt. — Eine reichere Ausbeute. würde sich ge- 
wiss ergeben haben, wenn man früher daran gedacht hätte, sie 
hier, in dem verlassenen Enger, zu suchen und aufzubewahren. *} 
Der Blick auf Herford und Enger hat unsre Wanderung auf- 
gehalten; wir schreiten nun fürder, kommen an der Buine der 
Antonius -Kapelle vorüber, die auf dem Tönsberge im Gebüsch 
versteckt und umgeben mit Ueberresten alter Circumvallationen, 
diesem langgedehnten Bergrücken seinen Namen gibt, und kom- 
, men endlich in die Schlucht hinab , in welche das Dorf Oerling- 
, hausen sich hineinzieht. Wenn wir nicht vorziehen, in dem gast- 
freundlichen Gute Barkhausen einzukehren, das unten im tiefen 
Thale zwischen seinen Gartenanlagen und unter hohen Eichen- 
wipfeln seine lichten Mauern und den düstren feudalistischen 
Thurm versteckt, erklimmen wir jenseits Oerlinghausen die mehr 
sich nach Norden wendenden Höhen auf's Neue, folgen ihrem 
Zuge und gelangen so endlich auf den letzten Gipfel dieser Berg- 
reihe, dem zu Füssen das kleine Lutterthal sich ausbreitet und 
uns von dem gegenüberliegenden Gebirge abschneidet. Ein schö- 
nes Panorama rollt sich hier vor uns auf; unten das freund- 



*) S. Die Grafschaft Ravensberg. Minden 1835, wo noch Mehreres 
zusammensestellt ist. 



— 69 — 

liehe Bielefeld mit seinen Leinwandbleichen und zur Rechten 
eine hügelichte fruchtbare Ebene, ein lachendes Gefilde, das 
weithin dicht besäet ist mit den rothen Dächern fleissiger Weber: 
unmittelbar neben uns fesseln die Ruinen des Schlosses Spar- 
renberg unsre Aufmerksamkeit. Auf unser Begehren öffnet sich 
das massive Burgthor vor unsren Schritten und wir treten in die 
Ringmauern der Bergfeste ein; aber es gibt wenig zu bewundern 
hier, als „morsche Trümmer der Vergangenheit." Wenden wir 
das Auge lieber auf die freundliche Stadt und den vor uns lie- 
genden Johannisberg mit seinen Anlagen , von wo herab man die 
schönste Aussicht auf die Ruine des Sparrenbergs hat. 

Wir stehen hier in dem Gau des Angerlandes , der ursprüng- 
lich Wessago hiess, später aber, nach dem Bergschloss, das 
seines Erbauers Rabo oder Rawe Namen trägt und weiter unten 
im Wassergebiete der Ems uns beschäftigen wird, die Grafschaft 
Ravensberg genannt wurde. Der Ort Bielefeld kommt als Bilan- 
velde zuerst unter Schenkungen vor, welche unter dem Abte 
Adalgar in der Mitte des neunten Jahrhunderts dem Stift Corvei 
gemacht werden; aber ich finde nicht, wann und wodurch er 
unter die Jurisdiktion der Ravensberger Grafen gerathen ist. Er 
hegte lange Zeit zwei denkwürdige Männer in seinen Mauern 
Gobelin Persona (Persoen,) den Vorboten der Reformation, und 
Ilerrmann Hamelmann , den Vorkämpfer derselben in diesen Ge- 
genden. Beide sind als Geschichtschreiber von besonderer Wich- 
tigkeit für Westphalen bekannt. Persoen war seit 1414 Decan 
in Bielefeld; Hamelmann wurde 1552 als Prediger an die Colle- 
giatkirche der heil. Maria hierhin berufen: ich werde auf beide 
zurückkommen, wenn wir ihre Geburtsstädte, Paderborn und Osna- 
brück erreicht haben. Bielefeld hat einen mehr als Europäischen 
Ruf durch seine Leinewand bekommen: sein Flachsbau, seine Ge- 
webe und sein Garnhandel reichen bis in das 13te Jahrhundert hinauf, 
einen besondern Aufschwung aber bekam dieser Betrieb im 16. 
und 17. Jahrhundert, als Philipps IL und seiner beiden Nachfolger 
Druck auf den Niederländern lag, dass sie Schaarenweise ge- 
zwungen w^urden, ihre Heimath zu verlassen und ihren Kunst- 
fleiss in die Fremde zu verpflanzen. So kam auch nach Biele- 
feld ein Theil derselben und was früher nur die blühenden We- 
bereien in Gent, Antwerpen, Brügge u. s. w. zu liefern verstan- 
den, wurde bald hier in gleicher Güte producirt, unter Andrem 



— 70 — 

die Schleier oder die nachher sogenaniite Bielelelder klare Leine- 
wand. — Merkwürdigkeiten besitzt die Stadt keine, wenn man 
nicht das Grabmal des Ravensbergischen Grafen Otto und seiner 
Gemahlin Hedwig, oder das Wilhelm's von Berg, früher Bischofs 
von Paderborn, und seiner Gemahlin Adelheid von Tecklenburg 
dahin rechnet, beide in der Marienkirche in der Neustadt. Die 
Feste auf dem Sparrenberge ward im Jahre 1177 erbaut: in jener 
Zeit standen die Grafen von Ravensberg auf der Seite der Gibel- 
linen, die von der Lippe aber auf der Seite der Weifen. Bern- 
hard von der Lippe war ein besonders thätiger Bundesgenoss 
Heinrich's des Löwen, und als dieser des Kaisers Rolhbart Ab- 
wesenheit in Italien benutzte, um seine Feinde zu züchtigen, 
unter ihnen aber auch der Rabe in die Fänge des Löwen fiel, 
fauf dem Halerfelde, zwischen Hase und Dute im Osnabrücki- 
schen,) da drang jener, der Lippische Verbündete, rasch in des 
Geschlagenen Gebiet ein, und baute auf dem Sparrenberge einen 
Thurm, von dessen Zinnen er das Banner mit dem Löwen we- 
llen Hess , und den er die Löwenburg nannte. Aber Herrmann, 
der Graf von Ravensberg, war nur vor dem Löwen geflohen, dem 
Nachbarfürsten wich er nicht, sondern stürmte mit seinen Man- 
nen den Thurm , riss den Löwen nieder und erhöhte seine Spar- 
ren an dessen Stelle. Davon heisst die Burg jetzt Sparrenberg. 
Spjiter gerieth derselbe Herrmann von Ravensberg in Fehde mit 
dem Bischöfe Herrmann von Münster, der Bielefeld eroberte und 
zum Denkmal seines Siegs die Bürger zwang, allen in der Nähe 
stehenden Eichen die Köpfe abzuhauen. Sein Stadtrecht empüng 
Bielefeld von Münster. Seit 1286 war der Sparrenberg der Sitz 
eines gräflichen Amtmanns oder Drosten, vielleicht auch schon 
früher; als das Land unter Bergische Hoheit gekommen war, 
blieb die frühere Aemter-Eintheilung desselben bestehen und 
Herzog Wilhelm HL von Berg setzte Philipp von Waldeck auf 
den Sparrenberg als Drosten mit einem jährlichen Einkommen 
an Geld und Naturalien, worunter man am Ende des Inventar's 
von Hunderten von Kühen, Schweinen, Hammeln u. s. w. auch 
zwei jährliche Fuder Wein's für die Frau Drostin aufgeführt 
findet. Im Jahre 1545 ward die Burg Sparrenberg von Grund 
aus neu aufgeführt mit Zirkuiarbefestigungen nach Albrecht Dü- 
rers Erfindung; selten Residenz, ward sie 1743 endlich zu Ge- 
fängnissen eingerichtet. 



— 71 — 

Von Bielefeld an streifen die Berge des Osnings in nord- 
westlicher Richtung in's Osnabrückische hinüber, wo die von 
der Porta her in fast grader Richtung westlich bis nach Iburg 
sich ziehende Bergkette mit ihnen zusammenfällt: wir aber dür- 
fen ihnen nicht mehr folgen , denn wir stehen an der Grenze des 
Wassergebietes der Weser; schon die Lutter, welche Bielefelds 
Bleichen bespült, fällt mit dem einen Arm in das Thal der Ems 
hinab. Was der nördliche Theil des Westphälischen Wesergebiets 
an romantischen Punkten bietet, haben wir besucht oder über- 
schaut: der Gedanke trägt uns nun schnell über das schon durch- 
messene Lippe-Ländchen fort, wieder nach dem Süden des West- 
phälischen Flussgebiets, welches die Weser beherrscht, und soll 
uns hier auf die Spitze des Köterberges stellen, der an der 
Gränze von Lippe und Corvei, unweit der Weser wie ein Flü- 
gelmann des Osnings steht. Der Köterberg (Götterberg , als Stelle 
heidnischer Gottesverehrung, wie man glaubt) ist in Westphalen 
berühmt durch seine Sagen. „ Er ist innen voll Gold und Schät- 
zen, die einen armen Mann wohl reich machen könnten, wenn 
er dazu gelangte. Auf der nördlichen Seite sind Höhlen , da fand 
einmal ein Schäfer den Eingang und die Thüre zu den Schät- 
zen: aber wie er eingehen wollte, in demselben Augenblicke 
kam ein ganz blutiger entsetzlicher Mann über's Feld gelaufen 
und erschreckte und verscheuchte ihn. Südlich auf einem wald- 
bewachsenen Hügel am Fusse des Berges stand die Harzburg, 
wovon die Mauern noch zu sehen, und vor kurzem Schlüssel 
gefunden sind. Darin wohnten Hühnen und gegenüber, auf dem 
zwei Stunden fernen Zierenberg stand eine andere Hühnenburij. 
Da warfen die Riesen sich oft Hämmer herüber und hinüber. 
Auf dem Köterberge hütete vor Zeiten friedlich ein Schäfersmann, 
da stand, als er sich einmal umwandte, ein prächtiges Königs- 
Fräulein vor ihm und sprach: „nimm die Springwurzel und folge 
mir nach. " Die Springwurzel erhält man dadurch, dass man 
einem Grünspecht (Elster oder Wiedehopf) sein Nest mit einem 
Holz zukeilt; der Vogel, wie er das bemerkt, fliegt alsbald fort, 
und weiss die wunderbare Wurzel zu finden , die ein Mensch noch 
immer vergeblich gesucht hat. Er bringt sie im Schnabel und 
will sein Nest damit wieder öffnen, denn hält er sie vor den 
Holzkeil , so springt er heraus , wie vom stärksten Schlag getrieben. 
Hat man sich versteckt und macht nun , wie er herankommt. 



— 72 — 

einen grossen Lärm, so Ifisst er sie erschreckt fallen (man kann 
aber auch nur ein weisses oder rothes Tuch unter das Nest brei- 
ten, so wirft er sie darauf, sobald er sie gebraucht hat.) Eine 
solche Springwurzel besass der Hirt, liess nun seine Thiere her- 
umtreiben und folgte dem Fräulein. Sie führte ihn bei einer 
Höhle in den Berg hinein; kamen sie zu einer Thür oder einem 
verschlossenen Gang, so musste er seine Wurzel vorhalten und 
alsbald sprang sie krachend auf. Sie gingen immer fort , bis sie 
etwa in die Mitte des Berges gelangten, da sassen noch zwei 
Jungfrauen und spannen emsig; der Böse war auch da, aber 
ohne Macht und unten an den Tisch , vor dem die beiden sassen, 
festgebunden. Ringsum waren in Körben Gold und leuchtende 
Edelsteine aufgehäuft und die Königstochter sprach zu dem Schä- 
fer, der da stand und die Schätze anlusterte : „ Nimm dir soviel 
du willst. " Ohne Zaudern griff er hinein und füllte seine Ta- 
schen, so viel sie halten konnten, und wie er, also reich beladen, 
wieder heraus wollte, sprach sie: „Aber vergiss das Beste 
nicht!" Er meinte nicht anders, als das wären die Schätze und 
glaubte sich gar wohl versorgt zu haben, aber es war die Spring- 
wurzel. Wie er nun hinaustrat , ohne die Wurzel , die er auf 
den Tisch gelegt, schlug das Thor mit Schallen hinter ihm zu, 
hart an die Ferse, doch ohne weitern Schaden, wiewohl er leicht 
sein Leben hätte einbüssen können. Die grossen Reichthümer 
brachte er glücklich nach Haus , aber den Eingang konnte er 
nicht wieder finden.*} — Der Köterberg gewährt von seinem 
kegelartigen, oben mit einer Warte gekrönten Gipfel eine weite 
und schöne Aussicht. Wir haben die Blicke nach drei verschie- 
denen Richtungen von hieraus zu wenden: erst nordwestlich 
auf das nahe Schwalenberg, (Schwalbenberg,) wo einst von 
der hochgelegenen Burg herab ein mächtiges Grafengeschlecht 
sein gebirgiges und waldiges Gebiet überschaute; sodann nach 
Norden hin, wo das Preussische Städtchen Lüde, der alte Lager- 
platz Karl's des Grossen liegt und hinter ihm das schöne, das 
weltberühmte Pyrmont. Dieser freundliche Ort ist eigentlich nur 
eine lange , von Gärten und Höfen unterbrochene Strasse , an 
deren Ende das Brunnenhäuschen mit seinem kräftigen Heilquell 



*) S. Grimm's deutsche Sagen. 



— 73 — 

den Point de Viie bildet; im rechten Winkel schliesst sich die 
breite prächtige Allee mit den Cur- und Restaurationssälen dem 
Theater und hellen Sommerwohnungen daran. Nach Norden und 
Osten hin umschliessen es schützende Waldgebirge, nach den 
andern Seiten ist die Gegend ebener; das Fürstlich-Waldeck'sche 
Residenzschloss liegt hart am Orte, ebenso in entgegengesetzter 
Richtung, nach Süden, eine beträchtliche Saline mit ihren Sool- 
bädern , und unfern die Quäker-Colonie Friedensthal. Der Königs- 
berg mit seiner schönen Aussicht, das 3Ionument aus schwarzem 
Marmor zum Andenken an Friedrich den Grossen, der hier den 
Brunnen trank, die tödtlichen Stickstoff aushauchende Grotte 
sind die Sehenswürdigkeiten des Ortes , wenn man nicht lieber 
die während der Saison hier zusammenfliegende haute volee den 
Verein von Allem, was glänzend und schön oder voll Ans}3nich's 
darauf ist , so nennen Avill. Pyrmont heisst in den ältesten Ur- 
kunden Peremunt (Mündung des Yere- oder Pere- Baches?} und 
wurde von einem Grafengeschlecht beherrscht, dessen Urspruno- 
so dunkel, wie seine Geschichte glanzlos ist. Der Miiierakruellen 
erwähnt zuerst der Chronist Heinrich von Herford der 1370 
starb ; im sechszehnten Jahrhundert begann ihr häufio-er Besuch 
und hielt 5ich, bis der dreissigj ährige Krieg auch sie verödete- 
gegen das Ende des vorigen Jahrhunderts aber war Pyrmont mit 
Spaa vielleicht das besuchteste Bad Europa's. 

Kehren wir jetzt ganz zur Weser zurück: eine Strecke weit 
wo sie Hameln und Bodenwerder bespült, haben wir sie nie- 
dersächsischem Gebiete überlassen müssen : in der Geirend von 
Polle schlägt sie einen majestätischen Bogen , eine mächtio-e 
Krümmung, als wolle sie sich sperren gegen den Eintritt In 
(las fremde Land. Von hier an bis Herstelle hinauf wird sie 
wieder Gränzüuss Westphalens. Polle liegt auf der nach Westen 
geschweiften Höhe jenes Bogens. Es ist ein Flecken mit den 
Ruinen eines alten Schlosses, das Haus Polle genannt das früher 
zu den Besitzungen der im SoUinger - Walde begüterten Grafen 
von Everstein gehörte. Was es uns interessanter macht, ist 
die malerische Schönheit der Gegend, in welche es uns zurück 
versetzt. Die bewaldeten Berge treten oft dicht an die Weser 
heran, hier und da ragen steilrechte Felsenwände wie aus dem 
Strome empor und die Steinmühle, welche das anliegende Bild 
darstellt, ist ein so romantisch pittoresker Punkt, wie nur ir- 

6 



— 74 — 

gendwo in der Weser ein andrer sich spiegeln mag. Der 
Fluss behält diesen Charakter mehr oder minder durch den 
ganzen Gau, der ehemals Tilithi hiess , wie in dem höher lie- 
genden Auga-Gau, dessen schönste und denkwürdigste Punkte 
Corvei und Höxter bilden. 

Die alte gefürstete Reichsabtei Corvei liegt in einer Ebene, 
die nach zwei Seiten hin von einer Krümmung der Weser um- 
schlossen wird, unter seinen Gärten und Alleen, als ein schö- 
nes und imposantes Denkmal alter Herrlichkeit da. Das Gebäude 
ist ein grosses aus Bruchsteinen erbautes Quadrat, das in seinem 
Innern mehrere Höfe und die Kirche birgt; jetzt zum Schlosse 
umgeschaffen , zeigen die meisten seiner Räume den steifen, 
schwerprächtigen Geschmack des vorigen Jahrhunderts: reiche 
seidne und gewirkte Tapeten, Vergoldungen und Stukaturen im 
Uebermass, Deckengemälde u. s. w. kurz die ganze Rococo- 
Herrlichkeit, welche man noch vor zwanzig Jahren rastlos zu 
vertilgen strebte und jetzt wieder so sorglich zusammenleimt. 
Die Wände eines der Gemächer sind mit den Brustbildern der 
Aebte, von Adelhard dem Stifter an, ausgefüllt, und seltsamer 
Weise endet auch hier, wie in vielen andern säcularisirten Stif- 
tern, wie in dem Römersaale zu Frankfurt, mit dem Bilde des 
letzten Herrn der Raum, der für so viele Jahrhunderte genügt 
hatte. In Corvei fehlt zwar das Bild des letzten Fürstabts, 
des Bischofs von Lüning; aber der Raum dafür ist vorhanden 
und kein Zollbreit mehr. Die gothisch verzierte Kirche ist schön 
und geräumig. Corvei ist eine der ältesten und bedeutendsten 
Kloster- Stiftungen in Deutschland und viele Jahrhunderte hin- 
durch segensreich für Nah und Fern gewesen: seine Gründung 
fällt in die Zeit der Regierung Kaiser Ludwig's des Frommen 
(816). Damals hatte das Frankenreich schon viele Klöster, wo- 
hin die Söhne der bekehrten Sachsen gesandt wurden, um in 
ihnen den Unterricht zu empfangen, den noch keine Anstalt der 
Heimath bot. So hatte Bathilde, eines Königs Chlodwigs Ge- 
mahn im Jahre 660 in der Gegend von Amiens, an dem Bache 
Corbie, der sich in die Saone mündet, dem Orden des heiligen 
Benedikt von Nursia ein Kloster gestiftet, das rasch aufblühte. 
Man nannte es Corbie oder Corbeia aurea; seine Mönche muss- 
ten nach Benedickt's Regel, welcher damals alle Fränkischen 
Klöster folgten, ihre Stunden zwischen Gebet und der Arbeit 



— 75 — 

Iheilen, welche, der Wissenschaft zugewendet, dem Benediktiner- 
Orden so grosse und bleibende Verdienste um die Cultur des 
Mittelalters erworben hat. Der Abt Adelhard von Corbie, ein 
Enkel Carl Martel's, fasste zuerst den Plan, nachdem sein Vet- 
ter, der grosse Karl im Lande der Sachsen die ersten Bisthümer 
errichtet habe , nun auch durch Brüder seines Ordens eine Pflanz- 
schule des Christenthums dort zu stiften , welche Lehrer und 
Priester des bekehrten Volkes erziehe. Unter den Sachsen, die 
sich in Corbie befanden, war ein Bruder, Theodrad genannt: der 
versprach, als er von dem Plane des Abtes vernommen, auf den 
Gütern seines Vaters einen passenden, einsamen, mit einer Quelle 
versehenen Ort dem Orden für die Stiftung auszuwirken. Adel- 
hard willigte gern darein und sandte nun Theodrad selbst in die 
sächsische Heimath ; dieser aber traf auf unerwartete Schwierig- 
keiten, und Abt Adelhard ward von Kaiser Ludwig in ein ent- 
ferntes Kloster verwiesen: erst seinem Nachfolger in Corbie, der 
auch Adelhard genannt wurde, gelang es, die Stiftung ins Werk 
zu richten. Theodrad's Verwandten bewilligten jetzt den Platz, 
und das neue Kloster erstand, auf Kosten der alten Congregation, 
an einem stillen abgelegenen Orte, Hetha genannt, tief im Sol- 
linger Walde, wo durch frühere Einsiedler der Stätte schon eine 
Art Weihe gegeben war; (später Neustadt, Jagdschloss Neuhaus.) 
Die Stiftung gedieh, aber nicht in dem Masse, wie man erwar- 
tet hatte: wohl wuchs die Zahl der Mönche, nachdem Corbie 
mehrere seiner Brüder unter dem ersten Präpositus Adalbert her- 
übergesandt hatte, rasch genug, dass die Congregation unter drei 
Priore dreifach getheilt werden musste: aber der Boden wider- 
stand den Culturversuchen hartnäckig, Wetter und Erdbeben zer- 
störten die Quelle, welche Wasser spendete, und als der alte ver- 
bannte Adelhard, neu begnadigt, herüberkam, um nach dem Werke 
zu schauen, das er zuerst beschlossen hatte, fand er den Zustand 
der Brüder so , dass er sich an den Kaiser um die Erlaubniss 
wenden musste, einen passenderen Ort für die Stiftung auswäh- 
len zu dürfen. Der fromme Ludwig gewährte gern. Die Stelle, 
wo jetzt Corvei liegt, im Bezirke der königlichen Villa Huxori, 
bot in ihrer Lage eine Aehnlichkeit mit dem den Brüdern theu- 
ren alten, goldenen Corbie dar, und wie die Erinnerung an die 
Mutter- Congregation sie schon früher für ihre Anlage denselben 
Namen hatte wählen lassen, so bestimmte dieser Umstand nun 

6* 



— 7ü — 

auch die Wahl des Ortes. Aul" der erkorenen SläUe >v<ud ein 
Zell erriclilet für den Bischof und die HeiligthiinuM-, umher 
schaarlen sich die Brüder in feierlicher Versammlung^ und san- 
gen Psalmen und beteten Gottes Segen auf ihr Werk herab: 
Bischof Badurad von Paderborn aber trat in der goldenen Ge- 
wandung und mit den Insignien seiner Würde aus dem Zelte 
hervor, segnete den Boden mit dem Wasser der Weihe ein und 
pflanzte mit mächtiger Hand das Kreuzeszeichen in den Grund, 
da wo man den ersten Stein zum Hochaltäre der Kirche legen 
sollte*}. Nun wurde rüstig gebaut, gemeisselt und gefügt: noch 
der Herbst desselben Jahres (822) zeigte den Bergen und Schluch- 
ten des Solling's ein Schauspiel, wie sie nicht vorher oder spä- 
ter je gesehen. Da schritten in feierlichem Aufzuge die Mönche 
durch den Wald, von Hetha fort, wo sie fast sieben Jahre ge- 
weilt, der neuen Wohnung zu. An ihrer Spitze schritt der greise 
Adelhard über das gelbe rauschende Laub einher; ihm folgten 
sein frommer Bruder Walo und die Männer, so vom goldenen 
Corbie herübergekommen, „die grossen Lehrer, mit denen er dem 
neuen Kloster unsterblichen Ruhm zuführte," der heilige, der 
glühende Anschar, Skandinaviens Apostel, mit seinem Nelfen 
Nortfried, Witmar und der edle Autbert und viele Andre; nach 
ihnen trugen die übrigen Brüder das Kruzifix und die Reliquien 
und die heiligen Geräthe des Gotteshauses. So zogen die schwarz- 
gewandeten Männer durch das Dunkel des Sollinger Waldes und 
sandten das: Dexilla regis prodeunt und andere Gesänge des fro- 
hen Lobes zu den rauschenden Wipfeln der Eichen empor, die 
wie ernste Wilden den ungewohnten Aufzug anschauen moch- 
ten und ilir letztes Avelkes Laub auf ihn schütteln, aus der zu- 
sammen flüsternden Verwunderung der Zweige herab, zu denen 
früher nur heidnische, schlachten- und blutesfrohe Weisen hin- 
aufgetönt. Von nah und ieni Avaren die Sachsen herbeigeströmt 
und durchlobten die stille Waldeinsamkeit: wo aber der Zug 



*) Bei dem Legen des Grundsteines fand man eine Säule von rüthlichem, 
geglättetem Marmor, welclie man für die Irmensäule hielt und als 
solche auch nach Hildesheim gebracht, dort im Chore aul'gesfellt 
und mit dem Bildnisse der heiligen .lungf'ran geschmiicKt hat. Viel- 
leicht war es ein Heiligthum von dem nahen Brnnsberge. (_Piderit's 
geschichtliche Wanderungen. J 



— 77 — 

nahte, da schaarlen sie slill sich zur Seite, die wilden Männer 
mit dem wirren langen Blondhaar und den schreckbaren Antlitzen, 
die das Kopffell erschlagener Bären und Eber deckte: oder sie 
reihten fromm dem Zuge sich an und schritten mit hinab in das 
Ireuiidliche Weserthal , und sahen , wie vor einer unabsehbaren 
3Ienschenmenge Carl Martel's Enkel und der Bischof der Pader- 
sladt in dem neuen Kloster das erste feierliche Hochamt hielten. 

Die junge Stiftung nahm rasch einen glänzenden Aufschwung: 
Kaiser Ludwig nnd seine Gemahlin "Judith beschenkten sie reich- 
lich mit Privilegien und Gütern, Immunität und Münzrecht: Hil- 
duin der Abt von St. Denis bei Paris verschaffte dem Kloster 
die Reliquien des heiligen Yitus, eines Knaben aus Lucana in 
Lydien, der in seinem zwölften Jahre unter Diocletian den Mär- 
tyrertod erlitten hatte ; er wurde mit dem Protomartyr Stephanus, 
dem Heiligen von Corbeia aurea, Schutzpatron unseres Corbie, 
und als dem letzteren Kaiser Lothar die eroberte und von Cor- 
veiischen 3Iissionaren bekehrte Insel Rügen schenkte, da wurde 
auch hier der heilige Vitus als Patron verehrt. Die Männer von 
Rügen aber empörten sich nicht lange nachher, schlugen ihre 
Missionare todt und führten den heidnischen Cultus wieder ein: 
doch in wundersamer Begriffsverwirrung ward nun der cliristliche 
Heilige ihr Hauptgötze, und Sankt Vitus als Swantowit in scheuss- 
licher Gestalt auf dem blutigen Altar ihres Tempels zu Arkona 
gestellt. *3 

Reicher aber als durch alle Schenkungen , glänzender als 
durch seine Reliquien oder die feierlichen Einzüge mehrerer 
Kaiser in seine ^lauern^ Avie Heinrich's II. und Kunigundens, 
des heiligen Herrscherpaares , ward Corvei durch seine grossen 
Männer, durch seine Verdienste um Glauben und Wissen der Vor- 
zeit. Unter jenen nenne ich nur Bruno, der als Gregor V. die 
schwarze Kaputze von Corvei mit der Tiara vertauschte, Anschar 
und seinen Nachfolger Sankt Rembertus, die ersten Erzbischöfe 
von Hamburg und Bremen und des Nordens rastlos eifrige Be- 
kehrer: dann Rabanus Maurus, der aus Buchenau im Stifte 
Mainz, seinem Geburtsorte, nach Fulda zur Erziehung gesandt, 



*) Vielleicht ward jedoch bei den .Slaven schon früher Swantowit, 
Swiatowid als Gott der Sonne und des Kriegs verelirt. 



— 78 — 

als Lehrer nach Corvei ging: Paschasius Radbertus endlich, der 
aus Frankreich den ersten Gründern in das Land der Sachsen 
folgte. Was Mönche von Corvei für die deutsche Geschicht- 
schreibung gethan haben, ist bekannt: (z. B, Wittekind, Rector 
der Schule, zu Corvei im Anfange des elften Jahrhunderts;) we- 
niger wohl, dass ohne ihren Eifer auch für die classische Lite- 
ratur die fünf ersten Bücher der Annalen des Tacitus für uns 
verloren sein würden. Sie wurden im Juli 1514 in der Kloster- 
Bibliothek wieder aufgefunden und dem Pabste Leo X. zum Ge- 
schenk gemacht, der sie im folgenden Jahre durch den Druck 
vervielfältigen liess. Das Manuscript befindet sich jetzt in Flo- 
renz. Ehemals musste im Scriptorium der Mönche zu Corvei der 
Tacitus jährlich zehn Mal abgeschrieben werden. Auch den 
ersten Publicisten im modernen Sinne und die erste Flugschrift 
hat Corvei hervorgebracht: ein Mönch verfasste sie um das Jahr 
1073 gegen Kaiser Heinrich IV. 

So wurde Corvei mächtig, berühmt und einflussreich: von 
allen Seiten verlangte man Lehrer, Aebte, Bischöfe von ihm: 
von allen Seiten strömten die Söhne der edelsten Geschlechter 
dorthin, um ihre Erziehung in dem gelehrten Kloster zu erhal- 
ten: die Zahl der Mönche stieg einst auf 300. Zugleich erhöhte 
mit dem Ruhm und Reichthum die Schönheit des Aeusseren sich 
und immer geschmückter und sorgfältiger bedacht ward seine 
Kirche; Abt Adelgar bauete drei hohe schöne Thürme; Thiatmar 
liess sechs prachtvolle eherne Säulen setzen und die grosse fern- 
hin schallende Glocke Cantabona giessen ; neben Abtei und Kloster 
ward sogar auch ein Kaiserhaus erbaut zur Aufnahme der Kaiser, 
welche nach Corvei kamen. Und auch die Sage verherrlichte 
das segensreiche Gotteshaus in unzähligen Legenden und Wun- 
dern. Wem von euch ist die schöne Mähre von der weissen 
Lilie zu Corvei nicht bekannt? Sie hing in alten Zeiten auf 
dem Chore an einem ehernen Kranze : wann aber das Ende eines 
Mönches nahte, dann fand er sie in der Frühe, wenn er zur 
Matutin in die Kirche ging, auf seinem Chorstuhle liegen. Einst 
war es der junge Conventuale Marcward von Spiegel, der sie 
auf seinem Sessel fand: er erschrak dess sehr, dass er sein 
junges Leben lassen sollte, während so viele ältere Mönche mit 
morgenfrischen blühenden Gesichtern zum Hymnus aus dem Kreuz- 
gange herbeikamen: desshalb legte er heimlich und rasch die 



— 79 — 

Lilie dem greisen Weribold in seinen Stuhl. Der alte Mann ent- 
setzte sich, dass er in eine schwere Krankheit fiel: aber er ge- 
nas, Marcward von Spiegel jedoch starb nach drei Tagen. Seit 
der Zeit erschien die Wunderblume nicht mehr. — War einer 
der Mönche krank und konnte im Chore nicht erscheinen, dann 
hörte man den Gesang eines Engels von seinem Platze her: auch 
konnte man, wenn die Knaben der Abteischule das Gloria patri 
etc. sangen, aus der Ferne des oberen Chores her, wo St. Yiti 
Reliquien verwahrt wurden , die Stimmen der Engel mit wunder- 
barer Lieblichkeit das Sicut erat in principio etc. intoniren hören. 

— Am Yituslest kamen zwei lebendige Hirsche aus dem Sollin- 
ger Walde herübergeschwommen und schritten durch das Thor, 
das noch später die Hirschpforle hiess, in die Küche: einen be- 
hielt man und Hess den anderen in die Wildniss zurück; hinter 
dem Altar in der Kirche sprudelte zugleich ein mächtiger Quell 
des besten Weines auf. Das geschah lange Jahre, bis man einst 
beide Hirsche zurückhielt und von dem Weine zuviel trank: da 
hörten die Wunder auf. In jenen glücklichen Tagen des Klo- 
sters sah man oft auch den Schatten des heiligen Adelhard durch 
die Kirche schweben: zwei Engel erschienen jährlich im Chore 
und leiteten die Gesänge, bis die dreiste Frage eines Präpositus, 
Aver sie seien , und woher sie kämen , sie auf immer verscheuchte. 

— Ein Ereigniss aus den Zeiten des zweiten Kreuzzug's wird 
also erzählt: eine Schaar räuberischen Gesindels, das die Abwe- 
senheit der edlen Ritterschaft zu seinen Gewaltthätigkeiten be- 
nutzte, machte einen Angriff auf Gorvei. Die Räuber kamen 
plötzlich zu Schiffe die Weser herunter, drangen bei nächtlicher 
Weile in den Garten und erstiegen dann die Kapelle der heiligen 
Maria, erbrachen ein Fenster, das in die Kirche führte, wo man 
alle Kleinodien und Paramente unverschlossen aufbew^ahrte, und 
wollten schon in die Kirche sich niederlassen, als sie plötzlich 
eine Schaar bewaffneter Reuter den Altar umgeben sahen. Die 
unten geblieben waren, glaubten es nicht und stiegen auch hin- 
auf; aber alle sahen dieselbe drohende Erscheinung. Da such- 
ten sie, noch voll Zweifels, den Ilaupteingang der Kirche: und 
sieh, auch dieser war mit Bewaffneten besetzt. Noch einmal mach- 
ten sie einen Versuch, -von Osten her in das Chor und in die 
Sakristei zu dringen; sie erstiegen ein Fenster, sahen aber wie- 
der jene bewaffnete Schaar und hörten nun zugleich den Gesang 



— 80 — 

der Brüder und* das Läuten zur Frühmesse; das Mor<i;enrolli 
glänzte über den Bergen auf; die Räuber nmssten ueiclien und 
gestanden später selbst, dass Gespenster sie vertrieben hätten. 
So erzählt die Geschichte von Corvei und Höxter, die Wigand 
gesclirieben hat und worin ihr die ferneren Ereignisse in der 
merkwürdigen Abtei, ihre Beziehungen zu Kaiser und Reich, zu 
ihren Nachbarn und Untergebenen, zu den fortbildenden Gestal- 
tungen der Verfassung und des Wesens der alten und ältesten 
Zeit lehrreich und in klarer Darstellung beschrieben findet. 

Als die gefürstete Ueichsabtei Corvei glücklich der drohen- 
den Säkularisation durch den Weslphälischen Frieden entgangen 
war, und ihrem tausendjährigen Jubiläum entgegensah, machte 
der Frieden von Lüneville dieser Hoffnung und ihrem Bestände 
ein Ende. Der Erbprinz von Oranien, dem sie zur Entschädi- 
gung übergeben, musste sie bald dem neuen Königreich West- 
phalen einverleiben sehen: dessen Erbe w^urde Preussen, welches 
dem Landgrafen von Hessen-Rotenburg, den es zu entschädigen 
hatte, die Standesherrschaft über das Stift einräumte: als Theil 
der Hessen-Rotenburgischen Erbschaft ist es jetzt an den Prinzen 
Victor von Hohenlohe-Schillingsfürst gekommen. 

Eine schöne hohe Buchenallee führt von Corvei nach dem 
nahen Städtchen Höxter, das an einem schlanken Bogen des 
glatten Stromes wie eine schmucke Dirne vor ihrem Spiegel 
steht. Seine Lage ist weniger grossartig romantisch als lachend 
freundlich; fast koquett anmuthlg gleitet die Weser um die zier- 
lichen Pfeiler einer neuerbauten Brücke, als ob sie mit ihnen 
tändeln wolle: die Berge umher sind weder steil noch sehr hoch 
aber schön bewaldet und im Lenz voll Nachtigallenschlag; — 
sie sind ein zahmes Geschlecht, unter dem nur, nah am Stadt- 
thore, der Ziegenberg mit seinem rothen nackten Gesteine wie 
ein Wilder , ein letzter der 31ohicaner sich aufreckt. Abe» man 
hat nichts destoweniger sein stolzes Haupt und die starren Glie- 
der mit Gemüsepflanzungen bedeckt, die Cultur hat auch ihn 
bezwungen, und wie mit grünen blühenden Banden gefesselt 
dass er zu dem vorherrschenden Bilde lieblicher Anmuth das 
seine beitragen muss. Ein andrer Berg hart an der Stadt, nach 
Norden hin, ist zu einem Vergnügungsort umgeschaffen: es ist 
der Rauschenberg, eine wahre Nachtigallen -Colonie, aus deren 
frischen Baumwipfeln hier ein zierliches Dach, dort ein Zelt 




^1 



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— 81 — 

(Iriiber eine hcilbversteckle Bank hervorlausclien : ein kleines 
liCigplateau ragt mil Mauer und Geländer umgeben, wie ein 
grandioser Balkun vor : zimdet ein abendliches Fest (St. Viti) dort 
oben seine Lampen an, dann erscheint der Berg vom Thale aus 
wie ein riesiger Elfenhügel, von tausend Flämmclien umzuckt, die 
sich nach einem Tunkte zusammendrängen, wo man das lustige 
(ieistervolk, die tanzende schöne und unschöne beau monäe, 
seine leichten Sprunge machen sieht , nach dem Tackte einer 
Musik, von der nur einzelne Accorde wie träumend zu uns her- 
uberschweben. Der Anblick ist magisch: „weisse Elfen, sich 
mit dunklen Gnomen drehend, unter des gebräunten Pilzes Dach/' 
Der Filz ist das Zelt, unter dem man Erfrischungen reicht und 
das wirklich der Champignon heisst. Wer dagegen oben am 
Berge aus dem grellen Lampenlichte zu einem dämmerigten Yor- 
sprunge flüchtet, erhält ebenfalls einen seltsam gespenstischen 
Eindruck von dem entschlafenen Städtchen Höxter mit seinen 
Dächern und Thurmspitzen, die in blaulichten Duft gehüllt da 
liegen , während der Spiegel des Strom's unter dem blassen 
Scheine des .Mondes zittert gleich einem bleichen Yorgeschichten- 
seher, den der Mondschein quält und ängstet. Einzelne verspä- 
tete Boote gleiten sacht wie dunkle Särge über die Fläche des 
Flusses hin, mehr bezeichnet als erhellt durch die matte Laterne 
vor dem Steuer, deren dunstiger Wiederschein neben her schwimmt 
wie ein phosphorescirendes huschendes Todtenlicht. 

Lassen wir es wieder Tag werden oder auch, wenn ihr 
lieber wollt, Nacht bleiben, da ich von der Vergangenheit der 
Stadt sprechen will: die Vergangenheit soll ja, wie sie sagen, 
die Nachtseite unsres Sein's, wie es sich gestaltet hat, sein. 
Höxter, ehemals das königliche Kammergut Huxori, oder noch 
früher Huxeli, verdankt den Aebten Corvei's (Saracho 1058} 
seine Entstehung , seiner Lage an dem Handelswege von Ant- 
werpen und Brügge über Cöln und Soest nach Braunschweig 
seine mittelaltrige Bedeutsamkeit als Mitglied der Hansa. Im 
dreizehnten Jahrhundert nahm die Stadt, blühend, wehrhaft und 
nach freier Autonomie , wie die meisten Städte jener Zeit 
sie genossen , begierig geworden , das Dortmunder Stadtrecht an, 
welches diese Autonomie der Bürger zu Grunde legte. Zwei 
Bestimmungen daraus, welche für die Sitten verschollener Tage 
charakteristisch sind, mögen hier Platz linden. .,Wenn zwei Wei- 



— 82 — 

ber mit einander streiten, sich angreifen oder mit „verkorenen" 
Worten schelten, so sollen sie zwei Steine, welche durch eine 
Kelte aneinander hängen und zusammen „eynen Cynleneren" wie- 
gen, auf dem gemeinen Wege durch die Länge der Stadt tragen. 
Die Eine soll sie zuerst tragen, vom östlichen Thore nach dem 
westlichen und die andere mit einem eisernen Stachel, welcher 
an einem Stock befestigt ist, sie treiben, wobei beide ,,iH ca- 
misiis suis'' gehen müssen. Alsdann soll die Andere die Steine 
auf ihre Schultern aufnehmen und sie zum östlichen Thore zu- 
rücktragen, die Erste aber sie hinwieder mit dem Stachel treiben. 
— Ferner: Wenn ein Bürger den andren bedroht, schlägt, fest- 
hält, angreift ,jmU hestefi muode", fervido animo , so hat er sechs 
Ohmen Wein, welche auf Deutsch ein Fuder Wein's genannt 
werden, der Obrigkeit zu erlegen." Ob er das Recht hatte, mit- 
zutrinken, wenn die patriarchalische Obrigkeit von Höxter seine 
„Brüchten" zu sich nahm, wird nicht angegeben. 

Wie die Lage Höxter's an einer Haupthandelsslrasse und 
seine Brücke über die Weser die Stadt blühend gemacht halte, 
so diente derselbe Umstand später dazu, nicht endende Kriegs- 
drangsale über sie zu bringen. Früher oft Werbeplalz für deutsche 
Landsknechte, die man dem Dienste der Ligue in den Französi- 
schen Religionskriegen unter Carl L\. gewinnen wollte, ward sie 
im dreissigjährigen Kriege nach einander von allen sireilenden 
Partheien und Völkern genommen und gebrandschalzt: der tolle 
Christian von Braunschweig kam zuerst mit seinem Heerhaufen 
von 10,000 Mann, den er angeworben halte ohne mehr als zehn 
Thaler in seiner Tasche, dann zweimal Tilly, und nacheinander 
Dänen, Schweden, Hessen; endlich stürmten die Kaiserlichen den 
Ort und hausten, dass von den Bürgern nur dreissig sollen das 
Leben gerettet haben. 1673 war Höxter Türenne's Hauptquartier. 

Eine halbe Stunde die AVeser aufwärts bringt uns an den 
Fuss des steilen und kahlhäuptigen Brunsberg's, der das Thal des 
kleinen Badeorts Godelheim beherrscht. Oben soll eine Bruns- 
burg oder ein festes Lager Bruno's, des Bruders oder Schwäher's 
von Witlekind gelegen und am Fusse Karl der Grosse 775 die 
blutigste Schlacht im ganzen Sachsenkriege zu bestehen gehabt 
haben, eine Schlacht, dass die Wellen der Weser davon sich 
roth gefärbt haben. Die Volkstradition lässt Carol Magnus mit 
einem ungeheuren Heere auf dem Brunsberg und dem gegenüber 



— 83 — 

liegenden Wildberg hausende Riesen hier bezwingen , und in 
Höxter und Godelheim sodann Kapellen stiften. Auf dem Rücken 
des Brunsberges erinnern „Sachsengräben" noch jetzt an das 
sächsische Castell, sparsame Trümmer an eine jüngere Burg, 
welche Abt Wittekind von Corvei 1191 aus dem Gemäuer der 
älteren hier errichtete. Jene verherrlicht ein altes Carmen de 
Brunsbunjo Christoph. Elschlebii , welches in des Historiker's 
Paullini Syntagma zu finden ist. 

Besuchter als Godelheim ist der freundliche Badeort Driburg, 
der westlich von Höxter am Eggegebirge liegt, wo dieses fast 
parallel mit der Weser und als Begränzung ihres Gebiets sich 
von Norden nach Süden hinzieht. Ihr müsst eigentlich, um den 
ganzen Reiz Driburg's zu empfinden, von Paderborn her über die 
öde Ebene des „Hänge" gekommen sein, die hochliegende ein- 
same Fläche, an deren Horizont die Berge scheu und neblicht 
hervor lauschen, wie sich duckend vor dem scharfen Windstriche, 
der hier in den heissesten Sommertagen nicht ausgeht und durch 
die dürftigen Kornfelder zischt und rieselt, wie ein feines Hagel- 
schauer; da ist kein Haus auf Stundenweit, kein frischer Baum, 
nur hier und dort ein Kreuz am Wege oder ein kleiner verwit- 
terter Heiligenschrein , neben gefährlichen Erdfällen , die ihren 
unterminirten Rand zuweilen bis fast an die Fahrstrasse drängen: 
— kurz, eine Gegend, die nicht einmal zu Heine's Phantasien 
in dem forcirt spasshaften „Gespräch auf der Paderborner Haide" 
kann angeregt haben. Eine jähe Senkung führt von dem Hänge 
herab , in die Einsamkeit und wie schmerzliche Stille des Ge- 
birgwaldes : der Weg ist rechts und links von Bäumen umschlos- 
sen , ohne eine andre Aussicht , als durch zahllose Stämme und 
Astgewirr, ohne einen andren Laut, als das Knirschen unsrer 
Schritte auf dem durch Eisentheile dunkelroth gefärbten, wie 
blutgetränkten Grunde ; so schlendern wir weiter und träumen 
uns, halb aufgeregt, halb gelangweilt, tief in die Geschichte 
hinein , die durch die stillen Aeste des „Teutoburger Waldes" 
ihre Romantik webt, in Schlachten, Fehme und die „rothe Erde." 
Plötzlich wird das Gehölz niedriger, wir überragen die jungen 
Wipfel und finden uns unerwartet auf der Höhe des schönsten 
Amphitheaters und zugleich am Ende des Gebirgs; das lachende 
Städtchen und Bad Driburg liegt unter uns mit all den zierlichen 
Zuthaten solcher Orte, eleganten Gebäuden, bald in Gruppen, 



— 84 — 

bald einzeln. Alleen, schlank luit] iiochgewülbl , mit leichtge- 
scliwungenen Brücken und kleinen spritzenden Wasserfällen dar- 
unter, das ganze, nicht grosse Thal nebst dem daran liegenden 
Hüsenberge in einen saftig grünen Garten unigeschafi'en ; ringsnm 
duftige frische Berggipfel und auf einem derselben die Ruinen der 
alten Iburg, unter der man Badegäste gebückt hinan klimmen oder 
Kinder in ihren runden Strohhütclien nach Dendriten hernm stöbern 
sieht. Den eigenthümlichen Reiz des Panurama's , das dieses 
Thal bildet , wiederzugeben , würde man umsonst versuchen. Er 
liegt in dem angenehmen Mass der Ausdehnung, in der Anmuth 
der umgebenden Bergformen, in dem Hellen und doch Ver- 
schleierten der überall mit jungem Holze bewaldeten Hohen. Die 
Feste Iburg war ein sächsisches Castell , das Karl der Grosse 
mit fränkischer Besatzung versah und 79Ü zur Dotation des Pa- 
derborner Bisthums schlug. Im elften Jahrhundert legte das 
Paderbornische Kloster Heerse dort ein neues Frauenstift an, das 
aber wegen der „Rauheit der Gegend" 1136 nach Gerden verlegt 
werden musste. Da wurde die Iburg auf's neue befestigt, bis 
die Erbauung der nahen Feste Dringenberg jene dem Stifte unnütz 
machte und verfallen liess. 

Versetzen wir uns an die Weser nach Godelheim zurück und 
ziehen an dem hohen Wildberge mit den wT.nigen Trümmern einer 
gleichnamigen Corveiischen Burg vorbei , nach dem Freiherrlich 
Wolf-Metternich'schen Schlosse Wehren das nur durch einen 
schmalen smaragdgrünen Wiesenstreif von der Weser getrennt 
ist, deren Ufer hier sacht sich bis unmittelbar an die Wellen 
abdachen. In Wehren ist der runde alte Tliurm mit dem chine- 
sischen Dache über seinen Zinnen für uns zu erklimmen, der 
herrlichen Aussicht wegen, die sich oben bietet, in ein Thal voll 
üppiger Kornfelder und Wiesenfluren, stundenweit sich dehnend 
und doch nicht zu ausgedehnt, dass nicht die Formen der um- 
gebenden Berge klar und deutlich hervorträten. Nördlich zeigt 
der Wildberg seine riesige Sargesgestalt, überragt von düstern 
Fichtencandelabern, schwarz, steil aufsteigend; die Burgruine 
liegt verdeckt , nur wer den Wildberg selbst ersteigt und sich 
durch seine Baumknorren und Gestrüppe geschlagen hat, steht 
mit einem Male vor den eingesunkenen Gewölben der Burg, wie 
am Rande eines Steinbruchs; denn was über der Erde war, ist 
verschwunt^en, nur der unterirdische Theil hält sich wie die 



— 85 — 

Wurzel eines gefällten Kiesenbaumes noch immer fest in den 
Grund geklammert: zahllose Hanken von Epheu, Steinbrech und 
andern Schlingpflanzen drängen sich aus jeder Spalte, und der 
Boden ist besäet mit Maiblumen , die hier wie verwünschle 
Schönheiten in der Drachenhöhle einsam bliihn und uelken. Der 
Grund zeigt vielfache Spuren von Schatzgräberei. Dem Wild- 
berge gegenüber sieht man von unsrem Thurme aus den dunkel- 
rothen Kathagenberg, ein ödes gespaltenes Felsgeklippe, scharf- 
kantig, wie in wüsten Riesentrümmern zusammen geschleudert, 
um deren Zacken pfeifend die Habichte kreisen, bis der Däm- 
merung missfönendes Conzert, das schrillende Gezisch des Ca- 
pellmeisters Uhu und seiner Bande sie ablösen. Jenseits der 
Weser dehnt der Solling seine anmuthig wogenden Formen, und 
trägt, Wehren fast gegenüber, auf einem schroffen Vorberge die 
Braunschweigische Domaine Fürstenberg , ehemals eine Burg, 
jetzt eine Porzellanfabrik. Von ihrem weissen Gemäuer zieht 
eine breite Fahrstrasse zum Flusse sich hinab, von der die Luft 
das Knarren der Wagenräder und das Schnalzen der Peitschen 
herüberlrägt, während näher die Segel der Schiffe dicht an der 
Gartenmauer von Wehren herflattern und man das Aeclizen der 
geplagten Gäule und das Rauschen der Zugleine im Grase hört. 
Das Innere unsres Thurm's, den einst Franz Arnold Wolf-Met- 
ternich zur Gracht , Fürstbischof von 3Iünster , Paderborn und 
Corvei bewohnte, um hier neben der alten „Türkenruine", deren 
Reste ziemlich w^ohl erhalten dicht an Wehren stehen, ein neues 
, Schloss um sich her erstehen zu sehen — ist mit seiner alter- 
thümlichen Einrichtung und seiner Aussicht ein höchst poetischer 
Aufenthalt , dem auch die Weihe durch Sage und Gespenster- 
glauben nicht fehlt. Im Dorfe Wehren erzählt euch jedes Kind, 
dass der alte Bischof nächtlich dort bei seiner Studierlampe sitze: 
dann sind die Fenster des Thurmes alle mit einem blaulichten 
Lichte umgössen, dass das Gebäude aussieht wie ein grosser 
Leuchtwurm, und je finstrer die Nacht ist, desto heller leuchtet 
der Tliurm auf. 

Der nächste Ort ist Blankenau , im alten Nifhegau, mit 
seinem Amihaus, das, jetzt preussische Domaine, ehemals eine 
Feste war, die im dreizehnten Jahrhundert Corvei zur Beschüt- 
zung der ..blanken Aue" errichtete; dann folgt in einem schönen 
Thale, welches die Bever bildet, das Städtchen Beverungen. Bis 



— 86 — 

hierhin hat die Gegend einen auirallend wilden Charakter ge- 
tragen; die Gebirge weichen zurück und lassen Steinmassen vor- 
treten, die von bloss steilen Ul'ern sich allmählich zu thurmhohen 
Klippen steigern und früher kaum dem Fahrweg Raum Hessen, 
letzt führt eine neue Chaussee nach Carslhafen am linken We- 
serufer her, Avo von Beverungen an die Berge dem Flusse zwar 
noch immer nahe bleiben, aber auf dem rechten Ufer fruchtbares 
Flachland die Berge des Sollings von dem Strome trennt, bis sie 
Herstelle geg^enüber Avieder an's Gestade sich stellen , um zu 
schauen, Avie ihr ruppig Angesicht in dem jüngeren Gewässer 
sich ausnimmt, dessen neckende Najade in tausend Wellchen 
plätschernd durch zitterhafte Verzerrungen der Graubärte spottet. 
Am schönsten ist das stille helle Stromthal, wenn man in einem 
Nachen sich hindurch schaukeln lässt, dem Geschwirr der Wellen 
horcht, die der Ruderschlag des Fährmanns über die Uferkiesel 
streichen macht, und den Schwalben zuschaut, wie sie, mit ihren 
schillernden Flügeln das GcAvässer streifend, blanke Furchen 
ziehen : Avenn man den ganzen Frieden in sich saugt, in den der 
acht deutsche Strom seine treuen Kinder einlullt: er ist so ruhig, 
so sanft bewegt, der blaue Himmel, den er spiegelt, so gross- 
artig stille gespannt, majestätisch, aber doch keine Majestät, die 
euch gespenstisch bedrängte wie ein rothflammiger Winterhimmel 
über Alpengletschern; unendlich, aber keine Unendlichkeit, die 
euch mystische Schauer in's Herz hauchte : er ist Avie das ger- 
manische Gemüth, stille, klar, voll ernster unendlicher Ruhe, 
Darum saugt es, auf ihm, aus eurer Seele Tiefen das schlum- 
mernde Gemüth empor ; euer Wissen verschwimmt in den sacht 
schaukelnden Wogen und euer Ahnen taucht auf aus dem tiefen 
Grunde; Avie ein melancholisch Antlitz des Nixen, der trauert, 
dass er nicht selig Averden kann; Avie um euch her die blassen 
Häupter der Wasserlilien , die müde von dem nimmerruhenden 
Wiegen , schlummern eure Gedanken ein ; aber in den Saiten 
eures Gefühl's zittern Klänge nach, die aufgequollen sind aus 
dem Strome , als läute es dort unten in versunknen Domen alter 
Zeit leise den Abendgruss eures stürmischen Lebenstages ein. 
Es ist ein Zauber, der euch hinreisst und dem ihr doch entfliehen 
möchtet, dass er nicht zu weich euch überhauche. Und wohin 
könnte man anders vor ihm fliehen , als in die friedlichen Tage 
der Jugend zurück, wo unser rosiges Ahnen, unser frisches 



— 87 — 

Fühlen noch der blasse Gedanke nicht störte, wo man in selii^em 
Seelenniiissii?2:ang die Stunden verträumte! wo nichts die ruhijS 
sich abspinnenden Tage unterbrach — 

Nur wenn der Tag des Herrn, der sonu'ge Tag 
Nun Avieder da, mit seiner Lerchen Schlag, 
Die jubelnd schwirrten aus den Aehrenfeldern ; 
Wenn selbst die Lindenduflende Allee 
Wie festlich wiess, dass sie den Tag begeh, 
Die Sonne lichter lag auf allen Wäldern: 

Dann rief die graue Waldkapelle mich , 

Dann durch die Wipfel tönten feierlich 

Vom Klosterthurm die Silberhellen Glocken; 

In blauer Schärpe trat ich dienend dann 

An den Altar, die Purpurstieg' hinan, 

Des Priesters Hand lag segnend auf den Locken. — 

Wo ich gedient, lasst mich noch einmal knien, 
Noch einmal mich die Weihrauchwolken ziehn. 
Die ew'ge Lampe schüren, die ermattet: 
Dass wie des Kindes gläubiges Gebet 
Ihr Flackern licht ob meinem Haupte steht, 
Dass mich der alte Friede überschattet! 

Er naht sich nicht! mit wehem Herzensgrau'n 

Muss ich der Bögen düstre Wölbung schaun. 

Die hohl, gespenstisch nachhallt meinen Schritten: 

Das sind die Stufen, avo ich einst gekniet, 

Die Stelle ist es, doch der Frieden zieht 

Nicht durch die Brust, wie einst, wenn sie gelitten. 

Verlassen Alles! Epheu wuchert dicht 

Um den Altar und strebt hinaus nach Licht, 

Und rankt durch's Fensler mit befreitem Laube; 

Als ob, um fessellos ihm nachzuziehn, 

Sie neuverjüngte Schwingen sich geliehn , 

Schwand vom Gewölb des heiigen Geistes Taube. 

Sie schwebte vor mir her, die weisse Taube, als auf einer We- 
serfahrt die Verse mir entstanden und ich musste ihrem Flattern 
folgen, das im Stral der Sonne aus den langen Schwingen wie 
plötzliche Blitze schoss. Ein Windstoss hatte sie erfasst und 
wirbelte sie um ; einen Augenblick war es , als würde er ihrer 
Herr und das leuchtende Thier müsse aus seiner aetherischen 



— 88 — 

Kegion krallhis liifiah. in den Sfruni untersinken; aber sie spielte 
mit ihm, schien's, denn liooh aufsteigend wie im Triumphe, 
schlug sie bahl in frohem Kreisen die Flügel zusammen und 
schM^bte dann ruhig nieder auf das Kreuz der Dorfkirche von 
Herstelle. 

Herstelle ist jetzt ein neues Gebäude, das in halb gothischem 
Style errichtet mit seinem schweren zinnengekrönten Thurme und 
chorartigen Ausbau halb den Eindruck einer Zwingfeste aus der 
Feudalzeit, halb den einer Kirche macht. Es liegt auf einer 
senkrechten Felsenklippe, an seinem Fusse ein Dorf beherrschend. 
Auf dem Hofe des Schlosses fand man jüngst in einer Art ver- 
schütteten Cisterne einen beispiellos reichen Schatz von Alter- 
Ihümern und zwar zuerst Gegenstände, die etwa dem sechszehnten 
Jahrhundert angehören mogten, Krüge mit Wappen und Bildern, 
Sporen u. s. w. , darunter Sachen aus älterer Zeit, dann noch 
ältere, immer alterthümlicher die Formen und Stoffe, als ob man 
immer tiefer in graue Jahrhunderte sich senkte: ganz zu unterst 
lag die Kömerzeit in Metallspiegeln, Walfenfragmenten und einem 
zierlichen Trinkgefäss aus römischer Erde, begraben. Denn ein 
ursprünglich Römisches Castell hat man Herstelle genannt: gewiss 
ist, dass es den Sachsen als Feste diente. Karl der Grosse 
bestimmte es zum Watfenplatze und nannte es danach Heeres- 
stelle , oder gab ihm den Xamen Ueristallnm saxonicum nach 
der Stammburg seines Ahnen Pipin, dem Fränkischen Heristai, 
{Hericourt bei LüttichJ. Auch sollte es zum Schutze der Mis- 
sionare dienen, die ihm folgten, Sturmio's z. B., des Gründers 
von Fulda und des Würzburgischen Hathumar, ehe dieser seinen 
Bischofssitz in der Paderstadt einzunehmen wagte. Nach der 
Bezwingung Westphalens hielt Karl in Herstelle 797 die Feier 
der Weiiinacht und des Osterfestes, um jetzt den Sachsen die 
Pracht seines Hoflagers so blendend zu entfalten, wie er über- 
wältigend die Macht seiner Waffen ihnen gewiesen hatte. Das 
Heer lag im Lande vertheilt umiier. Er aber Hess die ganze 
nie Avieder gesehene Herrlichkeit seines Namens plötzlich wie ein 
blendendes Meteor aufleuchten über dem staunenden Volke der 
Wisuraha, das nie von Aehnlichem auch nur geträumt, dessen 
kindlich beschränkte Phantasie dem geAvaltigsten seiner Götter, 
dem einäugigen Wuotan nur einen breitrandigen Regenhut , den 
grauen Mantel und das weisse Ross Sleipnir mit den acht Füssen 



— 89 — 

als Ausstattung seiner Erscheinung zu verschafl'en wusste, nebst 
einer Fülle goldbraunen Meth's in Avüsstmassigem Trinkhoni. 
Hier war mehr als Wuotan! Die armen Sachsen hätten sich ge- 
wiss lieber mit dem Schwerte bekehren lassen, den hohen Card 
Magnus selber zu verehren, denn die gepredigten Fasten- und 
Casteiungreichen Heiligen seiner Missionare, als sie so seine 
ganze Pracht über Herstelle aufgehen sahen, als man unter ihnen 
das in Purpur und farbiger Seide prangende Gezelt Haroun al 
Raschid's aufschlug für den Frankenkaiser, und das Wunderthier, 
des Kalifen von Bagdad ungeheurer Elephant 'Abulabaz mit den 
kostbaren Gewanden und Spezereien des Morgenlandes beladen, 
hoch den Zug Andalousicher und Normannischer Rosse überra- 
gend, den Felsen von Heristal hinaufschritt oder schlürfend aus 
dem deutschen Strome trank. Und nun er selber erst in der 
ganzen überwältigenden Majestät seiner einfachen und doch so 
hehren Erscheinung, mitten in dem glänzenden Gedränge seiner 
Paladine: denn sie alle waren um ihn her, Olivier und das 
dreiste Haimonskind Rinald und Oger von Dänemark und wie 
sie alle heissen, die trutzigen Gestalten, die Turpinus Chronik 
sagenhaft verklärt — nur Roland nicht, der arme Roland, den 
längst Herzog Lupus von Vaskonien und Ganelon „der Schuft" 
in der Mordhöhle von Ronceval seiner traurenden Hildegunt er- 
schlagen lassen. Unter ihnen setzte Karl sich in Herstelle zu 
Throne; seine Söhne, der männliche Pipin von Italien und der 
milde Ludwig von Aquitanien traten an seine Seite, der stolzen 
Frankenführer und der grollenden Sachsenherzoge Reihen öffneten 
sich, und, vor dem Schemel seiner Hoheit sich beugend, trat der 
Sarazenenheld Abdallah, den Spanien huldigend gesandt hatte, 
vor das Antlitz des Gewaltigen; dann kamen die Boten Galiziens 
und Asturiens, um ihres Emir's Geschenk, ein wunderbar schönes 
Gezelt anzubieten; ihnen folgten, die aus dem fernen Ungarland 
gesandt waren, Männer aus dem Volke der wilden Avaren, und 
so beugte in seinen Repräsentanten der grösste Theil des Römi- 
schen orbis terrarum sich zu Herstelle vor dem grossen Karl. 
Das war der glänzendste der Tage, die Herstelle erlebt hat; 
seine spätem Geschicke, als es Malstätte unter Königsbann oder 
im siebzehnten Jahrhundert Wohnsitz der aus Höxter verjagten 
Minoriten- Mönche war, bieten keinen Erwähnung fordernden 
Moment dar. Paderbornisches Lehn kam es als Pfand im vier- 

7 



— 90 — 

zehnten Jahrhundert an eine Familie von Falkenherg, deren Spross 
Theodor (Melchior?) von Falkenberg so heldenmüthig Magdeburg 
gegen Tilly vertheidigte , bis der Untergang der unglücklichen 
Stadt auch ihn unter den Trümmern derselben begrub. Sein 
Bruder Moritz aber stand eben so warmen Sinn's auf der Seile 
der Katholischen und gerieth kurze Zeit vor der Schlacht von 
Lützen in die Gefangenschaft des Schwedenkönigs : Gustav Adolph 
entliess ihn jedoch ohne Lösegeld um seines tapfern Bruders 
willen. Als in der Schlacht von Lützen nun den recognosciren- 
den König seine Kurzsichtigkeit zu nahe an eine Schwadron 
Kaiserlicher Reuter hatte kommen lassen, da soll Moritz von 
Falkenberg, der im Götzischen Regiment als Lieutnant diente, die 
tödtliche Kugel auf Gustav Adolph abgeschossen haben, in demsel- 
ben Augenblicke jedoch von einer schwedischen Stückkugel selbst 
niedergeschmettert. Ein andrer Paderborner , Johannes Schnee- 
berg aus Böckendorf, Lieutnant desselben Regimentes, gab dem 
Könige den Rest und nahm ihm seinen Schmuck, die goldene 
Halskette, ab. „Damit nicht Andre, weil sich auch Feiglinge 
nach dem Siege den Ruhm anmassen, den Paderbornern die Ehre 
dieser That nehmen , " erzählen die glaubwürdigen monumenta 
Paderhornensia also die Umstände von des Schwedenkönigs Tod, 
auf die vielfachen Versicherungen von Augenzeugen sich stüzend. 
r— Nach dem Aussterben des Falkenbergischen Geschlechts wurde 
die Familie von Spiegel zum Desenberge mit Herstelle belehnt; 
diese verkaufte es an eine Freifrau von Zuidtwick, welche den 
jetzigen alterlhümlichen Wohnsitz auf der Felsenhöhe erbaute. 
Von oben in das Thal hinab führen zwei gleich romantische 
Pfade ; der eine an dem frühern Kloster, jetzt der Pfarrwohnung, 
nah vorüber, eine breite steinerne Treppe herab, die an Länge 
einer Jakobsleiter nicht nachgibt, der andere wie ein Gemsen- 
steg längs der Klippe, dass man schwindelt, sieht man Träger, 
die unter ihren Lasten keuchen, Mädchen mit Milcheimern auf 
den Köpfen oder kaum flügge Kinder so ruhig wie Nachtwandler 
über die thurmhohen Felszinnen gleiten; man presst jeden Laut 
zurück, als ob er die Träumer wecken und zerschmettert vor un- 
sern Fuss schleudern könne. Die schon früher wild und trüm- 
merhaft geformte Wand hat durch Steinbrüche an pittoreskem 
Aussehen noch gewonnen ; überall weite Risse , Zacken und vor- 
springende Flächen, die, wenn man der erwachenden Kletterlust 



— 91 — 

nachgäbe, leicht in die halsbrechende Situation weiland Kaiser 
Maximilians brächten. 

Unweit Herstelle , über ihm, mündet die Diemel in die Weser, 
der Fluss, der für uns hier als südliche Begränzung Westphalens 
dient. Wir haben zwei Punkte an ihm aufzusuchen , zuerst War- 
burg, um des ihm nahen Desenbergs willen, und dann Stadtberge 
das alte Eresburg aus Karl's des Grossen Zeit. 

Warburg ist eine alte ehemals ziemlich wichtige und der 
Hansa angehörende Stadt in einer schönen Gegend , deren an- 
ziehendster Punkt der Desenberg, eine freistehende Höhe von 
konischer Form, gekrönt von den guterhaltenen Ruinen eines 
festen Schlosses, bildet. Häufiger Tuffstein deutet auf seinen 
vulkanischen Ursprung. Ursprünglich sächsischer Waffenplatz, 
Avard der Desenberg, wie Herstelle und die Iburg, fränkischer Halt- 
punkt, dann, dem Stifte Paderborn zugewiesen, ein Burglehn der 
mächtigen und ausgebreiteten Familie Spiegel, die sich nach ihm 
nannte. Räubereien, Zwiste mit der nahen Stadt Warburg, Belage- 
rungen füllen die Blätter seiner Geschichte. Damals hiess es ja : 
Buten, roven, dat is gheyn Schande, 
Dat doynt die Besten van dem Lande. 

Und gewiss ist, dass die Spiegel sich zu den Besten des Lan- 
des rechneten. Die Sage von dem im Desenberge träumenden 
Kaiser Karl ward schon oben berührt. Es ist die oft wieder- 
kehrende Mähre, die auch die Klüfte des Unterberges und des 
Kyffhäusers zur Kaiserhalle eines Helden umgeschaffen hat, der 
die Jahrhunderte verschlummert, bis ihn der Memnonsruf einer 
neu morgenden Zeit zu neuen Thaten weckt: 

Es sitzt ein hoher Greis dort, vor einem Tisch von Stein; 

Des rothen Bartes Locken ziehn um die Tafel sich, 

Die Augen sind geschlossen, als hüll' sie Schummer ein: 

Ihm zuckt die helle Wimper, er spricht: was rufst du mich? 
Ist denn die Zeit gekommen, wo Waiblingen erwacht? 
Bist du's, mein dreister Enkel, mein starker Friederich? — 

Lass deine Heldenschaaren, Herr Kaiser, aus der Nacht 

Der ßergesklüfte dringen, lass deines Adler's Gold 

Von deinem Helme leuchten, wie durch Legnano's Schlacht: 

Zeit ist's , dass in den Lüften dein Banner sich entrollt 

Und aus ihm Freiheit, Frieden der Deutschen Haupt umfacht, 

Sie zahlten lang genug jetzt dem stolzen Welschland Sold! — 

7* 



— 92 — 

Das Volk glaubt den Tod seiner Helden nicht; sie leben 
ihm wie seine Sänger ewig fort, und wie diese, deren Namen 
es nicht kennt, warmen Hauches fortatlimen und sind im Klange 
der Liedestöne und im bewegten Herzen , das ihre Worte , ihrer 
Seele Sein und Dulden in sich trägt und ausströmt — so gibt 
das Yolk seinen Helden für ihre gröbere AValfenmacht einen 
wirklichen Raum in den Riesen- Gehäusen hoher Berge. Der 
Held des Volkes ist der incarnirte Geist des Volkes selbst, sein 
Gefühl, das Ausdruck, sein Wollen, das Person geworden ist; 
und wie der Geist, das Gefühl, das Wollen eines Volkes Jahr- 
hunderte alt werden, muss auch der Träger aller drei ihm über 
den Tod erhaben scheinen. Hätte man einen Berg gefunden, der 
gross und fest genug für seinen Titanengeist wäre, auch das 
incarnirte Franzosenthum schlummerte bald unter seinen Mar- 
schällen, auf den Adlern von Blarengo und Austerlitz in tiefer 
Felsenkluft. — 

Stadtberge oder Marsberg liegt oberhalb Warburg, wo die 
Diemel von den Gränzen des Süderlandes herabströmt; es ist der 
Ort, der immer in Verbindung mit der Irmensäule genannt wird, 
weil von hieraus Kaiser Karl seine Zerstörung gegen das Heilig- 
thum richtete. Es ist oben von letzterem die Rede gewesen: ich 
trage hier nach, wie Tradition und Volksphantasie späterer Jahr- 
hunderte es sich ausgemalt haben: — das sind die Quellen der 
Schriftsteller, auf deren Autorität hin die ungedruckte Original- 
handschrift von Paullini's Geschichte von Corvei also von der 
Irmensäule redet : „Irmensaül ist eine dem Irmo oder Irmino die- 
nende Saüle, worauf sein Bildniss gestanden hat. Andre machen 
aus Irmensul einen Saahl oder Kirche, darin man diesen Götzen 
verehrte ; dieser Tempel ist gewesen bei Eresberg, welches nach 
Etlicher Meynung so viel sein soll als Ehrenberg oder Heresberg, 
von Hera, die Griechen sagen 'H^a, ist bei den Lateinern die 
Abgöttin Juno, da weiland die Sachsen die Hera geehrt und der 
Wahn beim gemeinen Pöbel gewesen, als ob diese ertichtete 
Göttin zwischen Weynachten und heil, drei Königen Fest in der 
Lufft herumflöge, masen, nach der Poeten Wahnwitz, Juno eine 
Regentin der Lufft seyn soll: — In diesem Mers - oder Eresberg 
nu in Westfahlen war ein schöner grosser ansehnlicher und weit 
berufener Götzentempel, darin das blinde Volk die Irmensaül 
verehrte. Dies Götzenbild war in Gestalt eines gewaffneten 



— 93 — 

Manns, der stund unter dem blauen Himmel im grünen Feld in 
den Blumen bis an den Leib, mit einem schwerd umgürtet. In 
der rechten Hand hielt er ein Pannier, darin eine rothe Rose 
oder Feldblume war, in der linken eine Wage. Auf seinem Helm 
stund ein Wetterhahn, auf dem Schild ein Leue und auf der 
Brust ein Bahr. (So ist die Gestalt in Holzschnitt abgebildet in 
den annales Circuli Wesfphalici Stangefol's.} Was nun zu Eres- 
berg eigentlich für eine Religion und was für Ceremonien dazu- 
mal üblich gewesen, können wir wegen der faulen Trägheit der 
damahligen Scribenten nicht gründlich erwähnen. Diess ist ge- 
wiss , dass viele Priester, sowohl Mann- als Weiber diesem 
Tempel gedient haben. Die Weiber zwar waren nur mit den 
Weissagungen geschälTtig, die Männer aber Warteten der opifer 
und des übrigen Götzendienstes. Die Priester nahmen allezeit 
diese Irmensatil mit in den Krieg, und nach gehaltenem Treffen 
schlugen und strafften sie die Gefangene oder die sonst etwa 
nicht frisch gefochten hatten, nach Verdienst. Es war der Ge- 
brauch, dass die Priesterinnen den Gefangenen im Lager mit 
blosen Degen entgegen lieffen, solche bey einen ehernen Rost 
schleppten , in die Höhe hüben , die Gurgel entzwey brachen und 
hernach aus dem Blut ihre Weissagungen nahmen. Das erhellet 
auch aus einem altsächsischen Lied, darin ein Sächsischer Printz 
sehr wehmüthig klagt, dass er wegen eines unglückseligen tre- 
fens dem Priester zum Schlacht Opffer worden: 

Schol ich nun in Codes fronen Hende 

in meinen allerbesten tagen 
Geben werden, und sterben so elende, 

das müss ich avoI hochlich klagen. 
Wenn mir das glücke füget hätte 

des Streites einen guten Ende, 
Dorfft ich nit leisten diese Wette , 

netzen mit Blut die Ilire Cheil'gen) Wände. 

In dem Tempel zu Eresburg sind überaus viele Kost- ja 
unschätzbare Kleinodien, Kronen, Schilt, Fahnen u. d. m. von 
lauter Gold und silber funden worden: alles dies bekam Karl 
zur Beute; das Bildniss selbst, so auf der zierlichen Säule stund, 
hat er Vermaledeyet, zu Boden geschmissen und zermalmet. 
Also ist der prächtge Tempel samt dem Bild gänzlich zerschleifft 
und zerstört worden, worüber man drey tage zugebracht." — 



— 94 — 

Die weitere Erzählung Paullini's mitzutheilen , wie Karl die Ir- 
mensäule nach Corvei habe führen lassen, wo man sie wieder 
gefunden und die Inschrift daran gelesen „Vorzeiten bin ich der 
Sachsen Herzog und ihr Gott gewesen, mich hat das Volk Martis 
angebetet''' — wie sie sodann nach Hildesheim gebracht mit grosser 
Fährlichkeit wegen auflauernder Heiden — wie man am Samstag 
vor Laetare jährlich dort symbolisch ihren Sturz sich erneuen 
lasse u. s. w. verbietet trotz ihres Interesses uns hier der Raum. 
Naiv ist vor allem Paullini's Deutung der symbolischen Attribute 
der Irmensäule: von der Rose in dem Panier sagt er, die Rose 
„sey aus dem schweiss einer Frauen, so Jona geheissen, ent- 
sprungen. Dieses Weibes Natur soll gewesen seyn , dass sie in 
der Frühstund weiss, im Mittag roth, gegen Abend grün ge- 
schienen hat. Nu die grüne , als eine beständige Farbe , ist das 
merkmahL der Ewigkeit, als ob die nacht, der Tod ihr die Un- 
sterblichkeit gebe. Wahre Ritter schämen sich unter dem hink- 
kenden Pöbel allhier zu kriechen, desswegen schwingen sich ihre 
Sinnenflügel Sternen werts, um Seel und Ruhm, Leib und Geist 
mit dem Burger Recht der ewigen zu beschenken." *} — 

Unsres Aulor's Angabe, dass sächsische Krieger den Ge- 
brauch gehabt, in ihrer Rüstung, mit Wehr und Waffen um die 
Irmensäule zu reiten, ehe sie in die Schlacht zogen, findet eine 
Bestätigung, wenn noch jetzt vielleicht hie und da ein Landmann 
Westphalens in der Nacht vor einem hohen Festage heimlich eine 
einsame Waldkapelle umreitet. 



Siehe die ganze Episode in Dr. L. Tross Wesfphalia, 1826, Nr. 19. 
— Die historischen Ausführungen dessen , was ich bei der Wan- 
derung durch das Weserlhal nur andeuten durfte, findet man in 
F. C. Th. Pideril's Arbeiten. 






Ihr mögt mit lächelndem Kopfschütteln die Ueberschrift die- 
ses Kapitels ansehen und es als eine romantische Selbstironie 
dieses Buches betrachten, wenn es als integrirenden Theil des 
malerischen und romantischen Westphalens das Thal in sich 
aufnimmt, welches die trägen Gewässer der Emse durchfluthen: 
ihr werdet dafür danken, mit mir in die Verschollenheit meiner 
heimathlichen llaiden zu ziehen, ihr werdet pfiffigere Kinder 
sein, als die, welchen der Schalk von Hameln pfiff, wenn ich mit 
klingenden Worten wie Mimigardeford oder Agorotingon oder 
Tubantenheim euch in dies Gebiet zu locken versuche. Freilich, 
vor einem kurzen Caravanenzug durch eines jener etwas sandigen 
eintönigen und an die Farbenglühende Herrlichkeit der schönen 
Gotteswelt minder erinnernden Gefilde, welche man eine west- 
phälische Haide nennt, kann ich euch nicht retten: aber ich darf 
euch dennoch bitten, mir zu folgen und ihr sollt verwundert 
sehen, wie oft die Wünschelruthe in meinen Händen anschlägt 
und auch hier auf einen ungeahnten Schatz deutet, der vor un- 
sren Füssen liegt. 

Den Uebergang aus dem schönen Weserthale minder fühlbar 
zu machen, führ' ich euch zuerst auf eine Höhe, wo ihr nur 
den verlassnen Strom vermisst , sonst aber alle Berg- und Wald- 
Romantik wieder findet, mit der uns irgendwo der Teutoburger 
Wald umwebt hat. Diese Höhe ist der Ravensberg. Die gelun- 



— 96 — 

gene Abbildung zeigt euch seine Gestalt, seine zerfallenen Burg- 
gemäuer, seinen Donjon, der noch stark und trotzig in die Lande 
schaut. , Der Ravensberg ist eine steile nach Südwesten sich 
richtende Vorhöhe des Bärenbergs, der mit seiner Waldkrone 
etwa die Mitte des Osnings bezeichnen mag und an die hohen 
Eggen von Werther und Halle sich reiht. Es ist dasselbe Ge- 
birge, das wir über Detmold erklommen haben, hier von dem 
nahen Bielefeld aus in nordwestlicher Richtung gen Iburg 
und Tecklenburg ihren blauen Wellenschlag führend und durch 
mannigfach gekreuzte Hügelreihen mit dem Zuge der Weserberge 
verbunden, der im Norden unsres Standpunkts von Minden her 
fast ganz westlich gen Osnabrück sich dehnt. 

Oben auf dem Ravensberge die graue Warte , die Trümmer 
der festen Burgmauer, das Thor, den tiefen Brunnen in der Nähe 
beschauen zu können , ist für das mühsame Erklimmen der Höhe 
kein so grosser Lohn, wie der Anblick, den sie auf das be- 
herrschte Land zu ihren Füssen bietet. Aus der Reihe der Berge 
vortretend, macht sie die Halden des Osnings rechts und links 
weithin -überschaubar, und zeigt das Land von den Süderländi- 
schen Höhen bis nach Iburg hin, in der westlichen Ferne West- 
phalens Ebenen mit ihren Waldungen, Gehöften, Städten und 
Fluren, in der Nähe die rothen Dächer der Oerter Halle, Borg- 
holzhausen, Dissen und wie sie alle heissen, die besonnten Dör- 
fer, Meiereien und Güter da unten. Man sieht keine wildgran- 
diose oder pittoreske Romantik aus Mangel an Raum in uner- 
messliche Höhen aufgethürmter Bergcolosse, keine nakten Fels- 
ungeheuer mit schäumenden Bachstürzen — die Berge haben 
Raum hier, in anmuthigen Formen sich zu dehnen: aber gross- 
artig genug ist die Gegend, um einen mehr als idyllischen Ein- 
druck zu machen , das Gebirge gewaltig genug, um durch seine 
dichtbewaldeten Massen zu imponiren. 

Die Volkssage macht den Ravensberg zu einem ursprünglich 
Römischen Castell, dessen Wahrzeichen, der Adler, den allen 
Deutschen, die solch Gethier nicht gekannt, ein Rabe geschie- 
nen und der Burg den Namen gebracht habe. Man leitet in Ue- 
bereinstimmung damit den Namen des in einem enggeschlossenen 
Thale am Fusse des Ravensbergs liegenden Dorfes Cleve von 
clwus ab, gleich dem der Stadt am Niederrhein. Ehemals soll 
auch unser Cleve eine bedeutende Stadt gewesen sein. Eine 



— 97 — 

andere Sage lässt einen alten Sachsenfiirsten über die Lande am 
Osning gebieten, der seinen drei Töchtern Iva, Teckla und 
Ravena als Ausstattung drei Burgen schenkte und nach ihnen 
nannte; das Maaren Iburg, Tecklenburg und Ravensberg. Der 
Ableitung des Namens von einem Erbauer Rabo oder Rave ward 
oben schon erwähnt. Jedenfalls ist der Ravensberg eine sehr 
alte Feste. Die heilige Thiathilde urkundet schon um 851 dem 
Kloster Freckenhorst den Zehnten zu „Ravensburg"' : zum zwei- 
tenmal geschieht ihrer Erwähnung in der Legende vom heiligen 
Bischof Bernward von Hildesheim; das Gebet zu diesem Heili- 
gen liess einen Ritter Odalrich, der auf dem Ravensberge im 
Burgverliesse schmachtete leicht und mühelos seine Ketten ab- 
streifen und den Pfad in die Freiheit finden, dass er nach Hil- 
desheim pilgern und seine Fesseln am Grabe des Bischofs auf- 
hängen konnte. Die ältesten Besitzer von Ravensberg, welche 
die Geschichte kennt, treten bei ihrem ersten Erscheinen als 
mächtige Dynasten auf : sie heissen Hermann L und H. von Calve- 
lage (ein Hof zwischen Melle und Gesmold}; und den Glanz und 
das Ansehn ihres Geschlechts bezeugt Hermann's L Yermählunir 
mit Edelinde, der Wittwe Herzog Welf's von Bayern, der Tochter 
Otto's von Nordheim ; der zweite Hermann war Vetter und Ver- 
trauter Kaiser Lothar's von Sachsen. Dieses Hermann Söhne, 
Otto und Heinrich werden zuerst Grafen von Ravensberg genannt, 
und vo» nun an wird der Name häufig in allen Fehden und 
Händeln der Zeit. Im vierzehnten Jahrhundert erlosch der Manns- 
stamm des Grafen von Calvelage mit Bernhard, dessen Erbin 
Margaretha, die Tochter seines Bruders Otto IV. Gemahlin 
des Herzogs Gerhard von Jülich war, den Kaiser Ludwig der 
Bayer 1346 zu Frankfurt am 3Iain mit den sämmtlichen Besitzun- 
gen der Ravensberger Dynastie belehnte. Die fernere Geschichte 
der Herrn vom Ravensberge fällt nun mit der Julich-Cleve-Berg's 
zusammen. Durch die Erinnerung an Jacobea, die schöne un- 
glückliche Jacobea von Baden, die auch dieses Landes Herrin 
war, wollen wir hier nicht unser Auge trüben. Nachdem Bischof 
Bernhard von Galen den Ravensberg als die Feste seines Feindes, 
des grossen Kurfürsten, der mit Pfalz -Neuburg Erbe der Jü- 
lichschen Lande geworden war, hatte beschiessen lassen, wurde 
das Schloss so unwirthlich, dass nun auch der Droste, der es 
bisher innegehabt, herunterzog und es dem gänzlichen A'erfalle 



— 98 — 

iiberliess; doch hat eine Zinkbedachung und ein Kranz von 
Kragsleinen der weitern Zerstörung des Donjons jetzt Einhalt 
gethan. Werfen wir noch einen Blick auf das Panorama unter 
uns hinab, ehe auch wir die Höhe verlassen. Da unten in dem 
Thale gen Norden , wo Borgholzhausen liegt , soll einst in düstren 
Bergeswaldungen des Tacilus Tanfanae Templum, celeberimum 
Ulis gentibvs wie der Römer sagt, sich befunden haben. Noch 
jetzt will man als Benennung der Stelle das Wort „Dämpfanne" 
von den Landleuten vernehmen. Dass man Opfergefässe und 
alte WafTenstücke hier aulTand (noch im Herbste 1838 zwei 
Opferschalen von seltener Schönheit) ist gewiss: über die Göttin 
Tanfana und ihr Heiligthum aber fehlen uns alle nähern Angaben, 
als die des Tacitus, dass es bei den Marsen gewesen, und dieses 
Volkes Wohnsitz lässt sich mit genauer Gewissheit nicht bestim- 
men. Wir können uns desshalb immerhin den alten Tempel in 
den Gehölzen von Borgholzhausen wieder aufbauen, den Alach, 
wie der Sachsen Ausdruck war, aus seinen grobgeschnittenen 
Holzsäulen in einander fügen und die Balkendecke schützend über 
das Wih, das Heiligthum, legen, um zwischen mystisch dunklem 
GcAvände von der sonderbaren , so rohen und doch so tiefes 
Gemüth hegenden Vorzeit zu träumen und ihren Wundern nach- 
zusinnen. Denn mag man die Wunder der Legende für eine 
schöne Poesie und nichts anders hallen, die Wunder der Geschichte 
bleiben, und ist es nicht eines ihrer grössten Wunder, dass dort 
vor uns der bemooste Dorfthurm hoch empor das siegende Kreu- 
zeszeichen über der Tanfana Gauen trägt, — dass, wenn sein 
Geläute über die Strohdächer der Wohnungen umher tönt, um 
den aufdämmernden Sonntag zu begrüssen, der Schall zusammen- 
rinnt mit Nachbarklängen, soweit bis gen Süd und Nord das 
Rauschen des Meeres sie verzehrt? Das gebildete Hellenen- und 
Römerthum von dem zu bekehren, was zum Aberwitz geworden 
war, mogte leicht sein; aber die Germanische Waldesnacht ihrer 
grandiosen Traumgebilde zu berauben: dem Träumenden dieser 
Nacht seinem Zustande adäquate Phantasmagorien zu nehmen, 
und ihm Wahrheit zu geben, ehe er geweckt werden konnte 
an's Tageslicht der Cultur, in welchem allein sonst die Wahrheit 
spriesst — das war mehr als Menschenwerk. 

Um das Gewaltsame des plötzlichen Uebergangs , dies un- 
vermittelte Ueberschlagen von einem Gegensatze zum andren, 



— 99 — 

wie mit einem Schlage die in der Wüste rufende Stimme des 
neuen Lebensprincip's es bewirkte , zu versinnlichen , rufe ich 
hier zwei Gestalten wach, beide edle Germanische Frauen, beide 
im Dienste ihres Gottes stehend , nur durch wenige Jahrhunderte 
von einander getrennt, und doch, welcher schreiende Contrast! 
Die eine ist Priesterin der Tanfana, oder einer andren Gottheit, 
der Irmensul z. B., wie wir sie oben kennen lernten. Sie folgt 
den Männern in den Kampf, sie steht im linnenen Gewände, mit 
ehernem Gürtel, mit nacktem Fusse auf der Wagenburg, das 
gewaltige Reckenweib, sie schwingt ein Schwert wie eine haar- 
flatternde Kyrie der Schlacht. Da wird ein Gefangener ihr ge- 
bracht, sie schlingt einen Kranz um sein Haupt, einen Strick 
um seine Brust; behende fliegt sie eine Leiter hinan, zieht das 
Opfer sich nach und durchschneidet ihm die Gurgel, um aus 
dem Blute, das in den ehernen Kessel unten hinabströmt, die 
Weissagungen des Schlachtenglücks zu schöpfen! (Vgl. Strabo, 
lib. YIL) 

Die andre erzieht das Kloster zu Herford, sie wird das 
Weib eines sächsischen Edlen, sie gebiert ihm zwei starke 
Söhne, wird Wittwe, schaift dann die Burg, worauf ihr Gemahl 
gestorben ist, zum Kloster um, und nun seht ihr sie im Dienste 
ihres Gottes thätig, rastlos und keine Ermüdung kennend, von 
Sonnenauf- bis zum Niedergang. Sie speisst , sie tränkt, sie 
kleidet die Schaaren der Armen, welche von Nah und Ferne zu 
ihr strömen; sie redet Trost den Unglücklichen ein, sie glättet 
mit der weichen Hand der Liebe die Falte des Gram's auf jeder 
Stirne, wie ein weicher, warmer Hauch thaut ihr Wort jedes 
Herz auf, das eisig geworden ist in kaltem Leide. Und wenn 
sie Alle durchwärmt, beruhigt, in weicher Entsagung oder ge- 
stärkter Hoff'nung froh, von sich gesandt hat, wenn die Sonne 
zur Küste, ihre Schwestern zum Schlafe gegangen sind, dann 
lauscht sie, bis der letzte Schritt im Kreuzgange verklungsn ist, 
schleicht sacht, dass Keiner sie erspähe, in die Kirche und 
kniet zum Gebete nieder, das die Nacht überdauert. Es ist eine 
doppelt geweihte Stätte, dann die Klosterkirche, worin sie nie- 
derkniet, und betet beim Lichte der ewigen Lampe, deren flak- 
kernder Schein auf die Pergamentblätter und buntglänzenden 
Malereien ihres Psalters; auf die weissen, von Kälte verklom- 
menen Hände fällt, mit denen sie eifrig die Blätter umwendet; es 



— 100 — 

ist ein Heiliges über die schlichte Matronengeslalt ausgegossen; 
ihr konntet glauben , allein von ihrer hohen glatten Stirne gehe 
der milde gelbzitternde Lichtschein aus, der stralend auf den 
goldenen Miniaturen ihres Buches liegt , sich ermattet in den 
Falten des schwarzen, mit schneeigem Hermelin gefütterten Man- 
tels fängt, aus der Dunkelheit der Kirche aber nur noch die 
Schattengespenster der Pfeiler und Statuen zu wecken vermag,- 
dass verriesigt Sankt Lorenz's Rost und Sankt Katharina's zer- 
brochenes Rad an den Wänden ineinander überhuschen und 
schwimmen. 

Und wer ist, fragt ihr , diese nächtige Beterin , die auf den 
kalten Steinen der Klosterkirche zu Memleben liegt? Es ist eine 
Kaiserin , das Weib Heinrich's des Finklers , die Mutter Otto's 
des Grossen, die heilige Mathilde. Sie könnte in dem ganzen 
Glänze sich sonnen, den ihr starker Sohn über das Germanische 
Kaiscrthum leuchten lässt, aber sie zieht vor, den Tag über für 
die Armen, die Nacht hindurch für das Gebet zu leben. Sie 
lässt ihre Güter sich entreissen , weil man sie bei ihren Söhnen 
beschuldigt hat, dass sie alles in Almosen verschleudere, und 
zieht sich in das einsame Enger zurück , die Grabeshüterin ihres 
Ahnherrn Wittekind zu werden ; als endlich der Tod den liebsten 
ihrer Söhne, Heinrich, den sein Bruder über Bayern zum Her- 
zoge gesetzt hatte , ihr entreisst , da wirft sie in unendlichem 
Leide die Stirnbinde und alles , was an den Kaiserlichen Purpur 
sie erinnert, auf den Boden, und flieht vor ihrem Schmerze in 
das Wohl, das sie den Leidenden, den Darbenden bereitet. (S. 
Strunck, Westph. Sancta.) 

Hat der innig fromme Geist des Mittelalters, hat der warme 
Hauch der Liebe, der Duft der Blüthe am Weltenbaume der 
christlichen Idee, hat die Kraft der Entsagung, die der Glaube 
gibt, je einen schöneren, einen begeisternden Ausdruck gefun- 
den , als in dieser heiligen Frau ? Und dagegen , die ganze rohe 
Gewaltsamkeit, die verhärtende starre Idee des Heidenthums, wo 
tritt sie besser verkörpert, wo schreckenerregender auf, als in 
jenem blutigen Haarflatternden Reckenweibe des Strabo ? Sie 
schneidet dem Gefangenen die Kehle ab, und damit uns wie eine 
grinsende Ironie alle Poesie entzwei, die wir aus den Blüthen 
der Esche Gydrasil saugen , in dem Kämpfen gewaltiger Kräfte, 
wie der Streit zwischen Äsen und Thursen, im Donnern der 



— 101 — 

Bifrostbrücke, wenn die Walhelden darüber reiten und Ragnaröck 
dunkelt, in Baldur's Tod und Fieia's Liebe endlich, in all den 
grotesken Yorstellungen und musculösen Gliederungen des nor- 
dischen Sagensystem's zu sehen so gerne bereit sind. Sie allein 
ist genug, um für uns die dräuende Weltschlange Hörmungandr 
und Locki's gesanimtes Geschlecht für ewig daniederzuhalten. 

Ihr könntet mir vorwerfen, dass ich in diesen Namen aus 
der Nordischen Mythe auf ein Göttergeschlecht mich bezogen habe, 
welches ja nie der Traum der Deutschen Waldesnacht gewesen 
sei, sondern nur durch die Dämmerungen der geheimnissvollen 
^y.avöici des Ptolemäus, oder Skandinaviens, geschwebt habe. 
Aber der Norden ist der Quell lang und weithin rinnender Yöl- 
kerströme gewesen : auch wir gehören ihm an , das sächsische 
Blut in unsern Adern ist keine Blüthe des Bodens, auf dem wir 
stehen. Der Kimbrische Chersonnes ist zwischen unsrer ältesten 
und jetzigen Heimath die Brücke, über welche einst wahrschein- 
lich Kimbren und Teutonen, gewisser wohl später Longobarden 
und endlich die Sachsen zogen, um die Urstämme unsres Landes 
zu verdrängen oder in sich aufzunehmen. Scanzia insula quasi 
officina gentium aut certe velut vagina nationum, sagt der Gothe 
Jornandes. Aus dieser Offizin nun sind auch wir gekommen, 
immer voran drängend über Elbe und Weser, bis im vierten 
Jahrhundert die Vernichtung der Chauken und der kleinern 
umwohnenden Stämme das sächsische Westphalen gründete.*) 
So wäre die Edda -Mythologie für unsre ältesten Zustände vin- 
dizirt: misslicher sieht es mit unsrer Herrmannsherrlichkeit, 
unsren Tacitustugenden aus. 

Pilgern Avir weiter, oben über den Kamm unsrer Berge, dem 
von seiner Höhe lockenden Iburg zu. Gen Süd und Nord bleibt 
uns der Blick über die weite Ebene links, über das schöne 
hügclichte Land rechts dann unbeschränkt. Ln Süden lassen 
wir Tatenhausen, den freundlichen Badeort mit seinen Anlagen 
und ansehnlichem Herrnhause, der Sommerresidenz der Grafen 
Korff genannt Schmising: nördlich und nordöstlich liegt die 
reichbebaute anmuthige Gegend von Gesmold, dem Dorfe, in 
dessen Nähe aus einer und derselben Quelle die zur Ems strö- 



*) S. Geschichte des niedersächsischen Volks von Schaumann. Göltingen 
1839. 



— 102 — 

mende Hase und die Weserwärts fliessende kleinere Elze 
strömen. Das letztere Flüsschen windet sich an dem Städtchen 
Melle vorbei, das eine der freundlichsten Gegenden Westphalens 
belebt, und wo euch die herrlichsten Landschaftsbilder nach 
Ostenwalde , dem stillen einsamen Sitze des General's von Yincke, 
oder auf die Dietrichsburg, (eine Tannenbewaldete Höhe, welche 
die Burg eines verschollenen Nachkommen Wittekind's und Va- 
ters der Kaiserin Mathilde, von der ich eben sprach, des Grafen 
Dietrich gekrönt haben soll ,) locken Avürden. Aber wir müssen 
eilen, denn der Tag wird sich senken, ehe wir über unsre un- 
wegsamen Halden Iburg erreicht haben , den schönsten, den glän- 
zendsten Punkt unsrer ganzen Wanderschaft durch diesen Theil 
"Westphalens. Wir müssen die Dämmerung in seinem Rittersaale 
verträumen, avo die Bilder starker Männer uns wie Herolde vergan- 
gener Tage, verklungener Thaten anlugen werden aus ihren düs- 
tren Rahmen und Cartouchen, von den bestäubten Wänden herab : in 
der weiten Halle, die uns wie ein romantisches Gedicht, eine Scene 
aus einem Romane des grossen Schotten umfängt. Wir wollen dort, 
wenn es Abend wird, in Benno's Züge blicken, in das blasse 
wehmüthige Antlitz des treuen vielduldenden Mannes, dass es 
wie ein Phantasma der Dämmerung uns aus den Schatten ent- 
gegentrete, dass wie ein schöner Traum aus einer stürmischen 
Nacht uns die ganze Erscheinung dünke , mit ihrer leuchtenden 
Stirn, „drauf die Gedanken wie ein stolzer Chor von Königen 
auf hohem Throne sitzen " , und die doch mit dem Mal des Bann- 
fluch's geächtet, sich vor dem Tageslichte verbergen musste. 
Bischof Benno ist eine der interessantesten Erscheinungen unsrer 
Geschichte. Schön, geistreich, gelehrt, das ganze Wissen der 
Zeit mit den seltneren Künsten und Kenntnissen der Technick 
verbindend, von den Frauen verehrt, band ihn Avohl mehr die 
Dankbarkeit als die Sympathie seines Charakters an Heinrich IV. 
der ihn zum Ordner seines Haushalts und Aufseher über die 
Kaiserlichen Bauten ernannte und später auf den Bischöflichen 
Stuhl von Osnabrück erhob: von da an blieb Benno H. der 
treuste Genosse seines Kaiserlichen Freundes, und theilte mit ihm 
die schwere Last des Päbstlichen Zornes, der beide zusammen 
wie gehetzte Edelhirsche durch die Wälder Niedersachsens trieb. 
Gregor VH. consequent, wie ein incarnirter Titel der Digesten, 
entsetzte auch Benno seiner Würden: wie er darauf das Schick- 



— 103 — 

sal seines Kaisers theilte, seine Flucht von der Harzburg nach 
Eschwege u. s. w. hat Broxtermami, ein früh gestorbner begab- 
ter Dichter Osnabrück's in seinem Gedichte: „Bischof Benno " 
geschildert. 

Er erzählt, wie eine Hütte auf öder Haide den in Bettlertracht 
vermummten Bischof verborgen habe; bei ihm des Landmanns: 

Zwei kleine Kinder, hüpften, ritten jetzt 
Auf seinen Knieen und zerwühlten ihm 
Den krausen Bart: allein er spähte wild 
Und schrecklich über ihre Spiele weg. — 
Die Qual von giffgen Herzenswunden stand 
An seiner Stirn mit schwarzer Schrift gemalt, 
Wie an der Stirne des Verzweifelnden, 
Der tief im Busen Selbstmord überlegt. 



Der unglücksel'ge Benno! wer ihn sieht, 
Verhöhnt ihn, denn in Bettlerkleidern sucht 
Der Aechter fremde Gauen, unerkannt 
Zubleiben, unverfolgt! Wie mancher Wicht, 
Der Aor ihm kroch, als noch der Sonnenschein 
Des Glückes hell von Heinrich's Diadem 
Auf seine Freunde niederglänzte, stösst 
Verspottend ihn zurück und weigert ihm 
Ein Stückchen trocknen Brod's. Wir w'erden ihn 
Auf dieser Erde niemals, er wird nie 
Die Berge seines Landes wiederschaun, 
Denn alles ist ja päbstisch um uns her. 

Trotz dem erscheint Benno in Pilgertracht auf der Burg eines 
Freundes und bittet beim Scheiden: 

Nur ein's noch! Führt mich Euren Thurm hinan, 
(Man sieht von Eurem Thurm doch Osnabrück ?) 
Dass ich noch einmal meine — meine Stadt 
Noch einmal sehe! — 

Knabe. 
Werft das Fenster offen; 
Die Burg Hegt hoch. Seht da die liebe Stadt f 

Benno. 
In diesem schonen Thal! — 
Wie schön sie daliegt, von dem Sferbeglanz 
Des Tags verklärt! Wie mancher Edle dort 
Der einst mit stolzer Wonne mir sein Herz 
Entgegen trug und noch an seiner Thür 



— 104 — 

Mit Freuden laich empfinge! — Lebe wohl 
Mit deinen guten Bürgern, gute Stadt! — 
Leb wohl! und wenn des grossen Vaters Ohr 
Der Väter letzte Wünsche gnädig hört! 
So schwebe stets mein Segen wie der Herbst 
Mit nie erschöpftem Füllhorn über dir! *} 

Benno ist der Erbauer des Schlosses und der Gründer der 
Benediktiner- Abtey Iburg, die auf den Grundmauern eines säch- 
sischen, von Karl dem Grossen zerstörten Castell's steht: von 
Benno's Werk jedoch ist keine Spur mehr übriggeblieben, seine 
eigne Wohnung, der Bennothurm, Avard gegen das Ende des vo- 
rigen Jahrhunderts abgebrochen. Das jetzige Schloss ist im neu- 
eren Kloslerstyle gebaut. Im Jahre 1070, am Clemenstage, ward 
der Altar der kleinen hölzernen Kapelle eingeweiht, welche zu- 
erst, nachdem man das Gestrüpp ausgerodet, das die Trümmer 
der alten Sachsenfeste überwucherte , in Eile aufgezimmert wurde. 
Die rasche Vollendung des Werkes jedoch hinderte lange Benno's 
Entfernung aus seinem Stifte: erst als Gregor YII. 1085 zu Sa- 
lerno verschieden war, durfte der Bischof wagen, zurückzukeh- 
ren und seine Iburg auszubauen, die durch den Einsturz ihrer 
ersten Structuren ihm, dem geschickten Baumeister, dem Wie- 
derhersteller des Speyrer Dom's , wenig Ehre gemacht hatte. In 
dem Altar der neuen Klosterkirche Hess er eine Höhlung anbrin- 
gen wie sie der Hochaltar der Kathedrale zu Brixen hat: vor 
dem hatten Kaiser Heinrich's Bischöfe, Deutsche und Italienische, 
Pabst Gregor seiner Würde entsetzt ; Bischof Benno aber war in 
die Höhlung geschlüpft, als er seine Stimme mit ihnen gegen 
seinen und der Christenheit Oberhirten erheben sollte. Als der 
Akt vorüber war, sass Benno wieder auf seinem Platze, als ob 
er nicht von der Stelle gewichen sei: — eine Handlung, von der 
wir kaum begreifen, wie der edle Bischof ihr ein solches Denk- 
mal setzen mochte. Wo jetzt das Städtchen Iburg den Berg sich 
bis an die Thore der Abtei hinaufzieht , lag schon vor deren 
Gründung ein Ort, welchen eine Matrone Azela bewohnte, die 
mit frommer Liebe an dem Bischof hing. Sein Biograph Norbert, 
Ibura's erster Abt, hat uns die Worte aufbewahrt, mit welchen 



*) Broxtermann's Gedichte, Münster 1794. „Bischof Benno" entstand im 
sechszehnten Lebensjahre des Dichters. 



— 105 — 

er auf ihr dringendes Verlangen , an sein Sterbelager treten zu 
dürfen, antwortete: eam se videlicet malle in futuro videre sae- 
culo; ubi sincere, secure et jucundius mutuo fruerentur aspectu, 
quicunque se hie invicem in Christo piintate castcie caritatis 
amassenf. 

Benno starb im Jahre 1088 auf seinem Thurme zu Iburg. 
wo er die letzten Tage seines Lebens einsam ausgerulit hatte von 
all den Mühen seiner Fahrten und Züge durch Deutschlands 
Wälder, durch die Schluchten der Alpen und der Appeuiuen , durch 
Syriens Wüsten und die staubigen Flächen Palästinas : denn auch 
nach Jerusalem und dem gelobten Lande hatte sein reiches Le- 
ben ihn geführt — und wie sollte es nicht, da es ihm so oft 
seine Golgalhahöhen gewiesen? 

Nach Benno's Tode hob sich seine Stiftung um so rascher, 
als ihre schöne Lage sie zum Lieblingssitze der Bischöfe Osna- 
brück's machte , bis Ernst August L von Braunschweig-Lüueburg 
1680 das Schloss zu Osnabrück baute und dorthin seine Resi- 
denz verlegte. Jetzt Sitz einer Königlichen Behörde bieten ihre 
Gemächer nichts Sehenswerthes mehr da, als die Bilder der Os- 
nabrückischen Fürsten, welche um 1653 von dem Römer Yitus 
Andreas Aloysius gemalt, aber eben keinen besondern Kunstwerth 
besitzend, den grossen, etwas verwahrlosten Saal schmücken, 
dessen Fenster zugleich eine weite schöne Aussicht bieten. Aber zu 
einer bessern Rundschau lockt uns ein mehr verheissender Punkt, 
die höchste Spitze des ganzen Gebirgszuges, der 1092 Fuss über 
der Meeresfläche erhabene Dörenberg. Nur durch ein schmales 
Thal von dem Schlossberge von Iburg getrennt, schützt gegen 
den Nord der Dörenberg die hellen ^lauern der Abtei, die wie 
eine blanke Gürtelspange an der Glitte seines Riesenleibes den 
fernen südlichen 'Thalbewohnern prangen. Der jähe Steg führt 
durch dichtes Unterholz von weissstämmigen Birken und schlan- 
keren Buchen auf den Gipfel , den eine Pyramide bezeichnet. 
Dort lacht ein Panorama vor uns auf, wie wir noch keines von 
solcher unbegränzten Ausdehnung gesehen. Osnabrück reckt wie 
in nächster Nähe vor uns aus seinem Hasethal die Kuppel des 
Domes und das hohe kraftwüchsige Gethürm wie in die Wette 
mit seinem freundlichen Gartenträger Gertrudenberg empor: uns 
näher rechts die dunkeln Mauern des kleinen Frauenklosters 
Oesede, dann Borgloh, weiter Melle, in blauer Ferne verschwim- 

8 



— 106 — 

mend der Dümmersee; gen Osten die ganze Gebirgskette bis zur 
Weserscharte liin , unten Dissen mit dem hohen kegelförmigen 
Freden, der die Salinen von Rothenfelde überragt, weiter hinauf 
die Ruinen des Ravensberges : gen Süden und Südwesten die 
sparsamer bebauten Flächen des Kern's von Westphalen, der von 
den Thürmen von Münster bezeichnet wird, begränzt von den 
Gebirgen der Ruhr : nach Westen endlich dehnt ein niederer Hö- 
henzug sich aus, um als Endpunkt die Trümmer der Tecklen- 
burg zu zeigen, immer mehr verflacht noch einmal unter dem 
Schlosse von Bentheim sich aufzuraffen und dann völlig in der 
grossen nördlichen Abdachung zu verschwinden. 

Vor Allem zieht der alte Bischofssitz Osnabrück hier unsre 
Blicke auf sich. In einem breiten von der Hase durchschlängel- 
ten Thale zieht die endlos lange Hauptstrasse, die fast den 
ganzen Ort bildet, von Süden nach Norden sich bis an den Fuss 
der unbeträchtlichen Höhe, welche die Gebäude des ehemaligen 
Frauenstifts zum Gertrudenberg trägt: mehr schmuck, reinlich 
und hell als grosstädtisch , überragen ihn doch vier Kirchen, die 
das Moment des Imposanten einer alten geschichtlich denkwür- 
digen Stadt auf's würdigste vertreten; auch das Waterloo-Thor, 
ein Denkmal der in der Schlacht Gefallenen, die Statue Möscr's, 
das geräumige fürstbischöfliche Schloss sind Zierden, wie eine 
Landstadt sie nicht besitzt. 

Das Bisthum Osnabrück, (Osenbrügge, wohl ursprünglich 
die Hase -Brücke, woraus die fränkische Aussprache den jetzt 
gebräuchlichen Namen bildete,) verdankt seine Entstehung Karl 
dem Grossen, dessen hoher sclnverer Stab, eine Flisenstange 
umgeben von den Ringen einer gewalligen Schilfpflanze , noch 
jetzt in dem Dome gezeigt wird. Früher hatte Bernhard, der 
Apostel dieser Gegenden auch hier, im Gau Tregwithi, das 
Christen thum gepredigt und eine Kapelle errichtet; Karl erhob 
sie 783 nach seinem grossen Siege an der Hase zur Münster- 
kirche und sein Feldbischof Egilfried von Lüttich weihte den 
ersten Altar des erweiterten Gotteshauses , dem heiligen Petrus 
das Stift, den heiligen Crispin und Crispinian, welche zu Sois- 
sons die Märtyrerpalme erworben haben sollen, den Altar zum 
Schutze anbefehlend. Der erste Bischof war ein Zögling der 
damals berühmten Schule zu Utrecht und hiess Wiho , wahr- 
scheinlich englischer Abstammung; eine Schule für lateinische 



— 107 — 

und griechische Sprache ward mit der neuen Stiliuug verbunden 
und das „Carolinum" Osnabrücks ist stolz auf seinen mehr als 
zwölfhundertjährigen Bestand. Nach dem Falle Heinrichs des 
Löwen erscheinen die Bischöfe zuerst mit der weltlichen Juris- 
diktion belehnt, als Fürstbischöfe. Der Westphälische Frieden, 
der in dem „Friedenssaale" des Rathhauses mit den Gesandten 
Schwedens hier geschlossen wurde, gab dem Hause Braunschweig- 
Lüneburg das Recht, den fürslbischöflichen Stuhl, abwechselnd 
mit einem katholischen Prälaten , zu besetzen. So wurde der 
letzte Herzog von York mit der Inful von Osuabrück bekleidet, 
als er sieben Monate alt war, und Sterne konnte desshalb zwei 
Jahre später ein Buch ihm „Dem Hochwürdigsten, in Gott 
Vater, (nur drei Jahre alt} u. s. w." widmen. — 

Im Jahre 1100 brannte die Domkirche ab sammt der Burg 
des Bischofs Wieho H., der nun den Bennothurm in Iburg bezog 
und so den Anfang zu der Residenz der spätem Bischöfe in 
diesem Kloster machte. Sein Nachfolger Johann I. erbaute bis 
zum Jahre 1107 die jetzige Cathedrale in schwerfälligem vor- 
gothischem Style ; das Innere hat sich seine byzantinischen 
Strukturen von einer Restauration im Geschmacke des siede de 
Louis XIV. verzieren lassen müssen, und entbehrt dadurch ganz 
eines grossartigen Totaleindrucks. Die beiden Thürme von un- 
gleicher Höhe und Dicke wurden einige Jahrzehnte später von 
Bischof Udo von Steinfurt errichtet. Das Collegiatstift und die 
schöne Kirche zum heiligen Johannes dem Täufer in der jetzigen 
Neustadt, verdanken ihre Entstehung (1011) dem gelehrten Bi- 
schof Detmar, der auch eine Bibliothek bei der Domkirche an- 
legte und mit eigner Hand fünfzig Bücher dafür schrieb. 

Es knüpft sich mancher berühmte oder ruhmwürdige Name 
an die Stadt: zuerst der Rudolphs von Benninkhaus , des West-, 
phälischen Hans Sachs, der hier im sechszehnten Jahrhundert 
in 37 Komödien dem Geschmacke und derben Witze seiner Zeit 
huldigte: dann der Hamelmami's, welcher zu Osnabrück geboren, 
als eifrig für das „evangelium renatum" wirkender Superintendent 
in Oldenburg ausführlich die Reformationsgeschichte fast jeder 
Weslphälischen Stadt geschrieben, und dadurch eine Hauptquelle 
für unsere historische Forschung geliefert hat. Der Abt Jerusa- 
lem ward 1709 in Osnabrück geboren; neben dem "oben erwähn- 
ten Broxtermann ist der ältere Dichter von Bar zu nennen , der 

8* 



— 108 — 

durch Epitres dwerses im Geschmack der französichen Literatur 
zur Zeit Friedrich's des Grossen berühmt wurde. — In den 
zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts wurden einem hoch- 
gestellten Beamten Osnabrücks zwei Knaben geboren, welchen 
mehr jedoch als allen diesen Genannten gegeben war , um der 
Stolz ihrer Vaterstadt zu werden; aber ihre Wege liefen wunder- 
bar auseinander , und während der eine zu einem glänzenden 
Ziele gelangte , welches eine bronzene Kuhmessäule bezeichnet, 
ist des andren Namen verschollen und verklungen. Der älteste 
lief, als er ein draller Junge geworden war, eines schönen 
Morgens in die weite Welt, um sein Glück darin zu suchen, und 
kam bis nach Münster; aber als das erste, was die weite Well 
ihm bot, sich als ein Siebenpfennigstück auswiess, so ein Dom- 
herr ihm schenkte, nebst einem Ei mit etwas erbetteltem Brode, 
das eine ihm begegnende Vagabundin mit ihm theilte, da ging er 
nach Hause zurück und stiftete mit zwei andern Jungen eine ge- 
lehrte Gesellschaft. Der jüngere Bruder wanderte weiter: er 
studirte in Jena so viel Schulden zusammen, dass es ihn aus 
dem Musensitze in die völlige Barbarei trieb ; die Folgen seiner 
academischen Bestrebungen um die Gelehrsamkeit des Rechts 
führten ihn in's schreiendste Unrecht, in's Land des Corsaren- 
nährendcn Tripolis. Unterdess beschäftigte der ältere Bruder 
sich daheim mit Patriotischen Phantasien. Jener speculirte auf 
Sklavenhandel und trieb sich auf dem Bazar des Dey's, unter 
den grimmen flammigwilden Scheik's umher. Dieser sass zu 
Hause voll stiller Verehrung zu den Füssen der geistreichen De- 
moiselle de Bar, und hörte ihr bildendes Gespräch über die 
Epitres diverses ihres Herrn Vaters, über die Marquise du Cha- 
telet, über St. Evremont und die Gottschedin an, und was die 
Verehrungswürdige sonst auf's Tapet bringen mochte, um einen 
talentvollen jungen Menschen zu decrassiren: oder er las ihr 
seine regelrechte Tragödie Arminius in klingenden Alexandrinern 
vor. Der jüngere verlegte sich, als es mit dem Tripolitanischen 
Handel nicht kleckte, auf die Alchymie und suchte den Stein 
der Weisen; der ältere fand das Gold; er schüttelte es in gedie- 
genen Körnern aus dem Staube alter Pergamente, schmolz die 
einzelnen Körner zusammen, setzte das Gepräge seines Geistes 
darauf und hinterliess seiner Vaterstadt den goldnen Schatz, die 
„Osnabiiickische Geschichte". — Der jüngere kehrte endlich 



— 109 — 

zerschlagen heim, und im Grimm darob, dass der Stein der 
Weisen ihm entgangen war, hielt er sich an die Thoren, und 
schrieb ihre Thaten auf, in hohen Aktenstüssen , Beiträge zur 
Geschichte des modernen Faustrechts, wie sein Bruder das mit- 
telaltrige beschrieben hatte. Sie haben keine Leser gefunden 
bis jetzt, die ein andres Votum als das auf Pranger und Galgen 
darunter gesetzt hätten, und harren desshalb auf die poetische 
Verklärung durch den Moderglanz der Jahrhunderte, in der Re- 
gistratur des peinlichen Gericht's zu Osnabrück. Denn Johannes 
Zacharias Moser endete als Criminal - Actuar und ward 1767 ad 
acta gelegt, Justus aber, sein älterer Bruder, steht auf der Dom- 
freiheit in glänzendes Erz gegossen und ist der Westphälische 
Franklin, der grosse Mann von Osnabrück geworden. 

Justus Möser's Verdienste und geistige Thaten zu analysiren, 
ist Aufgabe der deutschen Culturgeschichte geworden; sie hat 
zu zeigen , wie er vom Besondren zum Allgemeinen , vom Ver- 
einzelten zur grossartigen Ueberschau ausgehend ^ die gediegen- 
sten Resultate für praktische Lebensweisheit und Politik, für 
Legislation und Erziehung gewann, und durch seine Entwick- 
lungen, welche von dem Festen, Gegebenen aus, durch die 
sichere Folgerung hindurch, zur allgemeinen AVahrheit kommen, 
der Gründer deutscher Staatsweisheit ward. Die Statue, welche 
ihm 1836 seine Vaterstadt errichtet hat, gibt die Züge, die hohe 
klare Stirn , die gebogene edelgeformte Nase, den geschlossenen, 
von Energie sprechenden Mund mit der geistreich schmalen Ober- 
lippe des Repräsentanten des „tüchtigen Menschenverstandes" in 
gelungener Aehnlichkeit wieder. Unbedeckten Hauptes , in der 
linken Hand eine Pergamentrolle, die rechte wie lehrend gehoben, 
ist die Gestalt ein schönes Denkmal moderner Plastik; das ge- 
schmacklose Costüm des vorigen Jahrhunderts bedeckt ein fal- 
tenreicher Mantel, der dem ganzen Bilde etwas priesterhaft Ehr- 
würdiges gibt. — Es ist von dem Bildhauer Drake in Berlin 
unter Rauch's Leitung modellirt und gegossen. 

Die alten Befestigungen von Osnabrück sind in Spaziergänge 
umgewandelt, die besonders nach Süden und Westen hin eine 
schöne Aussicht auf reiche Gartenanlagen umher und die fernen 
bewaldeten Berge gewähren; unter den wenigen Thürmen, die 
sich noch erhalten haben, ist einer, der „Bock" merkwürdig 
als Gefängniss eines Grafen von der Lippe und bald darauf eines 



— 110 — 

Grafen von Hoya, die im vierzehnten Jahrhundert in seine Ver- 
liesse gesperrt wurden: die Sage erzählt, es sei ein Graf von 
Tecklenburg darin bestrickt gewesen und weiss nach alter Chronik 
das folgende : 

Einst nach langer Fehde hatte der Graf von Tecklenburg 
mit den Osnabrückern Friede geschlossen und sandte wöchentlich 
einen Diener mit einem Esel in die Stadt, um den Fleischvor- 
rath für seine Burg zu holen. Nun liess er eines Tages den 
Metschern sagen , der festgesetzte Preis für ihre Waare sei zu 
hoch und er wolle diese jetzt um ein gewisses weniger, das er 
von dem mitgesandten Gelde abgezogen hatte. Die Metscher von 
Osnabrück aber waren grobe Leute in jener Zeit; sie schlugen 
den unglücklichen Träger der Botschaft todt und packten seine 
zerhauenen Glieder in die Tragkörbe des Esels, der ruhig den 
gewohnten Weg nach seinem Stalle heimwanderte. Als der Graf 
von Tecklenburg nun das Unheil erkannte, das dem Boten wi- 
derfahren, der zwar nur Leibeigner, aber doch sein Diener war, 
und vollends als er am Sonntage keinen Braten auf seiner Tafel 
hatte, ergrimmte er und rief seine Vasallen zur Fehde auf. Die 
Städter aber hatten einen Hinterhalt gelegt, sie schlugen seine 
Schaaren und bekamen ihn selbst gefangen. Da haben sie ihn 
in einen eisernen Käfig gesteckt, in dem er weder liegen noch 
stehen konnte und ihn acht Jahre lang in einem düstern Thurme 
so peinvoll schmachten lassen, bis er sich lösen konnte mit drei 
ganz blauen Windhunden, drei Rosenstämmen von gewisser Höhe 
ohne Dorn, und einem Scheffel voll ganz seltener Münzen. Dies 
wurde beschafft , obwohl sie ' es nur zum Spotte als Lösegeld 
gefordert hatten; die Windhunde, nachdem man die blaugefärbten 
Alten in ein blaues Zimmer eingesperrt und nur mit blauen 
Speisen gefüttert hatte ; die Rosenstöcke waren durch Glasröhren 
geleitet worden und die seltenen Groschen nah und fern gesam- 
melt. Da wurde der Graf nach beschworener Urfehde entlassen; 
doch hat er sich später blutig gerächt ; der Käfig und der Thurm 
aber werden noch gezeigt. 

Diese Erzählung leitet uns hinüber nach dem einige Stunden 
westlich von Osnabrück liegenden Tecklenburg, dem Sitze eines 
ausgestorbenen, einst mächtigen und kriegerischen Dynastenge- 
schlechls, der Grafen von Tekeneborg, oder Tecklenburg, die 
im Mittelalter Schirmvögte der Bisthümer Münster und Osnabrück 



— 111 — 

waren. Es ist ein neuer lomantisclier Punkt mit hochgelegenen, 
doch sehr zerstörten Burgtrümmern und einem Städtchen, das 
sich an den Hügel lehnt, worauf die Ruinen nach allen Seiten 
hin über Münster, Osnabrück und Bentheim hinausschauen, 
über ein bewaldet hügelichtes oder ebenes, hier und da von 
Halden und Sandflächen durchflecktes , von Kiefernhainen ver- 
düstertes Land, an dessen Horizont fernste Gebirge im Ravens- 
bergischen und der Ruhrgegend mit blau verdämmernden Wellen- 
linien oder leis wie geträumte Wolkengebilde heraufduften. 

Die Trümmer des Tecklenburger Schlosses deuten auf einen 
ungewöhnlich grossen Raum, den es umfasst haben muss ; doch 
ist nur das Portal, v/elches nach Norden hin den Eingang bildete, 
fast unversehrt erhalten w^orden: über demselben reihen sich die 
Wappenschilder der fürstlichen Geschlechter von Sachsen, Hessen, 
Barby, Brandenburg, Schwerin u. s. w. , mit denen das erlo- 
schene Dynastenhaus verwandt geworden, aneinander. Von diesem 
Portal aus sieht man unter sich das Städtchen Tecklenburg wie 
ein Schwalbennest an die abschüssige Bergwand, unter den 
schirmenden Sims der Burg hingekittet; weiter hinüber nach 
derselben Seite hin den ziemlich jähen Schafberg, der Kohlen- 
flötze im Innern birgt, und an seiner westlichen Wurzel das 
Städtchen Ibbenbüren, dann unfern davon, im Schoose dichter 
Waldungen das ehemalige Kloster Gravenhorst, wo jetzt, statt 
der Busspsalmen, die Gluten der Schmelzöfen das Eisen in Guss 
lodern: nah unter uns taucht aus den grünen Buchenwipfeln 
des Forstes Sundern das Dörfchen Ledde mit seinem Kirchthurm, 
wie ein Schilf mit bewimpeltem Mast aus grüner Meerfluth, auf. 
Rechts vom Schafberge nach Osnabrück hin liegt das Halerfeld, 
eine stundenlange Haide , auf welcher Heinrich der Löwe den 
Grafen Simon IL von Tecklenburg und seine verbündeten Ghibel- 
linen zu vielen Tausenden bestrickte oder erschlug. In einer 
Senkung des Schlachtfeldes liegen gewaltige Granitblöcke doppell 
gereiht neben einander , und auf den paarweise zusammenge- 
stellten Colossen lastet eine noch gewaltigere Masse : es sind 
die „Slopsteine", Schlafeswächter für den Helden, der sich hier 
gebettet haben mag ; ein Heidenkönig , sagt das Volk , ruhe in 
goldenem Haushalt (Sarge) unter den Steinen. Des Nachts er- 
glühen sie und stehen wie riesige Geisterlampen, dem auf- 
stehenden König sein nächtlich Schaffen zu beleuchten auf der 



— 112 — 

dunklen Haide. Ein Zauber machte es unmöglich, sie zu zählen. 
Der Zauber muss jetzt gewichen sein, denn man bringt mit 
leichter Mühe die Zahl 54 heraus. Es ist eines jener vorchrist- 
lichen Denkmale, die man im nördlichen Westphalen so häufig 
findet und Hiiiiensteine nennt, Opferaltäre und Fana der Germanen, 
früher von der heiligen Siebenzahl alter Eichen und Buchen 
tiberschattet, jetzt meist auf nackter offner Haide den einsamen 
Hirten gegen den Windzug beschützend , der über die Fläche 
durch das braune Haidkraut pfeifft und lispelnd die Halme des 
Sandhafers biegt, eine graue Staffage in ein nebelhaft farbloses 
Bild Ossianscher Poesie. — 

Schreiten wir vom nördlichen Portale der Burg, zu den 
verlassenen Höfen, wo verwittertes Gemäuer nicht einmal mehr 
den Plan der grossen Feste andeutet, von der ein alter Geschicht- 
schreiber über „des heil. Rom. Reichs uralte hochlöbliche Graff- 
schaft Tekelenburg" folgende Beschreibung macht : In den mit- 
telsten Wall ist zu sehen der grosse fünfkantige Thurn, ist ein 
gar altes rares und ungewöhnliches Gebäw , so in gantz Teutsch- 
land, Italien und Frankreich nur zwo seines Gleichen haben soll, 
dessen oberster Theil heutiges Tages den ordentlichen Hochgräffl. 
Musicis und dem Uhrwerk zum Gebrauch : der mittelste, zur Ver- 
wahrung Kraut und Loht's, der unterste Theil aber denen grossen 
Uebelthätern zur Gefängniss verordnet, — Daselbst ist auch zu 
beobachten der Unter -Erdische Gang, mit einerstarken eisernen 
Thüren verwahrt, so tieff, räum und weit, dass ein Reuter ge- 
mächlich hindurch reuten kann : der Eingang desselben ist zwar 
bekannt, der Ausgang aber ist Niemand bewusst, nur dass auff 
einem bey die zwo Meilen abgelegenen Berg eben ein solcher 
Gang ist, welcher mit diesem übereinkommen soll. Den Weg 
der sonsten stracks auffs Schloss hinauff gegangen, hat die 
Hochgeborene Gräfin Anna, Christmilter Gedächtnis, zwischen die 
hohe Mauern umb den Wall herum machen und verordnen lassen: 
der dann erstlich hinauf führet zum Gerichthause, darin das 
Hoff- und Nieder -Gerichte zu gewisser Zeit gehalten wird, da- 
gegen über die grosse Linde mit Mauren rings umgeben stehet, 
darunter den Uebelthätern, so vom Leben zum Tod hingerichtet 
werden sollen, das Endurtheil gesprochen und vorgehalten wird: 
Ferner zur Hameyen und so durch das herrliche neuauffgebawte 
und schön gewölbte Thor auf den Unterplatz (alda das Bawhauss, 



— 113 — 

Mahrställe u. s. \v. ihren Ort haben) dann fort über die Brucken 
durch ein Gewölb, so über sich die Cantzeley traget auff den 
Oberplatz, da dan das rechte Castehl und die mit Tapeten, ver- 
güldeten Ledder auch sonsten mit gar schönen Gemälden und 
Schildereyen wolgezierte Gemächer besehens wehrt seyn. — Im 
herunter spatzieren vom Castehl gehet man auf die linke Hand 
durch ein hoch Thor auff den Hagen alwo der Renn- und Reit- 
platz: Item der schöne grosse Kraut- und Lustgarten mit schönen 
Lauben und Lusthäusern geziert, wie dann auch des Eltisten 
Fräuleins, Fr, Sophiae Agnes Hochgräffl. Gn. besonderer Kraut- 
Baum- und Lustgarten ihren recht wolverordneten anmühtigen 
und lustigen Ohrt haben. 

Diese ganze Hochgräffl. gnädigst wolverordnete anmühtige 
Gebäwherrlichkeit liegt zerstört, und gestattet uns auch nach 
Süden hin einen ungehemmten Blick in die mit überraschender 
Schönheit vor uns auflachende Landschaft. Tecklenburg liegt wie 
auf der Handwurzel des Armes, den des Teutoburger Waldes 
Riesenleib nach dem Meere im Westen ausstreckt, ohne es er- 
reichen zu können, wie er auch die langen Finger über die 
Haide legt und reckt. Man sieht dem gigantischen Zeigefinger 
von der Südseite des Burghofes bis über das Dorf Brochterbeck 
hinaus nach , w^o die übereinandergelhürmten Felsmassen des 
Königssteins liegen, w^elchem der alte Blücher einst seinen Namen 
einhauen Hess ; im nächsten Vordergrund vor uns liegt der ge- 
waltige Daumen, eine Bergwand, die man den Klee nennt; im 
Räume zwischen ihm und der Tecklenburg grünt ein liebliches 
Thal mit den Edelhöfen Mark und Hülfshoff, von einem Bache 
durchschlängelt , der sieben Mühlen treibt. Jenseits des Klee 
schaut wie ein dunkler Kern aus den grünen Wald- und Fluren- 
hülsen der Flecken Lengerich herauf, in dessen Pfarrkirche von 
Osnabrück und Münster her die Gesandten des Westphälischen 
Friedens zu gemeinsamen Berathungen zusammen kamen: der 
päpstliche Legat Chigi (später Papst Alexander VHJ rcsidirte 
dort: man erzählt noch seinen Ausspruch, als man ihm den 
Stolz des Ortes, das Kräuterbier ,, Gräsing" crendenzte: adde 
purum sulphuris et erit potus infernalis. — 

Das Geschlecht der Grafen von Tecklenburg, deren Stamm- 
baum Gobbo , Kaiser Ludwigs des Deutschen Grafen in diesen 
Gegenden und Ileerbannsführer in der unglücklichen Normannen- 



— 114 — 

Schlacht bei Ebsstorf im Liuicburgischen (880), als ersten Ahnen 
nennt , war lange Zeit das Einflussreichste und mächtigste West- 
phalens. Aber innere Zerwürfnisse, und besonders der Mangel 
an einem festen Erbgesetze für die Erstgeburt, der einzelnen 
Regenten Unentschlossenheit und widrige Geschicke, die es 
gewöhnlich auf die Seite der schwächeren Parthei in den Ghi- 
bellinen- und Weifen- oder den spätem Religionskriegen Deutsch- 
lands führten, schwächten es, bis es sich selbst in Erbstreitig- 
keiten aufrieb und im Anfange des vorigen Jahrhunderts die 
Krone Preussen sich die Grafschaft durch Kauf erwarb. — Den 
nördlichsten Punkt, wohin unsre Wanderung uns führen soll, 
bilden die Dörenther Klippen bei Ibbenbüren, eine in wilden 
wunderbaren Formen aufeinander gethürmte Reihe von imposanten 
Felsmassen: an den höchsten und am auffallendsten geformten 
dieser Felsen, das „hockende Weib" knüpft sich eine Sage, in 
welcher die Erinnerung an die vorgeschichtlichen Erdrevolutionen 
nachklingt, denen alle Bergformationen ihre Entstehung verdan- 
ken. Einst, als das hohe Wasser noch die Ebene bedeckte, 
lebte eine arme Frau in dieser Gegend , deren einziger Reich- 
thum zwei fromme Kinder waren: wie sie nun eines Tages sitzt 
und spinnt, da kommt der älteste Bube in die Hütte gesprungen 
und schreit: das Wasser, das Wasser! sie schaut erschrocken 
hinaus und sieht, wie die Fluth sich heran wälzt, bis an die 
Schwelle schon rauschend; da nimmt sie ihre Kinder auf den 
Rücken und keucht der nächsten Höhe zu — die Wogen brausen 
ihr nach, sie netzten ihren Fuss — schon den Saum ihres Klei- 
des — da sinkt sie in die Kniee und betet um ihrer Kinder Leben 
und der Herr erhört sie und verwandelt sie in den Felsen, auf 
dessen Rücken die Kinder sicher sind, bis die Fluth sich wieder 
verlaufen hat. 

Von einem der Schlösser und Güter, die zerstreut im Teuto- 
burger Walde liegen, erzählt man die Geschichte vom blonden 
Waller, der, nachdem er mit andren Gästen den Abend verzecht, 
in einer Nacht graues Haar bekam. Sie mag , ehe wir das Ge- 
birge verlassen, in poetischer Gewandung folgen. 

'ne kleine Burg im Walde steht, 
So recht zusammen fest gebaut , 
Am Thor das Feusterlein, draus spät 
Und^früh der Wächter hat geschaut; 



— 115 — 

Schiessscharten lugen rings umher, 
Die Brücke wiegt und knarrt im Sturm, 
Und in des Hofes Mitte, schwer, 
Plump wie ein Mörser, steht der Thurm. 

Da siehst du jetzt umhergestellt 

Manch feuerrolhes Ziegeldach, 

Und wie der Stempel steigt und fällt, 

So pfeift die Dampfmaschine nach ; 

Es rauscht die Form, der Bogen schrillt. 

Es dunstet Scheidewassers Näh, 

Und iiber'm grauen Wappenschild 

Liesst man: Moniin ä papier. — 

Es war tief in die Nacht hinein 
Und draussen heulte noch der Sturm, 
Schnob zischend an dem Fenslerstein 
Und drillt den Glockenstrang am Thurm; 
In seinem Bette Waller lag 
Und las so scharf im Ivanhoe, 
Dass man gedacht, bevor es Tag, 
Sei England's Königreich in Ruh. 

Er sah nicht, dass die Kerze tief 
Sich brannt' in seiner Flasche Rand, 
Der Talg in schweren Tropfen lief 
Und drunter eine Lache stand. 
Wie träumend hört' er das Geknarr 
Der Fenster, vom Rouleau gedämpft, 
Und wie die Thüre mit Geschnarr 
In ihren Angeln zuckt und kämpft. 

Sehr freut er sich an Bruder Tuck — 
Die Sehne schwirrt, es rauscht der Hain 
Da plötzlich, ein gewalt'ger Ruck, 
Und hui, die Scheibe klirrt hinein: 
Er fuhr empor — weg war der Traum — 
Und deckte mit der Hand das Licht; 
Ha, wie so wüst des Zimmers Raum, 
Selbst ein romantisches Gedicht! 

Der Sessel feudalistisch Gold, 

Am Marmortisch die Greifenklau, 

Und über'm Spiegel flatternd rollt, 

Ein Banner, der Tapete Blau; 

Im Zug, der durch die Lücke schnaubt, 

Die Ahnenbilder leben fast 

Und schütteln ihr behelmtes Haupt 

Ergrimmt ob dem plebejen Gast. 



— 116 — 

Der blonde Waller mogte gern 

Sich machen einen kleinen Graus, 

So nickt er spöttisch gen die Herrn, 

Ais fordert er sie keck heraus. 

Die Glocke summt — schon Eins fürwahr 1 — 

Wie eine Boa dehnt er sich, 

Und rückt an dem Pislolenpaar, 

Dann rüstet er zum Schlafe sich. 

Die Flasche fassend einmal noch 
Er leuchtete die Wände an: 
Ganz Avie 'ne alte Halle doch 
In einem Scottischen Roman! 
Und — ist das Kebel oder Rauch, 
Was durch der Thüre Spalten quillt? 
Es wirbelt in des Zuges Hauch, 
Und dunstig die Paneele füllt 

Ein Ding — ein Ding wie Grau in Grau, 

Die Formen schwanken — sonderbar ! 

Doch — ob sich schärft der Blick? — den Bau 

Von Gliedern nimmt er mählich Avahr; 

Wie über'm Eisenhammer schwer 

Und dicht des Rauches Säule wallt, 

Ein Zucken flattert drüber her, 

Doch hat es menschliche Gestalt. 

Er war ein hitziger Kumpan , 
Wenn Wein die Lava hat geweckt: 
Qui vive? und leise knackt der Hahn, 
Der Waller hat den Arm gestreckt. 
Quivive? — 'ne Pause — ou Je tireJ 
Und aus dem Lauf die Kugel knallt; 
Er hört sie schlagen an die Thür, 
Und aufwärts prallen mit Gewalt. 

Der Schuss dröhnt am Gewölbe nach 
Und, eine schwere Nebelschicht, 
Füllt Pulverbrodem das Gemach: 
Er theilt sich, schwindet, das Gesicht 
Steht in des Zimmers Mitte jetzt, 
Ganz wie ein graues Bild aus Stein, 
Die Glieder fest und unverletzt, 
Die Züge edel, streng und rein. 

Auf grauer Locke grau Barett, 
Mit grauer Hahnenfeder drauf; — 
Der Waller hat so sacht und nett 
Sich hergelangt den zweiten Lauf; 



— 117 — 

Noch zögert er — ist es ein Bild, 
Wär's 7u zerschiessen lächerlich, 
Und ist's ein Mensch — das Blut ihm quillt, 
Ein Geck, der unterfange sich! — 

Der Finger zuckt, und wieder Knall 

Und Pulverdampf — war das Gestöhn? 

Er hörte keiner Kugel Prall, 

Es ist vorüber, ist geschehn! 

Der Waller seufzt: verdammtes Hirn! 

Auf einmal ist er kalt wie Eis ; 

Der Angstschweiss tritt ilim auf die Stirn, 

Er starret in den Nebelkreis. 

Ein Aechzen oder Windeshauch, 
Doch nein, der Scheibensplitter schwirrt; 
Gott, es zappelt, nein, der Rauch. 
Gedrängt vom Zuge, kämpft und wirrt: 
Es woget, wirbelt, aufwärts wallt. 
Und — wie ein graues Bild von Stein 
Steht nun am Bette die Gestalt, 
Da wo der Vorhang sinkt hinein. 

Und drüber knistert's wie der Brand 
Des Funkens, der elecktrisch lebt; 
Nun zuckt ein Finger, nun die Hand, 
Allmählich nun ein Fuss sich hebt, 
Hoch, immer höher — Waller sinnt. 
Dann macht er schnell gehörig Raum, 
Und langsam in die Kissen lind 
Es sinkt Avie ein gefällter Baum. 

Ah je fe tiens ! er hal's gepackt 

Und schlingt die Arme wie 'nen Strick — 

Ein Leichnam fodeskalt und nackt! — 

Er windet sich und will zurück — 

Es wälzt sich langsam, schAver wie Blei 

Gleich einem Mühlstein über ihn ; 

Da that der Waller einen Schrei 

Und seine Sinne Avaren hin. 

Am nächsten Morgen fand man kalt 
Ihn im Gemache ausgestreckt; 
's Avar eine Ohnmacht nur und bald 
Ward zum BeAvusstsein er geAveckt; 
Nicht irre Avar er, nur gepresst. 
Und fragt, ob Keiner AA-ard gestört? 
Doch Alle schliefen überfest, 
Nicht Einer hat den Schuss gehört. 



— 118 — 

So ward es für 'nen Traum sogleich 
Und alles für den Alp erkannt; 
Doch zog man sich aus dem Bereich 
Und trollte hurtig über Land. 
Sie waren Alle viel zu Mug, 
Und vollends zu belesen gar ; 
Allein der blonde Waller trug 
Seit dieser Nacht eisgraues Haar. — 

Es wären , ehe wir vom Osning scheiden , noch folgende 
Notizen über seine geologischen Verhältnisse zu geben. Von den 
zwei Gebirgssystemen Westphalens ist der Teutoburger Wald die 
spätere Bildung ; er zieht in drei fast parallel mit einander lau- 
fenden Ketten; die nördlichste besteht aus Jurakalk und Sandstein, 
die mittlere, die älteste und nach Ausdehnung (nicht aber Höhe) 
die mächtigste, gehört der Muschelkalkformation an, die süd- 
lichste und dem Alter nach die jüngste , die unmittelbar aus der 
Ebene des Münsterlandes sich erhebt, ist aus Kreide und Quader- 
oder grünem Sandsteine zusammengesetzt. Die aus Jura- oder 
Muschelkalk und den übrigen Gliedern beider Formationen be- 
stehenden Ketten erscheinen als eine Annäherung von mehr oder 
weniger sanft ansteigenden kuppenförmigen Bergen mit flachen 
muldenförmigen Thälern: kräftiger üppiger Pflanzenwuchs herrscht 
in den von den beiden genannten Gebilden bedeckten Gegenden; 
vor allen gedeiht die Buche und die herrliche Westphälische 
Eiche. Anderes zeigt die aus den Hauptgliedern der Kreidegruppe 
bestehende Kette ; Kreide und Quadersandsteine haben auch hier 
den gewöhnlichen Charakter, (während der Jurakalk des Teuto- 
burger Waldes so ganz verschieden von dem der Schweiz und 
Schwäbischen Alp ist). Die Berge dieser letzten Kette sind 
weniger abgerundet, oft steil ansteigend und erheben sich an 
manchen Punkten in Gestalt von mächtigen Felsmassen, sich 
vielfach gruppirend , schrolf aus dem Boden. Ihre Vegetation 
ist spärlich , weite Strecken zeigen sich allein mit Haidekraut 
bedeckt, fast nur die Tanne, die mit ihren Wurzeln tief in das 
harte Gestein dringt und von der Luft zu leben versteht, gedeiht 
freudig und mächtig. 

Von der Tecklenburg schreiten wir gen Westen fürder, Bent- 
heim zu: ein Weg, der durch „Kämpe" an einzelnen Gehöften 
der Sassen vorbei und hie und da über eine Haide führt, also 



— 119 — 

mitten in eine ächtwestphälische Welt hinein. Das ist die West- 
phälische Welt, die man geschmäht hat ohne sie zu kennen, 
ohne zu gedenken, dass damit alles ursprüngliche Germanische 
Sein und die Weise der Väter geschmäht wird, die hier wie 
nirgends sich bewahrt hat; die sich bewahrt hat wie die edelste 
Blüthe , ja die Basis aller deutschen Tugend, die Heilighaltung 
der Familie, deren Begriff noch voll Jugendfrischer Kraft le- 
bendig erhalten ist in den naturwüchsigen Gemülhern der 
Westphalen, durch altsassische Sitte gepflanzt, von dem Manna- 
Thau des Christenthums genährt, gehegt und gepflegt. Man 
sollte kein Ding nach dem Scheine beurtheilcn, den ein will- 
kürlich daneben gestelltes Licht auf dasselbe wirft: was beim 
Sinken des Tages grosse Schatten wirft, kann im Mittagsglanze 
sehr hell gewesen sein: man sollte, was ist, erst Geschichte 
werden lassen, ehe man es beurtheilt. Das Festhalten der West- 
phalen an ihrem Sein und Denken, ihre Unzufriedenheit, wenn 
die Zeit ihre verpuffenden Leuchtkugeln und Zündstoffe unter sie 
schleudert — so manches Phänomen ihrer Geschichte, wie die 
Fehme, die merkAvtirdigen Wiedertäufer -Unruhen, (eine Ausge- 
burt des Protestantismus übrigens, nicht des Katholicismus, in 
dessen Schoosse nie solche sinnlichkrankhafte Fleischesemanci- 
pationen sich entwickelten} und vieles andere fordert ja ohnehin 
auf, der genetischen Entwicklung des Westphälischen Volksgeistes 
nachzudenken. 

Der Kern Westphalens ist allerdings früher, vor den einge- 
führten Markentheilungen, in hohem Grade unwirfhlich gewesen. 
Die Abgeschiedenheit von der Welt , diese entfernt und einsam 
liegenden Höfe, wo jeder auf seiner Gewehre so unbeschränkt 
Herr war, als er bei allem Thun auf sich selber sich angewiesen 
sah, der Mangel an aller Anregung von Aussen her, pflanzten 
als Hauptcharakterzüge Selbsständigkeit und Unlenksamkeit in 
das Gemüth der Eingeborenen, Sie hatten sich nur um ihren 
Boden zu kümmern, der stets dieselbe harte Arbeit ihnen ab- 
zwang, sahen ausser den Ihrigen nur die Eichen ihres Hofes, 
die einen Tag wie den andren ihre starken Aeste über sie schüt- 
telten, hingen nur vom Wetter bei ihrer Thätigkeit ab, das immer 
dieselbe Rauhheit sie gewahren, aber nicht mehr emplinden 
Hess : in ihr ganzes Leben trat kein einziges Ereigniss , in all 
ihr Sein kein einziger neuer Gedanke. So wuchsen sie denn wie 



120 — 

ihre Eichen auf, stark, harten Holzes und tief in den Boden dessen, 
was einmal ihnen heimisch geworden , ihre Wurzeln schlagend. 
Neues trat nicht in ihren Kreis: so wurde das Alte ihnen das 
Ewige und heilig. — Man muss auf den Haiden und öden Landes- 
strecken Westphalens Tagelang selber umhergestreift, Stundenlang 
auf einem seiner Hünensteine sinnend gesessen und der braunen 
Unendlichkeit mit den Blicken nachgeschweift haben, um ganz 
empünden zu können, wie eine solche Umgebung dem Gemüthe 
eine entschiedene Richtung in seine eigne Tiefe hinein gibt. 
Ringsum ist nichts als die dunkle Fläche mit schwacher Farben- 
nüanzierung durch die Blüthe des Haidkrauts und des Ginsters; 
blaue Waldfernen begränzen den Horizont, hie und da schiesst 
schweren Fluges eine Krähe nahe an der Erde her, als ob sie 
den gelben Sandstreifen wie eine Schwalbe den Wasserspiegel 
behuschen wolle; eine zerstreute Schaafheerde, hinter welcher 
der Hirt im weissen „Haiken" träumend einherwandelt , dient 
zur Staffage; in der Entfernung ragt eine verwitterte Buche über 
einer Wallhecke empor und auf ihrem höchsten dürrsten Aste 
ruht der Yogel der Melancholie, ein einsamer Storch, von dem 
euch die Leute erzählen , dass er seit Jahren darauf gesessen 
und jedes Frühjahr zu ihm zurückkehre, weil ihm ein Jäger 
einst sein Weibchen herunter geschossen habe — das ist alles, 
was ihr seht, nebst dem blauen Himmel, der sich darüber dehnt 
und auf weissen Wölkchen wie in Silbernachen die Frühlings- 
geister trägt, die schlummernd über der Haide fortsegeln, um in 
glücklicheren Gegenden, fern hinter den still heraufduftenden 
Wäldern am Horizonte zu erwachen, Hir habt den Boden, um 
darauf zu leben, aber Leben ist nicht darauf; ihr müsst es an- 
derswo, in euch selber suchen. Die todte Natur weckt nicht 
die glänzenderen Fähigkeiten des Verstandes, sie zwingt nirgends 
zu vergleichen, zu combiniren, schnell zu erfassen; keine bun- 
ten wechselnden Erscheinungen wollen enträthselt, begriiTen, 
durch schnelles Festhalten benutzt sein, keine Genüsse rasch 
ausgekostet. Daher kommen dem Volke, das die Haide bewohnt, 
die langsamen trägen Fassungskräfte, die schweranzuregende 
Theilnahmlosigkeit. Aber die todte Natur drängt die Gedanken 
des Menschen in seine eigne innere lebendigere Schöpfung, sie 
weisst ihn auf sich selbst und auf sein Gemüth an, und wie sie 
ihn von der Breite, die ringsumher nichts Anziehendes besitzt. 



— 121 

ablenkt, führt sie ihn in die Tiefe, wo des Wunderbaren so 
viel liegt. Das weile, principlose, miscellenartige Umfassen der 
Dinge , die peripherische Weltanschauung kann auf diesem Bo- 
den nicht wachsen, aber die centrale greift desto tiefer Wurzel 
— die centrale Weltanschauung mit dem Centrum Gott, der sei- 
nen Kindern so nahe ist in Westphalen, keine Viertelstunde 
über den rothglühenden Wolken der Abendsonne. In diesem 
Centrum sich fest und sicher fühlend, weiden sie voll träumeri- 
scher Ruhe ihre Schaafe und Lämmer auf den grünen „Kämpen" ; 
dem Hirten, der auf dem Rücken liegt und in die Bläue starrt, 
fehlt hur eine Jacobsleiter, um in. den nahen Himmel flugs hin- 
einzusteigen und oben zuzuschauen , was jetzt die lieben Engel 
Avohl machen; er hört das elegische Kjingen der Herdenglöckchen 
an, in welches die langgezogenen Töne ferner Schalmeien sich 
mischen, und ist selbt eine Art Lamm, das die Diener des 
Herrn hier weiden, bis einst der Heiland die Sorge übernimmt 
und die Seraphim auf den Schalmeien von Gold und Diamanten 
blasen. Darum kennt er auch keine Furcht vor dem Tode, der 
ihn von dem schweren Mühsal auf undankbarem Boden erlösen 
wird, denkt viel an den Himmel und betet viel; ja, er kennt 
keine andere geistige Beschäftigung, und wenn er euch lesen 
sieht, fragt er: so andächtig? 

Die centrale Anschauung gibt Festigkeit und daher das Fest- 
halten an dem einmal Ergriffenen , das Zusammenwachsen mit 
dem einmal in's Bewusstsein Uebergegangenen, welches die hi- 
storischen Phänomene erklärt, deren ich oben erwähnte. Die 
Fehmgerichte zuförderst waren nichts andres, als die alte karo- 
lingische Gerichtsverfassung, wie sie überall galt, aber nur in 
V>^estphalen, dem Entstehen der Territorial-Gerichtsbarkeiten, so 
wie Römischem und Canonischem Rechte zum Trotz festgehalten 
wurde. Bei den Wiedertäufer -Unruhen konnte die mangelnde 
Breite der Anschauung, das Unvermögen, sich zu umfassendem 
Ueberblick auf ihr Yerhältniss zur deutschen politischen und 
religiösen Gesammtheit aufzuschwingen, allein in den Männern 
von Münster den Gedanken aufkommen lassen , ein Reich in 
ihrer Stadt zu stiften, das allen Ungläubigen an der neuen Zion 
zum Trotz , in der Mitte feindlicher Umgebungen sich werde 
behaupten können. 



— 122 

Westphalen ist ein Land des Bestandes; sein Fortschritt ein 
langsamer, aber desto kräftiger; ein Land rulüger praktischer 
Vernunft, von des Südens Beweglichkeit so weit, wie von des 
Nordens grübelnder Gemüthlosigkeit entfernt; mehr der Historie 
als der abstracten Theorie Iiold , mehr der Beharrlichkeit , die 
ergründet, als der Vielseitigkeit, die umfasst aber nicht ver- 
daut, zugewendet, — ein Land, wie das verwandte England, 
aber ohne dessen Thatkraft, — ein Land endlich , das einen 
entschiedenen ausgeprägten Character hat — und das ist auch 
ein Vorzug in so farblosen Zeiten. 

Ich habe oben versucht, euch den Reiz und die Aft von 
stiller resignirter Poesie anzudeuten, welche auch eine West- 
phälische Haide haben kann. Farbenreicher und auch schon an- 
erkannter ist die Poesie, welche in den angebauten Gehölz-, 
Wiesen- und Kornreichen Gegenden, dem bei weitem grösslen 
Theile unsres Landes, um den stillen vereinzelten Bauernhof sich 
lagert. Ich brauche hier nur an den patriarchalischen Oberhof zu 
erinnern, wie Immermann in seinem unvergleichlichen „Münch- 
hausen,, ihn schilderte. Da habt ihr den ganzen poetischen Reiz 
solch eines Schulzen-, Meyer- oder Oberhofes, wie es in den 
verschiedenen Landschaften heisst, wohl etwas im Sonntags- 
putze, wie eine niedliche Bäuerin in der Operette, aber voller 
Treue sonst in jedem Detail: da liegt der geräumige, reinlich 
gehaltene Hof mit seinem grossen Strohdach, von einem Blüthen- 
regen des nahen knorrigen Birnbaums bestäubt, an ein Gehölz 
sich lehnend, dessen auffallend saftiges Grün der tippigste Epheu 
durchrankt; geschäftig umher werben in Speicher und Backiiaus 
alle die stehenden Charactere solch einer Landwirthschaft; der 
verdriesslich gutmüthige „Baumeister" oder Grossknecht spannt 
die Pferde ein, der Hofschulze hämmert an einem schadhaft ge- 
wordenen Rade und schlägt dem Füllen auf die Schnauze, das 
ihm schnuppernd Kneifzange und Nägel auseinander stöbert; die 
Enten auf dem Teiche schreien ihre langgezogenen melancholi- 
schen Töne aus, die Lerche trillert gellende Laute, einer der 
Knechte schärft mit Hammerschlägen seine Sense — überall Ge- 
räusch und Lärmen und dennoch eine tiefe Stille, eine wie ruhig 
schlummernde Natur: es ist, als ob die Töne aus der Natur 
hervor quöllen, das Geräusch ihres arbeitenden Schaffens wären; 
die Menschen, die Thiere sind wie eines mit ihr, Theile von 



— 123 — 

ihr, sie stören ihren Willen, ihr Wesen nicht, und ihr Wesen 
ist ruhige Stille. Setzt eine Fabrik, eine Dampfmaschine hier- 
hin, und das Geräusch wird euch unerträglich scheinen: der 
Lärm, den der hämmernde Knecht macht, stört euch nicht, und 
wäre er zehnmal ärger; er stört die friedliche Idylle nicht, die 
über dem patriarchalischen Hofe schlummert und nur erwacht, 
wie eine blühende schmucke Lisbeth mit den kerngesunden 
Wangen, dem blonden geschniegelten Haare, den Augen so hell 
und rein blau, wie die blauen Blumen einer holländischen Thee- 
schaale, vor euch tritt, wenn ein Immerman sie aus dem Schlafe 
aufruft. — 

In den Bergen ist's eng, es zieht dich hinaus in die Weite, 

Endlos schliesset sich gern unsere Ileimath dir auf, 
Gleichend des Meeres Gefilden, des Himmels unendlichen Weiten, 

Füllt mit Unendlichkeit sie, labet mit sinniger Lust. 
Nimmer die Seele verwirren des Lebens schininiernde Reize, 

Einfach der Ginster hier blüht, friedlich hier Aveidet der Hirt; 
Aber du hörst mit inniger Lust das Gezirpe der Grillen, 

Oder des Kibitzes Schrei, trittst du zu nahe dem Nest. 
Oder die Lerche, sie jubelt so hoch, du siehst nicht die Schwingen: 

„Komme zu mir,' zu mir!" lautet ihr fröhlicher Ruf. 
Bald erscheint dir am Saume des Waldes die einsame Wohnung, 

Langsam wirbelt der Rauch auf in die sonnige Luft. 
Still ist und lautlos der Hof, beschattet von Eichen und Linden, 

Bunt in der Kühle gestreckt liegen die Kühe voll Ruh, 
Während der njächfige Wall voll struppiger Eichen und Nussholz 

Heget das Feld und den Wald, hemmend den schweifenden Blick. 
Ganz ungesehen im Grunde hinrinnet und murmelt das Bächlein, 

Und der wachsame Hund gibt dir vom Hof das Geleit: 
Geh' nicht hinaus in die Welt, in die Weite, bitten sie alle, 

Bleibe bei uns und bei dir, heiter und sinnend allein. 
Gehst du zum wallenden Feld, die Aehren jährlich vergehen, 

Aber die Eichen rings — weisst du wie lange sie stehn? 
Wallst du auf dunkelem Weg von der Wälle Gebüschen urawölbet, 

Singt dir das Vögelein gern selige Leiden in's Herz. 
Niemand begegnet dir, niemand vernimmst du, wenn nicht die Sonne, 

Blickend über den Steg freundlich dich Einsamen an. 
Wenn nicht ein Weg, tiefschattig den deinen und lautlos durchkreuzend, 

Wenn nicht das schmucklose Kreuz heil'ge Gedanken dir weckt. 

So schildert den stillen Reiz seiner Heimath ein Dichter, in 
dessen tiefem Gemüthe die Eigenthümlichkeit des Landes wie zur 

9* 



— 124 — 

Blüthe sich gestaltet hat, und von dem ich noch die folgende 
Ballade hier einflechte, die uns zu einem andren poetischen 
Momente Westphalens , seinem Volksglauben hinüber leiten soll: 

Auf springt aus dem Schlaf die emsige Magd: 
„Die Glocke schlägt, gewiss hat's getagtl" 
Auf die Ilaide geht sie eilend hinaus, 
Zu lesen die Reiser zum Mittag aus. 

Die Haide so weit, die Haide so still, 
Ist klar wie am Tag: der Mond scheint nur still. 
Die Haid' hat ihr silbernes Kleid angethan, 
So wallend und weit, wer misst ihre Bahn? 

Sie allein lebt auf Erden, sie feiert die Nacht; 

Die Vögel vergassen der Morgenwacht. 

Das Haidekraut flüstert einander zu; 

Die Bäume, der Weg sind in tiefster Ruh. 

Der Mond in der Bläue so strahlend weilt, 
Als ob er bei ihr in Liebe verweilt; 
Kein Wölkchen hemmt seinen schimmerden Pfad, 
Tief unten nur Nacht sich gesammelt hat. 

Die Maid sieht alles voll tiefstem Graus, 
Sieht furchtsam zurück zum niedern Haus; 
Das blinkt so glänzend im Mondenschein, 
Als lebt es nun auch und für sich allein. 

Da in der Helle ein Wagen erscheint: 
Vier dunkele Rosse stürmen geeint; 
Es kömmt kein Rauschen, es tönet kein Huf, 
Und niemand lenket, kein eifriger Ruf. 

Ueber die Wasser der Tiefe hinsprengt das Gespann, 
Nicht rauschen, nicht kräuseln die Fläche begann; 
Der Mond sieht wie sonst im Spiegel sich an: 
Die Maid erstarret: da krähet der Hahn. *) 

Was oben über Westphälischen Yolkscharacter gesagt wurde, 
zeigt zugleich, dass unsere Heimath kein Boden ist, auf welchem 
eine reiche Einbildungskraft viel jener wunderbaren Blumen auf- 



S. Gedichte von W. Junkmann', Münster 1836. 



— 125 — 

zöge, deren Samen und Keime der Seelendurst des Menschen 
nach geistiger Belebung des trockenen Alltagsseins in den Grund 
des räthselhaften Zusammenhangs zwischen sichtbarer und un- 
sichtbarer Welt pflanzt, di^ zu Blüthenkronen voll betäubenden 
Duftes aufschiessen , wenn dichterische Phantasie sie befruchtet. 
Wir haben unsren Geisterglauben, wie jedes andre Yolk; aber 
er ist nicht reich an besondren Momenten, es sind Variationen 
des alten Thema's, welches dämonische Mystik durch aller sin- 
nigen Menschen Gemiith klingen lässt; grade dämonische Mystik 
ist es nämlich, welche hauptsächlich im Volke lebt. Das vor- 
ausgesandte Gedicht malt eine der Erscheinungen aus, die man 
in Westphalen erzählt: ich lasse noch eines hier folgen, da man 
auf diesem, einer kritischen Analyse weniger, als jedes andre, 
zugänglichem Gebiete am besten das Beispiel für sich selbst re- 
den lässt. Zur Erläuterung des Gedichts muss ich nur die Be- 
merkung Yoraussenden, dass den Sarg eines Kindes nach adli- 
chem Gebrauch die Wappen von Vater und Mutter schmücken, 
Kosen und Pfeile also hier dem schauenden Freiherr seines Soh- 
nes Sarg, Rosen allein den eignen bezeichnen müssen. 



Vorgeschichte. 

Kennst du die Blassen im Haideland, 

Mit blonden flüchsenen Haaren? 

Mit Augen so klar wie an Weihers Rand 

Die Blitze der Welle fahren? 

sprich ein Gebet, inbrünstig, echt, 

Für die Seher der Nacht, das gequälte Geschlecht. 

So klar die Lüfte, am Aether rein 
Träumt nicht die zarteste Flocke, 
Der Vollmond lagert den blauen Schein 
Um des schlafenden Freiherrn Locke, 
Hernieder bohrend in kalter Kraft 
Die Vampyrzunge , des Strahles Schaft. 

Der Schläfer stöhnt, ein Traum voll Noih 
Scheint seine Sinne zu quälen, 
Es zuckt die Wimper, ein leises Roth 
Will über die Wange sich stehlen; 
Schaut, wie er woget und rudert und fährt , 
Wie Einer, so gegen den Strom sich wehrt. 



— 126 — 

Nun zuckt er auf, — ob ihm geträumt, 
Nicht kann er sich dess entsinnen — 
Ihn fröstelt, fröstelt, ob's drinnen schäumt 
Wie Fluthen zum Strudel rinnen; 
Was ihn geängstet, er weiss es» auch: 
Es war des Mondes giftiger Hauch. 

Fluch der Haide, gleich Ahasver 
Unterm Nachtgestirne zu kreisen! 
Wenn seiner Strahlen züngelndes Meer 
Aufbohret der Seele Schleusen , 
Und der Prophet, ein verzweifelnd Wild, 
Kämpft gegen das mächtig steigende Bild. 

Im Mantel schaudernd misst das Parquet 
Der Freiherr die Läng' und Breite, 
Und wo am Boden ein Schimmer steht, 
Weit aus er beuget zur Seite, 
Er hat einen Willen und hat eine Kraft, 
Die sollen nicht liegen in Blutes Haft. 

Es Avill ihn krallen, es saugt ihn an, 

Wo Glanz die Scheiben umbreitet. 

Doch langsam weichend, Spann' um Spann', 

Wie ein wunder Edelhirsch schreitet, 

In immer engerem Kreis gehetzt. 

Des Lagers Pfosten ergreift er zuletzt. 

Da steht er keuchend, sinnt und sinnt. 
Die müde Seele zu laben, 
Denkt an sein liebes einziges Kind, 
Seinen zarten, schwächlichen Knaben, 
Ob dessen Leben des Vaters Gebet 
Wie eine zitternde Flamme steht. 

Hat er des Kleinen Stammbaum doch 

Gestellt an des Lagers Ende,. 

Nach dem Abendkusse und Segen noch 

Drüber brünstig zu falten die Hände, 

Im Monde flimmernd das Pergament 

Zeigt Schild an Schilder,' schier ohne End'. 

Rechtsab des eignen Blutes Gezweig, 
Die alten freiherrlichen Wappen, 
Drei Rosen im Silberfelde reich, 
Zwei Wölfe schildhaltende Knappen, 
Wo Ros' an Rose sich breitet und blüht, 
Wie überm Fürsten der Baldachin glüht. 



127 

Und links der milden Mutter Geschlecht, 

Der Frommen in Grabeszellen, 

Wo Pfeil' an Pfeile, wie im Gefecht, 

Durch blaue Lüfte sich schnellen. 

Der Freiherr seufzt, die Slirne gesenkt, 

Und — steht am Fenster, bevor er's denkt. 

Gefangen! gefangen im kalten Strahl! 
In dem Nebelnetze gefangen ! 
Und fest gedrückt an der Scheib' Oval, 
Wie Tropfen am Glase hangen, 
Verfallen sein klares Nixenaug', 
Der Haidequal in des Mondes Hauch. 

Welch ein Gewimmel! er muss es sehn, 
Ein Gemurmel! er muss es hören. 
Wie eine Säule, so muss er stehn. 
Kann sich nicht regen noch kehren. 
Es summt im Hofe, ein dunkler Häuf — 
Und einzelne Laute steigen auf. 

Hei! eine Fackel! sie tanzt umher 
Sich neigend, steigend im Bogen, 
Und nickend, zündend ein Flammenheer 
Hat den weiten Estrich umzogen. 
Air schwarze Gestalten im Trauerflor, 
Die Fackeln schwingen und halten empor. 

Und Alle gereiht am Mauerrand, 

Der Freiherr kennet sie Alle ; 

Der hat ihm so oft die Büchse gespannt, 

Der pflegte die Boss' im Stalle, 

Und der so lustig die Flasche leert. 

Der war sein Leibbursch, vor Andern werlh. 

Nun auch den alten Kastellan, 

Die breite Pleurense am Hute, 

Den sieht er langsam, schlürfend nahn, 

Wie eine gebrochene Buthe; 

Noch deckt das Pflaster die dürre Hand, 

Versengt erst gestern an Heerdes Brand. 

Ha, nun das Boss, aus des Stalles Thür, 

In schwarzem Behang und Flore; 

0, ist's Achill, das getreue Thier? 

Oder ist's seines Knaben Medore? 

Er starret, starrt und sieht nun auch, 

Wie es hinkt, vernagelt nach altem Brauch. 



— 128 — 

Entlang der Mauer das Musikchor, 

In Krepp gehüllt die Posaunen, 

Haucht grüssend leise Cadencen hervor, 

Wie träumende Winde raunen; 

Dann Alles still. Angst! o Qual! 

Es tritt der Sarg aus des Schlosses Portal. 

Wie prahlen die Wappen, farbig grell 
Am schAvarzen Samniet der Becke. 
Ha! Ros' an Rose, der Todesquell 
Hat gespri'zet blutige Flecke! 
Der Freiherr klammert das Gilter an: 
„Die andere Seite!" stöhnet er dann. 

Da langsam wenden die Träger, blank 
Mit dem Monde die Schilder kosen. 
„0, — seufzt der Freiherr — Gott sei Dank! 
Kein Pfeil , kein Pfeil , nur Rosen ! " 
Dann hat er die Lampe still entfacht. 
Und schreibt sein Testament in der Nacht. 

Vor den andern deutschen Stämmen ist, glaub' ich, die 
Vorgeschichte, die Sehergabe der „Wicker" (von „wicken," 
wahrsagen) den Westphalen eigenthümlich; es ist dasselbe, was 
das second süjht der Inselbewohner des nördlichen Britaniens; 
unsre blassen Nixäugigen Seher sind ganz, was den Faroe- In- 
sulanern ihre „hohlen Menschen," deren Geist sich aus dem 
Leibe entrückt und die Zukunft als Gegenwart sieht, in deren 
unruhvolle Nächte, wo eine höhere Gewalt sie auf- und hinaus- 
treibt zum Schauen, kommende Ereignisse ihre Schatten werfen. 
Das mitgetheilte Gedicht: „Die Vorgeschichte" schildert diesen 
Zustand und all sein grausiges so, dass ich nichts hinzuzusetzen 
habe, als die Bezeugung der zweifellosen Wahrheit ähnlicher, 
nicht seltener Vorkommnisse. Wer die stillen ernsten Menschen, 
die mit der Sehergabe behaftet sind und wie eine Qual sie be- 
trachten, kennt und sprach, wer Augenzeuge der Erfiillung ih- 
rer Gesichte Avar, dem schwinden alle die Zweifel, welche die 
Lösung des Wunderbaren doch nur durch ein noch Wunder- 
bareres, die ungeheuerliche Einbildungskraft schlichter gewöhn- 
licher Menschen, zu bewerkstelligen wissen. — Diese Sehergabe 
stirbt iibrigens mehr und mehr aus: ganz, in aller ihrer Un- 
heimlichkeit verkörpert, sehe ich sie nur noch durch die Tage 
meines Knabenalters schreiten, eine hohe gebückte Gestalt mit 



— 129 — 

schmalem blassem Antlitz und * starren hellgrauen Augen, die 
unter dem breilbeschattenden Rande eines runden Bauerhut's 
hervorstachen. AVir Knaben scheuten diese bohrenden Blicke, 
des 3Iannes lahme dürre Hand, mit der er doch stärker war, 
als alle andren Menschen, am meisten seine Scherze, denn er 
Stack voll schnackischer Einfälle, als ob die Heiterkeit seiner 
Tage das Grauen seiner Nächte übertäuben solle, die ihn unter 
den Apfelbaum hinter seiner Hütte hinaustrieben, am Horizonte 
ein flammendes Dorf, in seiner Nähe das Yorüberbew^egen eines 
lautlosen Leichenzugs zu sehen, während weit in die nächtliche 
Haide hinaus das Gelreul seines Hundes erscholl, der seines 
Herrn Gabe theilte. 

Diese Episoden haben uns den Weg verkürzt in's „Heim der 
Tubanter" oder Bentheim, dem Felsenschloss, das auf so vielen 
Bildern Ruisdael's die Staffage bildet. Dir seid gewiss über- 
rascht, hier in der weiten Ebene plötzlich ein mächtiges graues 
Burggebäu auf hohen Felsen euch entgegen dräuen zu sehen, 
auch eine Art Episode, die aus ganz andern Bereichen in diese 
versetzt scheint. Die Burg liegt an der Nordseite des Städtchens 
Bentheim, welches sich an dem Berg, den jene krönt, entlang 
zieht; über den freien Raum zwischen beiden steigt man hinauf, 
durch ein erstes Thor unter dem Amthaus weg, dann links ge- 
Avendet, zur Rechten die alte, jetzt anders benutzte Kalharinen- 
kirche lassend, durch ein zweites Thor in den eigentlichen sehr 
geräumigen Schlosshof. Hier fällt von noch bewohnbaren Ge- 
bäuden südlich, nach dem Städtchen hin, an die Burgmauer sich 
lehnend das ..neue Gebäude" in die Augen, grade vor uns aber 
gen Westen in der Ecke nach Norden, das jetzige Absteigequar- 
tier des Fürsten, w^enn er die älteste und grossartigste seiner 
Besitzungen besucht. Ein Raum im Erdgeschosse dieses letzteren 
Gebäu's bezeichnet man als alten Heidentempel, ja als Fanum 
des Jupiter Stator; drüber ist eine Kapelle gebaut. Die übrigen 
Baulichkeiten rechfertigen den Unwillen ihres Geschichtschreiber's, 
Raet von Bögeiscamp, darüber, dass „das ehemalige Wunder 
Westphalens, da^ Schloss zu Bentheim 1795 von den Hannovera- 
nern (als Pfandinhabern) zum Lazaret eingerichtet, hierauf sogar 
fortifiziret und gegen die Französische Armee vertheidiget , von 
dieser aber durch ein heftiges Bombardement in den Grund ge- 
schossen sei. '■ Mauern mit Pfefferbüchsen und Tiiürmeil umgeben 



__ 130 — 

das Ganze ; der grösste dieser •Thiirme gegen Südwesten um- 
schliesst Verliesse und zwei Folterbänke. Von den breiten als 
Promenade benutzten Mauern herab hat man eine sciiöne und 
weitgedelmte Aussicht; nach Norden, wo die Baumwipfel der 
Wildbahn über dem Bergraine empor ragen , zunächst auf den 
Bentheimer Wald hinaus, in dessen Mitte, etwa 20 Minuten ent- 
fernt, Schwefelquellen die Anlage einer Badeanstalt für die gich- 
tischen „Mynheers" des Nachbarlandes veranlasst haben: nach 
Nordwesten auf die pittoreskesten Felsenparthien , des Baues 
Grundsäulen. Ein isolirter dreieckiger Stein, das „Teufelskissen" 
genannt, trägt hier die Inschrift: Hie Drusus Jura dixit Tuban- 
tibiis, aber in Characteren, welche vielleicht nicht das Alter von 
200 Jahren haben. Die Behauptung, Drusus sei der Erbauer 
von Bentheim, ist überhaupt sehr gewagt, wenn auch möglich, 
dass die hier aus der Ebene emporragende lange Felsenreihe sehr 
früh zur Befestigung lockte und der erste Kaiserliche Graf in 
dieser Gegend, im Gau Bursibant, darauf seinen W^ohnsilz nahm. 
Die Geschichte von Bentheim setzt den Ahnherrn des jetzigen 
fürstlichen Geschlechts in das 10. Jahrh. und nennt ihn Riefried, 
Sohn des Grafen Luthard von Cleve und Enkel Kaiser Arnulph's. 
Ihre Angaben werden aber erst sicher mit der Welüschen Ger- 
trud, Frau von Bentheim, welche diese Besitzung im 11. Jahrh. 
an 'den Pfalzgrafen Otto von Rheineck brachte. Otto's Geschlecht 
bestand sieben Generationen hindurch und vererbte Bentheim dann 
auf den Gemahl des letzten Sprosses Hedwig, auf Everwyn von 
Güterswyk. Dieses Dynasten Enkel Everwyn brachte durch Hei- 
ralh auch Steinfurt an sein Haus ; eine dadurch begründete Stein- 
furtische Nebenlinie aber ebenso Tecklenburg. Als die ältere 
Linie Bentheim ausgestorben war, Avurde Arnold lY. von Steinfurt 
und Tecklenburg, auch Graf von Bentheim, durch Vermählung 
mit der Erbin von Nuenaar noch dazu Graf von Limburg, Bed- 
burn, Alpen, Helfenstein, Lennep u. s. w. Von der Tecklen- 
burgschen Erbschaft blieb aber nur Rheda dem Hause Bentheim; 
das andre kam zum Theil als Regredient Erbschaft an das Haus 
Solms, zum Theil durch Kaiserliche Belehnun^ an Maximilian 
von Büren aus dem Hause Egmont. Das . Geschlecht Everwyn's 
von Güterswyk theilte sich nun in drei Linien, in die von Rheda, 
von Bentheim, von Steinfurt. Als aber der letzte Graf von Bent- 
heim Friedrich Karl Philipp 1803 kinderlos zu Paris verschieden 



— 131 — 

war, vereinte Ludwig von Steinfurt beide Herrschaften und ver- 
erbte sie auf seinen Sohn, den jetzt regierenden Fürsten Alexius, 
der mediatisirt seine standesherrlichen Gerechtsame in dem Han- 
noverschen Bentheim ausübt, in dem Preussischen Steinfurt aber 
an die Krone abgetreten hat. 

Steinfurt ist die jetzige Residenz des fürstlichen Hauses. 
Diese Stadt scheint ursprünglich nur der Edelhof gewesen zu 
sein, worauf als Allodialgut ohne Belehnung und Verleihung 
die Edlen von Stenvorde sassen, als ein dem hohen Reichsadel 
angehörendes Geschlecht, wahrscheinlich altsächsischen Blutes 
und wohl von den fränkischen Edelgeschlechtern zu unterschei- 
den, die durch kaiserliche herübergesandte Beamtete (Grafen} 
in Sachsen gestiftet wurden, oder von den bloss ritterbürtigen 
Familien, welche vom Kaiser oder diesen Grafen selbst wieder 
ein Burglehn inne hatten. Der Name des ersten Dynasten , der 
bekannt geworden, ist Reinhard, um 1060; er war Avie seine 
Nachfolger Edelvogt von St. ]\Iauriz bei Münster. Er mag auch 
einer der Erbauer des jetzigen Schlosses zu Steinfurt sein, dessen 
Alter in einigen Theilen bis in den Anfang des 12. Jahrh. hin- 
aufreicht, übrigens eben so wenig wie die Burg zu Bentheim 
durch Architektonik merkwürdige Parthien besitzt. In dem letzten 
Sprossen Ludolph YH. erhielt das Geschlecht seinen höchsten 
Glanz durch die Besiegung des mächtigen kriegerischen Bischofs 
Otto lY. von 3Iünster , der eine Zeitlang in Steinfurt gefangen 
sass, bis Erich von Hoja und der Bischof von Paderborn durch 
eine Belagerung seine Befrei\ing erzwangen (1396). Ludolph's und 
seiner Gemahlin Locke Tochter Mechtildis brachte Steinfurt im 
15. Jahrhundert an den Güterswykschen Stamm der Grafen von 
Bentheim. 

Sehenswürdiger als das Schloss zu Steinfurt oder das fürstl. 
Museum mit seinen oft kostbaren und höchst merkwürdigen Be- 
sitzthümern aus allen Weltgegenden, von der Egyptischen Mumie 
bis zum Skalpmesser und Wampum des Huronen , ist die herr- 
liche Gartenanlage, die sich südöstlich von der Stadt eine Stunde 
weit hinauserstreckt, das Bagno, einer der grossarligsten Parks 
Deutschlands. Er verdankt seine Entstehung zumeist dem Ge- 
schmacke des Grafen Ludwig, welchen wir oben Bentheim mit 
seinen Steinfurtischen Besitzungen vereinigen sahen. Die schönsten 
Rasen und Waldparthien gruppiren sich um das Herz der ganzen 



— 132 — 

Anlage, einen See, der gross genag, um mehrere vom mannig- 
faltigsten Baumschlag bedeckte Inseln tragen zu können, doch 
nicht so gedehnt ist, dass eine öde Wasserfläche die Anmuth 
des Uebrigen störte. Die bedeutendste der Inseln trägt auf künst- 
lich aufgelhürmten Felsen eine recht hiibsche gothische Burg, die 
mit ihren halbzerstörten schlanken Structuren wie eine versteinerte 
Matthisonsche Elegie durch ditstre Fichtenzweige schaut. Ein 
grosses Conzert- ein Ballhaus, der Kiosk, die Kettenbrücke, ein 
zerstörter Tempel verschönern andre Parthien des Park's; der 
grosse Springquell aber ist versiegt und das ungeheure Wasser- 
rad, das, weit in die Gegend hinaus sichtbar, die höchsten 
Waldeswipfel überragt, ruht gelähmt, wie so viele derartige 
Anstalten; man weiss Räder und Mechanismen jetzt nützlicher 
anzuwenden, als Wasserstrahlen damit in die Luft zu schleudern; 
die Welt hat sich des Spiel's entwöhnt und nennt die Zeit der 
künstlichen Fontainen, der Memoiren des Paniers und der Hau- 
telistapeten den Zopfgeschmack ; und doch waren diese Menschen 
mit den Zöpfen und den Rococo- Degen so amüsant, so reich, 
so lebensfreudig. — Der Fussweg, welcher vom Bagno nach 
Münster führt, mag lange Zeit euch nicht gewahren lassen, dass 
ihr die Grenzen der Anlagen längst überschritten habt, denn er 
schlängelt sich durch ein so mannichfach abwechselndes Gelände 
von Flur und Wald, bergartigem Hügel und Au, Kamp und 
Gehöfte und wipfelbeschattetem Dorf, dass ihr noch immer wie 
in einem englischen Park euch glaubt , falls ihr nämlich im 
Auslande, mit den gehörigen Ideen von Westphalen's öden 
Schrecknissen euch versehen habt. Dann werdet ihr staunen, 
wenn hier der rechte Reiz einer vielbebauten, fruchtbaren, schö- 
nen Landschaft sich um euch dehnt, die, ausser dem Vorzuge 
reicher Abwechselung, durch seine eigenthümlich schönen Buchen- 
und Eichenwaldungen voll Nachtigallenschlag und dunkelglänzen- 
dem Epheu, durch üppige gelbe Kornfelder und schwcrüberästete 
Obstgärten ein besondres Gepräge warmer heimathlicher Behag- 
lichkeit bekommt. Zur Rechten lassen wir das Städtchen Horst- 
mar mit seiner Erinnerung an seinen letzten Grafen Bernhard, 
den Westphälischen coeur de Hon, der im dritten grossen Kreuz- 
zuge der glänzendste Repräsentant der deutschen Ritterschaft, 
deutscher Frömmigkeit und Heldenmulhes war. Endlich zeig' ich 
euch voll vaterländischen Stolzes, die ragenden blauen l'hürme 



— 1.33 — 

von Münster, die grandios über einen Kranz von Lindenwipfeln 
sich erheben, in reicher Zahl, hoch und eigenthümlicher Gestal- 
tung, dass sie euch imponiren wie das Gethürm der Aveltberühm- 
testen Metropole. Die stumme Grösse imponirt ja immer; nur 
die laute weckt die Kritik und den Widerspruch; das thuen auch 
die Thürme von Münster, wenn sie zu laut werden. Und doch 
ist so arm, wem die Glocken zu laut werden können, wem sie 
nicht eine Seite anschlagen, die an den Feiertagen seines Lebens 
vibrirte, die in die Oster- und Weihnachtsdämmerungen seines 
Sein's ihre Klangfiguren hauchte, Gestaltungen voll froher Got- 
tesscheue und unerfassbar doch wie die Musik. Wem in seine 
Tage voll harter Helle das Sonntagsglänzen eines weicheren 
Lichtes je gefallen und dem Engel, der, in seinem Herzen schläft, 
neue Träume zugeführt hat, dem weckt es die alten Stimmungen 
wieder, wenn von allen Thürmen die Glocken läuten; aber wie 
Klänge emportönen aus dem tiefen Grunde .des schilfumhegten 
Weihers , drin einst ein Dom versunken , und von wundersamer 
Historie und reichem Sageiihort erzählen; die dort begraben 
sind, müssen die Glocken aus eures Herzens Grunde nachklingen 
können und dies Echo von einer eben so wundersamen Historie, 
von eben so reichem begrabenem Horte zu erzählen haben. — 
Für die , welchen die Glocken zu viel läuten , ist dies nicht ge- 
schrieben; der Engel, der in dem Herzen der Menschen schläft, 
ist oft ein Siebenschläfer: wer die bunten Wachslichter am Weih- 
nachtsbaume seines Lebens Sparens halber unangezündet lassen 
will, der hätte sie besser beim Lichtzieher gelassen. 

Wir betreten Münster von einer Seite her, wo uns wenig 
noch an das Alterthum der geschichtlich so denkwürdigen Stadt 
erinnert. Die schönen Lindenalleen der Promenaden nehmen 
mit ihren Wipfelkronen die Stelle der alten Mauerzinnen ein: 
ein grosser Platz dehnt sich vor uns aus, rechts prangt das 
im Geschmacke des vorigen Jahrhunderts erbaute Schloss, an 
den Hain seines (botanischen) Gartens gelehnt. Es ist hochge- 
baut, mit vielen Risalits und reichen Steinmelzarbeiten verziert, 
ein Corps de logis mit zwei nach der Stadt hin vorspringenden 
Flügeln, und würdig einer königlichen Residenz. Im Innern sind 
der Fürstensaal mit den Bildnissen der Fürstbischöfe von Münster 
und in der Kapelle ein Gemälde von Tischbein sehensw^rth. 
Man mag von dieser Baukunst ä la Mansard oder Bernini sagen. 



-^ 134 — 

was man will, sie besitzt doch ihren entschiedenen Charakter, 
sie ist ein Abdruck ihrer Zeit und von dieser ausgeprägt; sie 
hat desshalb auch ihre Romantik, wenn man es so nennen will, 
sie weckt Gedanken, Erinnerungen und diese Erinnerungen habert 
ihre Poesie, wenn auch nur .eine Poesie ä la Chalieu oder 
Gresset. Ihre Verzierungen mögen geschmacklos sein, aber sie 
sind Symbole üppig tiberwuchernden Reichthums, wie die Zeit 
in Ueppigkeit überwucherte; die schlanke Schönheit der Jonischen 
Säule und ihres Architravs einfach edle Formen mögen entstellt, 
überladen, verschroben sein von diesem siede de Louis XIV., 
aber machte es nicht auch die Köpfe der Menschen so gut wie 
die Capitäle der Säule überladen und verschroben, aussen durch 
Alongenperücken und innen durch eine Alongenmoral der amü- 
santesten Art? Jene Zeit war kräftig genug, ihrem Gehalte eine 
entsprechende Form zu finden, welche dadurch ihre Rerechtigung 
erhält: sie war darin glücklicher als die unsre mit ihrem fort- 
währenden Dilettiren in allen möglichen Formen der Verzierungen, 
antik, gothisch, rococo u. s. w. Ich zweifle dass unsre Rau- 
kunst jemals ihre Romantik bekommen wird. — Das Schloss ist 
1767 an der Stelle einer von Rischof Rernhard von Galen errich- 
teten Citadelle erbaut, unter der Regierung des Fürstbischofs und 
Kölnischen Churfürsten Maximilian Friedrich, Graf von Königsegg 
Rothenfels, und war lange die Wjhnung des Fürsten Rlücher. — 
Vom Schlosse her betreten wir nun die Stadt selbst und blicken, 
wo der erste Platz sich lichtet, erstaunt zu der grandiosen Moles 
des Thurms der Ueberwasserkirche zu unsrer lieben Frauen 
empor; er ist in ganz gothischem Style aus grossen Sandstein- 
quadern zu einer Höhe aufgeführt, die trotz seines bedeutenden 
Umfangs ihm alles Schwerfällige nimmt. Einer Spitze von 100 
Fuss Höhe beraubte ihn ein Orkan im Anfange des vorigen 
Jahrhunderts. Die Kirche selbst zeigt schöne Structuren, aber 
sie hat nichts von dem ausserordentlich Imposanten ihres herr- 
lichen Thurmes. Sie ward 1040 mit grossem Pompe und im 
Reisein Kaiser Heinrich's III. nebst einem dazu gehörenden Re- 
nediktinessen - Kloster eingeweiht, dessen erste Äbtissin des 
Kaisers Schwester war. Ihr Inneres schmückt eine Votiv- 
Tafel über dem Grabe der berühmten Maler Tom Ring, die im 
16. Jahrhundert ihre Vaterstadt mit Arbeiten vom höchsten 
Werthe bereicherten. Vom Hofe der Liebfrauenkirche führt eine 



— 135 — 

hölzerne Brücke über die Aa uns auf den erhöht liegenden, von 
hohen Linden überdunkelten Domplatz und vor die westliche 
Fronte der Cathedrale mit ihren beiden Thürmen und der grauen 
Giebelfa(;ade. Der Styl dieser, so wie einer andren nach Süden 
gerichteten Fa(;ade des obern Querbalkens, (denn wie gewöhnlich 
bildet auch hier das ganze Gebäude die Kreuzesform nach,) ist 
gothisch, bei der letztern in den obern Theilen schon römisch; 
sonst herrscht die Byzantinik vor, oder es verrälh sich der 
Uebergang von der vorgothischen zur gothischen Kunst. Das 
Ganze ist grossartig und massenhaft, nur etwas schwerfällig im 
Innern, wo aber für die plumpen Pfeiler des Schiffs die ganz 
ausserordentlich reichen und wunderbar schönen gothischen 
Arbeiten des Apostelgangs, (eine Doppelmauer, welche den er- 
höhten Chor vom Schiffe der Kirche trennt und oben verbunden 
zugleich das Musikchor trägt,} so wie manche andere architek- 
tonische Parthien entschädigen. Zur Seite des Hochaltars dient 
jetzt der Spieltisch König Johann's von Leiden zur Aufnahme 
der bei dem Gottesdienst nöthigen Gefässe. 

Wenn ihr nun noch die übrigen Merkwürdigkeiten des Doms 
beschaut habt, die Bilder und unter ihnen Tom Ring's erstehenden 
Lazarus, das Plettenberger Monument, (des Münsterländers Grö- 
ninger plastisches Meisterwerk,) Bernhard's von Galen Kapellen 
mit der Bronzebalüstrade aus erobertem holländischem Geschütz, 
müsst ihr mir in das Kapitelhaus des Domes folgen, einen wahr- 
haft romantischen Raum mit seinem prächtigen Getäfel voll ge- 
schnitzter Wappen und Zierrathen, mit den grossen schlechten 
Bildern, die aber uns die ganze Herrlichkeit der alten Zeit wach 
rufen, als noch ein grosses weites Land hier bei Sankt Paul 
und dessen Stift seine Sendboten stellte, um zu huldigen und 
zu prästiren. Lehne zu muthen und auf;?utragen, als man Wappen 
vor ihm aufschwor und aus den Edlen des Landes seine Fürsten 
kürte, mit stolzer Selbständigkeit des Reichstags Recesse ad- 
acta legte oder Römisch Kaiserlicher Majestät 31andata und eil- 
fertigste Aufgebotte zur Beyhülf gen den grausambst herandro- 
hendeh Erbfeind der Christenheit demnächst gnädigst später mal 
zu berücksichtigen beschloss. Es war eine wunderbar naive 
Zeit, als solch ein Stift auf seine gemüthliche Weise souverain 
über Land und Leute schaltete, oder nicht schaltete! Denn das 
es nicht regierte, dass alles patriarchalisch aus Staats- und 



— 130 — 

Regieningsrecht in den Bereich des Privalrechts gezogen wurde, 
• war es allein , was die herrschenden Institute jener Zeit unange- 
fochten Hess. Modernes Vielregieren hätte damals alles in die 
bunteste Yervvirrung gestürzt. 

Die Sage lässt eine durch den heiligen Suibertus geheilte 
Matrone an der Stelle des Domes aus Dankbarkeit die erste 
Kapelle errichten: im Jahre 792 erbaute der heilige Bischof 
Ludger die erste Kirche und eine Wohnung für ihre Kanoniken, 
ein Münster, hier; die wachsende Bevölkerung'zwang 992 Bischof 
Dodo eine grössere südlich daneben zu bauen, die aber bei einer 
Belagerung der Stadt durch Herzog (Kaiser} Lothar von Sachsen 
H21 niederbrannte, worauf der jetzige Dom unter mehreren 
Bischöfen von 1170 etwa an bis zur Einweihung 1261 zu Stande 
kam. Dann brach man Ludgers alten Dom ab und baute an 
seiner Stelle 1378 die schöne „Umgang" genannte offene Halle. 

Vom Domhofe gelangen wir auf den Marktplatz der Stadt, 
deren eigcnthümlicher scharf ausgeprägter Charakter voll Würde 
und stolzen Trutzes auf allbewährte Bestandesart hier am meisten 
in den schweren Wölbungen der Arkaden mit ihren massiven 
Pfeilern, den hohen Giebelfronten mit gothischen und römischen 
Baukünsteleien sich ausspricht.. Vor allen zieht das Rathhaus 
unsre Blicke auf sich; ich glaube nicht, dass^Deutschland irgend 
eins besitzt, welches wagen dürfte, sich mit ihm zu messen. Das 
beigefügte Abbild zeigt seine schönen reingothischen Strucluren, 
deren Zierrathen in Statuen, Blätterwerk und Zinkenkronen von 
einer ausserordentlich fleissigen und feinen Arbeit zeugen. Oben 
über dem deutschen Doppelaar steht die Gestalt des Königs 
Cambrinus von Flandern, einen schäumenden Pokal voll des 
Getränks, das er erfand, in seiner Linken. Unter den Arkaden 
hangen hinter einem eisernen Gilter Marterwerkzeuge, die bei 
der Hinrichtung der Wiedertäufer dienten, und eisernes Falsch- 
münzergeräth aus späterer Zeit. Im hinteren Theile des Ralh- 
hauses zu ebener Erde befindet sich der Friedenssaal, ein dunkler 
acht millelaltriger Raum mit Getäfel und Schnitzwerk, grossem 
Kamin und Glasmalereien, alten Harnischen und Schwertern von 
colossaler Gestalt. An den Wänden laufen Bänke umher, auf 
denen gestickte Polster noch die. Plätze der Gesandten während 
der Verhandlungen des Westphälischcn Friedens bezeichnen: 
alles ist unangetastet geblieben, wie es 1648 war und die ehren- 



— 137 — 

festen und gestrengen , hochgebornen und durchlauchtigen Herrn 
da oben an der Wand könnten aus den schwarzen Eichenholz- 
rahmen kühnlich herabsteigen und wieder über das Geschik 
Europa's und den Titel Excellenz zu delibriren beginnen: es 
würde uns kein Wunder nehmen, in diesem so völlig einem ver- 
schwundenen Jahrhundert angehörenden Räume die schwarzen 
bauschigen Sammetgewänder, die ungeheuren Halskrausen, die 
Ordensketten des goldenen Vliesses, das rothe Käppchen des 
Cardinais und den dreist aufgestülpten Herzogshut Longueville's 
zu erblicken, plötzlich diese markirten, acht spanischen und 
französichen Physionomien voll feinen sprechenden Geistes, 
diese heiteren gelahrten deutschen Gesichter sich bewegen, aufs 
neu ihr fürsichtiges Gespräch und abgemüssigtes Anheimstellen 
beginnen zu s'ehen, — Die Portraits der Gesandten und ihrer 
Souveraine sind von Gerhard Terbourg, dem Niederländischen 
Meister, der ausserdem durch "seine Behandlung' von Seidenstoffen 
so berühmt geworden ist, mit ausserordentlicher Kunst nach der 
Natur gemalt. — Man zeigt im Friedenssaale unter andern Merk- 
würdigkeiten noch den Pantoffel einer von ihrem Gemahl mit 
eigener Hand enthaupteten Königin Johann's von Leiden und ein 
eisernes schweres Halsband, das inwendig mit vielen Stacheln 
und mit einer Klappe, um den Mund zu bedecken, versehen, 
einst einem Herrn von 0er von seinem Feinde Gerhard von 
Haaren von einem Hinterhalte aus so um den Hals geworfen 
wurde, dass nichts die fest in einander gesprungenen Federn 
des künstlichen Mechanismus wiefler lösen konnte. Von 0er 
würde in der wahrhaft diabolischen Klemm« verschmachtet sein, 
wenn nicht endlich ein Schmid mit drei gewaltigen Hammerschlä- 
gen das Marterwerkzeug gesprengt hätte. 

Das folgende Gedicht, welches ein Besuch des Saales mi( 
F. Freiligrath veranlasste, mag hier eine Stelle finden. 

, Zum Friedenssaall — Es war ein sonn'ger Tag, 
Die Lind' im Vorhof hauchte ihre Schatten 
Leis auf die bunten Scheiben , und es brach . 
Das Licht die Strahlen in ein trüb Ermatten: 

Nicht in die diistern Scliauer wollt er sehn, 
Durch diese Bögen, die einst Sachsen schlugen, 
Dran Kaiser Karl's und Heinrichs Bilder stehn, 
Die Heiligen, die Deutschlands Krone trugen; 

iO 



— 138 — 

Darob der Aar, des Reiches stolz Panier, 
Der deutschen Kaiser schreckende Standarte, 
Die Flügel schlagend an der Stadt Zimier, 
An blanker Zinne ihrer Freiheit Warte. 

Es ist ein düstrer, feierlicher OrtI 
VielBilder schauen aus vergilbten Mienen — 
Hier TrautmannsdorlT und Oxenstierna dort — 
Als ob sie selber sich zu zürnen seidenen, 

Dass sie in diesem Räume hier die Pracht, 
Die Kralt, die Herrlichkeit des Reichs begraben, 
Und einen Frieden schmachvoll hier gemacht, 
Nach welschem Sinn mit welscher Zunge haben. 

Es ist ein düstrer feierlicher Ort, 

Durch den verstorbner Tage Schatten sclnvanken,. 

Und durch Jahrhunderte so siecht er fort, 

Ein letzt Asyl gespenstischer Gedanken. 

Rings steht von alt^n Panzern eine Zahl • 

Mit Schien' und Tartsch', verbogen und verrostet: 
Der lang' bestäubten Ritterschwerter Stahl 
Hat schon der Yäter Blut nicht mehr gekostet. 

„Nimm eins zur Hand! Schwing du des Kaisers Schwert! 
So wie der Rothbart einst dein Spiel geschlagen , 
So bist auch du es. Mann der Lieder, ^erth , 
In deiner Faust des*Kaisers Schwert zu tragen!" 

^,Mir diese Wehr!" — Das mächt'ge Waffen klirrt. 
Wir lassen keck es um die Häupter kreisen: 
„Gekreuzt die Klingen!" — IIa, der Funke schwirrt, 
Und rasselnd wetzt die Scharten sich das Eisen! — 

Schwang so dein Roland einst mit läss'ger Faust 
Um Sarazenenk(3pfe Diirindane? 
Hat Rothbart so durchs Schlachtgewühl gebraus't? 
Du bist so stark nicht wie dein grimmer Ahne: 

Gewalt'ge Wucht! der Arm erlahmt und sinkt: 
Da, lass den Flammberg rinfl die Helme stehen; 
Sieh, wo im goldnen Sonnenlicht uns winkt 
Mit lust'gem Flattern unsres Banners Wehn. 

Der Blüthenzweig, gewiegt in blauer Luft! — 

Die herzgeformten Blätter dieser Linden, 

Der Liebe heilig, opfern ihren Duft 

Den frischen Stunden nur, bis sie entschwinden. 



"«m 



— 139 — 

Und lockt uns Kampf — das doppelschneid'ge Wort 
Gilt es wie blinkend hellen Stahl zu biegen, 
Zu stehn wie keck behelmte Ritter dort, 
Wo als Standarten die Gedaqken fliegen! 

Am nördlichen Ende des Marktplatzes hemmt die Lamberti- 
Kirche den Blick mit ihrer rein gothischen herrlichen Seitenan- 
sicht, gewiss das schönste GeL^u Westphalens in diesem Style, 
.obwohl sie viel durch Destructionen der Wiedertäiiferzeit gelitten 
hat, und durch zwei kleine Anbaue entstellt, ist. Das Schiff 
ward 1272 unter Bischof Gerhard von der Mark vollendet, der 
erste Stein zu dem neueren Chore aber 1335 gelegt. Am höchsten 
Stockwerk des Thurmes sind die drei eisernen Käfige befestigt, 
welche die Leichname der hingerichteten Wiedertäuferhäupter 
aufnahmen, und mahnen an die in der Geschichte der Mensch- 
heit fast beispiellosen Scenen, welche Fanatismus, Wahnwitz, 
Verirrung und Sinnlichkeit hier im Angesichte dieser Kirche auf- 
führten, um aus burlesk komischen Motiven ein höchst larmoyan- 
tes Trauerspiel zu bilden. 

Wenn ich nicht fürchtete, euch zu ermüden, würdeich euch 
noch in manche Kirche führen, zu mancher Sehenswürdigkeit; 
ihr würdet dann den runden , oben durchbrochenen und künstlich 
auf vier Pfeilern erbauten Thurm von St. Ludger, die schöne 
Kirche des Dominicanerklosters, die Höfe des Westphälischen 
Adels, die Schätze der Bibliothek und der Bildersammlung des 
Kunstvereins (mit werthvollen Arbeiten von Lucas Cranach , dem 
Liesborner Meister, Guido Reni, und altitalischen Sachen, vom 
Anbeginn der Kunst, wo sie noch halbe Plastik ist, bis auf die 
Zeit Rafaels,). mir bewundern, ja vor die Stadt hinaus mir folgen 
müssen durch die dunkle Kastanienallee zum Grabe St. Erpho's, 
des Kreuzfahrers, in dessen Kapelle an der Stiftskirche von St. 
Mäuritz nun seit acht Jahrhunderten die ewige Lampe in matten 
Strählen zittert; aber ich erspare euch diese Wanderungen, falls 
ihr einige Worte über die Geschichte von Münster mir vergönnt. 

Die Anfänge dieser Stadt im Lande der Bructerer oder« im 
späteren Südergau setzt eine Sage in's Jahr 546 , wo eine 
„Horsteburg" hier erbaut, dann eine Ansiedlung umher entstan- 
den sein soll ; gewiss ist , dass Münster auf den Grund vier alter 
sassischer Höfe erbaut Avurde und anfangs den Namen JMimigarde- 
vord führte; die Botschaft des Christenthums brachte ihm zuerst 

10* 



— 140 — 

St. Suibertus, den die Uetrechter Missionsanstalt hierhin gesandt 
hatte: ihm folgte im Apostelamte 779 Bernhard, der die erste 
christliche Gemeinde stiftete, bis Karl der Grosse , den heiligen 
Ludger als ersten Bischof nacli Mimigardevord sandte. Lud- 
ger war ein Friese, ein Schüler Alcuin's zu York gewesen, 
hatte einer vom heiligen Levin an der Yssel gestifteten Gemeinde 
vorgestanden und wurde auf AJ(fuin's Empfehlung 791 der erste 
Präsul der Münsterschen Kirche. Das von ihm gestiftete Münster, 
die gemeinsame Wohnung der Domkanoniken gab seit dem An- 
fange des 12. Jahrh. der Stadt den jetzigen Namen; seit 1268 
war sie mit den Hansestädten vereinigt und begann nun das 
Ringen mit Bischof und Kapitel um immer grossere Unabhängig- 
keit, ja Reichsfreiheit. Die Resultate dieses Rampfes machten 
eigentlich allein das Aufkommen der Schwärmereien im 16. Jahrh, 
möglich, da sie ein unmittelbares Eingreifen des Landsherrn zu 
rechter Zeit, wo das Uebel noch in der Wurzel zu ersticken 
gewesen wäre, verhinderten. Die Geschichte dieser Wirren muss 
ich hier übergehen : sie ist mehr für die Psychologen und Histo- 
riker ein Fund, als für den, welcher Poesie und Romantik sucht; 
dichterische Bearbeitungen sind bis jetzt an ihr gescheitert, und 
mein Wanderstab, die Wünschelruthe , steht ob ihr still, wieder 
Verstand bei ihren Gräueln stille steht. 

Der Regensburger Reichstag von 1640 nahm den Französi- 
schen Vorschlag an, die Städte Münster und Osnabrück für eine 
Friedensversanimlung auszuwählen» Die Hamburger, zwischen 
dem Kaiser und Frankreich geschlossenen Präliminarien erklärten 
beide Orte für neutral; so zog denn 1643 der. erste der Kaiser- 
lichen Gesandten , Graf Ludwig von Nassau feierlick eingeholt in 
Münster ein : aber so ermüdet von dem dreissigjährigen Kriege 
auch die Mächte alle sein mogten, es währte noch lange, bis ihre 
Boten endlich in ihren Sammetbedeckten Kutschen, mit ihrem 
prunkhaften Gefolge aus Edelleuten, Pagen und Hellebardiefen, 
von Kanonendonner begrüsst, durch die dunklen Thore der beiden 
Städte einrollten. Die spanische Grandezza z. B. fand es ihrer 
unwürdig, eher als Frankreichs Ambassadeure zu erscheinen ; diese, 
die Grafen d'Avaux und Servien , wollten dagegen später, als die 
Spanier Zappada., Don Brun aus Dole, Don Diego Saavedra an- 
langen; jeder wollte in seiner Sprache reden, keiner den andern 
zuerst besuchen, und in an begreift, wie die Verhandlungen dabei 



— 141 — 

sich förderten. Am bescheidensten zog der päbstliche Nuntius 
ein: die Franzosen spotteten, das auf einem Korbe des Gepäckes 
ein Barfüssej-möncli sässe, wie ein schwarzer Hahn auf dem 
Gepäcli eines ]\Iarketenders. Der Schwede Oxenstierna Hess sich 
sogar anfangs gar niclit herab, zu erscheinen: er blieb in Minden, 
auf seinen i^Iitgesandten Adler Salvius eifersüchtig, wie den end- 
losen Hader denn meist die Eifersucht der Gesandten einer und 
derselben Macht unter sich noch erhöhte. Endlich brachte die 
Ankunft des Herzog's von Longue"\111e und des Grafen Maximilian 
von Trautmannsdorff etwas Licht in das Chaos der Negoziationen. 
Wenn auch die Franzosen anfangs über den langen hagern 
Trautmannsdorff mit seinen tiefliegenden Augen, seiner aufgezo- 
genen Nase, seiner abscheulichen Perücke lachten, so diente 
doch sein hoher Ernst, sein Alter, sein prachtvolles Geleite von 
vielen deutschen Freiherrn und Rittern nur dazu, auch ihnen zu 
imponiren, und bald wusste er durch die Anmuth seiner Rede, 
die helle Entwicklung des Yerworrensten , den tiefen Verstand 
seines Urtheil's, vor allem durch unermüdliche Consequenz ein- 
mal rechten Ernst und .Willen in die^ hadernden Gemülher zu 
bringen. Auch das intriguirende Frondenhaupt, das Avundersüsse 
lockige Haupt Anna's von Bourbon , Herzogin von Longueville 
versuchte ihren Einfluss auf die streitenden, erhitzten Männer; 
dass es nicht ganz erfolglos blieb, bezeugen die Worte, die ein 
Dichter ite- in den Mund legt: 

Ces heros assembles dedans la . Westphalie 

Et de France et du Nord, d'Espagne et d'Italie, 

llavis de mes beautes et de mes doux altrails, 

Crur^nt en voyant mon visage 

Que j'elais la vwante Image 

De la Concorde et de la paix 
Qui descendit des cieux pour appaiser Vorage. 

Der hessische gelahrte Doktor Vultejus rieth ihr, 'die deutsche 
Sprache zu lernen, um sich zu unterhalten. Darüber ward der 
arme Dokter Gegenstand der amüsantesten Witze in den Salons 
von Paris: man konnte von dorther der Herzogin nicht genug 
ausdrücken, mit welchem Ergötzen man ihre Anmuth im Ge- 
spräche mit Monsieur Lampadius, dem Dokter im violetten AHas- 
kleide, sich vorstelle. — Endlich, nach Jahren, während welcher 
fortwährend die Heerpauke wüster Kriegsvölker die zertretenen 



142 

deutschen Lande durchwirbelte und Ströme Blutes fliessen mussten, 
zeigte sich ein Sinn der langen Rede, und ein vernünftiges 
Wort tönte durch die diplomatische Weisheit. Dess entstand 
eine nicht zu fassende Freude: es war am 5. Mai 1648, als 
man das Rathhaus zu Münster festlich mit Gewinden schmückte, 
und aus den Fenstern der Häuser umher Symphonien tönen 
Hess, die Rathsherren ihre schmucksten Halskrausen über das 
Sammtwamms legten und die Gilden- zu den blankgeschliffenen 
Hellebarden griffen. Gegen Mfttag erschien der Graf von Penne- 
randa, Spaniens Ambassadeur an Zappada's Stelle, mit grosser 
Pracht in sechs Kutschen^ jede mit sechs Rossen bespannt, um- 
strömt von Garden und Pagen und Dienern, die reich geschmückt 
voll castilianischen Stolzes einherschritten; ein glänzendes Reu- 
tergeschwader führte den Zug an; so begab sich Penneranda 
durch die Reihen der aufgestellten Bürgergarde, der Bürgermeister 
und Rathsherren in den Friedenssaal, avo er sich zu oberst an 
die goldumfranzte Tafel zwischen die Gesandten der Niederlän- 
dischen Provinzen setzte und jenes Wort aussprach, die Aner- 
kennung der sieben vereinigten Provinzen als freie und selbst- 
ständige Republik. Die Urkunde, die er untersiegelt und be- 
schworen , ward dann von erhüliter Bühne auf dem mit Teppichen 
und Zweigen geschmückten Marktplatze verlesen , Trommelen und 
Paucken schmetterten, die Geschütze dröhnten von den Wällen 
und der reiche Spanier Hess zwei Tage hinter einander^^ontainen 
von Wein dem Volke springen. Diesem Separatfrieden folgte 
nun nach massigen Zwischenräumen der allgemeine; er wurde 
zu Münster (auch von den Schweden , .die zu Osnabrück unter- 
handelt hatten,) am 14. (24.) October 1648 unterzeichnet; des 
Osnabrücker und des Münsterschen Abschlusses Urkunden wur- 
den auf dem Bischofshofe*) von den Kaiserlichen Gesandten un- 
terschrieben und gegen die Abendstunde jenes Tages donnerten 
dreifache Ladungen von den Basteien der Stadt das letzte Echo 
des schrechlichsten aller Kriege nach. 

Für Münster sollte der Friede jedoch nicht lange währen. 
Am 17. September 1651 füllte die Cathedrale eine Feier, welche 
die Erhebung des kleinen Landes fast zu einer Macht ersten 

*) Das Gebäude ist jetzt" Sitz der königl. Regierung; eine bischöfliche 
Residenz hatte Münster nicht. 



— 143 — 

Hanges, mindestens zu einem bedeutenden Moment in der Wag- 
schaale des Europäischen Gleichgewiclits bewirken sollte. Der 
Domküster Christoph Bernhard von Galen, der Sohn des Erz- 
marschalls von Kurland und Semgallen, Theodorich von Galen, 
aber dem Münsterschen Adel angehörend, ward zum Fürstbischöfe 
gesalbt. Man hat ihn oft den kriegerischen genannt; aber Chri- 
stojDh Bernhard war ein Regent, dem es nicht entging, dass 
seine Aufgabe auch eine friedliche sei, und der sie mit redlichem 
unermüdlichem Streben für das Wohl seines Landes zu lösen 
suchte. Er ist ein durch Energie und Talent verehrungswürdiger 
Charakter; er hatte nur, wie viele Fürsten sein Steckenpferd: 
König Saul liebte die Harfe, Friedrich der Grosse liebte die 
Flöte und Bernhard von Galen liebte den Bass , den Generalbass 
für den Einklang der Staaten und verstand ihn meisterhaft; die 
ganze Scala der „Arkeley", von der Quartanschlange bis zur 
Karthaune zu durchgehen und damit eine Citadelle nach der 
andren zu escaladieren, das war sein Leben, seine Leidenschaft. 
Die Bürger seiner Hauptstadt, die sich unabhängig zu machen 
strebten, halten erklärt, sie wollten lieber des Türken, ja des 
Teufels sein, als ihres Bischofes: er versöhnte die wiederstre- 
benden Gemüther, ein neuer Orpheus, durch seine Constabler- 
Kapelle , deren Töne die verstocktesten Herzen, ja Stein' und 
Thürme weich machten: als er endlich das Siegesbanquet in 
ihren zerschossenen Mauern unter Kugeln und Bomben hielt, die 
den Grund bedeckten, und bei jeder der vielen ausgebrachten 
Gesundheiten 80 Karthaunen lösen liess, mochten sie freilich 
über den Höllenlärm des Teufels zu sein glauben. Ein von den 
Jesuitenschülern aufgeführtes lustiges Drama „ Daniel und Evil- 
merodach" folgte der grossartigen in die Wälle der Stadt Mün- 
ster gerissenen Ouvertüre; das Finale machten 50 Kanonen von 
den Basteien und 24 Feldstücke von der Citadelle her. Dann 
zog Christoph Bernhard mit seiner, freilich nicht bischöflichen, 
Kapelle in das Nachbarland: die Holländer sassen ruhig bei 
ihren Theelassen , der dicke Borgemester von Enschede stopfte 
seine letzte irdene Pfeife für den Abend, der Pudel apportirt die 
Pantoff'eln neben dem lodernden Kamine her und die lange My- 
juffrow zieht ihm den Kragen des geblümten Gingangschlafrocks 
zurecht: die Kanne siedet und der spiegelblank gehöhnte Wand- 
schrank glänzt, von der knisternden Heerdflamme überhuscht; 



— 144 — 

so ruhig, so behaglich Alles; ein bezaubernd Bild von Familien- 
poesie — da — einmal, zweimal, zehnmal, der Boden wankt, 
die Decke dröhnt, die Scheiben klirren ins Gemach, die kost- 
baren Chinaschalen fallen in hundert Scherben vor dem Ständchen, 
die Klangfigurdn zischen glühend, sprühend durch die Luft, der 
Bischof ist da und predigt mit feuriger Zunge über den biblischen 
Text , wie die Mauern von Jericho eingesunken vor dem Schalle 
mächtiger Töne. Der Bürgermeister lässt Chamade. schlagen, denn 
er schwört Stein und Bein , dass man immer nur auf sein Haus, 
und in diesem Hause auf seine Schlafmütze ziele mit den bar- 
barisch Ungeheuern Kugeln. — So reitet Bernhard von Galen 
kurz nach einander vierzehn holländische Festungen mit seinem 
Steckenpferd nieder. Seit 1675 mit dem grossen Churfürsten 
verbündet, wie früher mit Frankreich und England, hört jetzt 
der Weserstrom seine Musik an und Stade fällt vor dem unge- 
kehrten Ampliion in Trümmer; bei dieser Gelegenheit bescheert 
ihm der Herr 65 metallene Kanonen als Beute und kann nun kurz 
darauf seinen Diener in Frieden fahren lassen, C167S.3 Man hat 
ihn in die Cathedrale zur Erde bestattet; ein Gitter aus Kanonen- 
erz beschützt sein Grab. Es war ein grosser Mann; hätte er 
die Macht wie den Willen gehabt, er wäre ein Alexander ge- 
worden; Ludwig XIY. erklärte, er habe ihn gefürchtet. 

Der segensreichste Herrscher unter seinen Nachfolgern ist 
Maximilian Friedrich geworden, weil er Franz von Fürstenberg 
zum Begcnten des Landes machte, und sein Volk in die Hände 
eines Weisen befahl. Es wäre damals ein glückliches Land 
geworden , dies Münsterland — hätte es despotischer regiert 
werden dürfen. — Der letzte Fürstbischof war Maximilian Franz, 
ein Bruder der unglücklichen Maria Antoinette , von welcher der 
Dom eine Reliquie bcAv'ahrt, ein von ihren Händen für den 
Bruder gesticktes Messgewand. — Nach den Beschlüssen des 
Lüneviller Friedens wurde das Bisthum Münster durch den 
Reichsdeputationshauptschluss von 1803 säcularisirt; schon am 
3. August 1802 hatten 4000 Preussen von der Hauptstadt Besitz 
genommen. Der Freiherr von Stein und Blücher wurden mit der 
Verwaltung des Landes beauftragt. 

Wenn ich euch nun die Culturhistorischen Momente aus der 
Vorzeit Münsters angeben soll , so quillt mir ein so reicher 
Stoff entgegen, dass ich mich auf Namenaufzählung beschränken 



— 145 — 

muss, um den' Raum dieser Blätter nicht zu tiberschreiten. Ich 
nenne zuerst Rudolph von Lange zu Everswinkel, den ersten la- 
teinischen Dichter unter den Deutschen, der, lange in Italien 
weilend , der Freund von Piatina , Hugo Sabellicus , Pico von 
Mirandola, Lorenz von Medicis ward und mit einer Gruppe Coä- 
valen , darunter Herrmann von dem Busche , Jlurmellius und 
andre , für Weslphalen das Zeitalter der Renaissance repräsentirt. 
Die Domschule von Münster ward durch ihn berühmt und , wie 
Heeren sagt , von unberechenbarem Einfluss auf die Bildung des 
Mittelalters. Unter ihren Rektoren Avar Herrmann von Kerssen- 
brock, der Geschichtschreiber der Wiedertäufer- Unruhen. Gegen 
das Ende des i6. Jahrhunderts übernahmen die Jesuiten die 
Leitung der Schule, bis auf die Zeit des Westphälischen Frie- 
dens segensreich Avirkend; die Zeit ihres Glanzes Avaren jene 
Jahre der Verhandlungen selbst, auf Avelche sie durch ihren ge- 
lahrten Rector Johannes Schücking, meinen Urohm, der in seinem 
Garten die Gesandten der strengkatholischen Mächte um sich 
versammelte, von bedeutendem Einfluss Avurden. Auch Nicolaus 
Schaten, der Vater Westphälischer Historie, gehört ihnen an. 
Die Universität zu Münster Avirkte seit ihrer Errichtung 1773 durch 
Fürstenberg im Geiste dieses unvergesslichen Mannes : unter der 
Menge bedeutender Namen, av eiche sich an sie knüpfen', nenne 
ich nur M. Sprickmann und L. Hoffmann. Den Kreis der Fürstin 
Amalia von Gallitzin und ihrer Freunde , darunter Hamann, 
dessen Grab in Münster gezeigt wird, habe ich an einem an- 
dern Orte geschildert. In Franz A'on Sonnenberg hat die Poesie 
einen Vertreter gefunden, den längeres Leben und Aveitere 
Entwicklung in die Reihe unsrer grössten Genien hätte setzen 
können; er war eine Avirre, aber grandiose Natur, Goethe sagte 
von ihm, „er habe den Imperator -Mantel unter den deutschen 
Dichtern tragen können, hätte er nicht den dummen Streich ge- 
macht , sich aus dem Fenster zu stürzen." — Noch eines höchst 
merkAvürdigen Mannes muss ich hier erAvähnen, der durch sein 
Geschlecht Westphalen, durch seine Geburt Münster angehört. 
Er zog aus als die arme Waise eines Münsterschen Gardchaupt- 
manns , ohne anderes Besilzthum als seinen Kopf und Avas drin 
von den Worten Plutarch's hängen geblieben, seines wie aller 
grossen Männer Lieblingsautors, trieb sich in allen Ländern Eu- 
ropa's umher und kommt im Jahre 1736 auf der Insel Corsika 

11 



— 146 — 

an , eine Million Scudi in seinen Chatiillen , einen langen schar- 
laclirothen mit Hermelin gefütterten Königsmanlei um seine Schul- 
tern geschlagen. So tritt er an das Gestade von Aleria, an der 
Ostküste der Insel, nimmt den dreieckigen Hut von seiner wohl- 
frisirten Perücke und lässt sich unter freiem Himmel von dem 
tapfern Volke der Corsen eine Krone von grünendem Lorbeer 
darauf setzen; ihre Consulta zu Alessani ruft ihn zum Herrscher 
aus , die Vornehmsten tragen ihn auf ihren Schultern im Triumphe 
umher und unaufhörlicher Jubel ruft Heil auf Theodor I. König 
von Corsica und Capraja herab. — Das war ein denkwürdiger 
Tag, nicht allein für die beiden Inseln, sondern für ganz Europa. 
Theodor I. zeigte den Corsicanern wie man den Purpur um die 
Schulter schlägt, ohne Porphyrogenet zu sein und sie behielten 
die Lehre; keine hundert Jahre verflossen und ein Corse sass 
auf dem Thron von Frankreich und Italien, einer auf dem von 
Spanien, einer auf dem von Holland, und aus Dankbarkeit für 
den König aus Westphalen ward uns ein König aus Corsica be- 
schert. — Theodor I. führte eine glorreiche Regierung, be- 
kämpfte die genuesischen Zwingherren des Landes, ordnete mit 
weiser Einsicht sein Reich , trieb in ganz Europa Hülfsquellen 
und Unterstützungen dafür auf, schlug Münzen, Ritter und Gra- 
fen und war ein ächter rechter König bis an sein Ende. Soll 
ich euch den letzten Akt seiner Regierung beschreiben? Er 
sitzt auf einem Throne unter einem hohen Baldachin, die wohl- 
frisirte Perücke , um die sich einst die Lorbeerkrone geschlun- 
gen, auf seinem Haupte, das Grossmeisterkreuz seines Ordens 
„der Befreiung" auf der Brust; die Rechte hält majestätisch den 
funkelnden Griff des spanischen Degens gefasst ; aber der Pur- 
purmantel fehlt, der gallonirte Rock zeugt von langem, langem 
Gebrauch , seine Gestalt ist alt und kraftlos zusammengesunken, 
auf seiner Stirn haben Thaten und Gedanken ihre Narben ge- 
lassen und wxr nicht wüsste, diese dürftige und doch so maje- 
stätisch mit den Augen blitzende Figur sei ein König, der hätte 
Mitleid mit dem Manne, Vor ihm steht entblössten Hauptes, re- 
spectvoll gebückt eine Ambassade: es sind englische Männer, 
aus den höchsten Geschlechtern , gekommen um ihm einen Tribut 
zu entrichten. Aber ach, dieser Tribut ist ein Almosen, das sie 
für ihn gesammelt haben, sein Audienzsaal ist ein ärmlich Käm- 
merchen im vierten Stockwerke eines Londoner Hauses, der 



— 147 — 

Baldachin über seinem Haupte ist der Himmel seines Betts, das 
er in der Eile zur Seite geschoben hat, um einen wurmstichigen 
Armstuhl als Thron darunter zu stellen; er selbst, der recht- 
mässige, vom Volk einstimmig gewählte König von Corsika und 
Capraja, ist eben dem Schuldgefängnisse der Kingsbench ent- 
lassen. — Bald nachher starb er; Horaz Walpole setzte ihm, dem 
das Schicksal bestowed a Kingdom and demjed bread, eine Grab- 
schrift und Maestro Paesiello setzte eine Oper il re Theodoro in 
Musik. Das Stammgut Theodors, die Burg Neuhof liegt hinter 
Lüdenscheid am Eisperbach. — 

An Sagen ist Münster und das Münsterland sehr reich, und 
ebenso an Volksliedern. Durch die Strassen der Stadt Avandelt 
nächtlich der Amtmann Timphoht in langer weisser Perrücke, gros- 
sem dreieckigem Hute und grünseidnem Rocke. In der Dawert, 
einem Walddistrickt in der Nähe der Stadt, worin die Trümmer 
der alten Feste eines ausgestorbenen Geschlechts, der Davens- 
berg, liegt, treibt der Teufel sein Wesen, jagt mit Hailoh und 
Rüdengeheul der Hochjäger, spucken Kobolde und Jungfer Eli 
aus Frekenhorst, der Aebtissin ungetreue Haushälterin, die in 
ihrem grünen Hütchen mit w^eissen Federn auf dem Aepfelbaum 
sass, als der Pfarrer kam, um ihr die Sterbesakrameute zu 
bringen; alle Jahre einmal fährt sie mit schrecklichem Gebrause 
von der Dawert aus, wohin sie exorcirt ist, über die Abtei zu 
Freckenhorst und alle Vierhochzeiten kommt sie ihr um einen 
Hahnenschritt wieder näher. Wenn es Abends stürmt und weht, 
dann schreitet ein gewaltig grosser Mann im weiten Mantel, ei- 
serne Schnallen auf seinen Schuhen , über die Haide. Kommt 
ein Mädchen daher gegangen, so eilt er mit langen Schritten 
auf sie zu, nimmt sie unter seinen Mantel und bringt sie, in- 
dem er sie immer fester an sich schmiegt, ohne ein Wort zu 
sagen, über die Haide. Ehe er sie aber gehen lässt, drückt er 
ganz sanft und innig einen Kuss auf ihren Mund; das arme 
Mädchen geht sodann erschrocken nach Hause und ist am andren 
Morgen lodt. Ein eben so poetisches Moment wie dieser schöne 
Mythus von Haidenmann bieten oft die Volkslieder dar z. B. das 
vom „Leiden Christi;" 



v 



Als Chrisfus der Herr im Garten ging 
Und da mit ihm sein Leiden anfing, 



— 148 — 

Da trauert das Laub, das grüne Gras, 
Weil Judas sein Verräther was. 

Er trägt das Kreuz mit gelassnem Sinn 
Und fällt vor Schmerz zur Erde hin; 
An's Kreuze hing man Jesura bald, 
Maria ward das Herze kalt. 

Die hohen Bäume die beugen sich, 
Die hohen Felsen die neigen sich. 
Die Sonn' und Mond verlor ihren Schein, 
Die Yögel lassen ihr Rufen sein. 

Die Wolken schreien Ach und Weh, 

Es heulet der Sturm, es brauset die See, 

Die Gräber öffnen ihre Thür, 

Und sieh, die Todten kommen herfiir. 

Nun merket an, wie Frau so Mann, 

Wer dieses Liedlein singen kann. 

Der sing es Tages nur einmal , 

Seine Seel' wird kommen in Himmels Saal. — *) 

Die ganze harmlosnaive Eigenthümlichkeit des Westphälischen 
Landvolks spiegelt sich in diesen Sagen und Liedern, jene kind- 
liche Gläubigkeit und Frömmigkeit, die doch wieder ihr schalk- 
haft humoristisches hat und durch ihre einfach naturwüchsige An- 
schauung aller Dinge oft den Schein unnennbar tiefer oder geist- 
reicher Auffassung bekommt. Die Volkslieder enthalten Liebes- 
klagen oder öfter humoristische Ausfälle gegen Ehe- und Liebes- 
noth und dann im plattdeutschem Idiom, ein Beweis, dass diese 
letztere Art der Auffassung dem Volke die eigenthümlichere ist. 
Die Sagen knüpfen sich zumeist an auffallende Oerthchkeiten ; wo 
ein schöner Weiher ist, da liegt eine Kapelle versunken, an stillen 
Tagen tönen ihre Glocken aus der Tiefe und alljährlich einmal 
kommen weisse Schwäne aus dem fernsten Norden und ziehen 
lautlos ihre Kreise über den durchsichtig klaren Spiegel; wo 
Hühnensteine liegen, da haben Riesen gehaust, mit schroffen 
Felsen hat fast immer der Teufel zu thun gehabt. Die Urnen, die 
man aus den in Menge durch ganz Westphalen zerstreuten heid- 



*) S. die verdienstvolle Sammlung „Münstersche Gechichten, Sagen und 
Legenden " , Münster 1825. J. Grimm deutsche Sagen L 232. i84. 249. 



— 149 — 

iiischen Gräbern nimmt, nennt das Volk des Niederstifts Münster 
• „Ulkenpötte" und glaubt, sie seien Behausungen des kleinen Ge- 
schlechts der Ulken (Zwerge). 

Was das Münsterland in seinen kleinern Orten an Sehens- 
werthem besitzt, muss ich übergehen: ich kann euch nicht zu- 
muthen, zu seinen Schlössern und Abteien allen mir zu folgen, 
zum Stromberge z. B. wie schön er auch auf seiner Avaldbedeck- 
ten Höhe daliegt mit seinen Burglrümmern , die das mächtige 
Geschlecht der Burggrafen von Stromberg besass , bis den letz- 
ten unruhigen Herrn im 44. Jahrhundert Bischof Florenz von 
Münster aus dem Erbe seiner Väter und in die Verschollenheit 
trieb, wie reich er auch an Sagen und Mährchen ist, von dem 
letzten Kampfe um die Burg, von dem einzigen Kinde des Gra- 
fen Burchard, Sophia, deren Geliebter Herrmann von Morrien in 
der Fehde erschlagen wurde, dass sie in ein Kloster ging, dem 
ihr gebrochenes Herz den Namen „Herzebrock" gegeben haben 
soll, von Burchard selbst endlich, den man zuletzt als gebtickten 
Greis in Pilgertracht am heiligen Grabe gesehen. Nur muss ich 
euch die wunderbare Grabschrift in der Kirche zu Borken zei- 
gen ; ^^Obiit Lux Johannes de minori egipto F. Cal. Dec. anno 
1438,^'' die das Denkmal des letzten Zigeunerkönigs bildet, wel- 
cher auf dem Marktplatz des Städtchens wegen Todschlags eines 
andren „Ileidenkönigs" Nachts bei Fackellicht enthauptet wurde. 
(Nunning, mon. monast.~) Von den Schlössern des Adels will 
ich nur zu einem euch führen; das ist Nordkirchen, wenige 
Stunden südlich von Münster, ein grosses schönes Landhaus, 
erbaut um 1700 von dem Fürstbischöfe Friedrich Christian von 
Plettenberg. An breiten prächtigen Gräben vorbei, die Garten- 
anlagen umschliessen , während dunkle Lindenalleen mit Statuen, 
Orangerie und Theatergebäude die frühere ungewöhnliche Aus- 
dehnung der Schlossgärten bezeichnen, die jetzt zum Anger ge- 
worden sind, führt euch der Weg durch mehrere mit Wappen- 
schildern und Panoplien geschmückte Thore auf den nach drei 
Seiten von Gebäuden im Styl des vorigen Jahrhunderts umschlos- 
senen Hof. Die grosse Schlosshalle und das Treppenhaus sind 
mit Ahnenbildern und andren Gemälden, kostbaren China- Vasen 
und Statuen geschmückt: der Schatz des Schlosses ist eine Ge- 
mälde-Gallerie mit Bildern von hoher Schönheit , Werke van der 
Vliets, van Dycks, Rubens, Martins Schön, Kembrandts , mit 



— 150 — 

einem Cartoii von Leonardo da Vinci endlich, eine heilige 
Familie darstellend, der alles zu übertreffen scheint, was der 
Crayon je liebliches und anmuthiges geschaffen. In einem der 
Gemächer zeigt man auch die Sporen und den Stab Walters von 
Plettenberg, des gewaltigen Heermeisters des deutschen Ordens 
in Livland, der 1502 mit 7000 Ordensrittern und 5000 Liv- 
ländern ein Heer von 130,000 Moscovitern und Tartaren 
so aufs Haupt schlug, dass 100,000 Leichen auf dem Wahl- 
platz blieben. — Wenn ihr durch die freundlichen hellen 
Gemäumer mit ihren Gobelins , Stuccaturen und Supporten 
schreitet, durch den weiten ßibliothekensaal mit so viel mo- 
derner Weisheit, wo Voltaire und Bayle die alten Psalte- 
rien voll frommer Miniaturmalereien in den Schatten gedrängt 
haben , dann glaubt ihr Avohl nicht , dass in diesen Räumen un- 
heimliche Geister hausen mögen; und doch war dem einst so: 
der böse Renlmeister Schenkewald ging früher im Schlosse um, 
heulte und lärmte die Treppen auf und ab oder man sah ihn, 
wie er an einem Tische sass und Geld zählte. Endlich liess 
man, um ihn zu bannen, Messen lesen. Da in einer finstern 
stürmischen Nacht , polterte er ärger denn je : plötzlich aber 
wurde gewaltsam die Klingel gezogen, alle Bedienten sahen zum 
Fenster hinaus und erblickten eine prächtige Kutsche mit vier 
kohlschwarzen Rossen vor der Schlossthüre. Darin sassen zwei 
Kapuziner, welche ausstiegen, ruhig und stumm in das Schloss 
gingen und alsbald mit Schenkewald wieder herauskamen. Alle 
drei stiegen in den Wagen, Schenkewald sass zwischen den 
Kapuzinern, eine Peitsche knallte und blitzschnell fuhr der Wa- 
gen in die Nacht hinaus ^ nach der Dawert zu. Da fährt Schen- 
kewald nun seitdem bis auf den heutigen Tag mit den beiden 
Kapuzinern und in demselben Wagen umher. Eine Menge Leute 
haben ihn fahren sehen; einige, die glaubten, es sei eine herr- 
schaftliche Kutsche, haben sich hinten auf setzen wollen; kaum 
aber hatten sie den Wagen berührt, so flog er mit den Ros- 
sen hoch durch die Lüfte davon. 



|Ia^ tUa|]>röebut Irer fxppc^ 



JVlit Nordkirchen sind wir auf das Gebiet der Lippe über- 
gegangen, obwolil hier und in Cappenberg, dem Punkte, der 
uns zunächst durch die Romantik seiner Lage und seiner Ge- 
schichte anzieht, noch im Münsterlande. Wir wandern von 
Nordkirchen gen Süden durch Waldung und über Hügelreihen, 
durch eine schöne idyllische Landschaft, bis die Höhe von Cap- 
penberg uns in eine Gegend von ganz verschiedenem Charakter 
versetzt. Die Natur wird grossartig schöner hier, die prächtige 
dunkle Kastanienallee zur linken Seite der Abtei lässt uns in 
eine tiefe Waldschlucht hinabblicken, unten in dem Thale mit 
seinen Gebtischen und holzreichen Fernen sehen wir Gruppen 
alter Eichen, Wiesen, ruhende Heerden, so malerisch, dass wir 
an Ruisdaels Bilder gemahnt werden. Die Aussicht oben vom 
Balkone des Gebäudes selbst ist so eigen schön , die Landschaft 
so reich und warm, dass wir ein Stück des wealthy and merry 
Old England vor uns zu haben glauben und auf den Richmond- 
Hügel in Surryshire uns versetzt wähnen können. 

Betreten wir den Schlosshof: eine Art bouUng-green mit 
Blumenparterres und ausländischen Stauden füllt ihn, ringsumher 
sind Gebäude, dahinter, dem Eingang gegenüber, die Ableikirche 
und wie mit weiten Flügeln sie beschützend das Hauptgebäude, 
hoch , geräumig , aber ohne Architektonik. 

Cappenberg war einst eines der reichsten Klöster Deutsch- 
lands. Früher als sächsische Feste von Karl dem Grossen besetzt, 
wurde sie darauf der Haupthof einer Grafenfamilie, die nach auf- 
gelösstem Heerbann, mit ihrem Gefolge von Dienst- und Lehns- 



— 152 — 

inaniien ein bedeutendes Moment in den Wirren der Sachsenkriege 
mit Heinrich lY. bildete. Aber obwohl ihre Stellung zu Fehden 
und Blutvergiessen sie zwang, hatte doch seit je ein frommer 
Sinn in ihrem Hause geherrscht: Graf Hermann ward sogar als 
Wunderthäter geehrt: in seinen Enkeln Gottfried und Otto, den 
letzten Grafen, kehrte erhöht die Denkart Hermanns wieder; sie 
entsagten allem, was die Geburt ihnen gegeben^ dem unermess- 
lichen Reichthumj dem Glänze ihrer Verbindung mit dem Ge- 
schlechte der fränkischen und hohenstaufischen Kaiser (ihre Mutter 
Beatrix war eine Hohenslaufentochter , Otto hob als nächster 
Schwertmage den hohen Rothbart über die Taufe,) und machten 
ein Kloster aus ihrer festen schönen Burg. Das ist eine merk- 
würdige Geschichte , die uns lebhaft in die Zeiten zurückversetzt, 
wo ein Peter von Amiens, ein Fulco von Neuilly auf ihren Eseln 
die Lande durchzogen, um die Idee der religiösen Hingebung 
zur wirklichen körperlichen Aufopferung von Gut und Blut zu 
steigern, wo der Himmel in enger Wechselbeziehung mit der 
Erde seine Boten zu ihr hinab sandte, wie seine Diener sie zu 
ihm hinauf. 

Die Knaben Gottfried und Otto wurden mit zwei Schwestern 
und einer Base Gerberge von einem Burgpfaff Wichmann in 
strenger Gottesfurcht erzogen. An dem südlichen Abhang des 
Berges , den ihre Stammburg krönte , stand von schattigen Bu- 
chenwipfeln überzweigt eine Kapelle der heiligen Jungfrau: 
dorthin führte der Priester die Kinder, wenn sie in's Freie 
schweifen wollten und fesselte durch seine Legenden von der 
minniglichen Königin der Engel ihre jungen Herzen. Als sie er- 
wachsen waren , nahm die Base Gerberge im Kloster unsrer lieben 
Frauen zu Münster den heiligen Weihel; Gottfried aber nahm, 
als er Graf geworden, die schöne Jutta von Arnsberg zum Ge- 
mahl und führte sie unter glänzenden Ritterspielen auf Cappen- 
berg ein. Er liebte sie und liess sich von ihr fesseln, bis der 
Name des grossen Norbert, der in Köln eingezogen war, ihn in 
die heilige Stadt am Rheine rief. Es war im Jahre 1122 als 
Graf Gottfried die Predigt des wunderbaren Mannes anhörte, der 
die Flammen eines Apostelgeistes ausathmend , durch den Hauch 
seiner Rede das fromme Herz des Gebieters von Cappenberg wie 
weiches Wachs zerschmolz. Gottfried war frohen Muthes, mit 
hochstrotzendem Zimier in das Thor der viellhürmigen Stadt ein- 



— 153 — 

geritten; er verliess es gesenkten Hauptes und beklommener 
Brust: er wollte aus seinem Hause ein Kloster stiften, und all 
sein Gut dazu thun und selbst ein JMönch werden und sein Weib 
von sich senden; er muss ein starker Mann gewesen sein, als er 
es der blonden Jutta sagte. Anfangs lachte man seines Planes, 
dann Avurde Otto, sein Bruder, heftig; Jutta weinte; und als er 
dennoch darauf bestand, da, sagt der Chronist, hatte der arme 
Gottfried viel zu leiden, der Bischof Theodorich von Münster 
schalt es Unsinn, das Stift der bessten Markburg zu berauben, 
Gottfrieds Diener begannen an ihres Herrn Verstände zu verzwei- 
feln, und die Vasallen, die wohl ihre beiden Hände beim Homa- 
gium einem jungen Helden, einem Sohne Wittekinds kniend in 
die seinen legen, aber nicht vor kahlgeschornen Glatzen sich 
bücken wollten, sagten geradezu, er sei wahnsinnig geworden. — 
Aber waren die Menschen auch dem frommen Beginnen entgegen, 
Gottfried blieb standhaft und gefestet durch höhere Offenbarun- 
gen. Der Base Gerberge , die unterdess Äbtissin geworden , war 
im Traum ein glänzender Jüngling erschienen und halte ihr in's 
Ohr geraunt: „Wie schön wäre Cappenberg zu einem Gotteshau- 
se!" Durch die Sääle von Cappenberg selbst schritt nächtlich der 
heilige Augustinus , als wolle er Besitz ergreifen für die Kirche. 
Endlich ritt eines Tages ein schlichter Mönch auf einem Esel in 
den Burghof ein. Der Thorwart hätte gewiss die Zugbrücke vor 
ihm aufgezogen, hätte er das graue Männlein gekannt; aber er 
errieth zu spät, wen er eingelassen, als er seinen Gebieter in 
namenloser Freude ihm entgegenstürzen sah : es war Sankt Nor- 
bert selbst, der also demüthig angeritten kam. Damit war die 
Sache entschieden : der schlichte Mann hub an zu predigen und 
siehe, die widerstrebendsten Gemüther wurden weich und über 
den zornigen Otto selbst kam der Geist, dass er seines Bruders 
Eifer zu überstürmen schien. Nur der armen Jutta musste die 
Einwilligung abgedrungen werden. Den Bischof Theodorich 
stimmte ein Verweis seines Metropoliten von Köln um, und so 
gab denn auch er seine Einwilligung und weihte mit grosser 
Feierlichkeit unter der Assistenz des Heiligen als ersten Probstes 
das Schloss den Prämonstratenser Mönchen zum Kloster ein, trotz 
des Tumultes der hörigen Leute, welche die Pfaffen verjagen 
und Gottfried als Wahnsinnigen gefangen nehmen wollten. Ein 
Frauenkloster ward zu gleicher Zeit am Fusse des Berges er- 



— 154 — 

richtet, das Jutta, Beatrix, die Schwester Gottfrieds, und eine 
Adelheid, Gräfin von Oldenburg bezogen. 

Zu jener Zeit aber war ein wilder gewaltsamer Mann in 
Westphalen, aus dem Hause der Billung geboren, mächtiger und 
kriegsberühmter noch als die Grafen von Cappenberg: es war 
Graf Friedrich der Streitbare von Arnsberg, dessen Faust mit 
dem Schwerte verwachsen schien, dessen Burgen nicht stille 
wurden von dem Jammern Bestrickter in seinen Verliessen. Der 
gerieth in grossen Zorn, als er vernahm, was auf Cappenberg 
sich begeben, dass man seine Tochter Jutta in's Kloster gesteckt 
und dass die Kirche haben sollte, was jener als Witthum aus- 
gesetzt war: mit Rossen und Reisigen lag er eines schönen 
Morgens vor dem neuen Kloster, und drohte, er wolle den 
heiligen Norbert mit sammt seinem Esel an einen Wagbalken 
aufhängen, um zu sehen, w^er schwerer sei. Die Mönche oben, 
die Norbert von Prämontre herübergeholt hatte . bereiteten sich 
zum Tode vor, denn dass man rasch die Thore verriegelte und 
die Zugbrücken aufzog, versprach wenig Schutz, weil keine 
streitbaren Männer da waren, auf den Mauern zu stehen. Nur 
Gottfried blieb ruhig: er sagte seinem rauhen Schwiegervater 
keck in's Gesicht: „Ihr scheint zu glauben, Ihr wäret im Mittel- 
punkte der Welt und alles müsse nach Eurem Willen sich um 
Euch bewegen ; der liebe Herrgott selbst ist vor Eurem Schwerte 
seiner Güter nicht sicher. Was macht Ihr aus allem, was Ihr 
Euer Eigen nennt? wie seid ihr mit der einzigen Tochter Eures 
Bruders verfahren , so Ihr grausam unter Schloss und Riegel habt 
gehalten?" dann schüttelte er ihm den Bart und sprach: „Lieber 
Herr! Ihr seid jetzt noch ein grosser reicher Mann, ein Fürst 
der Welt, aber Euer Haar und Eure Wangen sind gebleicht, 
mögt wollen oder nicht, auch ihr müsst sterben und in den 
Staub den steifen Nacken beugen. Bestellt Euer Haus, dass Ihr 
nicht jenseits zu den Untersten gerathet." Friedrich lachte , aber 
er zog ab mit seinen Gesellen und wandte sich an den Kaiser; 
dieser jedoch bestätigte 1123 die Stiftung und Gottfried konnte eine 
Zeitlang ruhig der Vollendung seines Werkes leben. Er warf 
den gräflichen Schmuck von sich, nahm die Tonsur, pflegte der 
Kranken, betete in Thränen gebadet; in halb ritterlicher, halb 
mönchischer Kleidung schritt der schöne kräftige junge Mann mit 
grossen leuchtenden Augen, (oculis stellantibus) voller Anmuth, 



— 155 — 

voll süsser Gabe der Rede, durch die Reihen seiner Mönche, die 
ihn wie einen Heiligen verehrten. Als ihm einer derselben klagte 
über die Strenge der Disciplin, da sprach er: „wisst Ihr, was 
die Fährleute thun, so über den Rhein setzen wollen? Sie stos- 
sen den Kahn eine gute Strecke stromaufwärts von dem Orte ab,' 
an dem sie jenseits landen wollen, und doch haben sie Mühe, 
mit guten Ruderschlägen das Ziel zu erreichen." Der heilige 
Norbert sagte von Gottfried, wie man sage, dass ein abgehetzter 
Hirsch einen andern für sich aus seinem Lager auftreibe, und 
dieser nun für ihn vor der verfolgenden Meute seinen Lauf be- 
ginne, so habe ihm, dem Müden, die Vorsehung den Grafen Gott- 
fried erweckt. 

Unterdess hatte Jutta still in ihrem Klösterlein die Tage 
verlebt, bis sie plötzlich von einem Ritter, den die Chronik 
Franco nennt, entführt wurde. Gottfried sah den Räuber und 
stürmte ihm, wie er Mar, wehr- und waffenlos nach; als er ihn 
eingeholt, da legte jener die Lanze ein und wollte ihn durchboh- 
ren; aber betroffen von der Ruhe des Grafen, der ihm fest ent- 
gegentrat^ wandte er still sein Ross und ritt mit seiner Beute 
weiter. Gottfried griff nun zu dem verlassenen Waffengeräthe 
wieder und hub sich mit Allem, was von Mannschaft um ihn 
war, in den Stegreif. Doch erst über dem Rheine holte er 
Franco wieder ein und brachte Jutta in ihre Clausur zurück: 
aber als er heimkam , da war noch eine Taube mit einem Myrr- 
thenzweige aus der Arche geflogen , und kam nicht gleich jener 
zurück; seine Schwester Gerberge war von einem Ritter von 
Erpenrode entführt. Im Jahre 1125 zogen Gottfried und Otto nach 
Premontre und Hessen sich mit grossem Pompe zu Akoluthen des 
Ordens einweihen, legten die Gelübde ab und lebten nun ganz 
der Erfüllung klösterlicher Pflichten. Sie stifteten noch sieben 
Gotteshäuser aus ihren zerstreuten Gütern, von denen übrigens 
die Bischöfe von Mainz, Köln und Münster grosse Stücke an sich 
rissen; zwei Schlösser und Ortschaften handelte Herzog Friedrich 
von Schwaben seinem frommen Vetter für Reliquien ab , für Blu- 
men, welche die Mutter Gottes in der Hand hatte, als der Engel 
Gabriel zu ihr trat und andere kostbare Sachen. 

Die reiche Erbschaft des Grafen von Arnsberg, der wie die 
Mönche erzählten, zur Strafe plötzlich über Tafel aus einander 
geborsten sein soll, schlug Gottfried aus: was bedurfte er des 



— 156 — 

Reichthums? seine Nahrung bestand oft Tage lang aus Wasser 
und Brod: schon früher hatte Gottfried gesagt, er gäbe nicht 
eine Feder seines Helmes für all den Reichthum seines Schwä- 
hers. — „Wahrhaftig, Bruder, was soll ich dir weiter sagen, 
dieser Mann sass auf festem Grunde," pflegte ein alter Mönch 
zu sprechen, wenn er, der in seiner Jugend den Grafen gekannt, 
nach ihm gefragt wurde. — 

Es war in einer der letzten Nächte des Jahres 1126 als die 
Aebtissin Gerberge , die stets mit besonderer Liebe an dem Yetter 
gehangen, plötzlich die Thüre ihrer Zelle sich öffnen sah und 
der fromme Graf vor ihr Lager trat: erstaunt richtete sie sich 
auf, es glänzte ein goldnes Diadem auf seiner Stirne, ein wun- 
derbares Leuchten ging von seiner Gestalt aus, sie fragte: „Avie 
gehst du so gekrönt einher?" da antwortete er: „ich bin ohne 
Gericht in den Pallast des grossen Königs aufgenommen und 
wie seinen Sohn hat er mich gekrönt mit dem Diadem seliger 
Unsterblichkeit," und auf seiner Krone las sie die Worte: „der 
Herr hüllte mich in das Kleid des Heiles und schlug um mich 
den Mantel der Seligkeit und setzte wie einer Braut die Krone 
mir auf." Darauf verschwand die Gestalt: bald nachher aber 
kam die Kunde, zu Ilmstedt in der Wetterau sei in jener Nacht 
Graf Gottfried in seinem dreissigsten Jahre, in seines Bruders 
Otto Armen verschieden. Er ward zu Hmstedt, einer Norber- 
tiner-Probstei, die er gestiftet, begraben und in die Zahl der- 
jenigen gerechnet, welche die Kirche beati nennt; später licss 
sein Bruder die Hälfte seiner Hülle nach Cappenberg bringen. *3 
Cappenberg ward 1803 säcularisirt: der Geist ihres Stifters ruhte 
nicht mehr auf ihren üppigen Bewohnern und es Avar Zeit dass 
des streitbaren Arnsbergers Prophezeiung sich erfüllte: „solche 
Burg kann nimmer der feige Mönch bewohnen, man wird sie 
einst wieder von dannen treiben und ein edler Ritter wird ihre 
Stelle einnehmen." Dieser edle Ritter war der Reichsfreiherr 



*■) Das Denkmal über seinem Grabe zu Ilmstedt findet sich abgebildet 
in Möllers Sammlung der merkwürdigsten altdeutschen Baudenkmale. 
Eine schöne silberne Schaale , ein Palhengeschenk von Friedrich 
Barbarossa, ist nach der Aufhebung des Klosters an die Grossher- 
zogin von Weimar gekommen, wo Göthe sie lithographiren Hess und 
an mehrere Gelehrte sandte, um deren Ansichten über ihren Ursprung 
zu erfahren. 



— 157 — 

von Stein zum Altenstein , der das Besitzthum Gottfrieds als eine 
Standesherrscliaft vom Könige erhielt und es zu dem Schlosse 
umzuschafTen begann, in welchem er sein thatenreiches Leben 
endete. Es ist jetzt im Besitze des Grafen von Kielmannsegge. 

Von Cappenberg führt uns der Weg durch die Ebene über 
die Lippe, ein Fluss, der hier so hübsche Ufer hat, wie ein 
bebautes fruchtbares, doch nur wenig hügelichtes Land sich von 
seinen Windungen abgewinnen lässt; dem Alterthumsforscher ist 
diese Luppia und ihr Stromthal von hoher Bedeutsamkeit; Spu- 
ren von Römerstrassen und Lagern, Alisni oder Aliso und andres 
beschäftigen hier, wer es liebt, dem dürftigen Schimmer aus 
grauen Jahrhunderten nachzugehen. Für uns haben sie nichts 
Verlockendes; wir wenden uns der spätem Zeit zu, aus der 
Clio mit hellem Fackeln herüberleuchtet, wir ziehen ein in den 
Gau Borotra, und betreten den Kern der rothen Erde, zuerst die 
Erbgrafschaft, später das Gebiet der freien Reichsstadt Dortmund. 
Es ist viel gestritten worden, was der Name „die rothe Erde" 
bedeute, und es ist schwer, den Obman dabei zu machen. — 
Der Gau Borotra wird oft terra borotra genannt; könnte nicht 
daraus terra rotra und endlich rothe Erde geworden sein? — 
Am wahrscheinlichsten ist wohl die Meinung, welche rothe Erde 
als verstärkten Ausdruck für Erde überhaupt nimmt, und die 
Gerichte auf rother Erde oder auf alter freier Malstätte, den im 
Hause, in Kammern gehegten gegenüber stellt. Denn nur, wo 
von der Fehme gesprochen wird, findet sich der Ausdruck, der 
am Ende so unerklärt bleiben muss wie der „Fehme" oder „Vem" 
selbst, trotz seiner vielfachen Derivationsversuche, die um so 
unnützer sind, als Vem gewiss ein: „Gericht" bedeutendes Wur- 
zelwort ist. 

Wenn ich nun unter die Linden und zu dem steinernen be- 
moosten Tische an der Nordseite der Stadtmauer von Dortmund 
euch führe , wenn ich die Bank euch zeige , wo der Freigraf 
einst gespannt und gehegt und Acht gesprochen, die Weiden- 
schlinge und das Schwert vor sich, die Schöffen an seiner Seite 
und den Umstand der freien Männer im Kreise umher geschaart 
— dann eröffnet vor euren Augen sich eine dunkle und doch 
glänzende Perspective in düster erleuchtete Gewölbe, wo auf 
blutige Marterwerkzeuge der rothe grelle Schein der Fackel 



— 158 — 

blinkt, wo die unterirdischen grauenhaften Gestalten der Richter 
mit hohler Stimme hinter Larven her die verbotenen und heim- 
lichen Gedinge halten, um Frevel zu strafen oder noch grössere 
zu begehen. Ich muss euch leider diese ganze Theater-Maschi- 
nerie, dies ganze süssschauerliche Coulissenwerk aus dem „Käth- 
chen von Heilbronn" und der „Tochter des Nebels , Anna von 
Geyerstein" zusammenreissen und hell über die nächtlichen Ge- 
spenster des Romans die Sonne leuchten lassen, mit klarem 
Schein, wie sie blinken musste, falls der Freigraf vor aller 
freien Männer Augen an der Kreuzstrasse, wo drei Wege sich 
schieden, ein achtes Ding hegen durfte. Der Geist dieses denk- 
würdigen Instituts war kein andrer, als der des ganzen Mittel- 
alters, auf dessen Boden es erwachsen; es war der Geist ritter- 
licher Ehre und strenger Gerechtigkeit ohne Ansehn der Person, 
seine Tendenz Erhaltung alter strenger Sitten und Tugenden, 
Heiligbewahrung von Manneswort und Treue; die Ehre vor 
allem war der Grundpfeiler des Instituts, Gott, König und 
Recht der Wahlspruch. Es leidet keinen Zweifel, dass das 
Fehmgericht in den Jahrhunderten seiner Blüthe eine wahre Seg- 
nung für Deutschland gewesen ist : wo die Treuga Bei, avo der 
Kirche Gebot, der Religion mahnende Stimme, des Pabstes Bann- 
strahl , des Reiches Acht und Aberacht, des Kaisers Landfrieden 
ohne Wirkung blieben auf die unendliche Rohheit, die masslos 
schwelgende Wlllkühr unzähmbarer Gemüther, da machte der 
Fehme Ladung, des Freigrafen Spruch die demüthigste Angst " 
sich schmiegen: wem in der Mitternacht die drei Späne aus 
dem Burgthor gehauen worden, der wusste, dass ihn die Strafe 
ereile, vor der es keine Flucht, keine Gnade gab. — Herzog 
Adolph von Schleswig war vor den freien Stuhl geladen: „wenn 
Ihr hingeht, sagte Herzog Wilhelm von Braunschweig, sein 
bester Freund zu ihm , so werde ich als Freischöffe an den 
nächsten Baum Euch hängen müssen, oder baumle selber," und 
Herzog Adolph bat den Rath des mächtigen Lübeck, ihn zu be- 
stricken, dass er nicht gehen dürfe. Der Graf von Wernigerode 
ritt unter freiem Geleit mit Bischoff Albrecht von Magdeburg und 
beider Rittern einst über den Heerweg; da begegneten ihnen die 
Westphälischen Schöffen, nahmen den Grafen aus der Schaar 
heraus und hängten ihn „darumb er viel Untreu geübet hält," 
wie die Chronik sagt. So hatte jeder „Feldflüchtige treulose 



— 159 — 

und hängmässige" Mann das Schwert des Damocles ob seinem 
Haupte schweben. 

Alles Recht jener Zeit ward paralysirt durch Verschleppung 
und Endlosigkeit des Verfahrens, durch Mangel der strickten 
Vollziehung; die Fehme nur sprach nicht allein, sie übte auch 
Recht; die Bedingungen solcher Wirksamkeit waren natürlich 
rasche Procedur und strenge Execution. Das war in jener Zeit 
etwas Unerhörtes ; der langmüthigen Gerechtigkeitspflege des 
Jahrhunderts gegenüber wirkte sie wie eim übermenschliche 
und wenn sie allein durch die Kraft des in ihr lebendigen Gei- 
stes Wirkungen sichtbar machte, die ganze Schaaren von Reisi- 
gen, ganze Heere nicht erzielten, wie die Bestrafung mächtiger, 
auf den Schutz von Burgmauer und Vasallen trotzender Herrn, 
so mochte sie freilich schon in den Augen der Zeitgenossen 
etwas gespenstisch -dräuendes und schreckhaftes bekommen: 
mancher Wandrer mochte ein Kreuz schlagen, Avenn er durch den 
stillen Tann schritt und plötzlich an einen Ast gehängt ein 
Leichnam ihn anirinste, und das darunter im Stamme des Bau- 
mes steckende Messer von der Rächerhand der Fehme sprach. 
Unsere FreischölFen sind eine Art romantischer Verkörperung 
der classischen Erinnyen, der „guten Göttinen, vor denen kein 
Entrinnen war. — Die höchste Blüthe mag die Fehme im 15. Jahr- 
hundert erreicht haben; da wagte es der Freistuhl zu Wünne- 
berg Kaiser Friedrich HI. und seinen Kanzler , Bischof Ulrich 
von Passau vor sich zu heischen, um Leib und Leben und 
höchste Ehre, bei Strafe, dass er sonst für einen ungehorsamen 
Kaiser zu erachten; da waren über 100,000 Freischöffen über 
ganz Deutschland verbreitet, und in ihrer Zahl zu sein rechneten 
die mächtigsten Fürsten sich zur Ehre; doch der eigentliche 
Sitz war und blieb Westphalen, der Dortmunder Stuhl bildete 
eine Art Revisionsinstanz und an ihm oder im Baumhofe vor 
dem Schlosse zu Arnsberg, kamen die Freigrafen zum Kapitel 
zusammen. Die völlige Aufhebung des Instituts fällt in unser 
Jahrhundert ; zu Gehmen , wo das fortwährend in alter Weise be- 
standene Freigericht erst 1811 von der französischen Gesetzge- 
bung aufgehoben wurde,, sollen noch die Freibankbauern die 
Bank spannen und heimliches Gericht hegen, auch sich standhaft 
weigern, ihrer Losung: „Stock, Stein, Gras, Grein," Bedeutung 
aufzudecken; auf ein breites Schwert, das sie Kaiser Karls Degen 



— 160 — 

nennen, legen sie den Schöffeneid ab: dem Stuhlherrn treu hold 
und gewärtig zu sein , alles was femwrogig , Strassen - Mühlen- 
Mähre sei, anzubringen, und die Fehme Niemand zu offenbaren. 
Als die Missbräuche der Fehmgerichte einerseits, die gelehrte 
Rechtspflege der Legisten und Canonisten, die Errichtung des 
Reichskammergerichts, die Carolina u. s. w. andrerseits die Ver- 
drängung der Fehme veranlasten, da verwandelte sie hie und 
da, besonders im Fürstbisthumc Paderborn sich in „Land- und 
Rügegerichte" (Wrögerichte.) Diese erhielten sich bis 1763, den 
Synodalgerichten der karolingischen Zeit ähnlich und wie sie 
von unsrer Justizpflege verschieden, weil auf die Anklage des 
vereideten Schöffen hin vom Freigrafen über das gerichtet wurde, 
was von schlechtem Thun^ „so freien Stiftes Wröge (Rüge, 
engl. Wrong) war" jener gehört hatte und anbrachte. — 

Schwerer als den Zeitpunkt der Blüthe und des Verfalls 
der Fehmgerichte anzugeben , ist es die Entstehung des Instituts 
aufzuhellen. Die Fehme behauptete, Karl der Grosse habe sie 
eingesetzt; man findet die Verbrechen, über welche sie ursprüng- 
lich zu richten hatte, als Entweihung der Kirche, Apostasie vom 
Glauben, Raub und Gewallthätigkeit u. s. w. beinahe gleich- 
lautend in den Kapitularien Karl's des Grossen aufgezählt, als 
unter Königsbann gehörend , d. h. in die Sphäre der richterlichen 
Gewalt fallend, welche im Namen des Königs von den Grafen 
in den alten sächsischen Gerichten freier Männer ausgeübt wurde : 
wenn nun noch Wigand in seinem gediegenen Werke über das 
Fehmgericht die unleugbare Verwandtschaft der freien Stuhlge- 
richte mit den altsächsischen Freigerichten der Karolingischen 
Zeit in den Personen des Richters, des Frohn, der Schoppen, 
der Wissenden oder des Umstandes dargethan hat, so schliesst 
man wohl mit Recht, dass die Fehme nichts andres als eine 
eigenthümliche Entwicklung der Institutionen Karls des Grossen 
sei , eine Fortsetzung jener Freigerichte im alten Sachsen , und 
dass sich nicht an ein bestimmtes Datum ihre Einsetzung knüpfen 
lasse; noch im 13. Jahrhundert haben sie die Natur kaiserlicher 
Landgerichte und bestehen coordinirt mit den landesherrlichen 
Gerichten, die Freigrafschaft neben der Gaugrafschaft, nur höhe- 
ren Ranges sich haltend, wie der Kaiser, der den Freigrafen 
investirt, einen hohem Rang hat in der Ordnung der sieben 
Heerschilde als der Landesherr. — Der Krebsschaden des Insti- 



— 161 — 

tuts war der Mangel an einer feststehenden materiellen Rechts- 
norm; es wurde gerichtet nach altem Herkommen, nach Ekko 
von Repgow's Sachsenspiegel, nach den besondern Ueberliefe- 
rungen jedes einzelnen Stuhles; diese widersprachen aber oft 
sich schnurstracks in ihren Normen; an einem war Recht, was 
am andern Unrecht war, und so verlor das Institut an Würde, 
es begann Willkührlichkeiten , grif in fremde Jurisdictionen 
über, verletzte päbstliche und kaiserliche Privilegien [de non 
emcandoj und wenn auch der oberste Stuhlherr dadurch sich 
veranlasst sah, vom Kapitel der Freigrafen in Arnsberg soge- 
nannte Reformationen (1437 und 42} vornehmen zu lassen, und 
zu geschriebenem Recht zu machen, so wich doch mehr und 
mehr der alte Ehrfurchtgebietende Geist . der Fehme; um so 
weniger konnte sie der gelehrten Jurisprudenz, die seit dem 
12. Jahrhundert von den oberitahschen Schulen eines Jrnerius 
und Accursius aus über Deutschland Macht bekam, widerste- 
hen, und wurde endlich selbst vor das Hoch- Noth-Peinhche 
Halsgericht Kaiser Karl's gestellt und zum Tode verurtheilt. 
Durch dieses Gesetz wurde der Inquisitionsprozess als der von 
nun an Deutsche festgestellt, und das alte Accusationsverfahren 
der Freigerichte behielt nur noch ein precaires Dasein von der 
Langmuth jener Zeiten und dem rührenden Zuge deutscher Ge- 
müthlichkeit , nicht gern zu begraben , was ■ lange gelebt hat, 
und wäre es auch seit Jahren gestorben. 

Fixirter als das materielle war das formelle Recht der Fehme ; 
die übergrossen Förmhchkciten sind immer ein Zeichen von der 
Innern Halt- und Rathlosigkeit einer Legislation ; so mochte auch 
der Freigraf um so sorgfältiger alle Yorschriften bei der Hegung 
des Gerichts beobachten, um so genauer darauf sehen, dass der 
Frohn jedes Wort der alten Reime dabei hersage, je misslicher 
ihm die Entscheidung der Sache selbst schien. Der Freigraf 
wurde von dem Stuhlherrn (Dynasten, Stadt, Stift u. s. w. ober- 
ster Stuhlherr ward nach Heinrichs des Löwen Sturz '1180 der 
Erzbischof von Köln als Herzog von WestphalenJ eingesetzt; die 
Schöffen aber wurden aus dem Stande der Freien, vielleicht aus 
den Rachinburgen des salischen Gesetzes von der Fehme selbst 
unter vielen Förmlichkeiten angenommen, und mit den Heim- 
lichkeiten bekannt, wissend gemacht. (Dass, während überall 
in Deutschland der Stand der Freien beinah völlig ausging und 

12 



— 162 — 

in Ministerialen und Schutzhörige und Cerocensualen u. s. w. 
im Laufe der Zeit sich verwandelte, in Westphalen so viel 
alte Freie auf angestammter Wehre sich erhielten und bis auf unsre 
Zeit Namen und Rechte zu behaupten wussten, ist ein Umstand 
so Singular, wie das Fehmgericht selbst, dessen Existenz er 
bedingt und mit dem er zeugt, wie fest und lief in die rothe 
Erde jede Wurzel des einmal Norm gewordenen dringt.) Jene 
Heimlichkeiten der Fehme bestanden in einem Freischöffen- 
Gruss: Etk grüt ju lewe Man, wat fange ji hie an? — der 
Wissende erwiederte: Allet Glück kehre in, wo de Fryenschep- 
pen syn; ferner in drei geheimen Alphabeten, Erkennungszeichen 
bei Tische, einem Nothwort: „Reinir dor Feweri," und der 
Losung, die oben angeführt wurde; die Verletzung wurde durch 
Ausreissen der Zunge und andre Grausamkeiten gerächt. Zum 
Gerichte gehörten ausser dem Freigrafen sieben Schöffen, ein 
Frohn und oft auch ein Schreiber. Der Freigraf hegte mit ihnen 
entweder ein offenes Gericht, wo Keinem der Zutritt verwehrt 
war, oder ein Stillgericht, ein geschlossenes, heimliches, wobei 
nur Wissende den Zutritt hatten; dieses heimliche aber be- 
deutete nur das Geschlossene, Besondre, Vertraute; so kommt 
das Wort oft vor, ein hessischer Fürst nannte seinen Amtmann: 
lieber Heymelicher und getruwer; „Gerhard von Nassawe und 
lyse frawe von Meerenberg" schlössen einst „eine Heimlichkeit 
und eine Ehe." Beide Arten von Gerichten wurden nun aber 
entweder an gewissen bestimmten Tagen nach alter Sitte gehegt 
und Messen dann Ungebott oder echte Ding; oder der Freigraf 
gebot eine Zusammenkunft der Schöffen zum Stuhle ; sie hiessen 
dann gebotene, verbotene Gerichte: Verbotung war so viel als 
Vorladung und der Fronbote war der Verboter: judicia vetita 
ist also eine absurde Uebersetzung. 

Die Fehme hörte schon in den frühern Zeiten ihres Wirkens 
auf, über Streitigkeiten des Privatrechts zu entscheiden und 
beschränkle sich auf die peinlichen Fälle; rasches Verfahren 
machte hier vorzugsweise die zusammengeboteten Gerichte nöthig 
und so bekam das ganze Institut den Namen der verbotenen 
Gerichte. 

Bei der Hegung selbst hatte vor allen der Freifrohn viel 
mitzureden. Der frygreve sali (waffenlos und nüchtern) up den 
frien Stoel sitten gan und begynnen des alsus: Ich fragen dich 



— 163 — 

frifrone, off des wal dach und tyt sy, dat ich in Stat und Stoel 
uns gnedigsten hern des Romschen Keysers ein hillich ding und 
gerichte hege und spanne to 'rechte under konix banne? der 
Freifrohn bejaht dies und heisst hegen mit eyme swerde und 
strycke oder seyle dair by; der Freigraf schliesst darauf die 
Unwissenden aus by deme banne und hogesten Wedde as by 
der weedt (Weide) und reype (Strick) und verbietet alle 
„Dingslege" oder Störung; wer dagegen fehlt, sich einschleicht 
„belustert", den, gebietet der Freifrohn dem Grafen, sollt ir 
noymen mit syme kristlichen namen und binden eme syne hande 
vur to samen und doin eme eyn seyl oder Weet umb synen hals 
und hangen ene an den erstenu boym, den ir dan da gehaven 
mögen. 

Die Klagen wurden nun angebracht, die Ladungen verfügt, 
drei ode* viermal nacheinander , die Urtheile von den Schöffen, 
den eigentlichen Richtern in unsrem Sinne, aus der Rechtsquelle 
geschöpft, „gewyset," (daher Wyser, Wissende,) von dem Frei- 
grafen ausgesprochen, von dem Umstände, den Standgenoten, 
fryen scepenbaren Mannen , gebilligt oder gescholten. Der Eid 
zweier oder dreier Schöffen gegen den Angeklagten galt als 
voller Beweis; doch konnte der Beklagte durch seinen Eid und 
den von sechs Eideshelfern sich wieder reinigen, dann wieder 
überführt werden durch den Eid von vierzehn Eideshelfern des 
Klägers, u. s. w. • Dies hiess ubersiebnen. Die Bitte um Revision 
einer abgeurtheilten Sache musste eingeführt werden von dem 
Verfehmten mit einem Strick um den Hals, einer Königsmünze in 
der Hand, und unter Fürsprache zweier Schöffen. Dann konnte 
die Acht von ihm genommen werden. Die Acht selbst aber, 
welche der Freigraf über den Verbrecher aussprach, (der nicht 
etwa auf handhafter That, „hebender Hand, blinkenden Scheines, 
gichtigen Mundes'' von zwei Schöffeh ertappt und dann auf der 
Stelle gehangen war,) lautete also: Den beclageden man mit 
namen N. den n§me ich hir up und uit dem vreden, uit den rech- 
ten und frieheid, as die Paiste und Keyser gesatt hebn 

in dem lande to Westfalen und werpe ene neder und sette ene 
uit allen vreden in den. hogesten unvreden und ungnade und 
make en unwerdich, achteloss, rechtloss, vredeloss und unbe- 
queme, und wyse synen hals dem reype, synen lychnam den 
Yogelen und dieren in der luft to verteren und bevele sine seyle 

12* 



— 164 — 

gade van hemele in syne gewalt und sette syne lene und gut 
ledich den lieren, dair di van rorende sint, syn Wiff Wedwe, 
sine Kinder weysen. Der Freigraf nahm dann den Weidenstrick, 
bog ihn und warf ihn aus dem Gerichte hinaus und der sämmt- 
liche Umstand spie aus: gelich off men den selven vort ter sel- 
ven stont henge. Doch ist die Formel nicht feststehend. 

Der Freistuhl zu Dortmund ward als der oberste betrachtet, 
die Kapitel kamen bei ihm wie in Arnsberg zusammen, Kaiser S-i- 
gismund Hess sich 1429 bei ihm wissend machen; er hiess der 
Spiegel-, des Königs und des heiligen Reiches heimliche Acht und 
Kamer; wir sehen einen Erbgrafen von Lindenhorst ihn hegen, 
der als alter Karolingischer Graf ohne Landesherr zu werden oder 
zu einem Landesherrn in untergeordnete Verhältnisse zu treten, 
fortfuhr, unmittelbar im Namen des Königs zu richten; er war 
der Grossrichter des Reiches und in seine Hände legte der Kaiser 
bei der Krönung zu Achen den Eid ab, „dass in seynem Herzen 
beslossen sein söllent alle Recht u. s. w. — mit mereren 
Worten, als dann ainem jeglichem Romischen Kunig durch den 
Erbgrafen us Westphalen zu Auche in den aid gegeben wirrt," 
— Der älteste Freistuhl bei Dortmund ist der „auf dem Königs- 
hofe unter der Linde/' die Stelle, auf welcher wir uns befinden; 
als aber 1343 der Erbgraf Conrad von Lindenhorst seine halbe 
Grafschaft dem Rathe von Dortmund verkaufte und dieser nun 
Stuhlherr wurde, verlegte er den- "Malplatz in -die Stadt auf den 
Markt; nach einem halben Jahrhundert • aber fand man es für 
gut, wieder hinauszuziehen an den Stadtgraben unter die Linden. 
Als am Ende des 15, Jahrhunderts die Grafen von Lindenhorst 
ausstarben, kam die Freigrafschaft völlig in den Besitz der Stadt, 
Ihr letzter Freigraf starb erst in diesem Jahrhundert, 

Dortmund ist eine der ältesten freien Reichsstädte; schon 
1220 erkannte ein Diplom Friedrichs IL sie als solche, und viele 
andre Städte nahmen ihre musterhafte Verfassung an. Ihren Namen 
leitet man von Karl's des Grossen Grafen TrutmaHn her, der mit 
ausgedehnter Vollmacht über einen grossen Theil Sachsens gebot, 
oder von der Stärke ihrer triamoenia; Tremonia ist danach ihr 
lateinischer Name. Eine alte Chronik lässt die' Stadt um 800 
von Karl dem Grossen selbst erbaut und in der Mitte des 10. 
Jahrhunderts von den Hunnen belagert werden und 1005 Kaiser 
Heinrich eine Synode in ihren Mauern halten; Karl IV. zog fei- 



— 165 — 

erlich eingeholilt 1377 auf seiner Reise durch Westßhalen in 
Dortmund ein und nalim aus der silbernen Tomba, welciie in 
der Kirche des heiligen Reinold die Gebeine dieses Märtyrers 
bewahrt, einige Reliquien mit sich. Andre Schauspiele sah die 
Stadt im 16. Jahrhundert, wenn die Bürgerschaft nach altem Ge- 
brauch auf dem Markte zwei Tage hintereinander Actiones oder 
Comödien aufführte, z. B.: Ein christlich Biblisch spiel aus den 
dreyen Evangelischen Parabeln, vom grossen abendmahl, von 
der Königlichen Hochzeit, und vom AYeinberge, die Zerstörung 
der Stadt Jerusalem begreifend, im schein weltlich fürgebildet, 
aber geistlich zu verstehen und allen Christen Avohl zu betrach- 
ten. — . 

Unter den Bauwerken Dortmunds ist die Reinoldskirche se- 
henswerth; die katholische Kirche besitzt gute Malereien; im' 
Ganzen ist die Stadt hell und freundlich, hat aber wenig Spuren 
ihrer alten Herrlichkeit mehr. Die Sage lässt Dortmund von 
Reinold, „dem' dreisten HaimonskiYid "■' beschützt werden, und 
kennt einen Bäcker von Dortmund, dem zur Strafe seines Geizes 
das Brod zu Stein ward und Blutstropfen schwitzte. — 

Vcn Dortmund führt 'uns die Strasse über das salzreiche 
Unna und Werl durch eine ebene Landschaft, Avelche der „Hell-, 
weg" heisst, nach einer andren freien und des Reiches Stadt; es 
ist Soest, das einst so mächtige und blühende, als noch der 
Schlüssel im rothen Felde seines Wappens auf meerdurchkreu- 
zenden Gallonen als Flagge wehte, als noch statt 8000 an die 
40,000 stolzer Bürgerseelen hinter diesen zerbröckelnden Mauern 
wohnten und siegreich sich behaupteten gegen ein wüthend stür- 
mendes Heer von 80,000 Kriegern. Jetzt liegt der düstre stille 
Ort wie ein gebrochner Krieger, wie' ein letzter, schattenhaft 
vor uns auftauchender üeberrest einer tapfern Schaar, hinter 
seinen geebneten Wällen da; die Schaar der Hanse ist todt, ihm 
hat man seine letzten Waffen, die sechs und dreissig Thürme, 
die acht hohen Thoit, die starken Bastionen entrissen; es ist 
das alte Soest nicht mehr, es hebt seine Thurmspitzen und die 
zackigen übergrünten Giebel seiner Kirchen, ein anderes Vineta, 
aus der Tiefe verrauschter Jahrhunderte empor, wie die versun- 
kene Stadt sie hebt aus dem Grunde der Meerestiefe. Die Hau-- 
ser sind unansehnlich jetzt, weite Gehöfte und Gärten füllen den 
Raum, der einst bewohnt und belebt war: nur der Markt und 



— 166 — 

der daran stossende Domplatz sind freundlicher und von bessern 
Häusern umgeben; unweit davon liegt in der Mitte der Stadt ein 
bedeutender, nie gefrierender Teich. Die fruchtreiche Landschaft 
ringsumher von ungefähr 4 Quadratmeilen Grösse, die einst der 
Stadt Gebiet bildete, heisst dieBoerde, wohl von „beeren," heben, 
(wo man die- Frucht, die Gefälle hebt.) Der Stadt Namen 
Soest, Susatum, Susatz, Sosa von „Zusatz" (zu einer alten Burg) 
herleiten zu wollen ist bedenklicheres Wagniss. Jene Burg soll 
schon 345 von den Friesen erbaut sein, die in einem Kriege mit 
den Westphalen einen Haltpunkt in Feindes Land sich befestig- 
ten; die Sage nennt sie eine Wittekindsburg; sie scheint die 
älteste von allen Mauerburgen zwischen Weser und Rhein zu 
sein; ein in der Nähe der Petrikirche befindlicher Ueberrest zeigt 
Wunderbarer Weise hinter dem abfallenden Mörtelüberwurfe leise 
Spuren von einer wohl vorchristlichen Kalkmalerei. Soest soll 
vor der Besitznahme durch Wittekind an die Franken gekommen 
und im 7. Jahrhundert von Dagobert dem Erzbischofe Cunibert 
von Jvöln geschenkt worden sein; darum habe im 10. Jahrhundert 
Bruno von Köln den heil. Patroclus der Stadt gegeben und ihr 
das Münster bauen lassen; wahrscheinlicher ist Soest von Karl 
.dem Grossen besetzt, von Heinrieh dem Finkler befestigt, der 930 
die Burg bewohnt haben soll, dann unter Weifische Hoheit ge- 
kommen und nach dem Sturze Heinrichs des Löwen vom Kaiser 
dem Kölnischen Erzbischofe Philipp von Heinsberg untergeben 
worden. Auch mit den Nibelungen bringt die Sage Soest in 
Verbindung. Ein Codex des grossen Gedichtes (der Hundsha- 
gensche) trägt die Marginalbemerkung, dass Männer von Soest 
und Münster dieses Lied nach dem Rheine gebracht hätten und 
dass man in Soest noch ein Thor zeige, wodurch Hagen gekom- 
men und den Garten, durch welchen die Nibelungen gedrungen, 
so wie den Schlangenthurm , wo Gunter enthauptet sei. Dieser 
Schlängenthurm stand früher nördlich vom Osthoferthor , Hagens 
Thor glaubt ein Alterthumskenner in einöm alten Bogen beim 
Nöttenthore entdeckt zu haben. So wäre für Westphalen auch 
noch ausser in Heinrich von Veldeck, der für der rothen Erde 
Sühn gehalten wird , ein Antheil am Gewebe der mittelhochdeut- 
schen Poesie nachgewiesen. 

Gewiss ist, dass Soest die älteste Stadt in Westphalen sei; 
sie wird auch Engerns Hauptstadt genannt ; aber wenn wir ,sie 



— 167 — 

oben unter Weifischer und Kölnischer Hoheit sahen, so ist dar- 
unter mehr ein Protectionsverhältniss als eine Herrschaft zu ver- 
stehen, denn Soest entwickelte seine innere Blüthe, seine merk- 
würdigen städtischen Institute ohne allen äussern Einfluss als 
freie reichsunmittelbare Stadt. Sie besass z. B. ihr ganz eigen- 
thümliches Stadtrecht, welches Muster so vieler andren und ein 
bedeutendes Moment in dem Rechtszustande des deutschen Mittel- 
allers wurde, die berühmte Soester Schrae, ferner eine muster- 
hafte innere Organisation und einen in hohem Ansehn stehenden 
Schöppenstuhl; sie stellt eine Blüthe an dem kräftigen Stamm 
deutschen Bürgersinns dar,- der einst so festes Mark in Selbst- 
bewusstsein , Unabhängigkeitsgefühl , Macht und Reichthum un- 
ter seiner Rinde barg. Die Städte Westphalens betrachteten 
sie als Vorsprecherin in allem Gemeinsamen. 

Die Entwickelung des Soester, für den Germanisten so wich- 
tigen Rechtes fällt hauptsächlich in das 12. und 13. Jahrhundert. 
Das älteste Gesetzbuch ist lateinisch geschrieben, ab^r nicht lange 
nachher schrieb man die Fortbildung dieses statutarischen Rechts 
in alt plattdeutscher Sprache auf, fügte nach und nach Novellen 
hinzu und bekam so die „alte Schrae" welche bis ins 16. Jahr- 
hundert gegolten haben soll; um diese Zeit wurde sie von einem 
Stadtschreiber Jasper van der Burg an die Seite geschafft, wovon 
der alte Vers sagt: 

De Schrae will wy wetten, der Borger Recht, 
Verklagen Mester Jaspar, der Stadt Diener und Knecht, 

Dat he uns hefFt vorentholden manche Tyt 

Der Burger Privilegia und Plpbislyt. — 

dies Avurde Veranlassung, dass man die „neue Schrae" aufsetzte; 
unter den Städten, welche sie annahmen, sind Hamburg und 
Lübeck, das sie wieder ah andre meist nordische Städte aus- 
theilte, vor allen zu nennen. Auffallend m dem Soester Gesetz- 
buch sind die. vielen Vergehen, die der Magistrat durch „ein 
Voder Wiens" sich brüchten lässt. 

Seine vielen' Privilegia und Rechte Hess Soest sich' von- den 
Schutzherrn durch pacta ducalia bestätigen, und verstand es, 
sie unangetastet zu wahren. Das wurde Graf Dietrich von 
Moers, der stolze Churfürst- Erzbischof von Köln und Bischof 
von Paderborn im 15. Jahrhundert inne. Fehden mit seinen 
Nachbarn, ein nutzloser Zug gegen die Hussiten nach Böhmen 



_ 168 — 

halten ihn in Schulden gestürzt; er hoffte sie zu decken durch 
eine starke Schätzung seiner Lande und begann damit, alle 
Menschen und alles Eigcnthum aufschreiben zu lassen. Das ging 
in seinen andern Besitzungen ohne Zwist vor sich, die West- 
phalen aber verstanden die Neuerung übel und wollten nichts 
von des Bischofs Schreibereien und Schätzungen wissen; sie 
waren nie so beschrieben worden und ihre Väter auch nicht und 
sie werden noch jetzt unwirsch, Avenn man sie beschreiben Avill; 
darum warfen sie barsch die Schreiber zum Thore hinaus. Der 
ehrenreichen Stadt Soest fürsichtiger Rath aber wurde gebeten, 
wie er schon oft gethan , den Zwist -der Städte mit dem Fürsten 
beizulegen. Desshalb und Aveil Soest grade am wenigsten von 
des Churfürsten Schätzung hören wollte, suchte dieser heim- 
lich die Bürger zu bestechen; er schlug vor, sie sollten die 
Schätzung zugeben, dann solle auf ihrem Rathhaus ein eiserner 
Kasten die gesammten • Einkünfte aufnehmen und je der dritte 
Pfennig der Stadt. zufliessen. Das war ein verlockendes Aner- 
bieten, aber die Soester waren zu ehrlich, des Landes Sache 
zu verrathen. Da hetzte der Bischof den Soestern Feinde auf, 
bezeigte sich überall tückisch und treulos gegen sie, das Dom- 
kapitel von Köln täuschte sie ebenfalls, der Bischof bewog die 
benachbarten Städte und Fürsten, in das Gebiet der freien Stadt 
einzufallen, endlich sandte er als oberster Stuhlherr in West- 
phalen drei Freischöffen nach Soest mit dem Mandat, es solle 
kein Recht und Gericht mehr in der Stadt sein, und die Bürger 
sollten Avieder von allem Gut den Zehnten an die Geistlichkeit 
geben. Das Avurde den Bürgern zu viel; sie beschlossen Leib 
und Leben für ihr Recht zu opfern und setzten den merkwürdi- 
gen lakonischen Absagebrief an den Churfürsten auf: 

Wettet biscop Dierich von möers, dat v)y den vesten 

Junker Johan van Cleve lever hebbet alss juwe, unde werd 

juiDe Meinet abgesagt. 
Dat. Soest, a. d. iiU. 
Damit begann die berühmte Soester Fehde , die Westphalen 
auf's schrecklichste verwüstete und alle seine Dynasten und 
Städte in die blutigsten Wirren riss. Für Soest waren Lippe, 
Hoya und Hohnstein, Avie die Stadt Lippstadt; den kräftigsten 
Beistand aber lieh ihm Johann von Cleve, dem als Schutzherrn 
die Bürger huldigten; Bischof Dietrich fand bald Ursache, sein 



— 169 — 

Verfahren zu bereuen, obwohl ihm fast das ganze übrige Wesl- 
phalen beistand und er die mächtigsten Bundsgenossen hatte; 
dennoch zerschlugen an seiner Tücke sich alle Unterhandlungen, 
wie die Congresse zu Moers und in der Kirche zu Oerdingen; 
die Fehde währte ohne bedeutende Resultate fort, der Churfürst 
lagerte sich mit grosser Macht vor Soest, musste aber nach li 
Tagen wieder abziehen, und die Bürger waren so wenig einge- 
schüchtert, dass sie bald nachher noch dem Bischof von Münster 
den Fehdebrief sandten. In einem HaupttrelTen auf Simon-Judä- 
Tag 1446 siegten sie , und so mochten sie herzlich über des 
Churfürsten einlaufendes Schreiben an eine ihrer Gilden lachen: 
„Wir u. s. w. lassen Euch wissen, dass uns ein innerhalb der 
Stadt ergangenes Gerücht zu Ohren gekommen, als ob wir Eure 
Feinde wären. Daran geschieht uns aber zuverlässig das gros- 
seste Unrecht." — Endlich aber mochte den stolzen muthigen 
Bürgern doch angst werden, als der Churfürst mit einem für jene 
Zeit ungeheuren Heere von 80,000 Streitern gegen sie in's Feld 
zog, darunter Herzog Wilhelm von Sachsen mit 26,000 der wil- 
desten böhmischen Söldner , die mehr Thieren als Menschen ähn- 
lich sahen, und Meissner und Thüringer Knechten, so nicht viel 
besser waren; jene unterliessen nichts, um die Gräuel des Hussi- 
tenkrieges in das unschuldige Westphalen zu verpflanzen. Aber 
auch der Herzog von Gleve verstärkte seine Armee; er hatte an 
Burgund einen Helfer gefunden, ausserdem standen ihm die mär- 
kischen Städte bei: so kam es, dass des Churfürsten Macht sich 
an den Mauern von Lippstadt und Soest brach. Nachdem er 
einen grossen Theil Westphalens, das Lippische und das linke. 
Weserufer hatte verheeren lassen, stürmte er 12 Tage lang ver- 
geblich das vom Herzog von Cleve vertheidigte Lippstadt und 
zog dann auf Peter-Pauls Tag 1447 vor Soest, hub an, die 
Mauern zu beschiessen und Sturmleitern von mächtiger Grösse 
zu fertigen. Drinnen aber trug man Sankt Patroclus Gebein um- 
her und las an den vier Enden der Stadt ein Theil der vier 
Evangelisten ab ; dann begann das Stürmen ; zu Hunderten klimmte 
das wilde Volk des Bischofs die Leitern hinan, aber die Bürger 
wichen nicht, die Weiber traten in ihre Reihen, und was jener 
schwirrende Bolzen und Hackenbüchsen verschonte, das stürzte 
dieser glühender Brei und brodelndes AVasser in die Gräben hin- 
unter. So kam es, dass des Bischofs ganze Heerrüslung frucht- 

13 



— 170 — 

los blieb und er sein Lager nach vier Wochen wieder abbrechen 
miisste. Nun begann der kleine Krieg wieder, bis 1449, wo man 
zum Frieden sich einigte; Herzog Johann von Cleve und Herzog 
Adolph, sein Vater, wie die Gesandten von Soest kamen dazu 
nach Köln, Pabst Nicolaus V. sandte den Cardinal Johannes 
Sankt Angeli zum Congresse und dieser wusste es dahin zu 
bringen, dass man dem Pabst die Entscheidung der Frage an- 
heimstellte, wessen von nun an Soest sein sollte; dieser ent- 
schied, sie bleibe für immer in der Schirmherrschaft des Her- 
zogs Johann und seiner Nachkommen ; das bestätigte auch Kaiser 
Friedrich HL und so hatte Dietrich von Moers umsonst sich arm 
gemacht und geworben an ungeheuj"en Rüstungen, und die Soester 
hatten ihr Recht gewahrt und ihren Kopf durchgesetzt, keine 
unnütze Schreibereien in Westphalen dulden zu wollen. Von 
dieser Soester Fehde bewahren Gedichte und Volksgesänge das 
Andenken: unter andren eine plattdeutsche Art Reimchronik und 
ein Gedicht: „wu Korttelinkhusen gewunnen ward" beide ohne 
poetischen Werth. S. Emminghaus, 3Ion. Susat. Tross, Westpk. 
1825. Als 1609 der letzte Herzog von Cleve, Johann Wilhelm 
starb und ein Theil seiner Lande von Johann Sigismund von 
Brandenburg besetzt wurde , kam auch Soest unter dessen Dition. 
Es sank aber seit dem 16. Jahrhundert immer mehr von seiner 
Höhe und Macht; vorzüglich hart bedrängte es der 30jährige 
Krieg, der grimme Herzog Christian von Braunschweig, die 
Spanier, die Italiener, die Kaiserlichen wechselten sich in dem 
Verheerungswerke ab. Zu jener Zeit hat auch Simplicissimus, 
der abentheuerliche, zu Soest im Quartier gelegen; er geräth 
dort in ein altes Kellergewölbe, wo er durch zwei Pistolenschüsse 
eine Oeffnung in das Mauerwerk bricht und einen reichen Schatz 
von Edelsteinen^ köstlichem Geräth und vielen Münzen findet; 
man erzählt ihm dann ,. es sei längst gemeine Sage im Land, dass 
ein eiserner Trog voller Geldes in dem Gemäuer sei , den 
ein schwarzer Hund hüte , zusammt einer verwünschten Jung- 
frau; nur durch einen fremden Edelmann, der in's Land komme 
und den eisernen Trog mit einem feurigen Schlüssel aufschllesse, 
könne sie erlöst werden, wer aber von fahrenden Schülern oder 
Teufelsbannern noch bei Mannsgedenken danach ausgegangen, dem 
habe das gräuliche Ungeheuer nach überstandener schröcldicher 
Angst den Bescheid mitgegeben, Niemand könne den Schatz 



— 171 — 

heben, der nur einmal Weibermilcli getrunken: „vor wenig Jah- 
ren wäre ein Mägdlein mit etlichen Geissen dess Orts auf der 
Weyde gewesen, als ihr aber eine davon entloffen und in besag- 
tes Gemäuer kommen, hätte ihr das Mägdlein nachgefolget : zu 
demselben seye die Jungfrau kommen, und hätte es gefragt, was 
es da zu schaffen habe, und demnach das Mägdlein geantwortet: 
Es wolle seine Geiss wieder holen, hätte die Jungfrau demselben 
ein Körblein voller Kirschen gewiesen und gesagt, so gehe und 
nimm dort von dem, was du vor dir siebest mit sampt deiner 
Geiss , komme mir aber nicht wieder und siehe dich auch nicht 
umb, damit dir nichts arges wiederfahre; darauff seye das Mägd- 
lein erschrocken und habe in solcher Angst sieben Kirschen er- 
tappet, welche, sobald sie vor das Gemäuer kommen, zu Gold 
worden." Eine andre Soesler Sage erzählt von einem Ritter 
Themo , der Tag und Nacht seine Zeit mit Würfeln und Dobbeln 
zugebracht: zu dem tritt eines Abends ein Unbekannter mit einem 
Säcklein voll Geld in's Haus und begehrt zu spielen : Ritter Themo 
langt freudig den Becher mit den Würfeln lier, aber er 
wirft unglücklich, Wurf nach Wurf, bis er zornig den Unbe- 
kannten den leibhaftigen Satan schilt: und siehe, was Ritter 
Themo nicht gedacht hatte, der fremde Herr fasst ihn beim 
Kragen und fliegt mit ihm durch die Decke und das Dach des 
Hauses und hoch in die^ Lüfte: die Dachziegel fand man mit 
blutigem Gehirne besprützt: wohin aber sein Körper gekommen, 
das hat Niemand bis auf diese Stunde erfahren. 

An Soest knüpft sich der Name eines geistreichen Satyrikers, 
der Guardian der Minoritenmönche war und Gerwyn Haverland 
hiess; er schrieb eine (1539 gedruckte) Art von Komödie: „Eine 
gemeine Bicht oder Bekennung der Prcdicanten tho Soest", deren 
scharfe Stacheln sicli gegen die Anhänger der Reformation rich- 
ten. Ein für die Geschichte der Kunst ungleich wichtigerer 
Name ist der des Soester Goldschmieds, Malers und Kupferste- 
chers Heinrich Aldegrever (Trippenmacher). Er ward 1502 in 
Soest geboren und zog gen Nürnberg, um von Meister Albrecht 
Dürer die Schilderei und den Kupferstich zu erlernen; auf seinen 
Reisen nannte er sich Albert von Westphalen; desshalb hat man 
ihn auch Albert genannt und zwei Künstler Aldegrever an- 
genommen; doch stammen die Bilder, welche ihn zum ersten 
der sogenannten „Kleinmeisler" in der Kupferstecherkunst nacli 

13* 



— 172 — 

Albrecht Dürer machen, von dem einen Meister Heinrich, dessen 
Hand ausserdem die Kirchen seiner Heimath mit grossen treffli- 
chen Gemälden im Style seines Meisters geschmückt haben soll. 
Sein Monogramm ist A G. Nach dem Geschmacke seiner Zeit sind 
seine Arbeiten mitunter an cynische oder satyrische -Sujets ge- 
wendet, was ihrer Erhaltung geschadet hat. Zu den berühmte- 
sten gehört die Bürgerhochzeit, woraus zugleich der Wohlstand 
Westphälischer Patrizier in jener Zeit erhellt; keiner der Frauen- 
und Männergestalten fehlt der reiche Schmuck von schweren 
Ketten und Perlenschnüren; die Männer tragen Siegelring, Degen, 
Dolche und künstliches Wehrgehenk über den reichgeschlitzten 
Wämsern, die Frauen ein sonderbares Kopfzeug und lange Schlepp- 
kleider mit kostbaren Bügeltaschen an eleganten Chatelainen. 
Auf einem andern Blatte, welches Titus Manlius, den Rö- 
merhelden darstellt, zeichnete Aldegrever ein Mordinstrument, 
das man überrascht für eine Guillotine erkennt, die übrigens 
öfter auf Bildern aus frühern Jahrhunderten (z. B. in Cat's Ge- 
dichten, Folioausgabe, Amsterdam 1658) vorkommt. Aldegrever 
soll 1558 gestorben und auf dem Friedhofe* der Petrikirche be- 
graben sein. Vielleicht noch berühmter als Repräsentant West- 
phälischer Kunst im Mittelalter , um von ihr hier im Zusammen- 
hange zu reden, ist ein anderer Name, der dem Münsterlande 
angehört. Er ist der Israels von Mechgln, besser Meckenem, der 
als Goldschmidt zu Bochold lebte (von 1440 bis 1503?) und 
vielleicht der erste deutsche Kupferstecher ist. Er scheint Schü- 
ler van Eycks gewesen zu sein, in dessen Style er Bilder in 
schönem edlem Charakter schuf, die in ganz Europa verlangt 
wurden und besonders der Maler Lob und Bewunderung erhiel- 
ten. . Eine Zeichnung seines Grabsteines befindet sich im briti- 
schen Museum. Ueber sein Yerhältniss zu dem noch altern 
Meister F. von Bocholt, dessen Werke er überarbeitet hat, fehlen 
uns sichere Angaben. Bilder von ihm befinden sich in München 
Schieissheim, Nürnberg und Cöln. (S. Nagler Künstler -Lexicon, 
YIII. 535.) — Ihren Glanzpunkt hat die Westphälische Kunst- 
schule in dem sogenannten Liesborner Meister, wahrscheinlich 
einem Mönche aus der Benediktiner- Abtey Liesborn , der ältesten 
Klosterstiftung des Münsterlandes. Er schmückte im Jahre 1465 
fünf Altäre der Klosterkirche mit Gemälden aus, Avelche eine 
alte Chronik so reich an Gold und Farbenpracht nennt, dass 



— 173 — 

ihm unter den Griechen der erste Rang gebührt haben Avürde: 
ich nehme keinen Anstand, diesen Maler, der unberühmt, un- 
gekahnt in einer Westphälischen Klosterzelle seine Tage zu- 
brachte, gross, erhaben wie Rafael zu nennen und zu den gröss- 
ten Genien zu rechnen, deren Gestalten jetzt nur noch wie ver- 
bleichte Lilienhäupter von dem Goldgrunde mittelaltriger Gläu- 
bigkeit und Gotttrunkenheit den bessern Augen unter uns sicht- 
bar werden. Seine Zeichnung ist correcter, genialer denn die 
des Kölner Dombildmeisters, sein Colorit weich und durchsich- 
tig, seine Conception ist ideal, er ist so innig, so milde und 
fromm, aber reicher und vollendeter, als Fra Angelico da Fie- 
sole; w\ihrhaft wunderbar ist seine Kunst, fast ohne alle Schat- 
tirung die ganz von Licht beglänzten Köpfe und Gestalten doch 
täuschend wahr zu moduliren. *} 

Diese drei genannten Meister vertreten drei Richtungen der 
Westphälischen Kunstschule, wozu noch Tom Ring mit seinen 
Söhnen in Münster kommt; man nimmt an, dass um Aldegrever 
In Soest eine Schule sich get)ildet habe, woraus Jarenus hervor- 
gegangen sein soll, ein 3Ieister, von dem gute Bilder im Museum 
zu Berlin und in Wiltonhouse, dem Landsitz des Grafen Pem- 
broke in England sich befinden. Bei diesem letztern zeigt sich 
Einfluss der Niederländer; in der frühesten Zeit Westphälischer 
Kunstbestrebungen hat die Malerschule des Meisters \yilhelm in 
Köln augenscheinlich eingewirkt; der Liesborner Meister zeigt 
jedoch eine ganz eigenthümliche Entwicklung, — Noch mag der 
Name Hinrick Stavoer hier genannt werden , als der des Meisters 
der schönsten Schnitzarbeiten in den Kirchen unsres Landes, — 
Es ist .wahrscheinlich gemacht w^orden , dass Soest einst auch 
eine Kunstschule für Architectur, eine Bauhütte besessen habe; 
eine gewisse Eigenthümlichkeit, die in schlichter Würde sich cha- 
rakterisirt, kehrt in den meisten seiner schönen Baudenkmale 
wied£r und spricht für eine unabhängige Entwicklung der Kunst 
innerhalb der Mauern der denkwürdigen Stadt, Der Dom des 
heiligen Patroclus oder die Münsterkirche zeugt am unverkenn- 



*) Seine besten Schöpfungen befinden sich in Privatbesitz in Minden. Das 
Verdienst, zuerst auf den Liesborner Meisler aufmeriisam gemacht zu 
haben, hat Schorn's Kunstblatt 1833, Nro, 12 und 13. 



— 174 — 

barsten davon; er repräsentirt die Kunst des 10, und il. Jahrb., 
(^Erzbischof Bruno von Köln Hess im Anfange des iO. Jahrh. 
den Bau beginnen,) und zeigt besonders an der Westseite die 
höchste Vollendung des sächsischen Styles, der seine Bögen im 
Halbkreise schlug und durch die schwere Gewalt seiner Massen impo- 
nirte; die Arkaden dieser westlichen Fronte sind eines der schön- 
sten Denkmale dieses Geschmacks: wunderbarer Weise befindet 
sich über ihnen, in Sankt Patrocli Schutz gestellt, die Rüst- 
kammer der Stadt, wo Armbrust und Pfeile noch jetzt der wehr- 
haften alten Zeit Gedächtniss erhalten. Im Innern der Kirche 
werden die Gebeine jenes Heiligen in einem kostbaren Kasten 
mit schönen Skulplurarbeiten gezeigt, und ausserdem ein wun- 
derthätiges Bild, „der grosse Gott von Soest/' Karl's des Gros- 
sen Pathengeschenk an Wittekind , wie man sagt. Noch glän- 
zender ist die Kunst des 12, und 13. Jahrhunderts in Soest re- 
präsentirt; da hatte man die schweren sächsischen Bogenformen 
verlassen , in der lichten Spitzbogenform strebte die Kunst höher 
himmelan, wie dies fortwährende Efltfalten zu immer höher stre- 
benden Gebilden, dies kraftvolle Besiegen, dies stolze Nieder- 
treten der Materie überhaupt die schönste Eigenschaft der mittel- 
altrigen Architectur ist. Der Grieche fand in jonischer und 
corinthischer Säulenstellung eine schöne Form für den Geist, 
der seinen vollendetsten Ausdruck darin bekam; aber was an- 
fangs eine klare Crystallisation gewesen, ward ihm bald eine 
Versteinerung und das organische Wachsthum seiner Kunst be- 
kam eine todte Bliithe in jener vollendeten Form, die mit sich 
selbst zufrieden von weiterem Fortbilden abliess : daher kommt es, 
dass, wer eine corinthische Stellung, einen hellenischen Tempel 
aus der Blüthenperiode gesehen hat, sie alle sah. Anders bei 
unsrer Kunst; das Streben nach einer höhern Vergeistigung des 
Stoffes , liess jede neue Schöpfung lichter, schlanker, schöner 
sich gestalten: nennen wir doch den Haupt- und Mittelpunkt 
jedes Kunstwerks dieser Art, um den das andre sich gestaltet, 
die Säule, eine Strebe, das nie Rastende, zu Geist und Himmel 
empor ziehende des Werkes anzudeuten. Es giebt in unserer 
Heimalh kein Gebäu , worin dieser Characler deutscher Kunst 
glänzender sich ausspräche, als in der Kirche der heiligen Maria 
zur Wiesen in Soest. Sie soll von einer Gräfin zum Dank für 
die Heiinkehr ihres Mannes aus den Kreuzzügen erbaut und 



— 175 — 

1343 vollendet sein. Johannes Schandler wird der Meister ge- 
nannt. Das Schiff ruht auf acht schlanken Säulen und hat die 
vollendetsten Verhältnisse : ^en Osten schliessen es drei Chöre, 
wovon der mittelste wahrhaft prachtvoll durch seine reichen Ver- 
zierungen und Avunderbar schönen Glasmalereien in schmalen 
Fenstern von 70 Fuss Höhe ist ; denkwürdig ist eine dieser 
Schildereien, welche die Einsetzung des Abendmahls darstellt 
und worauf die Stelle des Osterlamms ein Westphälischer Schin- 
ken vertritt. Das Ganze ist nicht gross , aber von imposanter 
Höhe; diese tritt um so auffallender hervor, als das reiche Glie- 
derwerk der Pfeiler, ohne Unterbrechung durch Knäufe und Ge- 
simse, in fliessendem Zusammenhange an den Gurten der Decke 
entlang läuft. Schön ist auch das südliche Thor mit seinen zar- 
ten feinen Arbeilen. Soest besitzt noch mehrere sehenswürdige 
Baudenkmale, die Peterskirche z. B. und die Marienkirche zur 
Höhe, die ein Versuch zu sein scheint, bis zu welchem Grade 
der Willkühr alle Symmetrie sich verläugnen lasse. 

Suchen wir von Soest aus die schönsten Parthien des Lippe- 
thales auf, die in der Gegend des freundlichen Dorfchens Lipp- 
borg mit seinen hügelichten Wald- und Ackerfluren sich bieten. 
Haus Assen liegt hier, am rechten Ufer des Flusses, doch ent- 
fernt von ihm, der romantische Stammsitz des Grafen von Galen, 
wie ein altes Schloss aus einer Eichendorffschen Novelle, mit 
den blaubeschieferten Tluirmchen über dichte Waldesgipfel empor- 
ragend ; es ist eng aus Ziegelsleinen zusammengebaut, in einem 
wunderlichen eckigen Style, und muss einer Zeit angehören, 
welche die alten Felsenburgnester mit Donjon und Pontlevis 
unnöthig gemacht hatte, aber noch nicht wagte, in geräumigen, 
weit und bequem gedehnten Flügeln jeder Gefahr mit offenei- 
Brust und wehrlos zu trotzen. In der Tsähe ist Herzfeld , ein 
Dorf, welches die Erinnerung an die heilige Ida weiht. Sie war 
des Sachsenherzogs Egbert, des Neffen Wittekinds, Kranken- 
pflegerin im Frankenlande geworden; als er genesen, bat er die 
sanfte und fromme Base des grossen Karl, ihm in seine Heimatli 
zu folgen, und sie willigte ein und zog mit ihm, viele Tage lang, 
bis sie an die Lippe kamen; da rasteten sie, als es Abend ge- 
worden, weil es ihr wohlgefiel in den schönen Waldungen umher.. 
In der Nacht aber offenbarte ihr ein Traum, wie sie die Stätte 
wählen solle zu einem Gotteshaus'e und einer Gruft, darin einst 



— 176 — 

sie und ihr Gemahl ruhe. Nun Hess sie die Waldung lichten, 
ihr zahmer Hirsch trug die Steine zum Bau und bald erstand 
eine Kapelle, bald auch das Dorf, 4as nach dem Hirsche genannt 
wird; noch heute sieht man tief in dem Bette des Flusses den 
grünen Weg, welchen die Heilige mit ihrem Saumthiere wandelte. 
In der Kapelle selbst ist Ida abgebildet, wie sie unter einem 
Baume ruht und das treue Thier, den Kopf in ihren Schoos ge- 
legt, frommen Auges zu ihr aufschaut. Sie ruht in dieser Ka- 
pelle, in der Verschollenheit eines stillen Dörfleins, obwohl sie 
die Stammutter der mächtigsten deutschen Fürsten -Häuser, auch 
der preussischen Dynastie geworden ist.*} — Nach langer müh- 
seliger Fahrt, an dem Stifte Cappel und Lippstadt, dann an der 
Mündung der Alme in die Lippe vorbei, wo Else liegt, am 
wahrscheinlichsten des Drusus und unsrer Alterthümler Aliso, 
erreichen wir die Quellen der Lippe endlich am südwestlichen 
Abhänge des Lippischen Waldes , wie diese Parthie des Osnings 
genannt Avird. Das nahe Lippspringe besitzt dürftige Ruinen 
eines alten Sitzes der Tempelritter; im 14. Jahrhundert beher- 
bergte die Burg einen Herzog Heinrich von Lancaster, der mit 
400 Lanzen auf einem Zuge gegen die heidnischen Preussen be- 
griffen war: es ist nicht wahrscheinlich, dass der ritterliche 
Brite eine vortheilhafte Idee von Westphälischer Gastlichkeit 
heimgebracht habe, denn er wurde hier in der öden Senne vom 
Grafen von Ritlberg, von Hunold von Plettenberg und Johann 
von Padberg überfallen und um alle Habe, Gold, Silber, Waffen 
und Kleidungsstücke gebracht.^ Von Lippspringe über Neuhaus, 
der frühern Residenz der Fürstbischöfe von Paderborn, deren 
Schloss jetzt in eine Kaserne verwandelt ist, kommen wir nach 
dem Ort Pa Thalbrunnon, beim Thalbrunnen, wie man etymolo- 
gisirt, dem Sitze des ältesten Bisthums in Westphalen. Hier 
auf den Hügeln um die unzähligen (300?) Quellen der Pader 
hielt Karl der Grosse schon 777 den ersten grossen Reichstag 
im Lande der Sachsen , hier erschienen die Gesandten der Emire 
von Saragossa und Huesca vor ihm, um seine Hülfe anzuflehen 
gegen den Kalifen Abderrahman. Das war die Veranlassung sei- 
ner Sarazenenkämpfe an den Ufern des Ebro, die Veranlassung 



*) Das Herzfeld gegenüber am linken Ufer der Lippe liegende Pletten- 
bergsche Gut Hovestadt soll einst Egberts Sitz gewesen sein. 



— 177 — 

jener Abenlheuer seiner Paladine, welche die Sage des Mittel- 
alters zu einem üppigen Arabeskengewinde verschlungen hat, 
durch dessen farbig glühendes Blüthen- und Blättenverk das 
kecke behelmte Ritterhaupt Bojardo's und das schelmische Poe- 
tenauge Ariosto's euch anlächeln. Im Jahre 799 bcAvirthete der 
grosse Herrscher den Pabst Leo III. in dieser Stadt, der flehend 
und klagend über sein schuftiges Römervolk , das den heiligen 
Mann misshandelt hatte, zu ihm kam; das war die Veranlassung 
zu Karl's Römerzug im Jahre 800, zu seiner Krönung in der 
St. Peterskirche, zu der ersten Erneuerung des abendländischen 
Kaiserthums und der ganzen Römischen Reichs - Herrlichkeit 
deutscher Nation. — Der Apostel dieser Gegend und des Pa- 
tergau's war der heil. Sturmio geworden; Karl liess darauf mit 
grosser Pracht eine Salvatorskirche an der Pader erbauen und 
stiftete 780 ein Bisthum hier, dem einstweilen das feste Herstelle 
zum Sitze angewiesen wurde, wesshalb es Anfangs das Herstel- 
lische hiess. Der erste Bischof war Hathumar, Zur Dotation 
wurden unter andren die Dienste vier alter sächsischer Familien 
• geschlagen, welche die vier Säulen und edlen Meier des hohen 
Domstifts hiessen; es sind die von Flechten Qetzt von Haxt- 
hausen) und die von und zu Brenken ,noch davon übrig. Unter 
den Bischöfen nach Hathumar muss hier der heilige Meinwerkus 
genannt werden; er war Verwandter und Hofkaplan Kaiser Otto's 
III. und eine Art Sixtus V. unter den Prälaten Paderborns, thätig, 
lebhaft, witzig, eifrig in seinem Berufe; ein grosser Wirkungs- 
kreis hätte vielleicht seine vielgouvernirende Lebhaftigkeit verwirrt, 
aber er war ganz der Mann , um ein unwirthliches Land voll 
einer rohen Bevölkerung zu lichten, zu cultiviren , geistig und 
physisch aufzuregen. Die Menge der Schenkungen, welche er 
dem frommen Kaiser Heinrich IL und seiner jungfräulichen Ge- 
mahlin Kunigunde für die Kirche abzugewinnen wusste , geht in's 
Unglaubliche. — Im 16. Jahrhundert verursachten Reformations- 
versuche lange und für die Bischöfe, welche seit 1118 als Reichs- 
fürsten anerkannt wurden, verdriessliche Wirren in der Stadt 
Paderborn, die jedoch der endliche .Sieg des Katholicismus bei- 
legte. Die aristocratischen Verwaltungsgrundsätze des Magistrats 
veranlassten im 'Anfange des 17. Jahrh. den denkwürdigen Btir- 
geraufstand , welcher einen Liborius Wichards zun unumschränk- 
ten Gebieter machte, bis er vom Fürsten nach einer kurzen Be- 

li 



— 178 — 

lagerung 1604 hingerichtet wurde. Wie Herzog Christian von 
Brauns chweig das Hochstif't ausgeplündert, wre er aus den sil- 
bernen Aposteln des Domes Thaler geschlagen, um sie ihre 
Pflicht zu lehren: „hinauszugehen in alle Welt," ist bekannt. 
Der 23. November 1802 gab (durch den Reichsdeputationshaupt- 
schluss) auch dies Hochstift als Erbfürstenthum der Krone 
Preussen. 

Paderborn besitzt zwei schöne Bauwerke, in der Kirche des 
früheren Jesuiten-Collegiums und in seiner Calhedrale. Zum Domo 
begann Bischof Hatlmmar den ersten Bau, sein Nachfolger Badurad 
brachte ihn zu Stande und bereicherte das Gotteshaus mit den 
Reliquien des heiligen Liborius, die er unter grossem Gepränge 
aus Mans in der Normandie holen Hess. Im Jahre 1000 Avurde 
der Dom ein Raub der Flammen, die einen grossen Theil der 
Stadt verzehrten; die Krönung der Kaiserin Kunigunde, welche 
Erzbischof Willigis von Mainz 1002 in Paderborn vornahm, musste 
desshalb in einem andern Räume vollzogen werden. Damals 
lag an der Westseite dfer Cathedrale, wo jetzt der Fürstenberger 
Hof steht, ein Kaiserlicher Pallast. Das schöne Domgebäude,- 
das noch jetzt unsre Bewunderung erregt, ist eine Schöpfung 
des Bischofs Meinwerkus,^ durch dessen Thätigkeit es in sechs 
Jahren von 1010 bis 1016 entstand. Die Crypta unter dem Dom 
soll die Salvatorskirche sein, welche Karl der Grosse aufführen 
Hess, und darin ein Altar des heiligen Stephan der, w^elchen 
Pabst Leo HI, 799 in Paderborn einweihte. Ebenso rührt von 
Meinwerkus die schöne Bartholomäuskapelle her , und das Stift 
Bustorff, eine Nachbildung der Kirche des heiligen Grabes, wozu 
er den Grundriss durch Abt Winon von Heimarshausen aus Je- 
rusalem holen Hess. Die Cathedrale, deren Aeusseres nicht viel 
verspricht und einfache Structuren hat, ist im Innern durchaus 
imposant, una gehört hier der Uebergangsepoche aus dem vor- 
gothischen in den gothischen Styl an ; ein magisches Licht quillt 
durch die buntfarbigen Fenster des hohen schönen Chors in das 
weite Gotteshaus, dessen Schiff auf 12 kohen Pfeilern ruht und 
in schönen schlanken Verhältnissen sich aufbaut. An der Nord- 
eite des Chores sprudelt, unter dem Gebäude eine warme Ilaupt- 
quelle der Pader hervor; an der südlichen ist 'eine. Darstellung 
der Fabeln Aesjj^s in Basrelief merkwürdig. Die Bartholomäus- 
capelle ist ein Muster byzantinischer Eleganz. 



— 179 ^- 

Unter den ruhmwürdigen Namen, welche Paderborn illustri- 
ren, nehmen zwei seiner Bischöfe den ersten Rang ein; zuerst 
Oliver, der gelehrte Cardinal und Bischof von Sabina, der 
1227 als Fürst zu Paderborn starb; dann Ferdinand von Fürsten- 
berg, der Verfasser der Monuvienta paderbor?iensia , (gewählt 
1061} den wir weiter unten so strenges Recht an seinem nahen 
Verwandten werden üben sehn; sein Beichtvater war» der als 
Geschichtschreiber berühmte Jesuit Nikolaus Schalen. Auch Fried- 
rich von Spee lebte lange zu Paderborn; Gobelin Persona ward 
1358 hier geboren, und ist einer der bedeutendsten in der gros- 
sen Reihe gediegener Historiker Westphalens, welche mit den 
Annalisten von Corvei beginnt und in Heinrich von Herford, 
Diedrich von Nyem, Werner Rolevink, Arnold von Bevergern, 
bis auf Stangefol, Kleinsorgen, Kindlinger, Steinen etc. hinabgeht. 
Unter den Künstlern Paderborns haben sich Anton Isenhout als 
Kupferstecher, Fabricius als Maler einen Namen gemacht, als 
Bildhauer Gruninger, von dessen Arbeiten (Liboriuskasten) 
der Dom mehrere besitzt. Der Meister des schönen Grabmals 
von Bischof Rotho im Dome ist unbekannt geblieben. Der älteste 
Dichter und Geschichtschreiber Deutschlands, der fünf Bücher 
Annalen über die Thaten Karl's des Grossen schrieb, der be- 
rühmte Poeta Saxo soll unter Kaiser Arnulph ein religiöses Le- 
ben in Paderborn geführt haben. — 

Ihr werdet es müde sein, in einem Lande mir weiter zu fol- 
gen, wo ich die romantischen Elemente aus alten Geschichtbü- 
chern euch suchen oder sie wie immergrünes Lauch und Steinbrech 
von Sächsich oder byzantinisch ausgemeisselten Steinen zusammen- 
lesen muss und -doch kein volles farbiges Gewinde ihnen abge- 
winne , es sei denn, ich fasste mit dreister Hand in einen hoch- 
blühenden duftigen Weisdorn, wie er einst seit Jahrhunderten mit 
Krone und Zweigen um die Mauerquadern der St. ßeorgskirche in 
Soest sich rankte, gleich einer ewig blühenden Sage um ein verwit- 
tertes Denkmal aus verschollenen Tagen. Aber getrost! wir stehen 
an der Schwelle in einer Landschaft, wo die Helle der blühen- 
den Gegenwart uns blenden wird für die Perspective in die däm- 
merigen Räume der Geschichte, wo die Romantik keine Art von 
Allraunwurzel mehr ist, die unter verschüttetem Gemäuer ge- 
funden wird, sondern von der lichten Sonne ihren Schmelz wach 
küssen lässt und uns entgegen duftet aus dem farbigen Epos 

14* 



— 180 — 

einer schönen Gotteswelt. Ntfr müsst ihr erst mir noch verstat- 
ten, von der Wevelsburg und der schönen Kirche zu Büren euch 
zu erzählen. 

Die Wevelsburg ist der interressanteste Punkt in der Nähe 
Paderborns; hart an den schönen Ufern der Alme erhebt 
sie auf einem felsigen Hügel ihre Dächer und Thürme, und die 
alten Mauern, mit denen sie im Grundriss ein rechtwinkliges 
Dreiek bildet. Ursprünglich eine Verschanzung der Hunnen aus 
dem 10. Jahrhundert, dann eine Burg Wevels von Büren, ward 
1122 Friedrich der Streitbare von Arnsberg einer ihrer Er- 
bauer; im Jahre 1301 tritt ein Graf von Waldeck sie an das Stift 
Paderborn ab, dem sie von da an geblieben ist. Mehr als die 
Geschichte hat die Sage sie bereichert. Im Verliesse des „Nor- 
berlloches" soll der wilde Arnsberger jenen heiligen Mann haben 
schmachten lassen, in ihren Gewölben die Vehme gehalten sein; 
durch ihre Räume schreiten die romanhaften Gestalten aus dem 
„Kuno von Kyburg" und. vielleicht auch der Schatfen des freylen 
Marschalks, von dem die folgende Ballade erzählt: 

Kurt von Sp lege 1. 

frommer Fürst, warum liessest so hoch 
Deines Marschalks frevelen Muth du steigen? 
War's sein kecker Witz, der dich betrog, 
Seine edle Gestalt, seine Anmuth im Reigen? 
frommer Bischof, was hast du gethan 1 
Unschuldiges Blut es klagt dich an. 
Um zu spätes Wort, nach zu langem Schweigen. 

An der Wevelsburg schallt Waldhurrah, 
Des Bosses Flank schäumt über den Bügel, 
Es keucht der Hirsch und dem Hirsche nah. 
Ein flinker Dogge, keucht Kurt von Spiegel; 
Von des Th'urmes Fahne begierig horcht 
Der arme Laydecker und unbesorgt 
Hält in der Hand er den rothen Ziegel. 

Da horch! Halali! die Jagd ist aus, 
Des Hirsches einzige Thräne vergossen , 
Ein Hörnerstoss durch des Waldes Haus 
Zum Geweide lädt die zott'gen Genossen, 
Und bald aus der Zweige grünem Geleit 
Die Treiber so stumm, die Ritter so breit 
Ziehn langsam ein mit den stöhnenden Rossen. 



— 181 — 

Der Spiegel spornt sein mattes Thier: 

„Verfluchte Bestie, du hast mich bestohlen ! " 

Da sieht er, an dies Thurmes Zimier, 

Den armen Laydecker auf schwanken Bohlen; 

„Ha! murrt er, heut weder Schuss noch Fang, 

So kam ich nicht heim mein Lebenlang, 

Ich möchte mir wohl diesen Spatzen hohlen!" 

Der Decker sieht, wie er starrt empor. 

Und will nach dem ärmlichen Hü'chen greifen, 

Da sieht er drunten blinken das Rohr, 

Da hört er den Knall und die Kugel pfeifen; 

Er ist getroffen — er scliwankf, er dreht. 

Mit Ziegel und Bohl und Handwerkgeräth 

Nieder er kollert zum Rasenstreifen. 

Und der Bischof schaut wie ein Tuch so blass, 

Er klemmt sein Boss, seine Augen blitzen: 

„ Marschalk I " — stöhnt er — die Stirne wiH nass, 

In die Zügel presst er der Finger Spitzen; 

Dann fährt auf die Wang ein glühend Roth; 

„Kurt von Spiegel!" ruft er, „das bringt Dir den Tod, 

Greift ihn, greift ihn, meine Treiber und Schützen!" 

Doch der Spiegel lächelt und niederschaut , 

Er lächelt auf die bleichen Vasallen: 

„Mein gnädigster Herr, nicht allzu laut, 

Eure Worte möchten im Wind verhallen ! " 

Dann wendet, er rasch , im gestreckten Lauf 

Durch's Thor er donnert, die Brück' hinauf. 

Und hinter ihm klirrend die Gitter fallen. — 

Verhallt im Dome zu Paderborn 

Ist des Bischofs Sferbegeläule , 

Und wieder im Dome zu Paderborn 

Den andern Herrscher man kor und weihte. 

Stumm fährt das Thal , die Felder hindurch 

Der neue Bischof zur Wevelsburg, 

Den stummen Truchsess an seiner Seite. 

Und als er über die Zugbrücke rollt 

Und sieht den mächtigen Thurm sich strecken, 

In seinem Busen ein. Seufzer grollt, . 

An seiner Inful welch braud'ger Flecken, 

Des Spiegels Blut in dem Stammbaum hell ! 

Leis seufzet er auf; dann spricht er srlinell: 

„Herr Truchsess, lasst unsre Tafel decken!". 



— 182 — 

Die Becher kreisen, — des Rheines Saft, 
Die Nichten und Muhmen , die frohen Damen, 
Der Vasallen Neigen, des Witzes Kraft 
Fast von der Stirn ihm die Falten nahmen. 
Da horch! im Vorsaal, ein Tritt in Eil ; 
Aufgeht die Thür und eine Säul', 
Der Kurt von Spiegel steht in dem Rahmen! 

Wie starrt der Bischof so todesbleich, — 

Im Aveiten Saal keines Odems Hallen — 

An's Auge schlägt er die Hand sogleich, 

Er schwankt, er wird von dem Sitze fallen; 

Dann seufzt er tief und hohl und schwer 

„Kurt! — Kurt von Spiegel, wo kommst du her? 

Greift ihn , greift ihn , meine Vasallen I " — 

• 

Kein Sünderglöckchen geläutet ward, 
Und kein Schaffot ward aufgeschlagen, 
Doch sieben Schüsse, die fielen hart, 
Und eine Messe, die hört man sagen. 
Der Bischof schaut auf den blut'gen Stein, 
Dann murmelt er sacht in sich hinein: 
Es ist doch schwer eine Inful zu tragen I 



Man zeigt auf der Wevelsburg noch die Spuren der Kugeln, 
die bei des Kurt Hinrichtung gefallen. Das Innere des Gebäudes 
ist jetzt zum grössten Theile wüsst, wie der gewaltige, 72 Schritt 
lange mit Wandmalereien al fresco geschmückte Rittersaal z. B. 
dessen Balcon eine herrliche Aussicht das Almethal hinauf bietet. 
Er liegt im obern Geschosse des westlichen Gebäudes, in dem 
südlichen Flügel ist der Eingang zum Verliesse, dem Norberts- 
loch, wo schwere eiserne Ketten und Ringe in den 10 Fuss 
dicken Mauern eingeklammert sind. Die Sage lässt den heiligen 
Norbert hier schmachten, während über seinem Haupte in den 
obern Geschossen der streitbare Friedrich seine Humpen leert 
und schwelgt — bis er von Gottes Hand getroffen mitten ausein- 
anderbirst, und ein Auflauf des Landvolks nun den frommen 
Dulder in Freiheit setzt. Die Wevelsburg zerfiel seitdem mehr 
und mehr in den Händen ihrer Pfandherrn, der Ritter von Bren- 
ken und Büren , bis Fürstbischof Theodorich von Fürstenberg sie 
einlösste und 1604^ 7 mit einem Aufwände von 36,000 Thalern 
ganz neu im Dreiecke aufFühren liess. Später von den Schweden 



— 183 — 

unter Krusemark destruirl, wurde sie uur theihveise wiederher- 
gestellt und geht jetzt völligem Ruin entgegen. 

Von der Wevelsburg wandern wir das schöne Thal der Alme 
hinauf, die an Erpernburg und dem Städtchen Büren vorbei, 
durch ein frisches Wiesenthal zwischen freundlichen bewaldeten 
Anhöhen, ein klares spielendes Gewässer die sanften Ufer ent- 
lang führt. Büren mit seinem grossen Collegiatgebäude und der 
schönen Kirche, mit dem nahen Frauenkloster Holthausen an ei- 
ner Gruppe von alten Baumwipfeln, macht einen aristocratischen, 
eine Art von Rococo- Eindruck durch den Styl der genannten 
Gebäude aus dem vorigen Jahrhundert, der seine vollendetste 
höchste Zierlichkeit eben in, jener Kirche ausgeprägt hat. Sie 
zeigt den italienischen Geschmack, wie man ihn damals ins 
Französische übersetzte, und ist ganz überwölbt von einer hohen 
Kuppel, welche der nadelspitze Tliurm zu überragen Mühe hat; 
von dem der Stadt zugewendeten Hauptportale herab segnet die 
Statue der heiligen Jungfrau unsren Eintritt, zur Seite prangt 
verheissend das Hagiograph der Gesellschaft Jesu , deren Kirchen 
ja bekanntlich alle durch Pracht und Reichthum sich auszeich- 
nen. Das Innere ist so imposant d'urch seine edlen Formen, wie 
blendend durch den Reichthum und die Frische der Zierrathen, 
nicht gross und doch geräumig genug um zwei Pfeilerreihen 
schlanke Seitenhallen bilden zu lassen. Gewölbe und Sei- 
tenwände sind mit lebhaften Freskogemälden bedeckt, die Scenen 
aus dem Leben der heiligen Jungfrau darstellen, jedes mit sei- 
nem Gipsraihmen in Cartoucheform, wie man es in den Säälen 
fürstlicher Schlösser findet: Thüren mit vortrefflicher Schnitz- 
arbeit, reiche Vergoldungen und was nur zierlich, blank und* 
freundlich machen kann , ohne durch Ueberladung dem Eindrucke 
der edlen Verhältnisse zu schaden, geben der Kirche das vor- 
vornehm Glänzende , dass sie uns eine geschmackvolle und präch- 
tige Schlosskapelle in vergrössertem Maasstabe scheint. — Das 
CoUegium zu Büren ist eine Stiftung des letzten Sprossen der 
einst mächtigen Freiherrnfamilie von Büren , die mit dem Jesuiten 
Moritz 166i erlosch; er hatte die Hälfte seiner Herrschaft dem 
Orden vermacht; dieser erwarb die andere Hälfte durch Kauf, 
konnte aber nach langem Hader mit Bischof und Adel erst i7i4 
den Bau des Collegiums beginnen; die Kirche ist aus noch spä- 
terer Zeit und gehört der letzten Hälfte des vorigen Jahrhunderts 



— 184 — 

an; das Gollegium ist Jetzt zu einem Schullehrerseminar um- 
geschaffen worden. 

Die Alme bildet an ihrer Quelle, über dem Dorfe Nieder- 
und Oberalme, ein Thal, welches ihr als die ¥rone aller Ro- 
mantik im Gebiete der Lippe anerkennen werdet, wenn ihr die 
tiefdüstre und doch so belebte und blumigte Schlucht betretet, 
in der Wildheit und Reiz in seltnem Grade verschmolzen um die 
Formen der phantatisch kühnen und doch fast zierlichen Stein-' 
zacken und Zinnen schweben. Immer dunkler, immer höher, 
immer steiler rückt die Thalschlucht um uns zusammen — vor, 
neben, um uns nichts als Felsgestalten, wie aus einem Mähr- 
chen entlehnt; in dem tiefen Kessel die Alme der Erde entbro- 
delnd und schäumend und wie ein wildgewordenes entsprunge- 
nes Ross sich ungestüm in die Räder mehrerer Mühlen stürzend, 
welche die Schlucht mit einem endlosen, vom Wiederhall ver- 
stärkten Gesause füllen ; noch tiefer hinein und die Felsen schei- 
nen fast zusammentreten zu wollen, schroff, schwindelnd, zu- 
meist gespalten, wie mit gothischen Spitzen und Creneaux ge- 
schmückt, als thürme eine zerstörte Cathedrale in wirren Struc- 
turen sich auf. Neben den düstern Rissen und Einsenkungen 
steht desto greller der Sonnenstrahl auf den ihm erreichbaren 
Vorsprüngen und hervortretenden Wänden, und lässt unten das 
sprudelnde Gewässer der Alme in tausend Funken aufblitzen. 
Wo die Seiten der Berge minder schroff und mit Erdreich be- 
deckt sind, da lässt der Schutz der Felsenwände die. üppigste 
Flora keimen und die Blüthe des wilden Leberkrauts überzieht 
im Lenz einen der Abhänge so dicht, dass er von fern wie eine 
lichtblaue Wand herüberleuchtet. Am Eingange des Thals scheint 
das Dorf Alme wie auf der Flucht begriffen vor seinen wilden 
Schrecknissen und schon halb den Hang hinangeklommen; über 
ihm steigt auf ihrer schwindelnden Felswand die Tinne empor, 
früher eine feste Burg, in deren Resten sich jetzt ein Edelhof 
angesiedelt hat, Avie eine junge Falkenbrut im überjährigen Neste 
— hier ein Thurm — dort ein Stück schuss- und feuerfesten 
Gemäuers, dazwischen das spätere Bauwerk, immer noch wie 
eine Burg aussehend, als ob mit dem Air einer mittelaltrigen 
Chatelaine coquettirend. 

Der Weg führt uns von hier über Brilon, eine graue düstre 
Stadt, in der nur der alterthümliche Giebel und die Säulenhalle 



■ — 185 — 

des Rathhauses unsre Aufmerksamkeit fesseln, über öde Berg- 
flächen, auf denen die Rippen gewaltigerer zerspülter Vorgän- 
ger, in Felsblöcke versteinert, den Kirchhof einer antediluviani- 
schen Natur bezeichnen, und ein kleiner Fluss, die Aa, so gewal- 
tig aus dem Grunde fährt, dass man wenigstens einen Rhein en 
herbe vermuthet, bis man ihn nach lyirzem Lauf nach und nach 
seine Gewässer, wie in ihre Löcher schlüpfende Ratten, in die 
Erde kräuseln gesehen; dann nach Antfeld, dem vielleicht voll- 
kommensten Rococo-Edelhof im Lande, in dessen Gärten noch 
grüne Truthähne alljährlich mit Taxusnadeln mausern. Hier aber 
haben wir ein andres Flussgebiet betreten., das Plateau von 
Brilon ist Wasserscheide zwischen Weser, Ruhr und Lippe und 
aus dem Gebiete des letzteren Flusses hab ich euch nur noch 
zum Schlüsse eine Sage mitzutheilen, welche sich an. den Lut- 
terberg in der Nähe der Wevelsburg knüpft. 

Das Fegefeuer des Westphälischen Adels. 

Wo der selige Himmel, das wissen wir nicht, 
Und nicht, wo der gräuliche Höllenschlund, 
Ob auch die Wolke zittert im Licht, 
Ob siedet und qualmet Vulcanes Mund ; 
Doch wo die westphälischen Edeln müssen 
Abbrennen sich ihr rostig Gewissen, . 
Das Avissen wir wohl, das ward uns kund. 

Grau war die Nacht, nicht dumpf und schwer, 
Ein Aschenschleier hing In der Luft; 
Der Wanderbursche schritt flink einher, 
Mit Wollust athmend der Heimafh Duft; 
bald, bald wird er schaun sein Eigen, 
Schon sieht am Lntterberg er steigen 
Sich leise schattend die schwarze Kluft. 

Er richtet sich, wie Trorapetensfoss 
Ein Holiah ho! seiner Brust entsteigt — 
Was ihm im Nacken? ein schnaubend Ross, 
An seiner Schulter es rasselt, keucht, 
Ein Rappe, — grünliche Funken irren 
Ueber die Flanken,. die knistern und knirren, 
Wie wenn man den murrenden Kater streicht. 

„ Jesus Maria 1" — er setzt seitab , 
Da langt vom Sattel es überzwerg — 
Ein ehrner Griff, und in wüstem Trab 



— 186 — 

Wie Wind und Wirbel zum LuUerbergl 
An seinem Ohre hört er es raunen 
Dumpf und hohl, wie gedämpfte Posaunen, 
So an ihm raunt der gespenstige Scherg: 

„Johannes Dewethl ich kenne dich! 

Johann! du bist uns verfallen heut! 

Bei deinem Heile, niclfl lach' noch sprich, 

Und rühre nicht an , was man dir beut ; 

Vom Brode nur magst du brechen in Frieden, 

Ewiges Heil ward dem Brode beschieden. 

Als Christ in froner Nacht es geweiht!" — 

Ob mehr gesprochen, man weiss es nicht, 

Da seine Sinne der Bursch verlor , 

Und spät erst hebt er sein bleich Gesicht 

Vom Estrich einer Halle empor; 

Um ihn Gesumme, Geschwirr, Gemunkel, 

Von tausend Flämmchen ein matt Gefunkel, 

Und drüber schwimmend ein Nebelflor. 

Er reibt die Augen, er schwankt voran, 
An hundert Tischen, die Hall entlang, 
Edle Geschlechter, so Mann an Mann; 
Die Gläser rühren sich sohder Klang, 
Die Messer regen sich sonder Klirren, 
Wechselnde Reden summen und schwirren, 
Wie Glockengeläut, ein wirrer Gesang. 

Ob jedem Haupte ein Wappen fast. 
An dem ein schwellender Tropfen hängt, 
Und fällt er nieder, dann zuckt der Gast 
Und einen Moment sich zur Seite drängt; 
Und lauter, lauter dann wird das Rauschen, 
Wie Stürme die zornigen Seufzer tauschen, 
Wie in der Klippe die Fluth sich fängt. 

Strack steht Johann wie ein Lanzenknecht 
Nicht trauen möchf er der glatten Wand, 
Nicht war der glimmernde Sitz ihm recht 
Wo rutschen die Knappen , so gewandt — 
Da sieht fer, Himmel, wer sollt' es denken! 
Den frommen Herrn, den Friedrich von Brenken, 
Dem schwankt der Römer in zitternder Hand. 

„Mein Heiland , mach ihn der Sünden baar !" 
Der Jüngling seufzet mit schwerem Leid; 
Er hat ihm gedient ein ganzes Jahr, 



— 187 — 

Doch ungern krendenzt' er den Römer ihm heull 
Bei jedem Schlucke sieht er ihn schüttern 
Ein blaues Wölkchen dem Schlund entzittern, 
Wie wenn auf Kohlen man Weihrauch streut. 

manche Gestalt ihm dämmert auf, 
Dort sitzt sein Pathe, der Metternich, 
Und eben durch den wimmelnden Häuf 
Hans vom Spiegel, der Schenke, strich; 
Prälaten auch je vier und viere, 
Sie blättern und rispeln im grauen Breviere 
Und zuckend krümmen die Finger sich. 

Und tief im Saale, da knöcheln frisch 
SchaMmburger Grafen um Leut und Land, 
Graf Simon schüttelt den Becher risch, 
Und reibt mitunter die kniesternde Hand : 
Ein Knappe naht, er surret leise, — 
Ha, welch ein Gesummse im weiten Kreise, 
Wie hundert Schwärme am Klippenrand I 

„Geschwind den Sessel, den Humpen werth, 
Den schleichenden Wolf *) geschwind herbei 1" 
Horch, wie es draussen rasselt und. fährt! 
Baarhaupt stehet die Massonei 
Hundert Lanzen drängen nach binnen, 
Hundert Lanzen und mitten darinnen 
Der Asseburger, der blutige Weih! 

Und als ihn\ alles enfgegenzieht 

Da spricht Johannes ein Stossgebet: 

Dann risch hinein I — sein Ermel sprüht 

Ein Stral ihm über die Finger geht. 

Voran! — da „Sieben" schwirren die Lüfte, 

„Sieben, sieben, sieben," die Klüfte, 

„In sieben Wochen, Johann Deweth!" — 

Der sinkt auf schwellenden Rasen hin 
Und gegen den Mond hebt er die Hand, 
Drei Finger die rieseln und stäuben hin, 
Zu Asch' und Knöchelchen abgebrannt. 
Er rafft sich auf, er rennt, er schiesset. 
Und ach, die Valerklause grüsset 
Ein grauer Mann, von Keinem gekannt. 



Der schleichende Wolf ist das Wappen der Familie Asseburg. 



— 188 — 

Der lächelt nimmer, nur des Gebets 
Mag pflegen er in dem Klosterchor, 
Denn „sieben, sieben" flüstert es stets, 
Und „ sieben Wochen " ihm in das Ohr. 
Und als die siebente Woche verronnen , 
Da ist er versiegt wie ein dürrer Bronnen . 
Gott hebe die arme Seele empor! *) 



*) Siehe guch die gelungene Bearbeitung in : Sagen - und Mährchenwaid 
von L. Wiese. Barmen 1841.— Eine ganz ähnliche Sage findet sich 
Memoires de la Duchesse de Nevers: T. II. Cap. 14. Ueber das 
Detail der Geschichte der Wevelsburg siehe Gottschalks Ritterburgen, 
Halle 1818. B. IV. Ueber die übergangene Geschichte der Wieder- 
täufer in Münster befinden sich die altern Quellen in Niesert, Mün- 
ster Urltundenbuch-, Münster 1823, in der Vorrede; neuere Bearbei- 
tungen sind die Uebersetzung des Kerssenbrockschen Werks 1771, 
Gesch. der Wiedertäufer von Jochmus, von Hast, in den Münsler- 
schen Geschichten, Sagen und Legencfen, Münster 1825, und in Haupts 
Aehrenlese, Elberfeld 1816. Poetische Behandlungen sind: die Wie- 
dertäufer von van der Velde, der König von Zion von Spindler; 
Johann von Leyden, von von Metternich, Elisabeth, von Gh. B. Schü- 
cking, die Wiedertäufer, von einem Ungeaannfen. — Ich habe ferner 
übergehen müssen: das Dorf Apierbeck, bei Dortmund, wo auf dem 
Mordhofe, auf welchem noch jetzt nie ein männlicher Erbe folgt (wie 
die Kirchenbücher seit 1703 beweisen) die Ewalflsbrüder erschlagen 
sind. S. Stangefol, Ann. Circ. W. LXVI. Welter, Einf. d. Christ. 
Münster 1830. Die Sage vom Teufel in der Kirche zu Unna und 
andere; s. Stahl, W. Sagen, Elberfeld 1831. Die Hünengräber im 
Fürstenthum Paderborn; s. Wissenschaftsbl. zum W. Anzeiger, 1820. 
Den Grafen Spork, der auf dem Sporkhofe bei Delbrück im Paderborn, 
geboren; s. Bessen, Gesch. v. Paderborn 11.249. von Hammer, Gesch. 
der Osmanen. Die Anekdoten von Sporks Rückkehr in seine Hei- 
math sind bekannt. Die Inschrift seines Schwertes lautete : 

Hinweg du RömerschAvert aus der Pharsaller Schlacht, 
Hier ist ein Deutscher Kling von grössrer Stärk und Macht, 
Die führt der tapfre Spork in seiner Heldenfaust, 
Als er bei Golthard schlug der Türken und Tartaren Haut. 
Drum hat ihn Dankbarkeit den Lobspruch hergesetzt, 
Und eines Künstlers Hand der Kachwelt eingeätzl. 



pa^ Wafftvd^but Itfev %nl)v. 



iJas Land der Ruhr ist der Stolz, die Krone iinsres Vater- 
landes ; die frischen rauschenden Berggewässer aes Stromes sind 
das silberne Stirnband dieser Krone. Es ist ein ganz andres 
Reich, als das durchmessene; aus der Idylle des Lippethaies, 
worin die Geschichte nur uns romantische Episoden webte, tre- 
ten wir über in ein Epos , das von der Gewalt urweltlicher Ti- 
tanenkämpfe spricht und Porphyrcolosse ihnen zum Denkmal 
aufgethürmt hat, das in Felsenkathedralen geht, um versteinerte 
Dithyrambe zu werden , oder mit der Mauerkrone von Burg und 
Warte um das graustirnige Haupt, um die laubgrünen Locken, in 
die Jahrhunderte schaut und sie an sich vorüberrauschen lässt, 
wie unten die Wellen des Flusses an ihm vorüberrauschen. Eine 
schauerliche Waldeinsamkeit, wo unter den hohen Buchen und 
Eichenwipfeln nur der Köhler seine Meiler schürt, wo nur zu- 
weilen eine einzelne braungelbe Zigeunergestalt schleichend das 
Laub der Pfade aufrascheln macht, der Arnsberger Wald zwi- 
schen Mönne und Ruhr, bildet den vermittelnden Uebergang. 
Er führt aus dem anmuthigen, mildfruchtbaren Gelände des Mön- 
nethales zu der grossartigen und wildpitloresken Natur des lin- 
ken Ruhrufers, wo bald gigantische Felsen , die sich schwindelnd 
über Thalkessel voll grotesker Trümmer, wie Proteus über seine 
Robbenheerde beugen, keine Seltenheit mehr sind, wo die Adler 
und die Uhus horsten , das Land der Tropfsteinglänzenden Klüfte, . 
der von allen Höhen niederkollernden und spritzenden Bergwäs- 



— 190 * — 

ser; aus den Tiefen dröhnt das dumpfe Pochen der Hammer- 
werke, schwere Rauchsäulen rollen sich über die Felszacken 
auf oder zerstieben an den Baumwipfeln — Dante's glühende 
Felsen treten uns im Brandlichte der hohen Oefen entgegen. 
Aber hier auf dem höchsten Gipfel haben wir auch die Gränze 
der Poesie erreicht, und wir wenden uns ab von dem Ueber- 
gange des Wilden zum Wüsten, winterlich Kümmerlichen, das 
zuletzt mit Krüppelholz , kahlen Gipfeln , Schnee im tiefen Mai 
und ärmlichen Hafersaaten endigt. Im gleichen Yerhältnisse wer- 
den am rechten Ufer der Ruhr der kleineren Felsen immer we- 
niger, die Thäler weiter, wiesengrüner, der Fluss dehnt sich, 
und hat seiner Stimme eine Sourdine aufgesetzt, als fürchte er, 
das Gebirge zu wecken, das seinen Zackenkranz abgelegt und 
sich unter die grüne flatternde Decke gestreckt kat. 

Die Gebirge der Ruhr sind eine unmittelbare Verzweigung 
des weiter südlich als mächtiger Gebirgsstock sich erhebenden 
Westerwaldes ; sie sind zum Theil aus den ältesten neptunischen 
Gebilden zusammengesetzt und zeigen an der untern Ruhr die 
Glieder der Kohlengruppe , gehören im Süderlande der Grauwa- 
ckenformation an. Beide Bildungen gingen wahrscheinlich der 
des Teutoburger Waldes lange voraus und desshalb sind die 
Gebirge der Ruhr, von den wiederholt die Urwelt überspülen- 
den Fluthen desto öfter zerrissen und zerklüftet, schroffer auf- 
steigend und mehr vereinzelt, denn die Höhen des Osnings. 

In der tiefsten Wildniss des Süderlandes liegen die Quellen 
der Ruhr. Südlich von dem rauhen Plateau von Winterberg, das 
2000 Fuss über der Meeresfläche erhaben ist, und doch nicht 
zu den Höhen -der nahen Dörfer Astenberg hinanreicht, wo einer 
der Berggipfel 2600 bis 2700 Fuss misst, sprudelt sie in drei 
starken Quellen aus der östlichen Seitenwand des „Ruhrkopp" 
hervor, windet sich wie unentschlossen in den Schluchten und 
rauscht dann, nach Norden gewandt, sich einen Pass durch die 
Berge offen. Rechts in ihrem Rücken lässt sie Küstelberg, über 
dem eine der höchsten Höhen, der Schlossberg, einst von einer 
Burg gekrönt, eine Aussicht auf Waldeck und beide Hessischen 
Lande, bis nach Frankfurt und seinen Feldberg gewährt. Ein 
früheres Nonnenkloster in Küstelberg, dessen Bewohnerinnen das 
Volk „Quiselen" nennt, ist später hinabgezogen nach dem „ge- 
linden Felde," der jetzigen Domaine Glintfeld, wo in der milden 



— 191 — 

fruchtbaren Landschaft nach Medebach und die Waldecksche 
Gränze hinaus die Pfirsiche und Apricosen blühen, wenn in dem 
kaum eine Stunde entfernten Küstelberg der tiefe Schnee auf 
den Aesten der Birken liegt. 

Wild und steil, mit Haidkraut und kurzem Buchengestrüpp 
über den jähen Abhängen, sind die nahe zusammen gerückten 
Gestade der jungen Ruhr, eine Landschaftscene aus dem Schot- 
tischen Hochland, bis das Gebirge breiter auseinandergeschoben 
bei Olsberg und Bigge den Fluss in Wiesengründe und bei Ost- 
wig in eine schöne Landschaft voll Klippen und Baumschatten 
führt. Doch zwei Punkte locken uns zurück in das Gebirge an 
der linken Seite dieser obern, noch nach Norden strömenden 
Ruhr; der erste ist Bruchhausen, eine der wildesten Parthien, 
wo die Natur nach einem Salvator Rosa zu rufen scheint; da 
ist kein Berg umher ohne seine Felsrisse, das ganze von Hoch- 
wald umgebene, mit Steinblöcken besäte Thal ist wie der Bau- 
platz für eine Gigantenwohnung ; dennoch ist der Boden fruchtbar, 
man hat, um ihn urbar zu machen, die Blöcke gesprengt und 
wüste Brocken hier und da als Einfriedigungen des eroberten 
Grundes stehen lassen, dem zur Seite wieder ganze Strecken 
noch dem alten Chaos verfallen sind. Dicht am Fusse des 
schroffen Isenberges liegt das Dorf und freiherrlich Gaugräbi- 
sche Gut Bruchhausen, über ihm, den Hang des Berges hinan, 
die isolirten colossalen Bruchhäuser Steine; wir haben staunend 
vor den ähnlichen Eggestersteinen gestanden, aber sie sind Kin- 
der gegen die ungeheure Moles dieser Felsgebilde; auf viele 
Stunden weit tiberragen sie gen Nordosten das Gebirge wie 
grandiose Warten. Zuhöchst auf dem Gipfel des Isenberges -liegt 
der Fel(jstein , kleiner als die übrigen und dennoch an seiner 
schroffsten Seite eine 160 Fuss hohe Wand bildend und über 
die alten Baumwipfel ragend wie Saul über das Volk Gottes, 
malerisch durch scharfgezackte und gespaltene Formen. Die Aus- 
sicht von ihm, gen Norden hin über die Thürme von Münster, 
kann nur die Sclnväche des Auges beschränken. Tiefer liegt der 
Goldstein, ein schwerer massiger Donjon, fest und steilauf ge- 
mauert, die Bastei dieser TVaturfeste ; dann der Rabeilstein, bro- 
kenhaft, ein Stück einer riesigten Ruine und endlich am tiefsten 
bergab, fast an der Mitte des ganzen Hanges, der mächtigste 
der Viere, der Brunnenstein, eine compakte aber trümmerhafte 



i 



— 192 — 

Masse. Er ist weniger steil als die übrigen und gibt durch Risse 
und kleine Flächen dem Fusstritte Raum, dass man ohne Gefahr 
ihn ersteigen und den Brunnen, (eine nah der Kuppe auf ei- 
nem Plateau befindliche Höhlung, wo sich das zusammenrieselnde 
Regenwasser sammelt und durch ein Felsendach geschützt nicht 
leicht versiegt,) beschauen kann. Habichte, Falken und Käuze 
siedeln in den Klüften der Felsen und steigern durch ihr Gepfeife 
oder lautloses Umkreisen der Zacken den Eindruck des wildpit- 
toi;esken Bildes. — Die Bruchhäuser Steine bestehen aus Porphyr 
mit grossen Bruchstücken der Grauwacke dazwischen, und zeigen 
alle Spuren einer vulcanischen Bildung; von der Gewaltsamkeit 
der Eruption sprechen die Felsblöcke, die weit umher geschleu- 
dert und zerschmettert liegen. 

Etwa zwei Stunden weiter in's Gebirge hinauf bringen uns 
nach der Pleister -Legge (Lei, Gestein,) und einem so schönen 
Wasserfall, als ihn eine Berggegend, die doch nur zweiten Ran- 
ges ist, bieten kann. Von Bruchhausen her führt ein anmuthi- 
ges Hial dorthin, durchrauscht von der kleinen muntern Elpe, 
von grünen Laubholzhöhen beschirmt , die nur selten in Felspar- 
thien die steinernen Rippen ihres Baues durchscheinen lassen. 
Nur der, etwa in der Mitte des Weges liegende Ohlenberg 
macht eine Ausnahme und glotzt, nur am Fusse reich bewaldet, 
mit kahlem Schädel weit über die andern fort, wie ein verdriess- 
licher Alter, dass unter all den grünen Gesellen er allein noch 
im Mai mit Schneegebleichtem Haupte stehen muss. Das Thal 
verengt sich, die Strasse klimmt die Höhen hinan und läuft an 
ihnen unter dem Laubdach hin , unten rauscht über Schlacken 
und- Gestein immer unruhiger ihre Funken spritzend die Elpe, 
zuletzt Schaumwellen sich nach reissend, wenn wir depi Getöse 
des Wasserfalls uns nahen. Nun seitwärts, eine Felswand tritt 
uns entgegen , eine andre neben uns , eine dritte dieser gegen- 
über, und ein starker über dem MittelrilT aus unzähligen Quell- 
chen und Zuflüssen zusammengerieselter Bach stürzt senkrecht 
eine Höhe von vielleicht 50 Fuss hinab, in eine Garbe von 
Wasserstralen zersplitternd, dann noch eben so tief über Trüm- 
mer und Absätze schäumend und aufdampfend. Wir stehen auf 
unsrer kleinen Terasse im feinen Dunstregen, betäubt von dem 
G^etose und Gezisch, geblendet vom' auffahrenden Schaume; von 
allen Bergen rieseln und kollern Quellen, den fast nur als Staub 



— 193 — 

unten ankommenden Bach verstärkend und mit ihm der Elpe zu- 
eilend. Ueber dem Sturze einige hundert Schritt zurück liegt 
das Dörfchen Wasserfall, nur sichtbar, wenn wir die ganze 
Höhe erklimmen, um den Sturz aus der Vogelperspective zu be- 
trachten ; das Thal schliesst sich dort und streckt nur noch einen 
Büschel Polypenarme als Schluchten und Wege in die Berge aus, 
wie um sich anzuklammern in der Furcht, von dem Wasser- 
stosse losgerüttelt zu werden. 

Wir kehren über Gevelinghausen durch die Ostwiger Schlucht 
an die Ruhr zurück und sehen sie erst einen mächtigen Bogen 
krümmen, um jetzt ganz nach Westen zu strömen. Ein schö- 
nes Thal voll Gärten und Wiesen zwischen den auf beiden Sei- 
ten zurückweichenden Bergen und den Ufern führt uns nach 
Yelmede, und zu dem Thore der Höhle, die von der Sage als 
Velleda's Wohnung bezeichnet wird. Die Velmeder Höhle , welche 
man fast an der Höhe des Berges über dem Städtchen durch eine 
weite Thorwölbung betritt, ist eine geräumige aus einem Bogen 
geschlagene Halle, so weit und Kirchenähnlich, dass sie jährlich 
eine Prozession umfasst und christliche Gebete in endlosem Ge- 
summe und Brechungen durch die Klüfte irren, wo einst unsre 
Wodansgläubigen Väter, unter dem feuchten Gewölbe sich fester 
in ihre Bärenhaut wickelnd, nach dem Felsspalte starrten, au^ 
dem die mächtige Drude hervortreten musste. Im Hintergrunde 
des Gewölbes senkt sich ein schwarzer Schlund fast senkrecht 
hinab, und hier mag Velleda, schaudernd vorgebeugt, den Stim- 
men ihrer schlimmen Götter gelauscht haben; drunten flüstert und 
zischt es; man hört den Stein, den man in den heiligen Schlund 
wirft, hier, dort, zehn, zwanzig Mal anfahren und dann in die 
Gewässer plätschern, die unten aus zahllosen Kitzen zusammen- 
rieseln und ihre heimlichen Wege unter der Erde ziehen. Ein 
muthiger Fabrikherr hat es unternommen, trotz der drohenden 
Wassertiefe und der schreckenden Zacken des Schachtes hinab- 
zufahren und wir wissen nun, dass man unten durch eine Sei- 
tenkluft in eine Halle gelangt, weit grösser und prächtiger als 
die obere, hochgewölbt, mährchenhaft, mit Säulen, Candelabern, 
und grotesken Gestalten aus feuchtglänzendem Tropfstein; ob dem 
Frevler zürnend die Midgardsschlange und das Wolfungethüm 
Fenris erschienen, hat er nicht entdeckt, aber seine Beschreibung 
lässt unsre Phantasie ahnen, dass, wie in ihren Pyramiden die 

i5 



— 194 — 

zu Holz gedörrten Pharaone, hier die allen Asgardgötter , inkru- 
stirt und zu Stein erstarrt, den tiefen Fall ihrer Grösse in den 
leise tropfenden Steinthränen beweinen. — Ein schmaler brock- 
lichter Pfad, schlimmer als eine Leiter, führt aus der obern 
Höhle in eine Seiteukluft, welche in die geheime Werkstatt der 
Drude leitet, eine gemachähnliche Wölbung, klein, heimlich, mit 
spitzen Felszacken, die den Eingang bewachen, und schwarzen 
schmalen Spalten, die noch weithin im Berge sich verschlingen 
sollen; wir aber haben den heiligen Mistel nicht zur Hand und 
treten wieder an das Licht des Tages hinaus, das uns die sonst 
nicht hervorstechend schöne Gegend doppelt anmuthig nach der 
nächtlichen Wanderung macht. Die Bewohner des Dörfchens 
unten wissen noch manche Sage von dem „Hollenloch" und 
seinen weisen Frauen, den Hollen, die es einst bewohnt und 
bald Glück, bald Unheil über Menschen und Saaten gebracht 
haben sollen. Sonst nimmt die deutsche Sage nur ein Wesen, 
Frau Holla, an, die ganz ähnlich jener Berahta, von der oben 
gesprochen wurde, über die Spinnerinnen und den Flachsbau 
wacht die es schneien lässt, wenn sie ihr Bett macht und die 
Federn fliegen, die zu Mittag als schöne weisse Frau in der Flut 
badet und verschwindet, und nur durch den Brunnen Sterbliche 
in ihre Wohnung kommen lässt. Dass aber die hohe Velleda 
gehaust habe in der Höhle von Velmede, ist eine Behauptung, 
deren Verantwortung die Sage übernehmen muss, welche sie 
aufstellt; wir wissen nur durch Tacitus' dürftige Notizen, dass 
sie , im Lande der Bructerer gebietend, auf einem Thurme wohnte, 
dass man wie ein höheres Numen sie verehrte, und ein Schiff 
ihr zum Geschenke die Lippe hinauf zog; wir sehen trotz des 
mtmdium, worin der Germane seine Weiber hielt, sie ein Bünd- 
niss zwischen Tencteren und dem Volke der Colonia Agrippina 
schliessen; aber wo sie in Einsamkeit, den Augen des Volkes 
entzogen, der Prophezie geheimnissvolle Gabe pflegte, ist so 
unmöglich zu bestimmen, wie das Wesen jener Gabe altgerma- 
nischer Frauen selbst, dem wir nur das an die Seite setzen kön- 
nen, dass ja noch heute fast allein den Frauen die Gabe des 
Hellsehens wird. — Die Chaussee führt durch das Ruhrthal, das 
Städtchen Eversberg zur Seite lassend, wo die schöne Ruine eines 
Schlosses der Grafen von Arnsberg uns mit ihrem runden Donjon 
und den hohen Fensternischen gern hinüberlocken möchte, nach 



— 195 — 

dem Städtchen Meschede, einem der schönsten Punkte des Süder- 
landes, aber sich fast aller Beschreibung durch den Mangel des 
charakteristisch Hervorstechenden entziehend; was hilft's zu sa- 
gen, das Thal hat angenehme Dimensionen, die Berge haben an- 
muthig wallende Formen, sind ausserordentlich schön bewaldet 
und reich an lieblichen Contrasten durch hochstämmiges und jun- 
ges Laub- und Nadel -Holz — die Ruhr macht einen allerliebst 
coquetten Bogen, die daran wie eine schmucke Dirne vor dem 
plätschernden Brunnen-Kübel stehende kleine Stadt ist blanker 
und reinlicher als gewöhnlich; an dem Ruhrufer entlang läuft 
eine der ebensten und schönsten Chausseen Deutschlands? Und 
doch sind dies die scheinbar geringen Mittel, durch welche eine 
der reizendsten Gegenden gebildet wird. Meschede ist ein Ort, 
in dem es schwer sein muss , traurig zu sein , so hell und freund- 
lich und dem Auge wohlthuend tritt uns Alles entgegen; es ist 
der höchste Triumph des eigentlich Mittelmässigeay die Lorbeer- 
krone des im Grunde Unbedeutenden. Jedermann nennt diese 
Gegend eine paradiesische und mit Recht; dennoch lässt sich 
nichts daraus hervorheben , es gibt weder Felsen , noch Ruinen, 
noch bedeutende Bergformen; aber eine Klause gibt es, am 
Berge nächst der Chaussee, die mit ihrem Thürmchen oder Glocken- 
stuhl an der Fichtenwand eine gar reizende Wacht hält, und ihr 
Glöckchen über die darunter liegende Stadt schallen lässt, wenn 
dem armen Bruder die Lebensmittel ausgegangen sind, wo sich 
dann alles beeilt , ihn wieder zu verproviantiren. Ein angeneh- 
mer Spaziergang führt an der Klause vorüber nach dem Gräflich 
Westphalschen Gute Laar, das inmitten seiner ausgedehnten 
Garten- und Parkanlagen, in der ohnedies schönen Lage am 
Ruhrufer eine neidenswerthe Besitzung bildet. Unter Andrem 
macht eine Reihe schwindelnd hoher lombardischer Pappeln hart 
unter dem Berghange und sich längs seiner Fichtenwand abschat- 
lirend, einen pittoresken, fast grandiosen Effekt. Bald auf dem 
rechten , bald auf dem linken Ufer laufend , zieht von hier die 
Chaussee über unzählige Brücken sich durch das immer male- 
rische Thal, über frische Auen, an bekränzten Höhen vorbei. 
Dann verlässt sie die Gestade des Flusses, der rechts seitab 
strömt, führt an dem stattlichen ehemaligen Kloster Rumbeck 
her und zieht einen Berghang hinan bis zu dem Punkte, wo man 
in ein neues Stromthal hinabschaut, kaum glaubend, es sei der 

15* 



— 196 — 

herrliche Fliiss da unten die jüngst verlassene Ruhr, wo vor 
uns das schöne Arnsberg wie in Stufen übereinander gesetzt die 
Giebel und Thürme, die Trümmer des Schlosses von seiner 
Bergeshühe erhebt. 3Ian muss hier, an dieser Stelle der Chaus- 
see, wo sie wieder sich zu senken beginnt, stehen und hinüber- 
schauen, wenn irgend ein seltenes Fest, wie der Besuch seines 
Königs, Arnsberg illuminirt. Dann leuchtet und glänzt es in den 
Anlagen des „Eichholz", die vom Fasse des Berges bis zur 
Spitze hinauf terrassenförmig den ganzen Hang bedecken, wie 
Schwärme riesiger Leuchtkäfer nur mit geschmolzenem Smaragd 
die Haine Indiens füllen können; es ist, als wäre jede Staude, 
jeder Ast in tausend flammenden Blüthen ausgeschlagen, als 
schwirrten sie neckend voll Muthwillen ihre Stralenpfeile ein- 
ander zu und hielten sich wie Schilde dagegen die vergoldet auf- 
blinkenden Blätter vor; wie aus dem Schlafe geweckt tost und 
gurgelt und rauscht um den Fuss des Zaubergartens die Ruhr 
und spiegelt das ganze Bild, das man für eine magische Täu- 
schung, eine Phantasie Scheherasadens hält. 

Arnsberg liegt auf dem Rücken einer Berghöhe , vor der 
die westwärts strömende Ruhr plötzlich gen Süden sich wendet, 
dann in einem grossen Bogen umkehrend wieder nördlich strömt, 
und wenn sie so die Stadt zur Halbinsel gemacht, nach Nord- 
westen weiter rauscht Die Stadt ist zum Theil neu und schön 
und theilt sich in die untere und obere Stadt, wie sie vom rech- 
ten Ufer der Ruhr mälig die Höhe hinanklimmt, ihre letzten 
Häuser fast in die Baumschatten rückend, durch welche man die 
ohnedies höchst malerische Schlossruine noch malerischer zu 
machen gesucht hat. Es sind gewaltige Trümmer, diese Ruine, 
die breite Bergfläche wie ein Sattel den Rücken eines Riesen- 
pferdes überspannend, weit genug in ihrem Umkreis einem gan- 
zen Lustwald Raum zu geben. Kaum wagt man, all die Trüm- 
mer für Fragmente eines Baues zu halten. Das Schloss wurde, 
von den alten Grafen von Arnsberg seit 1100 nach und nach 
ausgebaut, dann von den beiden letzen Churfürsten iKölns 
aus Bayerischem Hause, Joseph Clemens und Clemens August 
verschönert und erweitert; im siebenjährigen Kriege von dem 
Herzog von Braunschweig hart beschossen , ward es vor etwa 
einem halben Jahrhundert als unwiederherstellbar der Zerstörung 
tiberwiesen und das Material zum Bau öfl"entlicher Gebäude ver- 




n 



— 197 — 

wandt; aber die älteren Einwohner Arnsbergs reden noch mit 
Stolz von der Pracht und den grossartigen Verhältnissen ihres 
Schlosses: es gab einen Saal darin, in welchem vierspännige 
Wagen bequem wenden konnten; jährlich einmal zur Kirche um- 
geschaffen nahm er eine, gegen 6000 Menschen starke Prozession 
auf und, wie man sagt, ohne Gedränge. Man hat von der Höhe 
des Schlosses aus eine wunderbar schöne Aussicht; das enge 
Thal der Ruhr, uns gegenüber als schliessende Wand hochbe- 
waldete Bergrücken; von der (südlichen) Spitze der Halbinsel 
segnet die Benediktiner- Abtey Weddinghausen auf die Stadt 
herab; unten die wirbelnde quecksilberne Ruhr, die blanken 
Häuser, die stäubende Chaussee. Zur andern Seite der Ruine, 
nach Westen hinaus, im lieblichsten Contrast mit dem jenseitigen 
Bilde, weite ruhige Wiesenflächen; der Blick nur durch ferne 
Höhen mild begränzt und gleich einer Silberschlange der im 
offenen Sirale zitternde Fluss, sich leicht dahin windend und 
rechtsab wie ein glänzender Nebel am Horizonte verdämmernd. 
So ruht und träumt man sich in eine süsse Romantik hinein 
zwischen den Trümmern des Schlosses, zwischen seinen blühen- 
den Stauden, deren Zweige um zerfallendes Gemäuer flattern, 
unter den schlanken Baumwipfeln, die mit einem grauen Thurme 
flüstern; der hat, nachdem all die alte glänzende Herrlichkeit 
von ihm abgefallen , sich ein neues besscheidenes Jägerkleid aus 
unvergänglichem Epheu angethan. Unser Fuss ruht auf Schutt, 
aus welchem wilde Anemonen spriessen, und lässt Kellergewölbe 
wiederhallen, welche der Sage harren, die sie mit den Geistern 
der alten zürnenden Grafen bevölkern wird, die schon jetzt die 
Stelle nicht geheuer macht, wo der alte Fehmgerichtsplatz im 
Baumhofe zur Seile des Schlosses in einen Garten verwandelt ist. 
Die Geschichte nennt einen Hermann, den Enkel Hermann 
Billungs, als ersten Grafen von Arnsberg; den wildesten seiner 
Nachkommen haben wir oben kennen gelernt; der Enkel dieses 
streitbaren Friedrich, Graf Heinrich stiftete die Abtey Weddmg- 
hausen (Haus des Wittekind, wie die Sage etymologisirt) und 
bezog sie selbst als Layenbrudcr, um an dem Norbertiner-Ordcn 
zu sühnen, was sein Ahn an dessen Stifter gefrevelt. Gottfried III. 
ward Herzog in seiner Grafschaft und Marschall von Westphalcn ; 
ausserdem halten die Grafen von Arnsberg das Recht des Vor- 
strcits im Reichskriege zwischen Weser und Rhein, nachdem das 



— 198 — 

Ilerzogthuni Westphalen an Churköln gekommen, für dessen 
Herrscher als geistlichen Fürsten eine solche Prärogative sich 
nicht ziemte. Mit Gottfried erlosch 1371 die Dynastie und das 
Erzstift nahm Besitz von ihrem Lehen. Churfürst Salentin von 
Isenburg beförderte am Ende des 16. Jahrh. die Erweiterung und 
Verschönerung der Hauptstadt, wo eine unter dem Titel von 
Landdrost und Räthen niedergesetzte Kanzlei die Verwaltung des 
Landes führte, bis der Lüneviller Frieden das Herzogthum West- 
phalen und die Grafschaft Arnsberg dem Hause Hessen -Darm- 
stadt als Entschädigung zuwies. In Folge der Bestimmungen des 
Wiener Congresses nahm 1816 die Krone Preussen sie in Besitz. 
Die Ufer der Ruhr behalten im Ganzen , wenn wir weiter 
hinab ihrem Laufe folgen, zur Rechten den Arnsberger Wald 
lassend, dann über Husten und Neheim gehend, wo die Ge- 
wässer der Mönne sich ihr vereinigen, den schon beschriebenen, 
freundlich milden Charakter. Nach vielen Windungen strömt sie 
endlich wieder ganz westlich, doch hinter Fröndenberg sich mit 
leiser Abweichung dem Süden zuwendend. Fröndenberg ist ein 
Frauen -Stift, die Staffage in einem Bilde der zartesten Lieblich- 
keit — Wiesenteppiche so sanft und grün wie ein Elfenthal, 
von einer zahllosen Viehheerde friedlich durchweidet, der 
Fluss wie ein springendes Kind, über tausend Kiesel rauschend, 
an grösseren Steinen artig Wellchen kräuselnd oder eigensinnig 
aufspritzend. Eine hübsche sonntäglich aussehende Brücke führt 
hinüber und vom Berghange jenseits steigt das Dorf amphithea- 
tralisch bis fast an das Ufer nieder; überall lauschen freundliche 
Wohnungen hervor, die der Chanoinessen oben, nett und sittsam 
auf kleinen Flächen stehend, Gärtchen mit geschornen Buchen- 
lauben und Centifolienbüschen zu ihren Füssen. Eine breite 
Treppe von behauenen Steinen führt über Terrassen den Berg 
hinan, bis zum stillen Kirchhofe und der höchst malerisch lie- 
genden Kirche. Auch die umliegenden Berge schauen mit ihren 
milden Formen, ihrem üppigen frischen Baumwuchs fast kind- 
lich drein und über dem Ganzen schwebt ein Hauch ländlichen 
Friedens, der nicht wiederzugeben ist, aber von dem sich Jeder 
angeweht fühlt, der von den Absätzen der Steintreppe seine 
Blicke über die Dächer und Gärten und Gebüsche, das ganze 
fröhliche Ensemble hat streifen lassen. — Der Weg führt uns, 
immer die Wiesen entlang, bis zur Hönne, die sich hier unter 



- 199 — 

Fröndenberg mündet, ein kregles Wässerchen, so kraus und 
zänkisch, wie ein englisches Hähnchen. Schreiten wir dies 
Nebenthal hinauf: wir kommen durch Menden und an seinem 
reizenden Romberge vorbei, in dessen Anlagen man ein schönes 
liegendes Christusbild bewundert, und sich der Täuschung hin- 
gibt, im Schatten der darüber neigenden Zweige die steinerne 
Brust auf und niederwogen zu sehen, — dann an dem Gute' 
Rödinghausen — eine gute Strecke weiter an der majestätisch- 
sten Felswand in dem ganzen Strich dieses Kalksteingebirges, 
die 200 Fuss Höhe hat, her, und nähern uns so dem Klusen- 
stein. Es ist eine gefährliche Wanderschaft ; das Thal klemmt 
sich immer wilder und düstrer endlich zur engen Schlucht zu- 
sammen, die schmale Honne rauscht pfeilschnell unten über 
kantige Felsbrocken, aufbrodelnd und StreichwcUen über den 
Fussweg schleudernd, bis endlich aus tiefem Kessel uns das 
Gebrause und Schäumen einer Mühle entgegen stürmen. Hier 
ist die Fährlichkeit überwunden , eine kühne kuppige Felswand 
springt vor uns auf, drüber ragen die Ringmauern und Trümmer 
der alten Burg, aus der ein neueres Wohnhaus wie ein wohl- 
habiger Pächter einer alten Ritterherrlichkeit hervorlugt. Der 
Weg führt etwas seitab , durch's Gebüsch , zum Eingange der 
Höhle, die uns wie ein schwarzes Thor entgegengähnt. Das 
Gewölbe ist schön, und weit gespannt, eine kühne Architektonik; 
der erste Raum ist 200 Fuss lang. An Decke und Seitenwänden 
glänzen Stalaktiten von röthlicher Farbe und grotesken Forma- 
tionen ; an jeder Spitze ein graulichl glänzender Tropfen der 
langsam fällt und die Höhle mit einem monotonen Geräusche ein- 
schläfert. Im Hinlergrunde klaffen zwei dunkle Spalten auf, die 
man mit Fackellicht, scheu vor dem überall hervorsickernden 
Wasser, gebückt vor den wie Spiosse niederdrohenden Tropf- 
steinzapfen betritt, gebückt durchschreitet, endlich durchkriecht. 
Nach mühseliger Fahrt dämmert der Schimmer des Tages uns 
entgegen , wir stehen wieder in der Eingangshalle , ehe wir's 
gedacht und sind verwundert, einen Halbkreis beschrieben zu 
haben, während wir uns den Eingeweiden der Erde immer mehr 
zu nähern glaubten. Ndimen wir den Weg, nachdem wir auf- 
geathmet, über die Höhe, an den Mauertriimmeni her, lassen 
uns einen frischen Trunk oben aus dem unergründlich liefen 
Brunnen winden und schauen über das Gemäuer iHid die Fels- 



— 200 — 

kegel in den drunten gähnenden Schlund, um dessen Felsriffe 
und Burgruine, eintöniges Mühlengeklapper und düstre Wipfel- 
schatten, eine Veit Webersche Sagenpoesie schwebt, wenn in der 
Dämmerung die grosse Reheverzehrende Ohreule Schufut sie 
umkreist. — Die Burg Klusenstein soll im Jahre 1353 von Gert 
von Plettenberg hier an der Gränze des Herzogthums zu Dienst 
der Grafen von der Mark erbaut sein. Durch Kauf kam sie 
später von einer Hand in die andre und befindet sich jetzt in 
Privateigenthum. Doch kommt schon 1275 eine Gräfin Mathilde 
von Isenburg und Klusenstein, später Äbtissin von Metelen und 
Nottuln, vor. Die Sage kennt eine Mathilde, die Gemalin eines 
Ritters Eberhard von Klusenstein, der in den Kreuzzügen als 
Gefangener der Sarazenen schmachtet , während sein Feind , der 
schwarze Bruno, die Nachricht von seinem Tode verbreitet und 
um sein Weib wirbt. Sie aber entflieht dem Gehassten und 
dieser nimmt ihre Burg in Besitz bis Ritter Eberhard heimkehrt, 
die Feste erstürmt und in heissem Kampfe auf dem Burghofe den 
Räuber überwältigt und über die Ringmauer tief unten in den 
Abgrund schleudert. 

Von Klusenstein führt das Hönnethal weiter hinauf nach dem 
Städtchen Balve, in dessen Nähe die Gegend weniger wild roman- 
tisch ist, aber ein ebenso merkwürdiges Monument diluvianischer 
Schöpfungskräfte in der Balver Höhle besitzt, — wie diese Gegend 
zwischen Ruhr und Lenne überhaupt einen auffallenden Reichthum 
an Grotten und Höhlen hat. Die bedeutendste mit der Klusensteiner 
ist die ältere Sundwicher Höhle. Man macht die Parthie nach Sund- 
wich gewöhnlich von Iserlohn aus , einem freundlichen Städtchen, 
dem seine schon von einer mittelaltrigen Panzermacherzunft sich 
datirende Gewerbthätigkeit, die an den Bächen Baar und Grüne 
in Drahtrollen, Hammerwerken, Fingerhutmühlen, Bronze- und 
Nadelfabriken u. s. w. pocht, stampft und tost, einen fast Europäi- 
schen Namen gemacht hat, und das der Geburtsort unsres Historikers 
Dietrich von Steinen, und des berühmten Coriphäen der Georgia 
Augusta, des weiland Geheimen Justitzraths Johann Stephan Pütter 
ist^ wie aus seiner Selbstbiographie des weitern ausführlich zu 
ersehen. Von Iserlohn führt der Weg südöstlich, in die von 
Eisenwerken und Papiermühlen belebten Thäler von Sund- 
wich, Hemer und des Westicher Bachs, wo die werkenden 
russigen Gnomen, die früher unter der Decke der Kalksteinflösse 



^ 



— 201 — 

in den dunklen Schluchten gehaust, jezt mit der Lichlsuchenden 
Zeit zu Tage aufgestiegen scheinen. Sundwich liegt wie unter 
und zwischen die Felsen geschoben ; links von ihm die Höhe mit 
den zwei kleineren Grotten, seitwärts davon die grosse, seit einem 
Besuche des Kronprinzen im Jahre 1817 sogenannte Prinzenhöhle. 
Sie ist durch nachhelfende Arbeiten in den engsten Klüften leicht 
zugänglich gemacht und durch ein Eingangsthor geschützt. Ihre 
Länge vom Eingange bis zum erkundeten Ende mag mit den bald 
aufsteigenden, bald sich senkenden Windungen 1500 Fuss betragen; 
einzelne Räume haben mehr als 80 Fuss Länge und 30 Fuss 
Höhe; es sind schauerlich grandiose Hallen, in welchen das stille 
unbelauschte Leben des Gesteins über Nacht seine Tempel sich 
gewölbt hat: es sind schweigende verödete Cathedralen, von denen 
die Sage, dass um Mitternacht die Todten darin zur Messe gehen 
und ihre blauen Lichter entzünden; die Heiligenbilder, die 
Orgel, der Taufstein stehen umher, von der spukhaft regellosen 
Schöpfungslust, den fancies des Tropfsteins gebildet: nur die 
Beter sind fort, denn der Hahnenschrei ist hinübergedrungen aus 
den Gehöften des Dorfes. — „ Die Natur, sagt eine Beschreibung, 
fährt noch immer fort an den Stalactiten zu schaffen; denn das 
aus der Decke rinnende Wasser bildet um sich kleine Röhren 
von einer flimmernden Kalkmaterie, die sich unter einander ver- 
binden und scheidet auf dem Boden Ansätze aus, die sich den 
von oben kommenden nähern und so allmälig zu den wunder- 
baren Figuren zusammenschiessen. So bilden sich an einigen 
Stellen ganze Lager von crystallartigem Späth, der wie Schmelz 
blitzt, an andren Draperien und Festons wie Tücher und Franzen, 
die sich über einander schichten. Kurz, diese Höhle kann sich 
den Baumanns-, Biels- und Liebensteiner Höhlen an die Seite 
stellen." Wie die letztere durchströmt sie in einer Tiefe von 
25 Fuss ein Bach, dessen kleine Wellen durch die zurückgewor- 
fenen Fackelstrahlen dem Wanderer den blitzenden Gruss der 
geheimnissvollen Tiefe emporsenden. Die Höhle ist reich an 
fossilen Merkwürdigkeiten, z. B. an Schädeln und Knochen des 
grossen Höhlenbären. 

Etwa 10 Minuten von der Sundwicher Höhle entfernt liegt 
das Felsenmeer; der Weg führt über eine Art Plateau, das rechts 
die Höhen des Balver Waldes begränzen; die Strasse ist etwas 
vertieft, steigt dann empor und plötzlich hebt sich wie eine 



— 202 — 

Springfluth, die im Weiterrausclien versteinert ist, aus dichtem 
Gebüsch die Wogenbrandung des Felsenmeers euch entgegen; 
eine tiefe Einsenkung des Bodens mitten in der Feldfläche um- 
fasst im Umkreise einer halben Stunde wirre wilde Massen von 
dunkelgrauen Felsen, die wie colossale Löwen sich übereinander 
geworfen haben und ruhen, oder schrof, wandsteil emporstehen. 
Steigt ihr hinunter in diese Walstatt der Natur, dann fasst euch 
ein seltsam, wunderbares Grauen an; ihr seht in den steilrechten 
Wänden, in den niedergeschmetterten Colossen, in den zackigen 
Rissen und Brüchen, wo wie durch Beilschläge sie auseinander- 
geklaubt sind, das Wirken einer mehr als Titanenhaften Kraft; 
und dennoch diese Stille, diese Oede bei so viel Kraft, die wir 
sonst nicht ohne blutrothes lärmendes Leben uns denken können! 
Es liegt etwas Uebermenschliches, Spuckhaftes in dieser laut- 
losen Ruhe, die über den Werken der Gewalt schwebt, oder tief 
unten in der Hölle sich gebettet hat. Die Hölle ist der tiefste, 
der schauerlichste Grund dieses Felsenmeers, zu dem man eines 
Ariadnefadens bedarf, um sich hinein zu wagen durch das Laby- 
rinth der Massen, die oft vielhäuptig wie Cerberus-Ungeheuer in 
den Weg sich stellen, um die Gefahrdrohenden verschütteten Eisen- 
gruben herum, an tiefaufklaffenden Schlünden her. Es ist eine 
eng zusammen geklemmte Grotte, zu der ihr endlich gelangt; es 
gehört Muth dazu, den verlassenen Eisenschacht zu befahren, 
nur bis an den Rand der dunklen grundlosen Tiefe, die am Ende 
der Grotte vor euch aufgähnt; zerreibt nur ein kleiner Stein, ver- 
schiebt nur eine Kante der Felsstücke sich, dann malmt der ganze 
grausige Bau über eurem Haupte zusammen. Ich wüsste nicht, 
was an wüster Schreckbarkeit dem Felsenmeer an die Seite zu 
stellen wäre; aber wie immer hat auch hier die Natur mildernde 
Schleier sich über das zu fürchterlich starrende Antlitz geworfen; 
sie mag ihrem zagen Kinde nirgends einen Todtenschädel zeigen; 
sie steckt ihn in diesem ihrem Beinhaus hinter die üppige Vege- 
tation, die mit Stauden und Kräutern und Moosen zu überdecken 
strebt, was sie erreichen kann. Um einzelne Fclsstücke klam- 
mern sich mächtige Wurzeln und ziehen mit krausem Geäst an 
den steilen Wänden herunter, bis sie den Grund gefassl haben, 
aus dem sie Nahrung für die oben auf dem Scheitel stolz und 
hoch prangende Buche saugen. — Das Felsenmeer ist nicht allein 
von der Natur gebildet; es ist ein nach allen Seiten und Tiefen 



— 203 — 

hin von Fluthen so wohl als von Menschenhänden später nach 
Eisenstein durchwühltes Kalksteinlager. Die Hölle mag eine Tiefe 
von 250 Fuss haben, vom obersten Felsensaume an gerechnet. 

Die Wanderung zum Felsenmeer hat uns der Lenne zu nahe 
gebracht j als dass w^ir nicht hinabsteigen sollten in das schöne 
Thal dieses Flusses. Die Lenne ist der Ruhr was die Aar dem 
Rhein, ihre wildeste, unerzogenste, aber auch ihre schönste Tochter, 
das Kind ihrer blühendsten Tage. Aus dem südwestlichen Hange 
der Astenberger Kuppen kommend, und von der Quelle an bis 
nach anderthalbstündigem Lauf 1500 Fuss Gefälle habend, strömt 
sie in derselben Richtung durch die alte dem Westphälischen 
Herzogthum einverleibte Grafschaft SchmalenT)erg und wendet 
sich in dem Thale des Dörfchens Altenhundem nach Nordwesten, 
der Ruhr zu. Die Berge der obern Lenne sind hoch, meist be- 
waldet, aber selten in schroffen Felsen die nakten Steinribben 
zeigend, wie ihr sie auf der Abbildung von Bilstein sehet, das 
in einem Nebenthaie der obern Lenne liegt. Bilstein ist eine 
alte Herrschaft, die viele Jahrhunderte ihre eigenen Dynasten 
besass und freies Stuhlgericht übte über ein weites Land bis 
an die Gränzen von Arnsberg, Mark und Siegen. Dietrich von 
Bilstein am Ende des 14. Jalirh. scheint der letzte seines Namens 
gewesen zu sein; danach kam es mit dem vereinten Fredeburg 
das noch jetzt Hessen-Bilstein, d. i. die Herrschaft Bilstein heisst, 
an die Grafen von der Mark und endlich 1445 an Churköln, als 
Träger des Herzoghuts von Westphalen ; an die Stelle der Dyna- 
sten traten nur die Drosten auf Bilstein, eine Würde die zum 
Erbamte iu der Familie der Freiherrn von Fürstenberg Avurde; 
jetzt Domaine und Forsthaus bli&kt es in das breite sonnige Thal 
und das Dörfchen an seinem Fusse mit einem Air herunterge- 
kommener Aristocratie ; Thurm und Wappen prangen noch, es 
steht noch festen Fusses auf der schroffen Burgprärogative, die 
den Stürmen der Zeit trotzt; aber die alte Herrlichkeit ist dahin, 
und sein Jungherrnthum ist grau und altersschwach geworden 
wie manches andre. 

Aus der Gegend von Bilstein sich weiter hinabwindend, 
rauscht die Lenne bei dem Dörfchen Gräfenbrück an einer 
schroffen, senkrecht aufsteigenden Felswand am rechten Ufer 
vorbei ; das ist die Peperburg ; an ihrem Fusse gähnt hohen Ein- 
gangs eine düstre Grotte vor euch auf, von ihrem Gipfel erblickt 



— 204 — 

ihr die hellste, die reizendste Landschaft. Trümmer liegen oben, 
der Schutt einer starken Burg, von der^Zeit gebrochen, wie die 
einige tausend Schritt seitwärts liegende Burg zu Borchhausen. 
Eine andre Trümmer blickt von jenseits Elspe herüber, darunter 
dies freundliche Dorf selbst aus seinen Laubholzvvipfeln und 
Gärten. Alle drei waren einst Burgen des mächtigen Geschlechts 
der Voigte von Elspe, das seinen Ursprung von Karl dem Grossen 
herleitete; auf der Peperburg kommt um's Jahr 1338 ein Burg- 
mann Hermann Peypersack vor; 500 Jahre später hat man Schatz- 
gräberei in den Kellern des verschollenen Geschlechts angestellt, 
um mit der Wünschelruthe ein Goldkalb zu entdecken. — An 
Gräfenbrück vorbei, wo die drei Thäler der Aspe, Veischede und 
Lenne in einem geschlossenen Rundbilde ihren unvergleichlichen 
Reiz entfalten, führt die Strasse an altbewaldeten Wänden und 
hohen Felsen her, und an dem rasch voran rauschenden und 
plätschernden Strome entlang, der sich zu sputen scheint, als 
könn' er nicht früh genug all seine Mährchen und Elementarge- 
heimnisse und Herrlichkeiten der fernen Ruhr erzählen, wie ein 
beschenktes Kind, das seiner Mutter seine Freude zu zeigen läuft. 
Da kommt von der linken Seite, unter dem freundlichen Bamenohl 
mit seinen zwei alten Rittersitzen, die Bigge auf ihn zugestürmt 
und schwatzt und gurgelt, aber die Lenne rauscht weiter und 
hört sie nicht; sie weiss ja, was sie zu erzählen hat; etwa von 
Attendorn, an dem sie vorübergekommen, die alte Geschichte vom 
Glockengiesser, der seinem Gesellen, den dreisten Vollender des 
gefährlichen Gusses, mit den Worten: was hast du gethan, du 
Beslia! eine Kugel durch den Kopf jagte, worauf man dem Mör- 
der das Haupt abschlug ; *} oder andre Mährchen aus den Ruinen, 
aus den Bergen und den Klüften, wie ihrer die Lenne viel schönere 
weiss. Hat doch die Lenne einst den leibhaftigen Satanas über 
sich her nach Westphalen hinein fliegen sehen, einen Sack voller 
Adligen unter dem Arm, so voll, dass über der Mark und dem 
Hellweg einzelne herauspurzeln, über dem Münsterlande aber der 
Sack birst und sie alle herunterfallen, die von Schlüngel, von 
Schade, de Gryper, de Byter , dat Strik, de Pepersack, Wasch- 
penning, Springsinsleben oder Ziegenbart, Supetut, de Onbeschey- 



*) S. Grimm's d. Sagen I. 190. 



— 205 — 

dene, Springerus Rodenstert, Schnapümme, Schudüvel, de Duivel, 
Jagetho, Packstroh und wie alle die Ehrennamen heissen, welche 
die Naivität des 14. Jahrh. für seine ritterlichen Beherrscher er- 
fand. — 

Wenn die Lenne durch ein erweitertes Thal an dem 1759 
Fiiss hohen „ heiligen Stuhl, " einer früher als AVallfahrtsort von 
unermüdlichen Gläubigen oft erklommenen bewaldeten Kuppe 
vorübergeströmt ist , führt sie zu dem wie in abgeschlossenem 
Waldgrunde liegenden Dorfe Lennhausen, einer höchst roman- 
tischen Parlhie durch seine Burgruine , seine Eichengruppen, 
seine am Walde über dem Ort hängende Kapelle, die wie 
ein getreuer Eccard warnend an dem Pfade in die wilde 
Berg- und Waldeinsamkeit steht. Einzelne Höfe und Güter be- 
leben von Lennhausen an die weiteren Ufer; bei dem Dorfe 
Rönkhausen zieht die Chaussee nach Arnsberg von dem rechten 
Gestade unsres Flusses die Höhen des Homertgebirges hinan, 
auf dem in der Nähe von Lenscheid, wo die Sage ein versunknes 
Grafenschloss weiss, in der „wilden Wiese" der Schomberg von 
seinem 2015 Fuss über der Meeresfläche erhabenen Gipfel die 
weiteste und schönste Aussicht unsres ganzen Landes bietet. — 
Wir aber folgen dem Strome, an seiner rechten Seite, an den 
näher und dichter jetzt das Thal eindämmenden, an Höhe die 
Berge des Rheins weit überragenden Wänden her, die mit violetter 
röthlich schimmernder Haide sich bekleidet haben, worüber wie 
wildgeworfene Schnüre die gelben sich schlängelnden Pfade lau- 
fen; nur das Haupt deckt ihnen der wogende grüne Waldschleier, 
der das ganze linke Gestade einhüllt. Auf Pasel, das rechts seine 
Strohdächer im Eichengebüsche versteckt, folgt links Schwarzen- 
berg, das mächtige ehrfurchtgebietende Schwarzenberg, vor dem 
der Fluss in rascher Wendung zur Seite weicht, um es dann 
schützend und vertheidigend wie ein treuer Ministeriale fast zu 
umkreisen. 

Eine ungeheure Felswand dämmt sich vom linken Ufer her 
dreist, weitvorschreitend in das Bette des Flusses, der gehorsam 
seinen Bogen um die übermächtige Steinwehr schlagen muss, dass 
sie zur Halbinsel wird; auf der hohen Spitze der Wand ragt, 
halb in Trümmern, halb zu einer Förstervvohnung restaurirt, mit 
verwitterten Mauern und Thürmen und neueren Ziegeldächern das 
alte Schwarzenberg empor und lockt zum Erklimmen des steilen 



— 206 — 

Pfades bergauf, obwohl es im Innern euch nichts zu zeigen hat, 
als die alterthümliche Kirchengrosse Küche mit den hohen Bogen- 
fenstern, dem gewaltigen Kamin, der altromantischen Wendel- 
stiege in der Ecke und dem Schmuck des Jagdgeräths an den 
Wänden, wo Hirschgeweihe als seine Träger prangen. Schwar- 
zenberg gegenüber streckt das andre Ufer ebenfalls einen Arm 
aus, und beide bilden so ein Felsgewinde, dem die Lenne zögernd 
sich naht, als bange ihr vor all den Krümmungen und Schmie- 
gungen. Die beste Aussicht auf diese schönste Strecke des Fluss- 
laufes gewährt die schwindelnde Höhe des Krop oder Graf „En- 
gelberts-Stuhl", ein Sitz, den die Natur an der Kante eines hohen 
Felsen anbrachte, von wo herab man die Lenne tief unter sich 
fünfmal in neuer Windung aufglänzen sieht. Es ist ein herr- 
liches Landschaftsbild, das der Blick von diesem Lieblingsplatze 
Engelberts von der Mark überschweift, nach Osten bis an die 
Höhen der Homert, während uns im Rücken nach Westen und 
Südwesten das Ebbegebirge seine blauen Giebel aufreckt; den 
Fluss hinunter hemmt das Auge der hohe Hemberg; unten, eine 
kurze Strecke über Schwarzenberg bildet sich die liebUchste 
Staffage in dem alten Dörfchen Pasel; zwei Burgruinen liegen 
an beiden Seiten des Schlosses und der Lenne in tiefem Wald- 
und Ackergrunde, wie die Sage will, durch eine Höhle unter dem 
Strome her in alten Zeiten verbunden. Die Burg Schwarzenberg 
wurde 1301 durch Rütger von Altena, den Truchsess Eberhards IL 
von der Mark auf Geheiss seines Lehnsherrn erbaut, worauf später 
die Burgmannshäuser, die es wie forts detaches decken, jene beiden 
Ruinen entstanden. Durch Kauf kamen seit 1661 die Freiherrn von 
Plettenberg in ihren Besitz, bewohnten sie lange und nahmen oft 
ihren Namen an. — Ein Arm des Ebbegebirges trennt Schwarzen- 
berg von dem nordwestlich eine Strecke unter ihm liegenden Städt- 
chen Plettenberg, das an der Vereinigung der fruchtbaren Thäler der 
Else, Oester und Grüne „ platt am Bracht " oder Berg liegt und sei- 
nen Namen davon ableitet. Der miltelaltrige Stolz Plettenberg's, die 
neun Thurmspitzen der Kirche, die 1345 der Lütticher Bischof 
Engelbert von der Mark erbaute, die sieben Thürme der Ring- 
mauern, die hochzinnige Burg des Geschlechts von Plettenberg 
und seine Burgmannshäuser sind gebrochen und haben den be- 
scheidenem Anlagen der Eisenhämmer, der Papierfabriken, der 
Industrie weichen müssen, die jedoch ohne lebhaften Betrieb sind; 



— 207 — 

nur die Kirche , jetzt mit drei Thürinen und der Burghof des 
Kobbenrod -Hauses mahnt noch an die alte Zeit. Plettenberg 
liegt eine Strecke von der Lenne entfernt in einem reizenden 
von hohen bewaldeten Bergen umgebenen Thalkessel; in seinem 
Rücken, nach Westen zu, ist eine Kapelle mit dem kleinen 
Glockenthurm grade so hoch einen Waldhügel hinangeklommen, 
nm die lachend anmuthige Landschaft von da herab mit seinem 
Segen besprechen zu können; eine reichere Sicht bietet die Spitze 
der unfernen Molmert. In einem geräumigen Thale, um Waldberge 
und Felswände, von denen herab jede Regenzeit rauschende Gies- 
bäche sendet, an Dörfern, Rittersitzen und Ruinen her, durch eine 
herrliche, immer wechselreiche Gegend voll der schönsten Berg- 
formen windet sich die Lenne nach Werdohl hinab, wo die Fesse 
mündet und ihr freundliches Seitenthal dem Blicke auf Wald- 
gegenden mit Hammerwerken und wohlhabenden Gehöften dar- 
unter öffnet; Werdohl gegenüber, am linken Ufer, liegt in wilder 
Einsamkeit auf einem Berge Pungelscheid, das Haus, worin 
Theodor L von Corsica geboren. Das Thor und mehrere Trüm- 
mer stehen noch; im Umkreise der Burg, ihrem Thore nah, liegt 
ein Bauerhaus , über dessen Thüre man ein altes Wappen der 
Familie Neuhoff eingemauert findet, die seit 1465 als Nachfolger 
des älteren Geschlechts derer von Pungelscheid hier hauste und 
unten in Werdohl ein Drostenhaus zu ihrer Aufnahme hatte. Von 
Werdohl wandern wir, links hinter uns das romantische Ebbe- 
gebirge mit den Quellen der Volme und der Wupper, mit der 
2045 Fuss hohen Nordhalle lassend, nach Altena, dem grössten 
Orte der Grafschaft Mark, der sich in einer Länge von ^^ Stunden 
am rechten Ufer der Lenne und im Thale der Nette um seinen 
Schlossberg hinzieht. Ein überraschend schönes Landschaftsbild 
— ihr mögt von einer der Brücken, die den Fluss Überjochen, zu 
den blühenden Gärten der hohen Berghänge und der imposanten 
Schlossruine hinauf, oder von einer der umgebenden Höhen hin- 
abblicken auf die drei Stadttheile, die Freiheit, das Mühlendorf, 
die Nette, mit den langen Reihen ihrer säubern glänzenden Häu- 
ser, auf die Wiesenufer des Flusses, die romantischen Anlagen des 
„Hühnengraben", und die überall versäeten Drahtrollen und Fa- 
briken. Den schönsten Anblick auf die verwittertenlThürme der 
Burg gewährt die Berghöhe, welche man die Klüse nennt; wie 
noch wahrhaft erscheint euch da die alte Feste auf ihrer „Wulfs- 



— 208 — 

egge", die ganze Gegend liegt vor euch, von dem die alte Reim- 
chronik von Altena singt: 

Man sieht hier lauter Berg und Thal, 
Die Bäume stehen hier ohne Zahl, 
Das schönste Wasser quillt herfür, 
Die meisten hahens vor der Thür. 
Wan es kömpt in die Meyen Zeit 
Sicht man daran seine Lust und Freudt, ^ 
Die Bäume die blühen, die Vögel singen, 
Das thut in Berg und Thal erklingen; 
Es gibt hier Vögel mannigerley, 
Feldhüner sein auch wolF dabey, 
Hirsche, Rehe und wilde SchAvein 
Sind mehr als uns beliebig sein u. s. w. 

Die Kapelle, wovon die Klüse ilwen Namen führt, eine 
Stiftung des Grafen Engelbert von der Mark zu Ehren Sankt 
Margaretha's und Barbara's ist verschwunden; nur der nahe 
Brunnen des Eremiten Einhard sprudelt noch , wenn auch ohne 
die geheimnissvolle Wirkung, von der Steinen erzählt und die 
einst am Ostermontage eine grosse Prozession hinaufführte. 

Auf der Burg selbst bemerkt man eine älteste Bauparthie, 
mit dem südöstlichen Thurme und eine neuere, die nord- 
westliche Seite; ausserdem zeigt man das Burgverliess und den 
300 Fuss tiefen Schlossbrunnen. Der grosse Thurm diente zu- 
letzt zu Gefängnissen ; im vorigen Jahrhundert hatte das Schloss 
noch seinen Commandanten und eine kleine Besatzung. Als Er- 
bauer Altena's nennt die Sage zwei Söhne des berühmten Rö- 
mergeschlechts der Ursini, welche von Kaiser Otto III. das Land 
um Lenne und Wupper gekauft und auf der Wulfsegge da ein 
Schloss gebaut haben sollen, wo Schutz suchend ein Haselhuhn 
auf und in des einen Römers Schoos geflattert sei. Der Graf 
von Arnsberg habe die Feste seinen Marken all te na genannt, 
aber ihre Mauern schon zu hoch und fest gefunden , um mehr 
thun zu können , als ihr durch seine verspottete Beschwerde 
den Namen zu geben. Später sollen beide Brüder das Schloss 
Altenberge an der Dhün erbaut haben und die Stammväter der 
Häuser Mark und Berg geworden sein. Die Geschichte nennt 
sie Adolph und Eberhard, leitet aber ihren Ursprung von Her- 
mann, dem ersten Grafen vom Berge und Altena, der schon diu 
in der Stiftungsurkunde von Geresheim vorkommt, oder von den 



— 209 — 

Grafen von Teisterbant und Cleve ab. Man setzt die Erbauung 
oder wahrscheinlicher Erneuerung von Altena durch Adolph I. 
und Eberhard in das Jahr 1108; die von Altenberge niuss kurz 
darauf Statt gefunden haben, wenn nicht diese Burg der viel 
ältere Stam'msitz des altfränkischen Geschlechts der Grafen von 
Berge war, von dem Altena und Mark eine Nebenlinie ist; wir 
sehen nämlich bald nachher beide Brüder in den Besitz der zv/ei 
Burgen sich theilen und Eberhard, nach einem Heereszuge gegen 
Braband, zerknirscht über das vergossene Blut, von seiner Burg 
und aus seinem Lande verschwinden, bis ihn, den Pilger nach 
Sankt Jago di Compostella und zu den Gräbern der Apostel in 
Korn, endlich ein Zufall als Hirten der Säue des Fränkischen 
Klosters Moribund wiederfinden lässt. Eberhard wird darauf mit 
Adolph der Stifter der Abtei Altenberge. *} Jedenfalls ist das 
Schloss Altena das Stammhaus des mächtigen starken Geschlechts 
durchweg ritterlicher und ruhmreicher Grafen, welche über das 
schöne Gebiet der Westphälischen Mark herrschten und es so 
bald mit den ihnen zufallenden Besitzungen von Cleve, Berg, 
Jülich und Ravensberg verbanden, dass sie eine der mächtig- 
sten Dynastien Deutschlands wurden und ihre Töchter auf dem 
Throne von Frankreich sahen. Seit Adolph HI. vertauschten 
sie den Namen von der Mark mit dem von Altena; Mark ist ein 
Riuersitz in der Nähe von Hamm, den Adolph HI. dem Besitzer 
Babod sammt seinem Wappen abgekauft haben soll, weil seit dem 
Frevel des verwandten Friedrich von Isenburg ihm der Name und 
die rothe Rose im goldenen Schilde des gemeinsamen Ahnherrn 
befleckt geschienen. Seitdem (1226) war das Wappen der Mark 
drei gewürfelte Balken. Engelbert H. ward durch seine mit 
grosser Pracht zu Hamm gefeierte Vermählung mit der Erbtochter 
Mechtild von Arenberg Graf von der Mark und Arenberg und 
Burggraf zu Köln. Ebenso kommt durch die Clevische Erbtochter 
Margarethe unter ihrem Sohne Adolph V., der aus Liebe zu der 
schönen Margarethe von dem Berge auf seine Inful von Münster 
und das Pallium von Köln resignirt, Cleve an das Haus Mark. 
Im Jahre 1609 erlischt endlich die Dynastie und seitdem hat die 
Mark dem Hause Brandenburg gehört, und Friedrich Wilhelm HI. 



^) Siehe das weitere bei von Steinen und in dem interessanten Werke 
von Montanus (von Zuccalinaglio,) : Die Vorzeit u. s. \v. II. Solin-jeii 
1837-1839. 

16 



— 210 — 

hat ihr sein königliches "VVort gegeben, dass sie nie seinem 
Scepter entrissen werden soll. 

Unter Altena bis zu dem Gehöfte: die Grüne, verengert 
sich das Lennethal und wird immer reicher an den schönsten, 
interessantesten, grandiosesten Parthien; bei der Grüne ragt 
auf einer steilen hohen Bergwand ein eisernes Kreuz empor, 
mit Inschriften zur Erinnerung an die Freiheitskämpfe, auf 
den vier Flächen des starken Sockels; unter ihm am Ufer rau-^ 
sehen, tosen und sprühen die Fabriken; gewaltige Felswände, 
freundliche Häusergruppen spiegeln sich im Flusse , der Thurm 
von Letmathe und sein Rittersitz taucht vor euch auf in dem 
schönsten aller Thäler, senkrecht stehen am rechten Gestade zwei 
Steincolosse von 150 Fuss Höhe, den schroffen Bergen des 
linken Ufers gegenüber; man nennt sie Mönch und Nonne und 
findet eine schmale Grotte in dem letzlern. Unterhalb Letmathe, 
am Saume eines weiten Bergkessels steht auf kühner Höhe eine 
feste Bauerwohnung, deren Fenster den herrlichsten Anblick auf 
den Fluss gewähren; die Lenne durchfliesst unten das geräumige 
Thal von Letmathe, Genna und Oestrich und sendet Arme seit- 
wärts, um Mühlen und Metallfabriken zu treiben, die unter 
Baumgruppen versteckt nur hie und da mit einzelnen weissglän- 
zenden Landhäusern sichtbar werden, umher Aecker, Fluren oder 
verwitterte Felsenmassen, und über den grauen Klippen oder 
dem frischen Baumgrün wirbelt der Rauch empor, den schwarz, 
wolkenhaft geballt, die hohen Röhren der Essen emporsenden. 

Endlich nach einer Fahrt von drei Stunden trägt euch die 
steinerne Bogenbrücke über die Lenne an's linke Ufer, nach 
Limburg, und ihr steht in einer Gegend, deren Reize zu beschreiben 
ein vergeblich Unternehmen wäre. Die Landschaftsparthie von 
Altena bis Hohensyburg ist das Paradies Westphalens; es sind 
zwei Kleinode, zwei Edelsteine, jene Punkte, welche der Silber- 
reifen der Lenne einfasst, welchen dunkle Blätter aus dem Buche 
alter Historie als Folien untergelegt sind. Eine Gegend wie diese 
kann nicht beschrieben werden, weil sie wie Musik auf uns 
wirkt, durch alle Poren des Gemüths auf alles Seelenleben ein- 
dringend und es in jeder Regung erfassend; dies Ausathmen von 
Musik einer schönen Natur ist es, was man den unnennbaren 
Reiz einer Landschaft nennt, was man Zauberhaftes darin fühlt, 
das unsrer festesten Individualität wie mit einer verschwimmen- 



— 211 — 

den Auflüsung und Hingabe an die Natur droht. Das Betrachten 
von Werken der Kunst kann ermüden, wie der Gedanke ermüdet; 
sie heischen ein intellektuelles Arbeiten der Seele; die Natur 
ermüdet nie, denn sie bewirkt ein wollüstig Sich-schaukeln des 
gesammten Seelenlebens wie auf den Harmonienwogen der Musik. 
Die Weisheit der Kindeseinfalt, die Poetenintuition der Sage hat 
zuerst diese Musik der Natur belauscht und entdeckt; die Sage 
hat den Ausdruck dafür in den Mährchen geschaffen, dass die 
Lurley in den Untergang hinabziehende Töne hauche, dass aus 
den Elementen, aus dem rauschenden Strome, der Nixe schwer- 
müthiges Lied töne ; sie lässt die Geistertöne der Glocke von 
Arragonien durch die Sommernacht einer Huerta von Valladolid 
schwirren; die romantische Poesie lernte von ihr, das Klingen 
der Sonnenstrahlen in den Wäldern, die Aeolsharfentöne des 
Windes in einsamen Felsbuchten zu belauschen. — Ein zweites 
worin die Musik der Natur einen Ausdruck gefunden, sind die 
Weisen der Volkslieder. Das ist das Geheimniss des namenlos 
ergreifenden Zaubers, der in diesen so einfachen und doch so tief 
poetischen Klängen liegt. In die Musik einer schönen , glänzen- 
den, freudigen Natur wird auch das Lied des sie beherrschenden 
Volkes lebendig bewegt und froh sich einfugen; in einer reiz- 
losen Gegend tönt es monoton; in der grandiosen Oede von Land- 
schaften, wie sie Hochschottland und hie und da der Kern unsres 
Landes besitzt, tönt es so einfach wehmüthig und doch so durch- 
schauernd wie eine geheimnissvolle Prophezie von eurem Tode, 
wie eine mahnungreiche Geschichte von ewigem Scheiden und 
Sterben. Die jetzt meist untergegangenen Volkslieder meiner 
Heimath, des Münsterlandes, sind so durchdringend schwermüthig 
wie der einsame Schrei des Kibitzes, der über die Haide hin- 
fährt ; aber die Phantasie hat in der Oede desto schrankenloseren 
Raum zu ihren Schöpfungen gefunden und aus dem Rahmen der 
einfachen Weisen steigt vorgebildet die ganze Welt der spätem 
Romantik auf, mit ihren Königskindern, ihren Seefahrern, ihren 
Prinzen, die um Hirtinnen freien. 

Wollt ihr sie belauschen, die Musik der Natur, die Stimmen 
der Wasserfein, die Melodien des Elements? Ihr müsst euch auf 
die Brücke von Limburg setzen, wenn es Nacht ist, wenn der 
Mond Geisler- weckend seine Strahlenpfeile in die krausen Wellen 
der kleinen Wehren hinabschiesst; über die Breite der Lenne, 

161» 



— 212 — 

scheint es, ist eine Reihe von Metallglocken gespannt und die 
Feien läuten sie, sie läuten mit allen Glocken die Mondnacht ein, 
das ist für das lebendig rührige Geschlecht der Sonntag der 
Menschen; dazwischen hört ihr sie lachen und jauchzen und 
wehklagen und seufzen, ohne Rast ohne Ruh ihrer Wasserorgeln 
Cadenzen durchlaufend, eine wundersame Messe, über welche 
die Strahlenmonstranz am Himmel von oben her ihren Segen 
ausgiesst. Ihr könnt euch nicht losreissen von dieser sonder- 
baren Musik, die unverkennbar, keine Dichter-Phantasie, in euer 
Olir dringt; ihr müsst ihr lauschen, bis im Glanz des Morgens 
das Thal von Hohcnlimburg vor euch liegt und ihr aus euren 
Träumen geweckt mit innerlichem Entzücken die Blicke rund 
umher in das Landschaftsbild sich einsaugen lasst. Es ist eine 
Gegend um zum Kinde darüber zu werden : ich habe gelacht und 
geweint und gejubelt über die Schönheit von Hohenlimburg ; es 
ist nichts als zwei Reihen hoher Berge, dazwischen ein Fluss, 
an seinem linken Ufer eine Stadt und über der Stadt einSchloss; 
aber aus diesen fünf Dingen, wie aus fünf nichtsbedeutenden 
Buchstaben das schönste Wort, ist die schönste, die ergreifendste 
Rede zusammengesetzt, die der Schöpfer zum Menschen sprechen 
kann, eine Rede, die aus eurem tiefsten Herzen einen Strom von 
Glückseligkeit aufsprudeln lässt^ als ob nun alle eure Sehnsuchts- 
und Freudeknospen zu lichten Glücksblüthen aufgebrochen seien, 
voll und duftig wie die ersten Kirschblüthen über eurem träu- 
merischen Haupte: das Blut fliesst so leicht und rasch, dass es 
alle Gedanken euch entreisst, als werfe es sie wie Blumensträusse 
dieser Schönheit zu. 

Aber ich vergesse, dass ich euren Cicerone hier machen 
muss und euch hinaufführen auf das Schloss Hohenlimburg. 
Geebnete Pfade durch sorgfältig gepflegte Anlagen leiten bis zu 
der Terrasse, wo eiserne Geschütze unter hohen Linden in die 
friedliche Landschaft drohen; dann öffnet sich das feste Burg- 
thor mit seinen Adler- und Falkenklauen, seinen eisenbeschla- 
genen massiven Eichenbohlen vor euch und nachdem ihr einen 
Blick auf die Wappen darüber geworfen, tretet ihr durch den 
langen gewölbten Thorweg in das Innere. Das Wohngebäude 
links, vom Grafen Mauritz Casimir in der Mitte des vorigen 
Jahrhunderts hergestellt, ist einfach; ausser ihm sind einige 
Thürme in den Ecken, eine Wohnung des Kastellans die ein- 



— 213 — 

zigen Baulichkeiten, welche die auffallend hohe Ringmauer um- 
schliesst; aber von der Gallerie, welche diese Ringmauer krönt, 
wo man überrascht wie vom Schlosse zu Altena einen neuen 
Ort, die Nette, hier die Nahmer entdeckt, habt ihr eine Aus- 
siciit, wie sie nur noch die grosse Terrasse des Heidelberger 
Schlosses bietet. Auffallend ist überhaupt die Aehnlichkeit zwischen 
Limburg und Heidelberg; ich weiss kaum, welches den Vorzug 
verdient, wenn auch Heidelberg grossartiger ist durch Strom und 
Stadt, nicht durch die Formationen seiner weniger schönen Berge. 
Jedenfalls träumt man sich unwillkürlich zurück in die fröhliche 
Musenstadt, wenn man auf der Leunebrücke über das breite 
Flussthal nach den blauen Ruhrbergen und den Ruinen von Hohen- 
syburg ausschaut; es ist als läge die üppige Neckarebne vor dem 
Auge da, begränzt von den azurnen Höhenzügen des Hardtgebirges. 
Vor allem andern freundlich liegt Limburg selbst zu euren 
Füssen, wenn ihr auf der Gallerie der Schlossmauer, in ihrem 
Belvedere steht: der Ort sieht aus so blank und niedlich, als 
habe ein Kind seine Stadt aus der Nürnberger Schachtel zwischen 
Baumgruppen und Blumengärtchen zusammengestellt. 

Das Schloss ist von dem Grafen Heinrich von Limburg in 
den Niederlanden im Jahre 1230 erbaut Avorden. Es hatten im 
i2. Jahrhunderte die Brüder Friedrich und Arnold von Altena 
ihr Erbe sich gelheilt: Arnold bekam ausser Iscnburg und Nien- 
brügge die Grafschaft Limburg an der Lenne. Arnold's Sohn 
Friedrich (von Iscnburg, seiner Residenz genannt) erschlug den 
heiligen Engelbert; zur Strafe wurde er geächtet und seiner Güter 
beraubt; „da ist sein Sohn Theodorich, sagt ein alter Chronist, 
bei dem Herzogen von Limburg und Grafen von dem Berge, seiner 
Mutter Bruder aufgewachsen und mäjinlich worden. Da gedachte 
gemeldter Herzog Heinrich von Limburg, wo er seinem Vettern 
in sein väterliches Erbe, v/elches Graf Adolph ingenommen hatte, 
wiederurnb insetzen möchte, machte sich derwegen auf mit einem 
ansehnlichen Kriegsheer, käme auf die Lehnne, bauete daselbst 
auf einem hohen Berg ein Schloss oder starke Festung, welches 
er nach seinem Namen und Schlosse Limburg nennete. Er halte 
daselbst so meunigen Kriegsman , als Steine und Balken am 
Hause seyn und das Schloss solle allezeit seyn und bleiben den 
Grafen von dem Berge zu sicherer Zuflucht ab und an zu ziehen 
und offen zu stehen." 



— 214 — 

Nun wurde Theodorich der Ahn eines Grafengeschlechts von 
Limburg, das mit Wilhelm 1459 erlosch, dessen Erbtochter Mar- 
garethe die Besitzung an ihren Gemahl Gumprecht von Nüwenar 
brachte, bei dessen Stamme sie bis 1573 blieb, wo eine Erb- 
tochter 3Iagdalene von Nüwenar, mit Graf Arnold von Tecklen- 
burg vermählt, Limburg diesem letztern Hause zubrachte, dessen 
Enkel aus der Rheda'schen Linie seitdem im Besitz geblieben 
und jetzige Standesherren der Grafschaft sind; das Schloss dient 
ihnen zum neidenswerthen Sommeraufenthalt. 

Ein höchst romantischer Weg führt von Limburg an der 
Höhe, die einst die Feste Raffenberg trug, an den Felsen der 
Hünenpforte und des nahen Weissensteins *3 her nach Hagen; 
ein andrer zieht, lockender für uns, am rechten Ufer der Lenne 
durch Elsey nach Hohensyburg. Wir schreiten über die Lenne- 
brücke, der gegenüber auf der Berghöhe einst das Schloss Eickel, 
jetzt das Monument Möllers steht, dann links ab dem einst hoch- 
adlichen freiweltlichen Damenstift Elsey zu. Ueber das Pfarr- 
haus zu Elsey breitet die Erinnerung an die beiden Möller eine 
idyllische Poesie, die vergessene und doch so rührende Poesie 



*^) Weitere Ausführungen, Avie sie mir der Raum nicht erlaubt, siehe 
bei Steinen und in dem Aufsatze: Lennebilder in und an der Mark, 
im Rheinisch- Westphälischen Anzeiger, Hamm 1833 und 1835. Auf 
dem RafTenberge, erzählt die Sage, hauste einst ein arger Raubritter, 
Graf Humpert, der seinen Rossen die Hufeisen verkehrt unter- 
schlagen liess, um seine zahlreichen Feinde zu täuschen. Von einem 
Heere derselben belagert, trotzte er auf die Stärke seiner Burg und 
die Menge seiner Vorräthe; da sagt ein altes Mütterchen den Be- 
lagerern: Nehmt einen Esel, so man drei Tage hat dürsten lassen 
und führt ihn an den Berg: wo er stehen bleiben und mit den Füssen 
scharren Avird, liegt der Brunnen, aus dem Röhren das Wasser in 
die Burg leiten. Der Alten Wort bewährte sich und der Burgherr 
ward aufs Trockne gesetzt ; da Hess er durch einen Herold sagen, 
er wolle sich ergeben, wenn man sein Gemahl frei abziehen lasse 
mit dem, was sie in dreien Malen aus dem Schlosse tragen könne. 
Dies ward gern gewährt, und sieh, die Gräfin, ein starkes Weib, 
kam zum ersten Male mit dem Gemahl auf den Schultern, zum an- 
dernmale mit dem Sohne, der eben so arg Avie der Vater, und zum 
drittenmale mit einer solchen Last von Gold und Gesclimeide 
dass sie am Fusse des Berges angekommen elendiglich zusammen- 
stürzte. — Die Sage von der weissen Jungfrau zu Elsey s. bei Stahl, 
W. Sagen. 




^ 



— 215 — 

des Landpredigerlebens, die hinter den Rehenumsponnenen Fen- 
stern der stillen sommerlichen Studierstube, unter der blühenden 
Geisblattlaube des trauten Familienmales, an dem Heimchenzirpen- 
den Heerde der blankgescheuerten Küche wohnt und mit Geburts- 
tagsstickereien und reifen Kirschen des ehrwürdigen Pfarrherrn 
Zeugnisse gegen den einbrechenden Rationalismus der Generation 
belohnt. Ihr denkt dabei an Vossens Luise; wer Johann Frie- 
drich Möller kannte, denkt bei seinem Namen an eine höhere 
Gestalt, an Justus Moser. In derselben Zeit wurzelnd, aus glei- 
cher Denkrichtung patriotische Phantasien nährend, mögen beide 
zusammen genannt werden, wenn "NYestphalen die Männer auf- 
zählt, auf welche es stolz ist. Möllers Geist beweisen die Kinder 
seines Geistes, seine Schriften; sein nachhaltiges Wirken seine 
andern Kinder, die guten freundlichen Leute von Elsey. — Er 
war es, der in den Drangsalen des Jahres 1806 die Befürchtun- 
gen der Grafschaft Mark von der Krone Preussen losgerissen zu 
werden , aussprach und des Königs hochherziges beruhigendes 
Wort zur Antwort darauf erhielt. 

Wo die Lenne in olfenem breitem Wiesenthaie sich in die 
Ruhr stürzt, da rauscht diese, von dem alten Reichshofe West- 
hofen kommend, an einer hohen jähen Bergwand vorbei, auf 
deren Rücken die Ruinen von Hohensyburg liegen, noch den 
Donjon, zwei weite Gemächer und Stücke der Ringmauer zeigend; 
am nördlichen Abhänge der Bergwand, auf öder Halde steht das 
Dorf Syburg, eine dürftige Erinnerung an Wittekinds grosse 
Stadt! Es ist öde auf dieser Halde, wenn man aus den Ruinen 
zurückkommt, in denen man die Blicke weithinab in die Lande 
hat schweifen lassen , weithinauf in verschollene Zeiten , bis sie 
auf den heroischesten Gestalten unserer Geschichte haften ge- 
blieben; auf der tiefern Halde ist der Blick engbeschränkt, der 
Abendwind haucht Haarrauchnebcl darüber, einen modernden 
Leichenschleier; der heilige Petersbrunnen, der Wunder that für 
andere Zeiten, steht träge quellend; durch die alte Kirche in- 
mitten kleiner Grabsteine pfeift leise der Zugwind, drinnen nichts 
als Leichensteine, Sterbewappen und das Todtengeläute der Zeit, 
das schallende Tiktak der Thurmuhr. Keine Spur mehr von dem 
alten Schmucke, der an den Tag erinnerte, an welchem Karl der 
Grosse mit seinen Paladinen und Herzogen auf dem Chore stand 
und Gebete murmelnd den gewaltigen Bart Aviegte, während der 



— 216 — 

Pontifex von den sieben Hügeln, Leo III. mit einem unzählbaren 
Gefolge von Fürsten der Kirche umherschritt und die Wände 
salbte und segnete und die Stätte weihte, wo das blinde Heiden- 
volk eine Irminsul oder ein Krodobild, den „Krottenteufcl" ver- 
ehrt hatte. So will es die Sage. Dass Karl die Syburg, mit 
der Eres- und Iburg der Haupthalt der Sachsen, diesen im Jahre 
775 abgestürmt und dass sie im folgenden Jahre wieder von 
ihnen belagert, von Karl entsetzt wurde, ist historisch und be- 
kannt. Die Gegend umher scheint Wittekinds Eigen gewesen 
und von dem Kaiser zum Reichshofe gemacht worden zu sein, 
dass aus Wittekinds Gefolgsmännern und Untersassen freie Reichs- 
leute wurden, bis sie 1300 an Graf Eberhard von der Mark ab- 
getreten wurden. — Was jenen Götzen Krodo betrifft, der übrigens 
deutscher Mythe nicht angehört, und dessen Name wohl nur 
Adjektivbezeichnung eines andern Gottes ist, (Krodo, Groto, de 
Grote?3 so glaubt Stangefol, er sei fränkischen Wesens und von 
einer Drude sein Dienst eingeführt: „war selbiges Bild einem 
alten Kornschneider oder Mähder gleich bekleydet, mit einem 
Schurz umbgürtet, hat in der rechten Hand ein Fass voll Rosen, 
in der linken, so ausgestreckt in die Höhe, ein Wagenrad, stund 
mit grossen rawen Haren am blossen Kopf mit blossen Füssen 
auf einer Seulen und einem rauhen scharlfeckigen Fisch, genannt 
perca, eine Bärsse und war die Brust ihm offen." Ob jenes 
Rad, der Gottheit Attribut, Veranlassung zu der Sage von der 
Zerstörung eines Wasserrads gegeben, wodurch Karl die erste 
Uebergabe der Burg erzwungen, ist ebenso schwer zu entschei- 
den, wie die Richtigkeit von der Anwesenheit Leo's in Syburg, 
seine Weihungen und Taufhandlungen im Sankt Petersbrunnen, 
seine Schenkung des Hauptes der heiligen Barbara an die Kirche. 
Augenscheinlich ist es übrigens, dass sowohl die Kirche späterer 
Zeit, als der Karls angehört, wie, dass die Burg nicht die alle 
sächsische Feste mehr sei; sie muss innerhalb der Umwallungen 
der letztern unter der Regierung Heinrichs IV. entstanden sein, 
wurde ein Reichs- und Burglehn der Ritterfamilie von Syburg 
und unter Rudolph von Habsburg vom Grafen Eberhard von der 
Mark 1287 als Raubnest mit den Schlössern Isenburg, Ruenthal 
und Volmarstein zerstört.*) 



*) S. Ueber Hohensyburg. Von J. Fr. Möller. Dortmund 1804. 



— 217 — 

Von Hohensyburg schlängelt sich die Ruhr in silbernen 
Windungen nach Westen weiter, rechts die Wände des Ardey- 
Gebirges bespülend, in welchem einst das erloschene Geschlecht 
der Grafen von Ardey oder Are hauste, links die Yolme auf- 
nehmend, die aus reichem blühendem Thale hervorslrömt; dann 
an Herdecke her, um die Wetter Freiheit und den Volmarstein 
ihre Bogen schlagend. Herdecke , wohl eher Hardt - ecke , als 
Hertha's Eiche, wie derivirt wird, besass früher ein Frauenstift; 
Wetter, einst ein Schloss der Grafen von der Mark, hat in den 
Mauern seiner Feste eine Eisengiesserei die Romantik schmälern 
sehen müssen, welche noch ungestört über dem herrlichen Punkte 
von Volmarstein schwebt. 

Volmarstein, in wenigen Trümmern erhalten, steht auf einem 
Felsen an der Ruhr, da wo ein älteres Bette der Yolme gemündet 
haben muss. Sitz des alten, vielleicht schon altsächsischem Ge- 
schlechts der Edlen von Volmarstein, w^ard es zuerst, wie oben 
gesagt, i287 zerstört, dann, neu erbaut, im Jahre 132'i^ in einem 
Kriege des Erzbischofs von Köln mit der Stadt Köln von den 
Bundsgenossen der Stadt, dem König Johann von Böhmen, Grafen 
Wilhelm von Holland, den Grafen von der Mark, von Berg und 
vielen anderen nach langer Belagerung bezwungen und wieder 
eingerissen; die Grafen von der Mark, die es danach zu Eigen 
nahmen, mögen Erbauer dessen sein, wovon die jetzigen Trüm- 
mer übrig geblieben. Das im 15. Jahrh. erloschene Geschlecht 
der Grafen von Volmarstein gehörte einst zu den mächtigsten 
unsres Landes, wie ihre Lehnskammer eine der reichsten war: 
unser Historiker Kindlinger hat zur Eutwicklung alter Rechts- 
verhältnisse ihnen eine Monographie gewidmet. Die merkwür- 
dige Erzählung von der Stiftung des Klosters Waldsassen in 
Bayern durch einen Gerwich von Volmarstein s. in C. Bruschius 
de monast. germ. I. 242. 

Das Vülmethal, das sich bei Volmarstein mündet, ist reich 
an Sagen; da ist die Finkinger Lei, eine Felswand mit einer 
kleinen Höhle, worin einst die Zwerge hausten, treue Hirten und 
emsige Diener in Küche und Stall für den gegenüberliegenden 
Finkinghof ; einem der Zwerge , der besonders treu sein Vieh 
gepflegt und gehütet, legte der Hofherr zum Danke einst einen 
neuen Anzug auf den Pfosten des Hofthores, als jener die Heerde 
hindurchtrieb; da ward der Zwerg traurig, denn er glaubte, man 



— 218 — 

wolle seiner los sein , nahm den Anzug und entfernte sich und 
mit ihm verschwanden die Zwerge für immer. — Bei Dahl war 
einst ein Schloss, Bollwerk geheissen, der Ritterfamilie von Dalc 
gehörend, die hochnothpeinliches Gericht darin hegte mit spani- 
scher Jungfrau und Yerliessen voll scharfer Messerklingen: darin 
hat auch der Blaubart gehaust, ein gar gewaltiger Unhold gegen 
Nachbarn und Untersassen; sechs edle Jungfrauen, so er ge- 
raubt, sind auf seinem Schlosse verschwunden; da wirbt er um 
die siebte, die Tochter eines Ritters aus dem Ruhrthale. Sie 
muss sich ihm hingeben , denn der Blaubart liegt vor dem 
Thor mit seiner Schaar und bricht an den Mauern der unver- 
theidigten Feste ihres Vaters ; ehe sie aber mit ihm zieht, heisst 
sie den Vater mit seinen Freunden die Burg des Blaubart stür- 
men, wenn sie mit einem weissen Tuche von dem Wartthurm 
winken würde. Mit rohem Jubel wird die Arme heimgeführt; 
als aber kurz nachher der schreckliche Gemahl zu einem seiner 
Stegreifabentheuer ausreiten will, überreicht er ihr ein Schlüssel- 
bund, so alle Thüren des Schlosses öffnet; nur einen der Schlüssel, 
der einen unterirdischen Gang aufschliesst, darf sie nicht ge- 
brauchen — bei Todesstrafe nicht. Sie glaubt, das sei der Weg 
in's Freie und deshalb, als es um Mitternacht geworden, nimmt 
sie eine Leuchte und schleicht sacht in das verpönte Gewölbe, 
bis an eine eiserne Thüre am Ende des Ganges : zitternd dreht 
sie den Schlüssel, der Riegel springt auf, die Thüre schlägt an 
die Seitenwand und sie steht auf der Schwelle eines Grabgewöl- 
bes, drin sechs weibliche Leichname in eisernen Kelten an den 
Wänden hangen; sie bricht zusammen bei dem Anblick, rafft 
sich nach einer Weile wieder auf, die Thüre zu schliessen und 
zu fliehen — aber die Thüre ist wie festgeklammert an der Sei- 
tenwand und regt sich nicht, wie sie auch sich mühen mag bis 
zum Morgen, wo der Blaubart heimkommt und ergrimmt sieht, 
was sie begonnen hat. Sie flüchtet sich vor ihm auf die Warte 
und wälzt Lasten auf die Fallthüre, so viel sie vermag; dann 
lässt sie hoch ihr weisses Tuch im Winde flattern. Der Blau- 
bart stürmt ihr nach, aber er muss lange Zeit sich mühen und 
seine Diener rufen, um die Fallthüre aufheben zu können; end- 
lich steht er oben und ergreift sein Schlachtopfer und will sie 
von der Zinne des Thurmes stürzen; sie aber hat ihn so fest 
umklammert, dass sie mit der Hälfte des Körpers in der freien 



— 219 — 

Luft schwebend, nicht von ihm abgeschüttelt werden kann, — 
da klirren Rüstungen, Sporen, Schwerter hinter ihm, die Freunde 
des Mädchens sind aus ihrem Hinterhalte hervorgebrochen, sind 
ohne Hinderniss, unerwartet in's Schloss gedrungen , die Stiegen 
des Thurmes hinauf — ein Schwertstoss durchbohrt den Unhold 
und statt seines Opfers stürzt jetzt seine Leiche von der Höhe 
des Thurmes hinab, — Im Yolmethale, weiter hinauf im Goldberg 
bei Hagen hat man in alten Zeiten Gold und Silber gegraben, was 
eine Lehnsurkunde zwischen Erzbischof Adolph von Köln und Ar- 
nold von Altena von 1200 erhärtet. In jener Zeit kam eines Tages 
ein armes unbekanntes Weib mit einem Säugling, einem wunder- 
schönen Knaben nach Hagen, und des Dorfes Vorsteher nahm sie 
freundlich auf, gewährte ihr eine Hütte und Hess sogar ihren 
Knaben, den er lieb gewann, mit seiner einzigen Tochter er- 
ziehen. Als der Sohn der fremden Frau nun gross und ein 
schmucker Bergmann geworden und mit ihm seine Liebe zu des 
Vorstehers Kind gewachsen war, da entschloss er sich endlich, 
um das Mädchen bei dem Vater zu werben; der aber versetzte, 
schnöde seine Armuth höhnend, dass er seine Tochter nur durch 
einen kostbaren Schmuck aus Gold und Diamanten gewinnen 
könne. — Das w^ar eine harte Antwort, denn woher sollte der 
Sohn der fremden armen Frau einen Goldschmuck bekommen? 
Hoffnungslos ging er an seine Arbeit und befuhr den Schacht 
und führte das Fäustel — aber sein Arm wurde kraftlos und 
sein junges Blut stockte in den düstern Felsenkammern vor Trau- 
rigkeit. Eines Morgens nun, als er aus seiner Hütte schritt und 
an einem hohlen Baume vorbeikam, sah er einen Glanz daraus 
hervorleuchten; er schaute näher hin un'd — w^ar es ein Traum? 
da lag das kostbare Geschmeide von Golde strotzend, von Diaman- 
ten blitzend, in dem hohlen Baume! — Er nimmt es und stürmt 
damit zum Vater seiner Geliebten — der wundert sich nicht 
minder, aber hält sein Wort und verlobt ihm seine Tochter. 
Nun war ein böser Mensch in Hagen, der Sohn eines reichen 
Försters; der war des Bräutigams Nebenbuhler gewesen, und als 
sich das Gerücht von dem Goldschmuck verbreitete, da betheuerle 
er, das Kleinod seie sein, und brachte zwei Zeugen, die schwuren, 
dass der Bergmann ihn darum beraubt habe. Das Wahre an der 
Sache war, dass der junge Förster heimtückisch den Schmuck hatte 
in den hohlen Baum am Wege gelegt, um seinen Feind verderben 



— 220 — 

zu können. Dieser wurde nun auch vcrurtheilt; er wird auf einen 
Scheiterhaufen gebunden, der Hoizstoss entzündet, und bald hüllt 
ihn die Lohe und der Qualm ein, aus dem eine weisse Taube 
aufflattert und zum Himmel emporsteigt, bis sie den Augen ent- 
schwindet. 

Darauf verhüllen schwarze Donnerwolken die Luft;, w^ulh- 
schäumend tritt die Mutler des Gemordeten aus ihrer Hütte her- 
vor, einen Korb voll Mohnsaamen auf ihrem Haupte, um das die 
wildaufgelössten Haare flattern; so schreitet sie durch den nieder- 
giessenden Regen eines furchtbaren Gewitters den Goldberg hinan, 
geht dreimal im Kreise um den Hügel und spricht dabei zu dreien 
Malen einen schrecklichen Fluch aus: verfluchtes Gold, das 
meinen Sohn gemordet, sei verwünscht in den Abgrund, soviel 
tausend Jahre als Mohnkörner auf meinem Kopfe sind! Und bei 
den letzten Worten stürzt sie den Korb und dann sich selbst in 
den Schacht hinab : aus dem fahren rothe und blaue Flammen 
empor, die Erde erbebt und Schacht und Stollen stürzen don- 
nernd zusammen. Seitdem ist jede Spur von Gold daraus ver- 
schwunden. *} 

Von Volmarstein an, weiter hinab zeigt euch die Ruhr eine 
Reihe ewig wechselnder glänzender Landschaftsbilder der pitto- 
reskesten Scenerie. An Malinkrodt, dem Stammhaus des alten 
Geschlechts , das nach ihm sich nannte , an Hove vorbei , strömt 
sie nach Witten, das hart am rechten Ufer liegt, einst eine Burg 
und Freiheit derer von Witten, jetzt ein schmucker freundlicher 
Flecken; fast gegenüber zur Linken auf der Höhe das Gut Stein- 
hausen, in Gartenanlagen und Gebüschen, eine reizende neidens- 
werthe Besitzung; das weissglänzende Herrenhaus liegt auf der 
Stelle einer Burg, die von den Edlen von Witten erbaut und im 
i5. Jahrh. von den Dortmundern zerstört worden ist: Anno 1434, 
heisst es in der Dortmunder Chronik, hadde wy van Dortmundt 
12 Leddern Wagen und voeren dahmit over de Ruhr wol mit 
700 Man und 50 Ruiters und Braken Herrman von Witten dat 
Steenhuess nedder. — Danach kam Steinhausen an die Fa- 
milie Stael von Holstein, von dieser an die F"reiherrü von 



*) Die Sage vom Klusensfein , dem Raffenberge und diese aus dem 
Volmethale, verdanke ich gefälliger Millheilung des Herrn C. Schmidt 
zu Dahl bei Hagen. 




1^ 



a 






— 221 — 

Elverfeldt. Hinter Steinhausen erblickt ihr, versteckt von einer 
Bergwand, unten am Ufer, fast vom Flusse bespült, die ma- 
lerischen Trümmer von Hardenstein , einem Kittersitze derer 
von Hardenberg, von ihnen ebenfalls an die Slael von Hol- 
stein übergegangen. — lieber den räthselhaften Bewohner Har- 
densteins mag hier folgen, Avas von Steinen iiber ihn aus 
allen Geschichtsbüchern zusammenstellt: zur Zeit Kaysers Wen- 
zeslaus hat sich ein Erdmängen, welches sich König Goldemer 
nennete, einem gewissen Manne, welcher mit nichts, als welt- 
lichen Händeln beschäftigt Avar, Namens Neveling Hardenberg, 
aus der Grafschaft Mark bürtig, und unweit der Ruhr auf einem 
Schlosse Avohnhaft, vertraulich zugesellet. Besagter Goldemer 
redete mit ihm und andern 3Ienschen , er spielete sehr lieblich 
auf Saifenspiel, imgleichen mit Würfeln, setzte dabei Geld auf, 
trank Wein und schlief oft bei Neveling in einem Bette. Als 
nun viele, so w^ol Geist- als Weltliche, ihn besuchten, redete er 
zwar mit allen, aber also, dass es besonders den Geistlichen 
nicht immer wohl gefiel, indem er durch Entdeckung ihrer heim- 
lichen Sünden dieselbe oft schamroth machte. Neveling, welchen 
er Schwager zu nennen pflegte, Avarnete er oft für seinen Fein- 
den, und zeigete ihm, Avie er deren Nachstellungen entgehen 
könnte. Auch lehrete er ihn , sich mit diesen Worten zu kreu- 
zigen und zu sagen: Unerschaffen ist der Vater; ünerschaffen 
ist der Sohn; Unerschaffen ist der Heilige Geist. Er pflegte zu 
sagen: die Christen gründeten ihre Religion auf Worte, die Juden 
auf köstliche Steine, die Heiden auf Kräuter. Seine Hände, Avelche 
mager, und Avie ein Frosch und Maus, kalt und Aveich im Angrif 
Avaren, lies er ZAvar fühlen, keiner aber konte ihn sehen. Nach- 
dem er nun drey Jahr bei Neveling ausgehalten hatte , ist er, 
ohne jemand zu beleidigen, weggegangen. Dieses habe ich zu 
der Zeit von vielen gehöret, nach 26 Jahren aber von Neveling 
selber verstanden. Es hatte aber Neveling eine schöne Schwester, 
um Avelcher Avillen viele argwohnten, dass sich dieses Erdmän- 
gen bei ihm aufgehalten halte. — Und ferner: von dem Hause 
Hardenstein Avird die heydnische Fabel erzählt, dass sich vor- 
zeiten ein Erdmängen aufgehalten; Avelches sich König Volmar 
genennet und diejenige Kammer bcAvohnet hätte, Avelche von den 
heydnischen Zeiten an bis auf den heutigen Tag Volmars Kam- 
mer heisset. Dieser Volmar musste jederzeit einen Platz am 



222 

Tische und einen für sein Pferd im Stalle haben, da denn auch 
jederzeit die Speisen, wie auch Haber und Heu verzehret wurden, 
von Menschen und Pferde aber sähe man nichts als Schatten. 
Nun trug es sich zu, dass auf diesem Hause ein Küchenjunge 
war, welcher begierig seyende, diesen Volmar, wenigstens seine 
Fussstapfen, zu sehen, hin und wieder Erbsen und Asche streuete, 
um ihn solchergestalt fallend zu machen. Allein es wurde sein 
Vorwitz sehr übel bezahlet; denn auf einen gewissen Morgen, als 
dieser Knabe das Feuer anzündete, kam Yolmar, brach ihm den 
Hals und hieb ihn zu Stücken, da er die Brust an einen Spiess 
steckte und briet, etliches röstete, das Haupt aber nebst den 
Beinen kochte. Als der Koch bey seinem Eintritt in die Küche 
dieses erblickte, wurde er sehr erschrocken und durfte sich fast 
nicht in die Küche wagen. Sobald die Gerichter fertig, wurden 
solche auf Volmars Kammer getragen, da man denn hörete, dass 
sie unter Freudengeschrei und einer schönen Musik verzehret 
wurden. Und nach dieser Zeit hat man den König Yolmar nicht 
mehr verspühret, über seiner Kammerthür aber war geschrieben: 
dass das Haus künftig so unglückhch seyn solte, als es bishero 
glücklich gewesen wäre, auch dass die Güter versplittert und 
nicht ehnder wieder zusammen kommen sollen, bis dass drey 
Hardenberge von Hardenberg im Leben sein würden. Der Spiess 
und Rost sind lange zum Gedächtniss verwahret, aber 1651, als 
die Lolharinger in diesen Gegenden hauseten, . weggeplündert 
worden, der Topf aber, der auf der Küche eingemauert ist, ist 
noch vorhanden. (Er ist später nach Holland gekommen.) 

In der Nähe von Hardenstein ist eine jener Zechen, welche 
in so grosser Menge den Kohlenreichthum des Ardeys und der 
Ruhrufer ausbeuten und auch ohne Erzadern und Stufen eine Gold- 
mine für das ämsig betriebsame Land sind. Yon Witten an wird die 
Ruhr schiffbar, und trägt auf Wimpelflatternden Fahrzeugen den 
Reichthum ihrer Gestade in vielen Millionen Centnern dem Rhein, 
dem Westen und Süden Deutschlands und den Niederlanden zu; 
diese Barken, die Kohlendepots, die Eisenhämmer und andre An- 
lagen einer grossartigen Industrie machen von nun an bis zur 
Mündung bei Ruhrort den Fluss zur Pulsader eines bewegten lau- 
ten Lebens. Zunächst in der unnennbar lieblichen Landschaft von 
Hardenstein bis Hattingen; ihr kommt an Herbede vorbei, seht 
weiter unten im Thale auf frischen Wiesenflächen die Burg Kem- 



— 223 — 

nade, um lOOS von einer Gräfin Imma von Slypel erbaut, dann 
Sitz derer von Kemnade, rechts das Dörfchen Stypel mit Gärten. 
Baumgruppen und idyllischem Kirchthurm malerisch auf dem Hans 
des Berges gelagert, links endlich die Ruinen von Blankenstein, 
ein fester hoher Thurm und niedre Ringmauertrümmer. Blanken- 
stein ist mit Arnsberg und Hohensyburg der Ruhrufer schönster 
Punkt. jS'eben den Ruinen, hoch oben auf der Bcrgiläche liegt 
der freundliche Flecken Blankenstein; vor ihm auf dem Terrain, 
das von den schmucken Wohnungen bis an den Rand des ab- 
schüssigen Berghanges , welchen unmittelbar die Ruhr bespült, 
sich dehnt, ist mit sinnigem Geschmack eine Gartenanlage ge- 
schaffen, Avelche wie selten eine andre die Natur begünstigte. 
Es ist der Gethmannsche Garten mit seinen Grotten und Hü- 
geln und Belvederes, 250 Fuss hoch über dem rauschenden 
Strom, der sich unten durch das breite ausgedehnte Thal schlän- 
gelt, dass man fast Stundenweit hinauf und hinab seinem Laufe 
folgen kann. Die Berge umher sind reich bewaldet oder bebaut, 
unten die saftigsten Wiesengründe, im Flusse schäumende Weh- 
ren, Schleussen mit Pappelgruppen^ tosende Stahlhämmer, eine 
Eisenbahn für die nahe Karl -Friedrich -Zeche, rechts auf der 
nahen Höhe die Ruinen von Blankenstein, in der Ferne die Trüm- 
mer von Altendorf, des Klylfs, Hattingen und der Isenberg. Das 
Schloss Blankenstein ward im Jahre 1227 von Ludolph von Boenen, 
einem Rath und Vasallen der Grafen von der Mark erbaut. Als 
Friedrich's von Isenberg That durch Heinrich von Jlolenark, den 
Nachfolger auf dem Stuhle des heiligen Engelbert, gerächt war, 
verlieh dieser des Mörders Land und Leute an Adolph von Altena; 
für ihn baute zur Beherrschung des neuerworbenen Gebiets aus den 
Trümmern der geschleiften Burg auf dem Isenberg der Ritter von 
Boenen den Blankenstein, den wir mehrere Jahrhunderte hindurch 
von Burggrafen und Drosten, zuweilen auch von den Landesherrn 
selbst bewohnt finden. Im Jahre 1664 wurde die Feste nach dem 
Willen des neuen Landesherrn, des Churfürsten von Brandenburg 
eingerissen. Unterhalb Blankenstein fliesst die Ruhr träger an 
den Trümmerspuren der Burg Ruendael vorüber, gebaut von den 
von Hardenberg, 1287 von den Grafen von der Mark zerstört; 
in dem Thalgrunde umher soll es nicht geheuer und einst Crodo 
verehrt worden sein; das aus Stein gemeisselte Haupt des Got- 
tes, das hier gefunden ward, wird in Bonn aufbewahrt: im Jahre 



224 — 

1803 wurde eine altgermanische Grabstätte mit vielen Urnen, 
Gebeinen, Geschirren und WafFenstücken entdeckt, als man eine 
neue Kohlenniederlage bereitete. *} Links, dem Ruendael gegen- 
über liegt das Haus Bruch; dann folgt die Ruine des Klyffs, im 
vorigen Jahrhundert erst dem Verfall überlassen, unmittelbar da- 
nach das freundliche Städtchen Hattingen , lebhaft , gewerkthätig, 
nach den FIuss hinab sich drängend, als wolle es den Russ sei- 
ner Kohlenöfen in den blinkenden Wellen abwaschen. Das Thal 
weitet sich bei Hattingen, die Berge am rechten Ruhrufer werden 
flacher, hügelähnlicher, nur die Höhen des linken behalten stei- 
lere Wände; auf einer derselben, unterhalb der Stadt, liegt die 
Ruine der Isenburg, der einstige Sitz der Altonaischen Nebenlinie, 
den nebst Nienbrügge an der Lippe der entsetzte Erzbischof 
Adolph L von Köln, des Altonaer Grafen Engelbert L Sohn, am 
Ende des 12. Jahrh. erbauete und seinem jüngeren Bruder Arnold 
gab, der sie auf seinen Sohn Friedrich vererbte. Nach Friedrich's 
Mordthat belagerten die Kölner die Feste im Jahre 1226; Frie- 
drich hatte drei Monate lang die stürmenden Städter abgewehrt, 
da trieb ihn des Reicjies Acht und der Bann auf heimlichen 
Pfaden nach Rom, und seine Burg wurde genommen, verbrannt 
und die Besatzung gehängt, lieber die Beschaffenheit des Bau's 
finde ich folgende Nachricht: das Schloss bestand aus zwei Ge- 
bäuden ; das erste, die untere Burg hatte acht Thürme mit breiten 
Steinmauern und Wohnungen für 400 reisige Knechte, Ställe für 
die Rosse u. s. w. Von dieser Unterburg stieg man über fünf- 
zehn Treppen, durch einen gewaltigen Thurm mit Zugbrücke und 
Fallgatter zur obern Burg, des Schlossherrn Wohnung, die vier 
Tliürme flankirten, einer vorn an der Fronte beschützte; dieser, 
gen Norden gerichtet, deckte auch den einzigen Zugang der über 
die Zugbrücke vor demselben führte; tiefe Gräben umzogen die 
Ringmauern. Auch in diesem Gebäude fanden über 400 P.Ien- 
schen Raum ; aus seinen Hallen sah man über die ganze Ruhr- 
gegend fort. In der Mitte zwischen beiden Häusern lag der 
Brunnen, wie die Keller tief in den Felsen gehauen; trocknete 



*) Siehe Beschreibung einer neuentdeckten alten germanischen Grab- 
stätte. Von K. A. Kortum. Dortmund, 1804. Ueber diese ganze 
Strecke der Ruhrufer siehe: Die Ruhrfahrt, von Raulert. Essen 
1827. Ueber Volmarstein insbesondere: Geschichte von Vohnar- 
stein von Manz. Dortmund 1834. 



— 225 — 

anhaltende Dürre ihn aus, dann inusste mau zum Wasserschoplen 
274 Stiegen von der untern Burg zur Ruhr hinab. Jetzt bedecken 
moos'ge Eichen und Unterholz , Haidekraut und Brombeersträuche 
den ganzen Raum der jähen Berghalde. 

Wen ein Steinblock anzieht, weil man von ihm behauptet, 
es sei ein Opferstein Gurcho's, eines germanischen Götzen, der 
muss unter Hattingen rechts ab zum Horkenstein am Wege von 
Winz nach Dahlhausen. Wir folgen der Ruhr, an Haus Balden- 
nau vorbei, das rechts am Fusse eines zweiten Isenbergs liegt, 
der mit dem Hattinger um die Ehre, Friedrichs Burg getragen zu 
haben, streitet, nach Burg Horst und der Burg Altendorf. Alle 
diese Ruinen von Bruch bis Altendorf waren ehemals Sitze von 
Ritterfamilien und sind ohne historische Bedeutung. Bei Steele 
erreicht die Ruhr die Gränze der Grafschaft Mark und damit 
endet die pittoreske Scliönheit ihrer Gestade, wie anmuthig auch 
der fernere Lauf durch die fruchtbaren Gebiete der gefiirsteten 
Abteyen Werden und Essen, durch das Weichbild von Kettwig 
und das reizend freundliche Thal von Mühlheim bleibt. 

Ich versetze euch zurück in das Thal der Volme, um euch von 
Hagen aus über die Enneper Strasse, die belebteste Deutschland's 
vielleicht, an dem Flüsschen Ennepe entlang und unzähligen Eisen- 
hämmern, wo fast aus jeder Baumgruppe, unter jedem geschwärz- 
ten Dache her schmetternde Töne in den Lärm des ganzen Thaies 
einstimmen, wo krächzende Frachtwagen zu einer ununterbroche- 
nen Kette gereiht die Chaussee bedecken, nach dem Stift Gevels- 
berg zu führen. In einem Hohlwege bei Gevelsberg, im Linden- 
graben genannt, stand bis 1836 ein Steinkreuz zur Erinnerung 
a;i die That, welche am 7. November 1225 in der Abenddämme- 
rung hier geschehen. Diese That ist unzählige Mal beschrieben 
und erzählt: *) mag sie hier darum besungen folgen. Die histo- 
rischen Daten kann ich voraussetzen; der Erzbischof Engelbert 
kommt von Soest, wo er auf der Synode seinem Vetter, dem 



*) Romantische Bearbeitungen s. bei Montanus, die Vorzeit der Länder 
Cleve-Mark u. s. w.- Solingen und Gummersbach 1837. I. '39. 117. 
406. L. Wiese, Sagen- und Mährchen\vald, 137. und dessen „Wesl- 
phälische Volkssagen in Liedern" S. G9. — Kauterls Legende En- 
gelberts ist so misslungen, wie Man/. Skizze: Die Isenburg, Dorl- 
uuind 1Ö36, unhislorisch einseitig. 

17 



— 226 — 

Isenburger Vorwürfe wegen dessen Zwist mit der Abtey Werden 
gemacht hat. Friedrich begleitet ihn bis Westhofen, setzt dann 
heimlich durch die Ruhr und eilt dem Erzbischof voraus, der in 
einer Schenke vor Gevelsberg die meisten seiner Reisigen zurück- 
lässt. — Die Rose ist das Wappen von Berg, das Engelbert dem 
Bruder von Friedrichs Gemahlin vorenthielt, welche letztere viel 
Schuld an Friedrichs That gehabt haben mag. Ihretwegen auch 
kehrte dieser aus der Verbannung zurück und wurde, ehe er sie 
wieder gesehn, gefangen. 



I. 



Der Anger dampft, es kocht die Ruhr, 
Im scharfen Ost die Halme pfeilfen, 
Da trabt es sachte durch die Flur, 
Da taucht es auf wie Nebelstreifen, 
Da nieder rauscht es in den Fluss, 
Und stemmend gen der Wellen Guss 
Es fliegt der Bug, die Hufe greifen. 

Ein Schnauben noch, ein Satz, und frei 
Das Ross schwingt seine nassen Flanken, 
Und wieder eins, und wieder zwei, 
Bis fünf und zwanzig stehn wie Schranken: 
Voran voran durch Haid und Wald, 
Und wo sich wüst das Dickicht ballt. 
Da brechen knisternd sie die Ranken. 

Am Eichenstamm, im üeberwind, 
Um einen Ast den Arm geschlungen, 
Der Isenburger steht und sinnt 
Und naget an Erinnerungen. 
Ob er vernimmt, was durch's GezAveig 
Ihm Rinkerad, der Ritter bleich, 
Raunt leise wie mit Vögelzungen? — 

„Graf, flüstert es, Graf, haltet dicht, 
Mich dünkt, als woll' es euch bethören; 
Bei Christi Blute, lasst uns nicht 
Heim wie gepeitschte Hunde kehren I 
Wer hat gefesselt eure Hand, 
Den freien Stegreif euch verrannt?" — 
Der Isenburg scheint nicht zu hören. 



— 227 — 

„Graf, flüstert es, wer war der Mann, 
Dem zu dem Kreuz die Rose passte ? 
Wer machte euren SchAväher dann 
In seinem eignen Land zum Gaste? 
Und, Graf, wer höhnte euer Recht, 
Wer stempelt euch zum Pfaffenknecht?" • 
Der Isenburg biegt an dem Aste. 

„Und wer, wer hat euch zuerkannt, 

Im harnen Sünderhemd zu stehen, 

Die Schandekerz in eurer Hand , 

Und alte Vetteln anzuflehen 

Um Kyrie und Litanei!?" — 

Da krachend bricht der Ast entzwei 

Und wirbelt in des Sturmes Wehen. 

Spricht Isenburg: „mein guter Fant, 
Und meinst du denn, ich sei begraben? 
lass mich nur in meiner Hand — 
Doch ruhig, still, ich höre traben!" 
Sie stehen lauschend , vorgebeugt ; 
Durch das Gezweig der Helmbusch steigt 
Und flattert drüber gleich dem Raben. 



II. 

Wie dämmerschaurig ist der Wald 
An neblichten Novembertagen, 
Wie wunderlich die Wildniss hallt 
Von Astgestöhn und Windesklagen ! 
„Horch, Knabe, war das Waffenklang?" — 
„Nein, gnäd'ger Herr, ein Vogel sang, 
Von Slurmesflügeln hergetragen." — 

Fort trabt der mächtige Prälat, 
Der kühne Erzbischof von KÖllen, 
Er, den der Kaiser sich zum Ralh 
Und ReichsverAveser mochte stellen , 
Die ehrne Hand der Clerisei , — 
Zwei Edelknaben, Reis'ger zwei. 
Und noch drei Aebte als Gesellen. 

Gelassen trabt er fort, im Traum 
Von eines Wunderdomes Schöne, 
Auf sei;ies Rosses Hals den Zaum , 
Er streicht ihm sanft die dichte Mähne, 

i7* 



228 — 

Die Windesodem senkt und scliwellt, — 
Es schaudert, wenn ein Tropfen fällt 
Von Laub und Ast, des Nebels Thräne. 

Schon schwindelnd steigt das Kirchenschiff, 
Schon bilden sich die krausen Zacken — 
Da, horch, ein Pfiff und hui, ein Griff, 
Ein Helmbusch hier, ein Arm im Nacken! 
Wie Schwarzwildrudel bricht's heran, 
Die Aebte fliehn wie Spreu, und dann 
Mit Reisigen sich Reis'ge packen. 

Ha, schnöder Strauss! zwei gegen zehn! 
Doch hat der Fürst sich losgerungen, 
Er peitscht sein Ro'ss und mit Gestöhn 
Hat's über'n Hohlweg sich geschwungen. 
Die Gerte pfeifft — „Weh, Rinkerad!" - 
Vom Rosse gleitet der Prälat 
Und ist in's Dickicht dann gedrungen. 

„Hussah, hussah, erschlagt den Hund, 
Den stolzen Hund!" und eine Meute 
Fährt's in den Wald, es schliesst ein Rund, 
Dann vor- und rückAvärts und zur Seite ; 
Die Zweige krachen — ha, es naht — 
Am Buchenstamm steht der Prälat 
Wie ein gestellter Eber heute. 

Er blickt verzweifelnd auf sein Schwert, 
Er löst die kurze breite Klinge, 
Dann prüfend untern Mantel fährt 
Die Linke nach dem Panzerringe ; 
Und nun wohlan, er ist bereit. 
Ja, männlich focht der Priester heut. 
Sein Streich war eine Flammenschwinge. 

Das schwirrt und klingelt durch den Wald, 
Die Blätter stäuben von den Eichen, 
Und über Arm und Schädel bald 
Blutrothe Rinnen tröpfeln, schleichen; 
Entwaffnet der Prälat noch ringt. 
Der starke Mann, da zischend dringt 
Ein falscher Dolch ihm in die Weichen. 

Ruft Isenburg: „es ist genug, 
Es ist zuviel!" und greift die Zügel; 
Noch sah er, wie ein Knecht ihn schlug. 
Und riss den Wicht am Haar vom Bügel. 



— 229 — 

„Es ist zuviel, hin^veg geschwind!" — 
Fort sind sie und ein Wirbelwind 
Fegt ihnen nach wie Eulenflüijel. — — 

Des Sturmes Odem ist verrauscht , 

Die Tropfen glänzen an dem Laube, 

Und über Blutes Lachen lauscht 

Aus hohem Loch des Spechtes Haube ; 

Was knistert nieder von der Höh' 

Und schleppt sich wie ein krankes Reh? 

armer Knabe, wunde Taube! 

„Mein gnädiger, mein lieber Herr, 

So mussten dich die Mörder packen? 

Mein frommer, o mein Heiliger l" 

Das Tüchlein zerrt er sich vom Nacken, 

Er drückt es auf die Wunde dort 

Und hier und drüben, immer fort, 

Ach, Wund' an Wund' und blut'ge Zacken. 

„Ho holiah hol" — dann beugt er sich 
Und späht, ob noch der Odem rege; 
War's nicht, als wenn ein Seufzer schlich 
Als wenn ein Finger sich bewege? — 
„Ho holiah ho!" — „Holiah hoho!" 
Schallt's wieder um, dess war er froh, 
„Sind unsre Reuter allewege!" — 



III. 



Zu Kf)ln am Rheine kniet ein Weib 
Am Rabensteine unfer'm Rade, 
Und über'm Rade liegt ein Leib, 
An dem sich weiden Kräh' und Made: 
Zerbrochen ist sein Wappenschild, 
Mit Trümmern seine Burg gefüllt, 
Die Seele steht bei Gottes Gnade. 

Den Leib des Fürsten hüllt der Rauch 

Von Ampeln und von Weihrauchschwelen 

Um seinen qualmt der Moderhauch 

Und Hagel peitscht der Rippen Höhlen ; 

Im Dome steigt ein Trauerchor, 

Und ein Tedeum stieg empor 

Bei seiner Qual aus tausend Kehlen. 



— 230 — 

Und wenn das Rad der Bürger sieht, 
Dann lässt er rasch sein Rösslein traben, 
Doch eine bleiche Frau die kniet, 
Und scheucht mit ihrem Tuch die Raben: 
Um sie mied er die Schlinge nicht, 
Er war ihr Held, er war ihr Licht — 
Und ach, der Vater ihrer Knaben I 

An dem Orte, wo der heilige Erzbischof starb, etwa 200 Schrill 
von der Stelle, auf welcher er von 47 Wunden getroffen nieder- 
sank, wurde im folgenden Jahre eine hölzerne Kapelle, 1251 aus 
den Gütern des Mörders ein Nonnenkloster Cisterzienser- Ordens 
erbaut, das sich später in eine adlich freiweltliche Abtey ver- 
wandelte. — 

An der „Klütert," einer bedeutenden, seitwärts in der 
Nähe von Vörde sich öffnenden Höhle, die sich stundenweit in's 
Gebirg erstreckt mit einem Gewirr von über 60 Gängen, doch 
grade nicht sehenswürdiger ist als jene, in deren Tiefen wir 
früher drangen, und dann an einem eben so heilsamen als 
freundlichen Mineralbrunnen vorüber, immer durch ein lachendes 
eng bevölkertes Höhenland, bringt die Chaussee uns in das ge- 
werbreiche Schwelm und von hier in das noch gewerbreichere 
glänzende Thal der Wupper. Durch die endlosen Häuserreihen 
von Barmen, wo Stadt und Land einen freundlichen Kampf mit 
einander führen, bald die Stadt ihre schweren Häusertruppen 
vorschiebt, bald das Land mit Garten, Wies' und Bosquet da- 
zwischen dringt und die feststehenden Carrees umzingelt — durch 
die belebten Strassen des unmittelbar an Barmen sich anschliessen- 
den älteren Elberfeld, das — dennoch auch modernen Charak- 
ters _ durch keine historische Erinnerung und durch kein grosses 
Denkmal alter Kunst, wohl aber durch einzelne neue Prachtge- 
bäude wozu wir vor allen das Rathhaus zählen, uns fesseln 
kann, erreichen wir, uns zur Rechten wendend, die Höhe, welche 
gen Nordwesten das Wupperthal begränzt, die Haardt, und suchen 
über dem Steinbruch den Punkt der schönsten Fernsicht aus. 
Eine ähnliche mag keine Stelle des Continents wieder bieten; 
denn eine Gegend so dicht bevölkert, wie dies Wupperthal, das 
vor uns liegt mit dem schmalen Strome in der Mitte, mit seinen 
Städten und Flecken und dichtgedrängten Siedlungen, Fabriken, 
Mühlen, Bleichen und grossartigen neuen Eisenbahnanlagen, mag 
nur sich wieder finden, wo. der Schottische Clyde durch die Ma- 



— 231 — 

nufacturbezirke von Glasgow strömt. — Elberfeld war einst ein 
Rittergut der Dynasten von Elverfeld mit einem Schlosse von 
grossem Umfange, das 1421 erst dem Lande Berg einverleibt 
wurde, worauf thätige Ansiedler um das Schloss her sich an- 
bauten, bis ein Ort entstand, der 1619 Stadtrechte erhielt. Auf 
den Höfen und Grundstücken , welche unter der Gesammtbenen- 
nung „das Barmen" 1244 durch Kauf von dem Grafen Ludwig 
von Ravensberg an die Erbgrafen des „Keldachgau's," die spä- 
tem Grafen von Berg kamen, wurden, ebenso wie in Elberfeld, 
am Ende des 15. Jahrh. die Garnbleichereien eingeführt, womit 
damals bereits die Bewohner von Werden , Hattingen und Witten 
sich Wohlstand erworben hatten; 1527 erhielten Elberfeld und 
Barmen ein ausschliessliches Privilegium von dem Landes- 
herrn Johann von Berg dafür. Das ist der erste Anfang der 
Industrie des Wupperthales , die jedoch erst nach dem Regie- 
rungsantritt Friedrich Wilhelm's L von Preussen blühenden Auf- 
schwung bekam, als sich die rüstigsten und kräftigsten jungen 
Männer der gewerbthätigen Grafschaft Mark hierhin flüchteten, 
um dadurch den Soldaten- Aushebungen zu entgehen; (Berg war 
seit 1629 Pfalz - Bayerisches Territorium.) Noch im ersten De- 
zennium des vorigen Jahrhunderts bestand Barmen bloss aus 36 
„Höfen" und etwa 200 ebenfalls zerstreut stehenden und meist 
kleinen andern Häusern, was noch nicht wohl der Anfang einer 
Stadt genannt werden kann. Von da an aber entwickelte es eine 
solche Regsamkeit und selbstschöpferische Kraft, dass es schon 
bald nachher aus mehreren ansehnlichen Flecken — Gemarke, 
Wupperfeld, Rittershausen, Wichlinghausen — bestand, und jetzt zu 
einer Fabrik- und Handelsstadt fast ersten Ranges herangewachsen 
ist und 30,000 Einwohner zählt, — ein Wachsthum, der jedenfalls 
bewundernswürdiger ist, als der des gleich jungen Petersburg, 
denn dieses wuchs durch die Macht der Czaaren, Barmen einzig 
und allein durch seinen Gewerbfleiss! Die Zunahme Elberfelds 
war während desselben Zeitraums nicht minder gross und nur 
darum nicht so auffallend, weil, wie wir oben gesehen haben, es 
schon lange vorher eine Stadt war. Elberfeld übertrifft, wenn 
auch nicht in demselben Masse als es älter ist, die freundlichere 
Schwesterstadt Barmen noch jetzt an industrieller Wichtigkeit, an 
Reichthum und Einwohnerzahl, welche letztere sich gegenwärtig 
auf 40,000 belaufen mag. 



232 — 

Wir sind in doppelter Abirrung aus dem Gebiete der Romantik 
in das Reicii der Industrie, von der rothen Erde in das grüne 
Hügelland von Berg gerathen; flüchten wir uns deshalb zurück, 
zunächst in das romantische tiefe Thal von Beyenburg oberhalb 
Barmen, dann weiter in Weslphalen hinein, in die wildschöneu 
Schluchten des Ebbegebirges, über ein prachtvoll trotziges, ein- 
sames Höhenland, immer dem Südosten zu, bis wir endlich von 
einer hohen Wasserscheide , die von Winterberg her sich nach 
Südwesten ziehend^, das Thal der Lenne von dem der Eder, das 
der Bigge von dem der Sieg trennt, in das Gebiet dieses letztern 
Flusses hinabblicken. Wir stehen auf der Chaussee, die von 
Meinerzhagen nach Siegen führt, auf der Höhe -bei Krumbach. 
Das Land der Sieg liegt vor uns wie ein Garten; schmale Thä- 
ler, hohe Berge, unter der Decke von Wald oder wogenden 
Kornfluren; Krumbach, theils verwittert, theils neu und schmuck 
gebaut in reizender Lage unter Obstbaumhainen am Berghange ; 
weiter unten im Thale eine Menge von Hüttengruppen mit moosi- 
gem Strohdach — Hochöfen mit ihren Kohlenschoppen — der 
Hüttenbesitzer freundliche Häuser daneben. Die Thäler der Sieg 
und der kleinsten Bäche sind durch die schönsten saftigsten Wie- 
sen planirt, die man sehen kann — der Siegener Wiesenbau ist 
ja berühmt nah und fern; über ihnen, bis an den Gipfel beackert, 
stehen die Hauberge, die 15 Jahre lang Holzung für den Kohlen- 
bedarf der Eisenschmelzen des Landes tragen, dann, mit Ausnahme 
einzelner Samenbäume, gehauen und zu Aeckern umgeschafi"en 
werden — niclit durch den Pflug, sondern durch das Feuer, das an 
den gelockerten Rasen, Moos und Haidekraut der rasirten Berg- 
flächen und Hänge gebracht wird, damit die Asche den Boden dünge. 
Ihr seht dann im Frühjahr und Herbst dichten Rauch wie schwarz- 
gelbe Nebelschichten in den Thälern stehen; die höchsten Gipfel 
nur schweben über dem Gewölke, so einsam ernst, als dächten 
sie und blickten, voll Sinnens über ihre stürmischeren Geburts- 
tage vulkanischer Zeiten dem feuerschürenden Gesciileclite auf 
ihren Halden zu. An dunklen Abenden macht die Menge der 
kleinen Feuer, die an den Abhängen flammen, deren rother Schein 
wie ein blutiger Glast auf den Seiten der einzelnen Rauchsäulen 
liegt, bis diese sich höher in schwarze Wolken verdichten, einen 
magischen Eindruck. 



— 233 — 

Der Kreis Siegen ist nach aussen hin von einer meist ununter- 
brochenen Kette hoher Gebirge umschlossen, die ihre Quellen 
fast alle dem Innern zusenden, wo übrigens die Thalpunkte noch 
immer eine Erhöhung von etwa 1000 Fuss über der Meeresfläche 
haben. Die südlichen Grenzen ziehen die Höhen des eigentlichen 
Westenvaldes und der „Kalteiche"; von ihnen und den andren 
Grenzgebirgen laufen zusammenhangende Ketten nach allen Rich- 
tungen hin durch das Innere des Kreises, wo das Gehäu, der Pfaf- 
fenhayn, Giller, Kindeisberg, die Alteburg, Martinshard, Eisern- 
hard u. s. w. am höchsten sich aufrecken. Die Thäler dazwischen 
sind anmuthig geformt, von massiger Ausdehnung, wenige so 
schmal und kesseiförmig, dass sie, wie das Dorf Grund, (Strllings 
Geburtsort) im Winter die Sonne nicht mehr bescheint. In die- 
sen Thälern wohnt ein fleissiges Volk, ein reges Leben; was das 
etwas rauhe Clima und der magre Boden versagen, ersetzen die 
erzglänzenden Früchte, die im Schoosse der Erde keimen, tief 
unter Grauwacke, Schiefer oder Basalt. 

Besuchen wir zuerst von Krumbach aus den Stahlberg bei 
Musen an der Martinshard. Das offne Thal beleben wie überall 
im Siegerlande Pochwerke und Erzschmelzen und russige Essen, 
Bergleute in rothen. Eisenockergefärbten Grubcnkleidern, schwere 
Karren, von gewaltigen Ochsen gezogen, die das Erz zu den Oefen, 
andere, die das fertige Eisen in die gewerbthätige Mark bringen. 
An der Grube reicht euch ein freundlicher Steiger die Kleider, 
den Schurz und die dichte Filzmütze für die unterirdische Fahrt; 
in einen kühnen Knappen verwan'delt sprecht ihr Novalis': „Der 
ist der Herr der Erde, der ihre Tiefen misst", als Segenssprüch- 
lein und fährt dann wohlgemulh, mit Grubenlichtern versehen, in 
das Stollenmundloch unfern Musen an, durchschreitet auf schwan- 
ken Brettern, unter denen das Wasser seinen Abzug hat, den 
langen hallenden Stollen, bis ihr die Fäustelschläge der Berg- 
leute hört und aus der fernen Nacht die rothea Grubenlichter 
schimmern seht. Die Fahrt geht, wenn ihr bis in die letzte der 
„Teufen" wollt, auf schwankenden Leitern durch zehn Etagen, 
eine wundersame Welt Erzschimmernder, Nachtbrütender Hallen, 
die über gewaltige Pfeiler sich schlagen, in denen das Hammer- 
gepoch, das Rauschen herabrieselnder Wasser, der felsenspren- 
gende Erzschuss im fernen Gange, tausenfach wiederhallt, lieber 
hundert Bergleute arbeiten für den Betrieb der Grube und fördern 

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etwa 4000 Tonnen Stahlstein, 4500 Centner Bleierze, 150 Centner 
Kupfererze, ferner Spiessglanzbleierze und eine geringe Quantität 
Silbererze jährlich zu Tage ; die Ausbeute mag in den letzten 20 
Jahren 150,000 Thaler betragen haben. Die Gänge setzen im 
Grauwackenschiefer auf; die Gangmasse der meisten ist Quarz, 
Schwerspath, Spatheisenstein, mit welchem Bleiglanz, Spiessglanz- 
bleierz, Fahlerz, Kupferkies, Blende und Kobaltkies in mehr oder 
minder bedeutender Menge brechen. Der Betrieb des Stahlbergs 
ist sehr alt; die erste Erwähnung desselben geschieht in einer 
Urkunde zwischen dem Grafen von Nassau und einem Edlen von 
Hainchen von 1313. 

Nordöstlich von Musen liegt Hilchenbach mit der romantischen 
Kirche Jung Stillings ; über dem nahen Ginsberge, auf dem Trüm- 
mer eines alten Berghauses liegen, dessen Gipfel eine herrliche 
Sicht auf die Kuppen und Thäler des Siegerlandes und die sieben 
Berge am Rheine bietet, durch den schönen Hochwald auf Fuss- 
pfaden berghinab , kommt man in das reizend liegende Dörfchen 
Grund, in tiefem Waldthal unter Obstbäumen und Gärtchen, eine 
liebliche Idylle, ein stilles Gartengehege für eine ■weiche, träu- 
merische, von so zarten Farben tiberhauchte Menschenblüthe 
wie Jung Stilling war. Das Haus, worin Stillings Eltern lebten, 
ist eine bescheidene verfallene Dorfwohnung; an einem gegen- 
überstehenden Wirthschaftsgebäude sieht man den Namen Eber- 
hard Stilling in den Stein gehauen. Auf der Höhe, wo die Chaus- 
see nach Siegen sich in das Dorf hinabsenkt, erinnert jetzt ein 
einfaches Denkmal an den Mahn mit dem milden Auge, dessen 
Blicke nach etwas „jenseits dieser Welt" auszuschweifen und 
zurückzukommen schienen mit der „Kunde der Geister." 

Folgen wir jener Chaussee, die durch emsig bebaute Thal- 
flächen gen Süden führt, bis in der Ferne auf hohem Bergrücken 
das alterthümliche und verwitterte Siegen sichtbar wird. Den 
Gipfel der Höhe krönt das alte Schloss; die Stadt zieht jenseits 
den Bergrücken hinab bis in's Thal der Sieg, über welche zwei 
steinerne Brücken führen; dicht am Ufer des Flusses liegt das 
neue Schloss, geräumig, von hohen Mauern geschützt, mit einer 
hübschen Kirche und einfachen Räumen, die jetzt als Local der 
Behörden dienen. Es ward im Anfange des vorigen Jahrhunderts 
von Graf Friedrich Wilhelm Adolph aus der reformirten Linie 
Nassau -Siegen erbaut, während das alte Schloss die Residenz 



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der katholischen Linie war, Schmucke neue Gebäude ausserhalb 
der alten Stadtmauern, Gartenanlagen und Baumpflanzungen 
machen das Thal der Sieg äusserst freundlich ; -weiter hinab wird 
es von immer hohem Bergen umgeben, die theils felsig, theils 
von Eichen und Buchenwaldungen bedeckt, von Dörfern, Mühlen 
und Hüttenwerken umlagert, ihren Fuss auf den Teppich frisch- 
grüner Wiesen stellen. Rechts abwärts liegt der Hohenseelbach 
mit seinen Säulenfelsen, sechsseitigen Riesenkrystallen, die den 
abgeschnittenen Kegel des Berges überragen, und tönen wie eine 
gewaltige Aeolsharfe, wenn der Wind den hellen Silberklang des 
Basalts weckt. Siegen gegenüber am linken Ufer der Sieg steht 
der Heusling mit der schönen Aussicht auf die Thürme und 
Schlösser und schieferbedeckten Häuser der steilen Bergstadt, 
das lebenerfüllte Sieg- und das Weissthal und die Ferndorf, auf 
den. Kindelsberg und die Martinshard gen Norden und Osten, auf 
den Giebelwald mit hochragenden Fichten; im Südwesten seit- 
wärts daneben das gebogene Korn der Gemswart, von der man 
sagt, dass sich ihre grade Felsenspitze an einem Ostermorgen 
bei Sonnenaufgang nach Nordosten geneigt habe, um für einen 
Bitter in Scheiden, der mit einem andren Ritter im Rechtsstreite 
lag , eine Entscheidung zu geben. *} 

Die Ufer der Sieg werden abwärts immer schöner , höher 
und steiler, auf den Kuppen ihrer Berge mächtige Basaltmassen 
tragend; auf einem steilen Berggipfel, dessen Fuss der Fluss 
benetzt, liegt die alte noch bewohnbare Feste Freusburg, die 
letzte , die wir ersteigen , um ihrer Aussicht auf das Sieglhal, 
das Städtchen Kirchen, die Höhen des Siegerlandes und des 
Westerwaldes willen ; es ist ein Schloss der Grafen von Sayn, 
in der Sayn-Altenkirchenschen Hälfte der Grafschaft, die Sach- 
sen-Eisenach und nach ihm Brandenburg- Onolzbach besass, jetzt 
aber der Krone Preussen einverleibt ist. Die Geschichte seiner 
alten Besitzer bietet eine wirre Genealogie dar, fast ebenso kraus, 
wie jene der frühern Herrn des Siegerlandes, das schon den 
Grafen von Laurenburg gehörte, als sie 1159 anfingen, sich von 



*) Andere Sagen s. in Jung Stillings Leben I. 50. II. 24—29. Grimms 
Sagen, I. 315. Daub, Christi. Stimmen, Essen 1838, S. 149, wo 
S. 146 noch eine andere Sage vom Kindeisberg erzählt wird. 



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Nassau zu schreiben. Vielfach unter verschiedene Linien getheilt, 
sah es sich 1806 unter Wilhelm Friedrich von Oranien- Nassau 
vereinigt, der aber durch einen Staatsvertrag 1815 seine Nas- 
sauischen Länder [gugen das Grossherzogthum Luxemburg) an 
die Krone Preussen abtrat, welche endlich 1817 aus dem ganzen 
Siegerlande einen Kreis bildete und ihn zum Regierungsbezirk 
Arnsberg schlug. — 

Wir stehen am Ende unsrer Wanderung; die Wünschelruthe 
in meiner Hand , die von der alten Domstadt Minden , wo ich 
als neuer Führer mich euch stellte, bis hierhin, über die eigent- 
lichen Marken des Vaterlandes hinaus, auf so manchen frisch- 
sprudelnden Quell eines poetischen Elements wies , ist müde ge- 
worden und will nicht mehr anschlagen. Ich würde den Zauber- 
stab sonst von dem harten Felsenboden oder den kühlen Wiesen- 
flächen unsrer Stromgestade empor und auf einen weicheren, 
wärmeren Grund, auf eure Brust richten, um zu sehen, ob er 
auch dort jetzt auf einen Born wiese — auf den Born des Hei- 
malhgefühls und der Heimathliebe, den ich gestrebt h*abe, zu 
frischem Aufsprudeln zu wecken. Wie der Gedanke den starren 
Stoff, wie die Phantasie und der innere Sinn die That, hebt das 
Heimathsgefühl das Vaterland in das Reich der Poesie hinauf. 
Ohne dasselbe — wirft euch der Zufall auf einer fremden Erde, 
in einer fremden Welt umher, die euch feindlich kalt, den ängst- 
lichsten Fragen eurer Seele stumm bleibt und euch weiter schleu- 
dert wie eine Welle, einem fernen unbekannten Ocean zu — 
arme Cosmopoliten mit einem armen Surrogatgotte, dem Pan! 
Mit demselben — wurzelt euer Sein auf einem von Poesie über- 
schleierten Grunde, über dem wie ein süsser Duft das Illusionen- 
reiche Träumen eurer frühesten Tage, alle die frommen Wünsche 
und Empfindungen eurer reinsten heiligsten Lebensstunden lie- 
gen. Eurem Sein, eurem ganzen Leben bleibt mit dem Hei- 
mathsgefühl — der Schutz der Mutterbrust. — 

Münster am Pfingstage 1841. 



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